Montag, 25. November 2013

Hundeprofi versagt als Rudelführer

Nieselregen, nasse Wege, Pfützen. Unser Gassigang im Wald ist nicht wirklich schön heute. Aber wir müssen da durch… Puzzel und ich nehmen es auch hin wie es ist. Nur Koka, die eigentlich das beste „Outdoorfell“ hat, das man sich vorstellen kann, möchte sich nicht mit den äußeren Umständen anfreunden. Regen von oben ist ja noch okay, aber dieser Matschweg, den Herrchen heute ausgesucht hat, geht bei ihren Prinzessinnenpfoten gar nicht. Also driftet sie langsam vom Weg ab, mitten in den Wald hinein, einem laubbedeckten Rehpfad folgend – in direkter Richtung zu unserem Auto. Nur eben diagonal und nicht im Rechteck dem eigentlich Weg folgend. Puzzel und ich folgen ihr. Der Weg ist dank des Laubs zwar angenehmer unter den Füßen, allerdings müssen wir einige Hindernisse (umgefallene Bäume, enges Strauchwerk) überwinden bis wir zielgenau am Fahrzeug landen. Koka hat uns sicher manövriert, einen neuen, uns vorher völlig unbekannten Weg gefunden, bzw. angelegt. Und sie hat von sich aus die Führung übernommen – und wir sind ihr gefolgt. Unfassbar. Ich als „Hundeprofi“ (mir fällt gerade in dem Zusammenhang kein besseres Wort ein ;-) ) gebe die Führung in Kokas Pfoten. Ich versage vollkommen als „Rudelführer“ …
Vermutlich wird sie jetzt zu einem dominanten Monster mutieren. Muss mir schon einmal ein Training überlegen, um das Schlimmste zu verhindern.
 
 

Freitag, 15. November 2013

Der perfekte Hund

Mein „Seminarhund“ Karl-Otto ist der fast perfekte Hund, praktisch die „Eier legende Wollmilchsau“. Er lässt alles (wirklich alles) über sich ergehen, bellt nicht, jagt nicht, bleibt dort sitzen, wo man ihn absetzt, zieht nicht an der Leine und kommt nicht auf die Idee selbstständig irgendeinen Unfug zu veranstalten. Seine Pflege ist überschaubar, er ist gesundheitlich stabil – nur Feuchtigkeit mag er nicht. Er ist stubenrein, braucht wenig bis gar keinen Auslauf bzw. frische Luft. Menschliche „Erziehungsfehler“ steckt er kommentarlos weg und beantwortet einen „robusten“ Umgang mit ihm niemals mit Aggression. Er ist verträglich mit Hunden, Katzen, Vögeln – eigentlich allen Lebewesen. Und er strebt garantiert nicht nach der Rudelführerrolle – menschliche Rudelführer können sich aber an ihm austoben. Leinenruck etc. lassen ihn vollkommen kalt…
 Gut, als Wachhund taugt er nicht, da er sehr ruhig ist und es ihn nicht stört, wenn Fremde in sein Revier eindringen. Es gibt aber Geschwister von ihm, die mittels Bewegungssender Eindringlinge erkennen und dann bellen – und auf Knopfdruck wieder damit aufhören.  Natürlich kann man Karl-Otto auch zum Joggen mitnehmen, er tut sich nur mit dem selbstlaufen schwer – schwer vom Gewicht ist er aber nicht, weshalb man ihn beim Joggen ggf. auch tragen kann. Kurzum, Karl-Otto, oder besser noch sein sensorisch bellender Bruder, sind DIE Hunde für Hundebesitzer, die den perfekt funktionierenden Hund suchen.
 

Sonntag, 10. November 2013

Sind Hunde Demokraten, Diktatoren oder…?

