Sonntag, 20. Oktober 2013

Gute Rudelführer schnüffeln auch am Hintern

Wie sagt ein Berliner Witzbold immer? Kein Scherz…
Genau das muss ich auch sagen, wenn ich von der folgenden Geschichte berichte. Ein Kunde rief mich an, schilderte mir, ohne dass ich zumindest „guten Tag“ sagen konnte, direkt das „Problem“ mit seinem Hund. In seinen Augen sei dieser zu dominant, würde die Rangordnungen nicht akzeptieren usw. Im weiteren Gespräch, bzw. in seinem weiteren Monolog konnte ich genau heraushören, dass der Hundehalter ein glühender Fan einer aus dem TV bekannten Rudelführertheorie war. Seiner Ansicht nach musste der Hund genau wissen, wer das Sagen hat, weil er sonst ein gemeingefährliches Monster würde. Übrigens, der Hund war ein Beagle…
Auf jeden Fall hatte er alle möglichen Tipps und Ratschläge von Hundeschulen und auch seinem TV-Idol umgesetzt, um der Rudelführer zu werden. Hund durfte nicht als erster durch die Tür, wenn Hund eine Sekunde zu lang selbstständig an einer Ecke schnüffelte wurde er „korrigiert“ usw. All das Zeug, was immer noch durch viele Köpfe geistert. Trotzdem „funktionierte“ der Hund nicht. „Im Gegenteil“, sagte der Kunde, „er wird immer dominanter und beginnt zu knurren, wenn ich ihn anfassen möchte“…
Ich hätte ihm jetzt einen Vortrag halten können, warum es im Prinzip logisch war, dass sein Hund ihn anknurrte. Vereinbarte aber einen Termin bei Ihm, um mir auch in Ruhe überlegen zu können, wie ich diese fast schon religiös anmutenden Rudelführergedanken im Kopf des Halters zumindest etwas ins Wanken bringen könnte. Ich entschloss mich, diese Gedanken gar nicht zu bekämpfen, sondern zu bestätigen – bis ins Absurde.
So ging ich gut vorbereitet zu dem Kundentermin. Dabei hatte ich meinen Stoffhund Karl-Otto, der sonst bei Seminaren etc. immer für die Stachelhalsbanddemo herhalten muss. Beim Hundehalter und seinem Beagle daheim hörte ich mir erneut die Theorien zur angeblich gestörten Hierarchie in Ruhe an. Der Mann dachte nicht im Entferntesten daran, dass der Hund aus reinem Selbstschutz knurrte, weil Herrchen ihn immer mit unangenehmem Unfug konfrontierte, wenn er sich näherte.
„Was können wir denn jetzt gegen diese ausufernde Dominanz meines Hundes unternehmen?“ Fragte schließlich der verhinderte Rudelführer.
„Nun“, sagte ich, „Sie haben ja schon alle relevanten Rudelführermethoden angewendet. Aber eine, die Wichtigste, haben Sie anscheinend vergessen oder es hat Ihnen noch niemand gesagt oder im TV vorgeführt. Aber sicher haben sie es schon häufig gesehen, wie Hunde das untereinander machen. Das Schnüffeln am Hintern. Das ist ein ganz wichtiges Dominanzmerkmal – und zwar nicht das Schnüffeln an sich, sondern wie man es macht.“
Der Hundebesitzer schaute mich mit großen Augen an, um zu wissen, wie man richtig und dominant am Hintern schnüffelt. Jetzt kam Stoffhund Karl-Otto zum Einsatz. Ich hatte ihm mit einem Edding einen Anus auf das Stofffell gemalt und instruierte den Hundebesitzer nun, das Schnüffeln in einer Spiralbewegung von außen nach innen durchzuführen – was er erst einmal an Karl-Otto üben solle, bevor er es bei seinem echten Hund umsetzt. Und – kein Scherz! Er nahm sich Karl-Otto und befolgte meine Anweisung – er wollte doch ein guter, ein perfekter Rudelführer sein. Und wenn Hunde das untereinander doch auch machen…
Als er dann sagte, das ist nicht so schwer, ich mache gleich bei meinem echten Hund weiter wurde mir etwas mulmig. Ich hielt ihn ab und klärte auf, dass ich ihn vorgeführt hatte, um ihm diese angeblichen Rudelführermethoden einmal drastisch vor Augen zu führen. Nach einem klärenden Gespräch über Hunde an sich und zwei weiteren Terminen, bei dem ich ihm gezeigt hatte, wie das Zusammenleben zwischen Mensch und Hund auch funktionieren kann, habe ich jetzt keinen Kontakt mehr zum Kunden. Zumindest nach den zwei Gesprächen und dem drastischen "vor Augen führen" schien beim Hundehalter mehr angekommen zu sein als beim einfachen "predigen". Allerdings ist der Rudel-Macho-Weltherrschaftsgedanke bei ihm sehr tief verankert. Zumindest ein wenig mehr Verständnis für seinen Hund konnte ich entfachen, da bin ich sicher. Das ist manchmal das beste, was man für einen Hund herausholen kann.
Es war aber insgesamt schon eine besondere Kundenbegegnung – Wenn ein erwachsener Mensch einem Stoffhund an der mit einem Edding aufgemalten Poperze schnüffelt. Nur um ein guter Rudelführer zu sein ;-)
Cartoon (c) Fotolia

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