Donnerstag, 28. Juli 2011

Verunsicherung durch Leinenimpuls und Co. – Ist das mentale Gewalt?

Viele Hundetrainer und Hundeexperten sprechen gern von gewaltfreier Hundeerziehung. Sie meinen damit, dass Sie keine, für jeden sichtbare Methoden anwenden, die dem Hund Schmerz und Leid zufügen. Das heißt, sie schlagen die Hunde nicht oder rucken nicht so stark an der Leine, dass die Hunde „durch die Gegend“ fliegen und sie benutzen auch keine Stachelhalsbänder. So weit, so gut – die Tatsache ist durchaus löblich, gerade in einer Zeit wo Hundetrainer, die auch offen brutale Methoden bei der Hundeerziehung zeigen, einen regen Zuspruch erfahren. Aber sind Trainer, die sich „Gewaltfrei“ praktisch als eine Art Gütesiegel auf ihre Fahnen schreiben, wirklich immer vollkommen Gewaltfrei? Oder gibt es Methoden in der Hundeerziehung, die zwar auf den ersten Blick „harmlos“ aussehen, aber in ihrer Wirkung ähnlich negative Auswirkungen haben wie offen ersichtliche Gewalt? Gibt es in der Hundeerziehung mentale Gewalt?

Mentale Gewalt, eine Definition
Um sich dem Thema etwas anzunähern, sollte man erst einmal abklären, was hinter den Wörtern „mentale Gewalt“ (auch „psychische Gewalt“) steckt. Dabei ist es allerdings recht schwer, eine einheitliche Definition zu finden – vor allem, weil sich die Wissenschaft mit der Forschung bzgl. der psychischen Gewalt gegenüber Tieren bislang recht zurückhaltend verhält. Darum seien an dieser Stelle die Erläuterungen zugrunde gelegt, mit denen man psychische Gewalt gegenüber Menschen allgemein definiert. Natürlich kann man Mensch und Hund nicht pauschal miteinander vergleichen, allerdings sind die Gehirne von Säugetieren (zu denen der Mensch zweifelsfrei zählt)  so ähnlich aufgebaut, dass man neurobiologische Wirkungsweisen durchaus übertragen kann. Psychische Gewalt ist vielfältig, daher seien hier nur einige, immer wieder benannte Faktoren aufgezählt: Psychische Gewalt ist unter anderem…
…wenn jemandem mutwillig Angst gemacht wird, wenn jemand eingeschüchtert wird, wenn jemand klein gemacht, klein gehalten, abgewertet oder gezielt entmutig, verunsichert wird. Psychische Gewalt ist aber auch immer subjektiv zu sehen, dass heißt, dass jedes Individuum sein emotionales und existentielles Empfinden anders gewichtet. Knapp ausgedrückt: Es gibt Individuen mit „dickem Fell“, es gibt Sensibelchen und eine Menge dazwischen…
Erwähnt werden sollte auch, dass eine Orientierungslosigkeit aufgrund fehlender Grenzen bei einigen Individuen ebenfalls wie psychische Gewalt wirkt – aufgrund von daraus resultierender Verunsicherung. Keinesfalls dürfen diese Grenzen aber mit weiterer Verunsicherung gesetzt werden.
Mit der Angst eines Hundes, mit Einschüchterung und Verunsicherung zu arbeiten ist also psychische Gewalt. Warum diese Form von Gewalt so besonders heimtückisch ist, möchte ich Ihnen gern anhand einer möglichen Folge der mentalen Gewalt, der Depression erläutern.
Depression
Immer dann, wenn ein Säugetier einer Situation ausgesetzt wird, die seinen Körper ungewöhnlich und stark fordert, wird das Stresshormonsystem aktiviert. Unter anderen wird das Stresshormon Cortisol produziert, welches, wenn es ins Blut gelangt, den Körper darauf vorbereitet, der außergewöhnlichen Situation zu begegnen. Der Körper wird Kampf- und Verteidigungsbereit. Den Körper belastet dieser „Verteidigungsmodus“ stark und deshalb kann und sollte dieser Zustand nicht zu lange andauern. Eben nur für die Zeit der Verteidigung, nach bereinigter Situation wird der Körper hormonell wieder in den Normalzustand zurückgefahren. Die Rückführung in den Normalzustand erfolgt über die körperliche Aktion als Abbau der Stresshormone oder über den Neurotransmitter (den Botenstoff) Serotonin, der auch den Abbau der