Die Sprüche, mit denen man in der Hundewelt – oder besser in der Welt der Hundebesitzer - konfrontiert wird, kann man manchmal schon als absurd bezeichnen. Ein klassisches Beispiel für diese Kategorie der Sprüche ist mit Sicherheit die Aussage, dass Hunde keine Demokraten sind. Betrachtet man diesen Spruch ganz nüchtern, so entspricht er sicherlich der Wahrheit. Ich habe zumindest noch keinen Hund gesehen, der einen Umschlag in eine Wahlurne wirft oder seine Pfote bei einer Abstimmung im Parlament hebt. Die Demokratie ist ein Modell, das Menschen entworfen haben, um einigermaßen friedlich miteinander zu leben. Aber Menschen haben noch andere Modelle, wie sie zusammenleben. Diktaturen und Monarchien zum Beispiel. Ist ein Mensch nun kein Anhänger der Demokratie, wo die Mehrheit einer Bevölkerung über wichtige Entscheidungen abstimmt, dann ist er vielleicht Anhänger eines diktatorischen Systems, wo nur wenige die Entscheidungen für alle treffen, meist werden diese Entscheidungen mit Druck und/oder Gewalt durchgesetzt. Wenn Hunde also nach unserem Spruch keine Demokraten sind, dann können sie also nur Diktatur- oder Monarchieanhänger sein. Gut, schließen wir Monarchien einmal aus – ein Hund mit Krone und Zepter sieht irgendwie lächerlich aus. Bleibt also die Diktatur. Hunde sind somit keine Demokraten sondern Freunde der Diktatur. So interpretiere ich persönlich den Spruch „Hunde sind keine Demokraten…“
 
Aber mögen Hunde Diktaturen wirklich?
Gibt es in allen Hunderudeln, Hundegruppen ein totalitäres System, wo ein oder zwei Individuen alle Entscheidungen für die Anderen treffen und diese Entscheidungen notfalls mit Gewalt und Schmerz durchsetzen? Und müssen diese Diktatoren immer damit rechnen, durch Gewalt gestürzt zu werden? Nein, natürlich nicht. Das ist ein Märchen, welches immer noch in den Köpfen der Menschen herumgeistert. Wenn man, wie ich, seit langer Zeit die verschiedensten Hundegruppen beobachtet, kann man getrost sagen, dass Hunde mit Sicherheit nicht in demokratischen Dimensionen leben, aber die totalitären Gruppenstrukturen, wie sie immer noch von vielen „Hundeexperten“ propagiert werden, gibt es in der echten Hundewelt auch nicht. Eine Gruppe, ein Rudel von ursprünglichen Wildhunden wie z. B. Wölfen ist eigentlich nichts weiter als ein Familienverband. Hier wird keiner verprügelt oder gebissen, wenn er zu lange allein weg war oder sich allein entfernt. Das ist auch gar nicht nötig. Sind die Eltern souveräne Anführer, wird ihnen auch so gefolgt – sichern sie doch durch ihre souveräne Art das Überleben. Lauten und brutalen Diktatoren wird nicht gefolgt – da verschwindet man lieber und geht seiner eigenen Wege. Und ähnlich ist es auch bei „unnatürlich“ durch Menschenhand zusammengestellten Gruppen von Hunden. Auch hier ist meist der- oder diejenige das Individuum dem gefolgt wird, welches ruhig und  gelassen ist – eines, das vertrauenswürdig ist und an dem man sich orientieren kann. Brutalen „Machotypen“ wird in der Regel nicht vertraut und auch nicht gefolgt… Hunde sind also keine Demokraten und sie mögen aber auch keine Diktaturen. Ja, was sind sie denn dann? Ganz einfach – Hunde… Und Hunde brauchen keine Modelle wie Demokratien oder Diktaturen für ihr Zusammenleben. Sie sind anpassungsfähig und passen sich der jeweiligen Situation und den Lebensumständen an. Dabei ist es egal, ob sich ihr Herrchen für einen Demokraten oder Diktator hält.
 
