Freitag, 15. Juli 2011

Maske aus Glas

„Wer ist hier der Schlaumeier?“ Diese Frage stelle ich mir in meinem aktuellen, gerade erschienen Buch. Sind tatsächlich die Menschen die schlaueren Wesen innerhalb der Beziehung zwischen Menschen und Hunden? Oder etwa doch die Hunde? Bei den skurrilen Geschichten, die ich täglich mit den Hauptdarstellern Mensch und Hund erlebe, ist diese Frage noch nicht abschließend geklärt. Klar ist allerdings, dass Hunde und Ihre Menschen Geschichten liefern, die einen höchst unterhaltsamen, aber auch lehrreichen Wert haben. Eine Geschichte aus dem Buch möchte ich Ihnen Hier gerne vorstellen. Wenn Ihnen die Geschichte gefällt und Sie noch mehr davon lesen möchten, würde ich mich freuen, wenn Sie sich für das gesamte Buch interessieren würden. Bestellen können Sie es z. B. hier: http://www.amazon.de/gp/product/3927708623

Und hier die Geschichte "Maske aus Glas":
Eigentlich bin ich der Typ Mensch, der eher die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede zwischen Menschen und Tieren sucht. Aber es gibt merkwürdige Eigenschaften, die Menschen tatsächlich zu einmaligen Wesen machen. Dazu gehört zum Beispiel, sich ständig neuen Trends und Moden anpassen zu müssen. Mode gibt es nur unter Menschen. Psychologen erklären Mode gern mit dem Grundbedürfnis nach Aufmerksamkeit, aber auch mit dem Wunsch nach Zugehörigkeit und Zusammenhalt. Ein Widerspruch? Natürlich, aber ist der Mensch nicht ein Widerspruch an sich?
Eines Tages wurde ich zu einem solchen Widerspruch auf zwei Beinen gerufen, weil der Hund dieser Dame plötzlich „aggressiv“ geworden wäre. Der Termin sollte in dem Geschäft der Dame stattfinden, welches sich in einer belebten Fußgängerzone einer mittelgroßen Stadt befand. Der Hund der Frau, eine Englische Bulldogge, verbrachte den Tag immer bei seinem Frauchen im Laden, der „modische Accessoires für die Frau“ anbot. Beim vorausgegangenen Telefongespräch mit der Hundebesitzerin erfuhr ich noch, dass die Bulldogge den wohlklingenden Namen „Sir Lanzelot“ trug und seine Besitzerin seit einigen Wochen anknurrte, wenn sie sich ihm näherte – dies allerdings geschah nur tagsüber im Geschäft.
Mit diesen Informationen ausgestattet, suchte ich den Laden der jungen Frau auf. Ich stand vor dem Geschäft, verglich den Namen mit der Adresse und trat ein. Allerdings ging ich sofort wieder rückwärts hinaus, um mich doch noch einmal zu versichern, dass ich im richtigen Geschäft war. „Accessoires für die Frau“ sollten hier verkauft werden und auch die Adresse war richtig. Also wagte ich den zweiten Versuch, trat erneut ein und betrachtete ein weiteres Mal die Dame, die mich hinter der Ladentheke in Empfang nehmen wollte. Und wieder kamen mir Zweifel, ob ich am richtigen Ort war. Ich schaute nämlich nicht in das Gesicht einer jungen Frau, sondern in eine riesige Fläche aus dunklem Glas mit einer noch riesigeren Umrandung aus Kunststoff. Ich dachte, ich sei in einem Kostümverleih für Alienkostüme oder in einem Versuchslabor, in dem Gasmasken für die Feuerwehr getestet wurden. „Kommen Sie doch herein, ich habe Sie schon erwartet“, hörte ich plötzlich eine freundliche Stimme, die aus dieser dunklen Maske aus Glas zu kommen schien. Und als sich meine Wahrnehmung nach dem optischen Schock wieder erholt hatte, konnte noch etwas anderes hören. Es schien, als würden hinter der Theke Handwerker arbeiten, die das Mobiliar zersägten …
