Donnerstag, 2. Februar 2012

Mal ein Dankeschön an einen alten Freund…

Fast neun Jahre ist es her, als Du bei mir einzogst. Du hattest in Deinem jungen Leben schon viel erlebt. Menschen hatten Dich geschlagen und getreten. Und als sie Deiner überdrüssig waren, haben sie Dich in irgendeinem Treppenhaus angebunden und allein gelassen. Du bliebst zurück mit schlecht verheilten Knochenbrüchen, mit Narben an Deinem Körper und Deiner Seele.
In der Zeit ergab es sich, dass ich einen neuen Hund suchte, dem ich ein Heim geben durfte. So fand ich Dich in einem Tierheim und wir beiden kamen zusammen. Auch ich war zu dem Zeitpunkt mit Problemen behaftet, meine Lebenssituation war nicht optimal. Wir waren also beide in irgendeiner Form „angeschlagen“ – was zur Folge hatte, dass wir auf unglaubliche Weise zusammengewachsen sind, weil wir uns gegenseitig stützen und aufbauen konnten. Ich konnte Dir dabei helfen, wieder etwas mehr Vertrauen zu Menschen zu bekommen und Dir zu zeigen, dass nicht alle Menschen schlecht sind und nur nach Dir treten wollen. Zudem konnte ich die gesundheitlichen Probleme, die Dir Deine Beinbrüche durch Arthrosen als Folgeerkrankungen einbrachten, lindern. Gezielte Medikamentengabe, aber vor allem auch physiotherapeutische Anwendungen, die ich bei Dir „ausprobierte“ und es bis heute mit großer Hingabe mache, verstärkten unsere Bindung ungemein. Ich habe versucht, Deinen Schmerz und Deine Wut zu lindern. Was meine Pflicht als Mensch ist, bei dem, was meine Artgenossen Dir angetan haben.
Aber andersherum ist das, was Du für mich getan hast, nicht selbstverständlich. Immer, wenn ich ein Problem habe, wenn ich mich aus irgendeinem Grund schlecht fühle, bist Du da. Auch wenn ich das nicht bewusst äußere. Fast immer, wenn ich traurig, wütend oder einfach nur „schlecht drauf“ bin und Du in meiner Nähe bist, spüre ich plötzlich einen Druck an meinen Beinen. Das bist Du, der sich mit seinem Körper an mich lehnt und einfach nur da ist und mir seine Nähe anbietet. Dann wird ausgiebig gestreichelt und geknuddelt und schon fühle ich mich besser. Es ist ganz erstaunlich, welche emphatischen Fähigkeiten Du hast.
Übrigens, Empathie hat nichts mit Hokuspokus zu tun, sondern ist ganz einfach die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und emotionale Hilfe zu geben, wenn nötig. Du weißt immer, wann ich emotionale Hilfe benötige, ganz ohne bitten von mir. Aber auch ich weiß sofort, wenn mit Dir etwas nicht stimmt und biete Dir meine Hilfe an, so gut ich kann. Aber zugegeben, du kannst es besser, subtiler und erfolgreicher… Irgendwie sind wir beide außergewöhnlich zusammengewachsen, vermutlich durch die Umstände unserer Zusammenkunft, einer emotional labilen Zeit in unser beider Leben.
An dieser Stelle möchte ich natürlich alle anderen Hunde, mit denen ich je mein Leben teilen durfte und teilen darf auch erwähnen. Ihr alle seid ein wichtiger Teil meiner Existenz und auch Euch gebührt ein großes Dankeschön. Ihr werdet auch alle noch mit Worten von mir bedacht, versprochen. Doch hier möchte ich meinen guten alten Freund, den Schäferhund/Yorkshire-Terrier Mix Puzzel in den Fokus stellen, weil mich ein Ereignis in der letzten Woche sehr melancholisch machte.
Doch dazu etwas später, erst noch etwas zu Dir an sich. Aufgrund Deiner Vergangenheit, der Gewalt die Dir von Menschen angetan wurde, warst und bist Du sicher ein Hund, der für außenstehende Menschen seine „Macken“ hat. Z. B. hast Du, aufgrund der Tritte Deiner Vorbesitzer, eine Strategie gegen Tritte entwickelt. So neigst Du dazu, in Füße zu beißen, wenn sich diese Dir in hektischer Weise nähern.  Angriff ist die beste Verteidigung. Das war und ist auch heute in unkontrollierten Situationen so, wenn Deine Erinnerungen Dich einholen, Dein Weg die vermeintliche Gefahr abzuwenden.
Dieses „in die Füße zwicken“ hätten sicher viele Kollegen mit dem Wurf einer Rappeldose oder Kette unterbunden, um Dir Angst zu machen. Auf die Idee bin ich niemals im Ansatz gekommen. Wie kann ich ein Tier, welches so durch Menschen traumatisiert wurde, noch tiefer traumatisieren? Ich jedenfalls kann einem Lebewesen, welches ungefragt immer für mich da ist und mir unglaubliche emotionale Unterstützung gibt, wenn ich diese brauche, nicht mit Ketten oder anderem Unsinn bewerfen. Puzzel und ich haben einen anderen Weg gefunden, der meist ;-) gut funktioniert. Lässt er die Füße von Besuchern in Ruhe und begibt sich auf seinen Platz, bekommt er seinen Lieblingsgummiknochen. Das funktioniert letztlich dadurch ganz gut, weil er gelernt hat, dass Besucher im Prinzip nicht böse sind, sondern diese mit seinem Knochen (also etwas für ihn Positiven) verknüpft. Bricht seine tiefsitzende Wut und sein Frust doch einmal wieder aus, kann er aber den „Dampf“ ablassen, indem er auf dem Gummiknochen herumkaut und so die Wut kompensiert.
Aber das nur am Rande. Was mich dazu brachte, diese Zeilen zu schreiben, war, das mein Kumpel Puzzel in der letzten Woche eine Tumor-OP hatte. Ihm wurde ein Tumor aus der Schnauze entfernt, der sich nach späterer Laboruntersuchung als bösartig herausstellte. Zwar sagte unser Tierarzt, dass der Tumor vollständig entfernt wurde und mit einem erneuten Ausbruch erst in viel späterer Zeit zu rechnen sei. Und da Puzzel 14 Jahre alt ist, die Wahrscheinlichkeiten auf gesundheitliche Probleme durch diesen Tumor eher niedrig sind. Doch leider rückten mir diese Umstände die Endlichkeit des Lebens vor Augen. Ob es nun der Tumor oder das Alter ist – eins ist sicher. Ewig werden wir nicht mehr zusammen sein können. Aber es steht auch fest, wir werden jede Sekunde genießen…
Es gibt übrigens Menschen, die sagen, dass Hunde nicht die Freunde von Menschen sein können. Sollen die sagen, was sie wollen. Puzzel, Du bist meine Freund, mein Kumpel, meine Stütze – das steht absolut fest.
Auch in diesem Moment, in denen ich diese Zeilen niederschreibe und mir nicht ganz wohl ist. Gerade in diesem Moment spüre ich wieder den Druck an meinen Beinen. Puzzel ist da und drückt sich an mich.
Danke alter Freund, für alles, was Du für mich getan hast und tust…

Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben, Sie hätten Philosoph werden sollen. Wie schlimm es ist, wenn man merkt, das der Zeitpunkt bald gekommen ist, sich von seinem Freund verabschieden zu müssen. Ein Trost bleibt, dass wir Menschen unserem Freund das Leid ersparen könnten. Jetzt heisst es, die nächste Zeit so intensiv wie möglich zu genießen. Kein Mensch der je einen Hund gehabt hat, kann nachvollziehen was es bedeutet, einen geliebten Freund (Hund) zu verlieren.

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  2. Hallo Thomas,

    nur zu gut kann ich nachempfinden, was in dir vor geht.
    Wenn es meinem Hund nicht gut geht, leide ich auch.
    Ich wünsche euch beiden noch ganz viel Zeit und beste Genesung für Puzzel.

    Du machst alles richtig:

    Zehn Bitten eines Hundes an den Menschen:


    Mein Leben dauert 12 bis 14 Jahre. Jede Trennung von Dir wird für mich Leiden bedeuten.
    Bedenke es, ehe Du mich anschaffst!

    Gib mir Zeit, zu verstehen, was Du von mir verlangst!

    Pflanze Vertrauen in mich - ich lebe davon!

    Zürne mir nie lange und sperr mich zur Strafe nicht ein!
    Du hast Deine Arbeit, Dein Vergnügen, Deine Freunde - ich habe nur Dich!

    Sprich manchmal mit mir! Wenn ich auch die Worte nicht verstehe,
    so doch die Stimme, die sich an mich wendet.

    Wisse: Wie immer an mir gehandelt wird - ich vergesse es nie!

    Bedenke, ehe Du mich schlägst,
    daß meine Kiefer mit Leichtigkeit die Knöchelchen Deiner Hand zu zerquetschen vermögen,
    daß ich aber keinen Gebrauch davon mache.

    Ehe Du mich bei der Arbeit unwillig nennst, bockig oder faul, bedenke:
    vielleicht plagt mich ungeeignetes Futter, vielleicht war ich zu lange der Sonne ausgesetzt
    oder habe ein verbrauchtes Herz.

    Kümmere Dich um mich, wenn ich alt werde - auch Du wirst einmal alt sein!

    Geh' jeden schweren Gang mit mir! Sage nie: "Ich kann sowas nicht sehen!"
    oder "Es soll in meiner Abwesenheit geschehen!".
    Alles ist leichter für mich mit Dir!

    Mit besten Wünschen

    Ralph Westphalen

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  3. Wunderschön in Worte gefasst - und zumindest einen großen Teil davon würde ich gern und genauso auch meinem Senioren "Quincey" sagen, der mich durch seine Sensibilität und fast 11 gemeinsame Jahre besser kennt und stützt, als ich mich selbst kenne oder es je ein anderer Mensch könnte.