Stresshormone herbeiführt. Wie gesagt, das funktioniert, wenn der belastende Zustand nur einen kurzen Zeitraum einnimmt. Ist die Belastung länger, oder gar dauerhaft, kann es passieren, dass der Körper die Gleichgewichtung von Stresshormonen und deren Abbau nicht mehr regeln kann und eine Art „Notbremse“ zieht um der dauerhaften Belastung zu entgehen. Das äußert sich in einer absoluten Lustlosigkeit und Antriebsarmut. Keine Bewegung hat aber zur Folge, dass auch seltener Glückshormone den Körper und die Psyche „wieder aufbauen“. Ein Kreislauf entsteht, der das betroffene Wesen mental immer weiter herunterzieht und es sich nicht mehr „wohlfühlen“ kann – es leidet psychisch, seelisch. Dieses seelische Leiden, diese empfundene Ausweglosigkeit, ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Bei Depressionen ist das Stresshormon Cortisol dauerhaft erhöht und am entgegenwirkenden Neurotransmitter Serotonin liegt ein Mangel vor. Eine Depression kann wie beschreiben durch eine dauerhaft belastende Angst, Unterdrückung oder Verunsicherung ausgelöst werden.
Dauerhafte Belastungen
Eine solche dauerhafte Belastung beim Hund kann zum Beispiel sein, wenn man ihn mit so genannten Sprühhalsbändern „ausbildet“, bei denen der Wasserstrahl für den Hund nicht kalkulierbar, „aus heiterem Himmel“ kommt und der Hund dauerhaft verängstigt und verunsichert ist, weil er ständig auf einen neuen Strahl wartet. Eine dauerhafte Belastung ist aber natürlich auch ein ständiges Unterdrücken und Einschüchtern, was auch einen dauerhaft erhöhten Stresslevel und somit erhöhten Cortisolspiegel begünstigt. Mit den möglichen Folgen der beschriebenen Depression…
…genau wie bei der Verunsicherung durch Leinenruck und Leinenimpuls.
Leinenimpuls als bewusste Verunsicherung
In einem deutschen Hunde Lifestyle-Magazin rät in der Dezemberausgabe 2010 z. B. ein bekannter Hundetrainer dazu, dem Hund die Leinenführigkeit über den so genannten „Leinenimpuls“, mit einem 10 Punkte Plan, beizubringen. Ich kann hier nicht die 10 Punkte komplett aufführen, möchte aber Sinngemäß wiedergeben, wie sich diese Methode für mich darstellt. Der Hundetrainer nennt ein kurzes, ruckartiges Ziehen an der Leine, Leinenimpuls. Dieser „Leinenimpuls“ soll in bestimmten Situationen genutzt werden, z. B. wenn der Hund schnüffelt. Das Ziel ist, dass der Hund bei jedem Leinenimpuls verunsichert wird und zum Besitzer schaut, sich am Menschen orientiert. Durch häufiges wiederholen soll der Hund bewusst so verunsichert werden, dass er, während er neben dem Besitzer läuft, ständig zu diesem schaut – weil er weiß, es kommt irgendwann der „Leinenimpuls“. Der Hund soll also nur auf seinen Menschen schauen, wenn er es nicht macht, kommt ein Ruck. Durch dieses Konzentrieren auf den Besitzer bekommt der Hund auch mit, wenn der Mensch die Richtung wechselt. Wechselt der Hund auch die Richtung, ist es gut, wenn nicht, gibt es eben einen Ruck, einen „Impuls“. Damit der unangenehme Ruck ausbleibt, wird der Hund irgendwann lernen, jeden Richtungswechsel seines Besitzers mitzumachen. Fazit des Trainers ist, dass der Hund, über diesen „Leinenimpuls“ bewusst verunsichert werden soll, um ständig seinen Besitzer und dessen Handlungen im Blick zu behalten. Dieser Hundeexperte arbeitet also ganz bewusst mit der dauerhaften Verunsicherung – die, wie bereits erläutert, zu einem hormonellen Ungleichgewicht führen kann, welches für den Hund letztlich eine psychische Qual bedeutet. Der Leinenimpuls ist also, wie hier in einem anderen Blogartikel bereits erläutert, nicht nur körperliche, schmerzhafte Gewalt. Leinenimpulse können auch mental höchst gewaltsam wirken und das Wohlbefinden eines Hundes nachhaltig negativ beeinflussen…

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