Habe ich eingangs gesagt, dass der Spruch der Wahrheit entspricht, habe ich die Tatsache zu Grunde gelegt, dass Hunde so etwas wie Demokratie nicht kennen und nicht verstehen können. Trotzdem halte ich den Spruch für einen der gefährlichsten und unsinnigsten überhaupt. In seiner Aussage zwar richtig, muss dieser Spruch aber immer wieder als Rechtfertigung herhalten, wenn ein Hundebesitzer, der in der Menschenwelt oft nichts zu sagen hat, in der Hundewelt den Diktator herauskehrt und mit diesem Spruch Gewalt gegen Tiere rechtfertigt…
 
Um es noch einmal klar zu sagen: Natürlich sind Hunde keine Demokraten, die über Mehrheitsentscheidung den Tagesablauf definieren. Hunde brauchen durchaus eine klare Struktur in ihrem Leben. Was sie aber gar nicht brauchen, das sind Diktatoren und Diktaturen. Sie brauchen Besitzer, die ihnen Sicherheit, Geborgenheit und Souveränität vermitteln.
 
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Zeichnung (c) Zapf - aus dem Buch "Wer ist hier der Schlaumeier", Thomas Riepe, Mariposa Verlag

Mittwoch, 6. November 2013

Entspannung in der Hundeerziehung. Können uns Indiens Hunde dabei helfen?