Um Sie nicht weiter auf die Folter zu spannen: Ich war durchaus im richtigen Geschäft angelangt. Die Besitzerin trug eine riesige Sonnenbrille, die fast ihr gesamtes, recht zartes Gesicht verdeckte. Was durchaus bedauerlich war, denn es war sicherlich ein schönerer Anblick als diese Glasfront. Die Sägegeräusche hinter der Theke stammten übrigens von Sir Lanzelot, der dermaßen schnarchte, dass sich die Balken in dem mit Fachwerk ausgestatteten Laden im wahrsten Sinne bogen.
Wir begannen unser Gespräch, indem wir das Problem der Kundin, die meine Hilfe suchte, zunächst erörtern wollten. Ich erfuhr viel über die junge Dame, ihre Vorlieben und Eigenschaften sowie über ihren Hund. Auch Sir Lanzelot war ein Opfer ihrer Eigenschaften. Die spontane Frau hatte sich, ohne nachzudenken, eine Englische Bulldogge zugelegt, nachdem ihr ein solcher Hund in einem Fernsehbeitrag doch so gut gefallen hatte ...
Bulldoggen sind nach meiner Meinung charakterlich sehr gut als Begleithunde geeignet; sie sind zwar etwas stur, ansonsten ist das Potential an Verhaltensproblemen, oder das, was der Mensch dafür hält, doch als eher gering anzusehen. Trotzdem empfehle ich diese Rasse nie. Heute zwar auf sanften Charakter gezüchtet, sind Bulldoggen für mich persönlich ganz arme Geschöpfe. Das fängt schon bei ihrer Geburt an, die meist durch eine Operation erfolgt. Bei Bulldoggen sind nämlich die Köpfe so groß gezüchtet, dass diese den Geburtskanal der Mutter nicht passieren können. So werden die Welpen durch einen medizinischen Eingriff geboren, während die Mutter in Narkose liegt, was sich laut einiger Experten auch negativ auf die Bindung zwischen Muttertier und Welpe auswirkt. Zudem haben Bulldoggen eine sehr empfindliche Gesundheit – Haut- und Atemwegsprobleme, Herzkrankheiten und Anomalien an den Augenlidern sind keine Seltenheit. Und das alles nur, um menschlichen Modeansprüchen gerecht zu werden.
Doch zurück zu Sir Lanzelot, der hinter der Theke seines Frauchens lag und – infolge seiner Atemwegsprobleme – schnarchte. Seine Besitzerin schilderte mir die Probleme, die sie mit ihrem Hund hatte. Sie erzählte mir, dass Lanzelot, wie sie ihn nannte, eigentlich der liebste, friedlichste und tollste Hund der Welt wäre (Hundehalter idealisieren ihre Hunde gern), der sich aber seit einigen Wochen verändert hätte. „Immer, wenn ich mich ihm nähere, knurrt er mich an. Egal ob ich ihn streicheln will oder ihm am Abend die Leine anlegen möchte, er knurrt“, sagte die Frau, die mir mit ihrer riesigen Sonnenbrille gegenübersaß, sodass es mir unmöglich war, ihre Augen zu erkennen. Irgendwie machte mir dieses Gegenüber ein wenig Angst. Ich schaute in eine Maske aus Glas und konnte keinerlei Mimik oder Augenbewegung der Frau wahrnehmen – was in mir auch schon eine Vermutung bezüglich des Verhaltens von Sir Lanzelot aufkeimen ließ. Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich, dass die junge Frau seit einigen Wochen einen Exklusivvertrag für den Vertrieb eines bestimmten Produktes hatte. Sie werden erahnen können, um welches Produkt es sich hier handelte. Richtig: Sie hatte einen Vertrag mit dem Hersteller dieser absolut hässlichen, aber „modernen“ Sonnenbrillen. Und seit sie diesen Vertrag hatte, stand sie jeden Tag mit eben einem solchen Glasmonster in ihrem Geschäft. Mit einer Sonnenbrille von Toilettendeckelgröße, tagtäglich und in einem geschlossenen Raum.