    Ich wünsche Euch - Dir und Puzzel - noch eine lange und harmonische Zeit miteinander, in der Lebensfreude und Lebensqualität den Alltag bestimmen (und möglichst wenig fremde Füße zu Stress werden, wobei ich an Puzzels Stelle den Gummiknochen gern gegen einen echten mit Fleisch oder Fleischgeschmack getauscht hätte ;-) )

    Alles Gute
    und sanften Streichler für Puzzel

    Marita

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  4. Fast täglich lese ich von Tötungen, Misshandlungen und Missbrauch von Hunden oder beobachte die „nur“ ganz alltägliche Unachtsamkeit und Respektlosigkeit der Hundehalter ihren Schützlingen gegenüber.
    Umso mehr bewegt es mich, „zum Ausgleich“ von einem Hund zu lesen, der eine zweite Möglichkeit bekam, ein beständiges Leben bei einem verlässlichen Partner zu führen, der ihn nie im Stich lassen wird. Nicht zuletzt, weil ich selbst mit einem traumatisierten Tierasylhund lebe, berührt mich die Beschreibung Ihrer gemeinsamen Jahre sehr. Ich möchte Ihnen und all den anderen danken, die Liebe, Zeit und oft auch viel Geld aufwenden, um auch schwierigen, kranken Hunden, die die Herzen nicht im Sturm erobern, ein Zuhause geben. (Sonst würde ich manchmal an der Menschheit verzweifeln).
    Ich hoffe, Puzzle drückt sich noch lange an ihre Beine!

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  5. Ein sehr schöner Brief!
    Mir kullern gerade die Tränen über die Wangen!
    Ich wünsche Euch noch eine lange, gemeinsame Zeit ohne gesundheitliche Probleme!

    Alles erdenklich Gute für Sie und Puzzel

    Marion

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  6. ..... ich sag an dieser Stelle einfach mal nichts..... nur, danke für diese Zeile! Und alles gute und liebe für euch beiden *_^

    Jacky

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  7. Einsteins Frauchen12. Februar 2012 um 11:11

    Bei mir drückt sich beim Lesen dieser Zeilen auch jemand an meine Beine...der beste Freund den ich je hatte. Gleich wird er sich noch einmal drehen und verrenken, damit ich auch die richtigen Stellen durchknautschen kann...und dann wohlig in Flur einzuschlafen. Als er zu uns kam, hielt er Abstand, ließ sich nicht streicheln. Er ist bestimmt nicht körperlich mißhandelt worden, aber psychisch muß eine Menge vorgefallen ssein.

    Heut bin ich jedesmal vor Glück überwältigt, wenn er sich an mich schmiegt.

    Ich danke dir mein Hund für dein Vertrauen.

    Auch er wird merklich älter, er ist jetzt sieben, und ich versuche die Zeit mit ihm intensiver zu genießen.

    Ich wünsche euch alles erdenklich Liebe und Gute und noch viel Momente voller Vertrautheit und Glück.

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  8. Erinnert mich an "Wie konntest Du nur" von Jim Willis

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  9. Sehr geehrter Herr Riepe,
    seit fast zwei Jahren bin ich Hundebesitzerin und auch sie ist zu meiner geliebten Freundin geworden. Schon jetzt ist mir die kurze Zeit, die wir zusammen verbringen werden, sehr bewusst und schon jetzt, ist meine Liebe so groß. Manchmal schäme ich mich dafür, denn viele Menschen finden es merkwürdig, sich so mit dem Wesen Hund auseinander zu setzen, zu lernen und so intensiv zusammen zu leben. Muss noch anmerken, ich habe Kinder und einen Mann, die natürlich an erster Stelle waren und sind. Ich sehe schon den H U N D IN unserer Mina, aber auch das relativiert meine Liebe nicht. SeiT einiger Zeit habe ich ihre sehr guten Texte entdeckt, daraus viel gelernt und Sicherheit erhalten und mich zu Ihrem Fan entwickelt. Heute habe ich Ihre Seele gesehen und das hat mich sehr gerührt, aber auch getröstet. Ich freue mich, zu den lehrreichen Texten, jetzt auch noch ein Bild des Menschen zu kennen. Vielen Dank! Ich wünschen Ihnen und Puzzle noch einige wundervolle Jahre, ganz nach dem Motte, es ist nicht entscheidend wie lange ein Leben dauert, sondern wie bunt wahrgenommen und erfüllt es ist! Genießen sie beide es!

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  10. Sehr schön, und schön, dass sich jemand bei seinem Hund bedankt - die Hunde geben uns so viel.
    So etwas lese ich total gerne :)

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  11. Meine Sarah wird 15 und ich fühle gerade so sehr mit, dass die augen blinzeln um die tastaturzeichen zu finden...weil wasser und salz...weil sie auch super ist ! Und sie hate vielen junghunden einiges beigebracht, da bin ich ganz stolz auf sie...Du hast es wirklich schön geschrieben...Danke....

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