Indien ist ein Land, das man nur schwer beschreiben kann. Zu mannigfaltig sind die Menschen und die Umstände, unter denen sie leben. Auf den ersten Blick findet sich dort eigentlich nichts, was dem Mitteleuropäer in irgendeiner Form vertraut vorkommen könnte. Vielleicht noch die Ankunft am Flughafen und das typische Flair, welches alle Flughäfen der Welt gemeinsam haben. Wenn man allerdings die Kofferbänder, den Zoll und das Flughafengebäude hinter sich gelassen hat, betritt man im wahrsten Sinne des Wortes eine fremde Welt. Eine fremde Welt, in der jedem geraten sein sollte, sich kein Auto ohne einheimischen Fahrer zu mieten. Der Straßenverkehr gestaltet sich, zumindest aus der Sicht eines Europäers, der es gewohnt ist sich an Regeln im Straßenverkehr zu halten, äußert befremdlich. Die einzigen Regeln, an die sich gehalten wird, ist der Linksverkehr und dass man andere Verkehrsteilnehmer durch lautes betätigen der Hupe warnt, wenn man irgendein (in meinen Augen) waghalsiges Fahrmanöver unternimmt. Sei es das Schneiden eines LKW im Kreisverkehr und gleichzeitiges Abdrängen einer Motorrikscha. Oder die Abkürzung über die Bankette, direkt hinter dem Obststand her und kurz vor dem Eselkarren wieder auf die Straße. Verkehrsteilnehmer verlassen sich im Straßenverkehr anscheinend mehr auf ihre Hupe und die Chaostheorie, als auf Verkehrsregeln. 
Indien ist anders
Diese für uns doch, sagen wir „gewöhnungsbedürftigen“ Verkehrsverhältnisse sind dort übrigens nicht nur in Millionenmetropolen wir Delhi anzutreffen. In praktisch jeder Siedlung wird sich so fortbewegt, dass immer der schnellere und dreistere zuerst sein Ziel erreicht…
Aber ich möchte mich nicht zulange mit den indischen Straßenverhältnissen beschäftigen. Sie sind hier nicht das eigentliche Thema, zeigen aber dennoch beispielhaft, dass man mit Indien ein Land betritt, welches anders ist. Nicht nur der Straßenverkehr – die gesamte Kultur, der Umgang der Menschen untereinander, der Umgang mit Tieren, das tägliche Verhalten ist anders. Das ist nicht wertend gemeint, Indien oder Inder sind nicht besser oder schlechter als das, was uns vertraut ist. Nur anders.
Die Menschen und die Kultur erschienen mir also bei meinem Indienaufenthalt im Oktober 2011 „anders“. Aber die Menschen und das so vielfältige und interessante Land an sich waren nicht der Grund, warum ich Indien besuchte.
Wie sollte es anders sein, mein Augenmerk liegt bei Reisen in andere Kulturen immer auf den Hunden der Länder. In Indien wollte ich im Besonderen etwas über die Beziehung zwischen Menschen und Hunden erfahren, um mich einer speziellen Frage anzunähern: Welche Form des Zusammenlebens zwischen Mensch und Hund bereitet die geringsten Probleme. Wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass das Empfinden, was ein Problem ist, subjektiv zu sehen ist.
Verschiedene Arten von Hunden
Obwohl Indien, wie eingangs erwähnt, „anders“ ist als Europa, eignet es sich nach meiner Meinung perfekt, um etwas über Hunde und deren Bedeutung für Menschen im Allgemeinen zu erfahren. Um das zu verstehen, sollten wir uns zunächst einmal anschauen, welche „Hundearten“ es dort gibt. Und damit meine ich nicht, welche Rassen es dort gibt, sondern jeweils die Art und Weise, wie die Hunde dort leben. Die erste „Art“ oder Gruppe, die man in Indien findet sind die Haushunde, wie man sie auch bei uns findet. Diese leben sehr eng bei Ihren Familien und werden, weil es in der Hektik der Indischen Umwelt und des Straßenverkehrs für diese Hunde nicht anders möglich ist, an Leinen geführt. In den meisten Fällen sind es Rassehunde, häufig englische Rassen, wohl in der gemeinsamen Geschichte Indiens und Englands begründet. Aber auch alle anderen Rassehunde, die sich die Menschen so „erdacht“ haben, kann man in Indien finden. So werden die Grundstücke von reichen Menschen oft von Dobermännern und Rottweilern bewacht, während die jungen Mädchen der Großstädte auch schon einmal einen Zwergspitz in Ihrer Handtasche herumtragen. Obwohl der Spitz in der Tasche und der Dobermann auf dem Villengrundstück auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben, zähle ich sie hier doch einmal zu der Gruppe der Haushunde. Weil diese Hunde auch in Indien mit einem Leben konfrontiert sind, welches sehr eingeschränkt und von vorgegebenen Regeln gekennzeichnet ist. Sehr häufig werden diese „Haushunde“ auch in irgendeiner Form trainiert, sie werden erzogen. Behalten wir also die Hundeart „Haushund“ als einen Teil der Indischen Hundewelt im Hinterkopf. Und merken uns, dass diese Hunde meist erzogen werden.
Straßenhunde und Bauernhunde
Eine weitere „Art“ Hunde, denen man in Indien praktisch an jeder Ecke begegnet, sind die Straßenhunde. Und gerade diese Hunde machen Indien besonders interessant. Die indischen Straßenhunde sind nicht einfach nur verwilderte Haushunde wie z. B. in den Süd- oder Osteuropäischen Ländern. Nein, obwohl sich heute auch moderne Rassen mit den Straßenhunden vermischen, sind indische Straßenhunde zum großen Teil noch ursprüngliche Hunde, Nachfahren von Hunden, die seit vielen tausenden von Jahren nah beim Menschen leben, auch mitten unter den Menschen, ohne jedoch jemals gezielt selektiert bzw. gezüchtet worden zu sein. Und diese Hunde leben seit eh und je zwischen den Menschen, ohne jedoch bestimmten Menschen zugeordnet zu werden. Natürliche Selektion und Anpassung erlauben ihnen das Überleben.
Die dritte „Hundeart“ Indiens könnte man unter den Begriffen „Bauernhunde“, bzw. „Laden- oder Hofhunde“ zusammenfassen. Gemeint sind damit die Hunde, die direkt einer Familie, einem Bauernhof oder etwa einem Laden oder Geschäft zuzuordnen sind. Die dort ihr Zuhause haben, die dort gefüttert werden und dort mehr oder weniger eng mit „ihren“ Menschen zusammenleben. Diese Hunde sind oft durch ein Halsband gekennzeichnet, werden aber nie an einer Leine geführt und genießen keinerlei gezielte Ausbildung oder Erziehung.
In Indien kann man also, grob gekennzeichnet, drei Arten von Hunden, bzw. Hundeleben feststellen. Erzogene Haushunde, freie Straßenhunde und unerzogene Hofhunde.
"Dicker" Haushund (c) T. Riepe
 