Sicher werden sich viele Leser jetzt fragen, warum die Frau nicht einfach die Sonnenbrille ablegte, wenn sie sich ihrem Hund näherte. Denn – da bin ich ganz ehrlich – um dieses Problem zu erkennen, muss man kein Hundepsychologe oder Hundetrainer sein. Wie bereits erwähnt, hatte ich, als ich der Frau gegenüber saß, auch ein komisches Gefühl, weil ich ihre Mimik und ihre Augen nicht erkennen konnte. Es ist für Lebewesen wichtig, ihr Gegenüber einschätzen zu können, und ein wichtiger Faktor in der Einschätzung sind nun einmal die Augen. Werde ich offensiv angestarrt, ist der andere selbstsicher, wendet er seinen Blick beschwichtigend ab oder zeigen mir die Augen eine gewisse Unsicherheit? Augen sind ganz wichtige Kommunikationsmerkmale, das ist absolut artübergreifend bei Säugetieren. Sir Lanzelot konnte sein Frauchen durch die Brille auch nicht mehr einschätzen und teilte ihr bei jeder Annäherung mit, dass er unter diesen Bedingungen keine Kontaktaufnahme wünschte. Er benutzte dabei die Sprache, die ein Hund spricht: Er knurrte. Lanzelot war also psychisch vollkommen in Ordnung – ich habe wirklich selten so einfache Fälle, bei denen es glasklar auf der Hand liegt, dass der Mensch der Problemverursacher ist.
Als ich der jungen Frau zu vermitteln versuchte, dass einzig und allein ihre Sonnenbrille der Grund für das Knurren ihrer Bulldogge sei, schaute sie mich entsetzt an und sagte allen Ernstes: „Ja, aber ich habe ihm doch erklärt, dass ich tagsüber diese Brille tragen muss – schließlich finanziere ich ihm doch sein Futter mit dem Verkauf dieser Brillen!“
Ich denke, hier brauche ich nichts weiter zu erläutern. Das Verständnis der Hundehalterin bewegte sich im Minusbereich. Sie war tatsächlich der Ansicht, dass ihr Hund den Sinn ihrer Sätze verstehen könne. Ich möchte an dieser Stelle niemanden enttäuschen, aber Hunde können abstrakte Sätze nicht verstehen. Sie können einzelne Worte „heraushören“ („Lass uns mal GASSI gehen!“) oder Wortketten als eine Aussage mit immer gleicher Bedeutung verknüpfen („Holst du mal den Ball?“). Doch Äußerungen mit wechselndem Inhalt  begreifen Hund nicht. Brauchen sie auch nicht, sie kommunizieren auf andere Art und Weise, und das nicht schlecht. Während der „sprechende Mensch“ in seiner jetzigen Form vielleicht 100.000 Jahre auf der Erde lebt, gibt es Hunde bzw. ihre Vorfahren, die Wölfe, seit ca. 5 Millionen Jahren auf diesem Planeten. Da müssen wir Menschen erst einmal hinkommen …
Aber zurück zum Thema, zu Sir Lanzelot und seinem Frauchen, dem lebenden Werbeständer für toilettendeckelgroße Sonnenbrillen. Nach einigen  Erläuterungen konnte ich die Dame dazu bewegen, die Brille abzusetzen – und wie ich vermutet hatte, der Anblick war ohne Brille wesentlich erfreulicher. Augenscheinlich auch für Sir Lanzelot. Als ich sie bat, sich ihrem Hund zu nähern, knurrte dieser nämlich nicht mehr. Erst als sie die Brille wieder aufsetzte, begann er erneut, sein Unbehagen auszudrücken.
Das Problem, was eigentlich keins war, wurde hier sehr schnell gelöst. Heute trägt die Dame zwar weiterhin die Sonnenbrille in ihrem Geschäft, so wie es ihr Vertrag vorsieht, aber wenn sie sich ihrem Hund nähert, ihn streicheln oder anleinen will, legt sie die Brille ab und die Welt ist in Ordnung. Sir Lanzelot braucht sich nicht vor der Maske des Grauens zu fürchten und seine Besitzerin versteht jetzt endlich, dass ein Hund, der knurrt, nicht böse ist, sondern nur spricht. Lanzelots Knurren, was durch einen Menschen verursacht wurde, konnten wir schnell „abstellen“. Sein Schnarchen, ebenfalls durch Menschen verursacht, können wir nicht so einfach beseitigen. Sonnenbrillen kann man absetzen, Atemwegsprobleme hat der Hund sein Leben lang.
Zeichnung von Falk Holzapfel, alias Zapf, der das gesamte Buch illustriert hat.


1 Kommentar:

  1. Da kann ich ja froh sein, das sich meine Hunde an meiner Glasmaske nicht stören! :)
    L.G. Anja

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