Unterschiedliches Leben
Lassen sie uns kurz auf das Leben der einzelnen Arten eingehen. Die Haushunde leben eigentlich nicht wesentlich anders, als die „modernen“ Haushunde bei uns. Sie dürfen nicht frei über ihr Leben entscheiden, ihnen werden die meisten Handlungen, die sie gerne machen würden, untersagt und sie dürfen nur das machen, was ihnen explizit erlaubt wird – und das ist nicht immer das, was der Tierart Hund entspricht. Die Hunde werden also so „ausgebildet“, dass sie funktionieren und sich „fehlerfrei“ in der menschlichen Gesellschaft bewegen sollen. Natürlich an einer Leine, weil man ihnen nicht beibringen kann, sich im Fahrzeugchaos zu bewegen…
Sich fehlerfrei in der menschlichen Gesellschaft und in der menschlichen Umgebung bewegen können Straßenhunde alle. Könnten sie dies nicht, würden sie nicht lange überleben. Straßenhunde sind freundlich bis distanziert zu Menschen, sie meiden die direkte Konfrontation, den Konflikt mit dem Menschen fast vollständig – bewegen sich aber sehr geschickt zwischen diesen. Und sie bewegen sich sogar recht geschickt im Straßenverkehr. Natürlich werden Hunde überfahren, aber wenn man die Anzahl von Fahrzeugen und Hunden in Indiens Städten und Orten bedenkt, ist das Verhältnis von Unfällen sicher geringer, als es man glauben möchte. Ich wollte einmal eine Straße in Delhi überqueren, was mir nicht gelang, weil ich einfach nicht den Mut hatte, mich zwischen diesem Chaos an Fahrzeugen und Menschen hindurchzuschlängeln. Während ich also auf eine Lücke im Chaos wartete, überquerten einheimische Menschen und Straßenhunde die Straße so, als wäre dort kein Verkehr…
Echte Straßenhunde bewegen sich souverän in der menschlichen Umgebung und werden nicht erzogen…
Indischer Bauernhund (c) T. Riepe
„Bauernhunde“ (zur Vereinfachung fasse ich die Hof-, Laden- und Bauernhunde einmal unter diesem Begriff zusammen) werden zwar auch nicht gezielt erzogen oder ausgebildet, lernen aber aufgrund der Hunden angeborenen sozialen Fähigkeiten und ihrer Anpassungsfähigkeit, welche Regeln man im Zusammenleben mit Menschen beachten sollte, um ein entspanntes Leben zu führen. Die Bauern geben, meist ohne darüber nachzudenken, gewisse Regeln vor, an die sich die Hunde halten. Z. B., dass gewisse Räume nicht betreten werden und man den Menschen keine Nahrung aus den Händen stiehlt. Das war es aber auch schon. Über fast alle anderen Dinge des Lebens entscheiden die Hunde selbst, sie beobachten viel und lernen dadurch, was gefährlich ist und was nicht. Sie erkennen wie und wo sie ihren Vorteil finden und wie man ohne große Probleme durch das Leben kommt. Eine echte Erziehung genießen sie nicht…
Dicke Haushunde, gesunde Bauernhunde
Wenn man von diesen drei Hundegruppen der indischen Gesellschaft spricht sollte man die gesundheitlichen Aspekte der einzelnen Tiere nicht außer Acht lassen. Natürlich fallen da meine Beobachtungen und Recherchen in gewisser Weise pauschal aus, da man nicht jedes einzelne Individuum für sich betrachten kann. Was jedoch auffällt, ist, dass Haushunde durchaus medizinische Betreuung genießen und auch auf „Hundefutter“ zurückgegriffen wird. Die Hunde jedoch sehr oft relativ dick sind – eine Folge des tristen Lebens an kurzer Leine und nur kurzen Gassigängen. Und der Tatsache geschuldet, dass Haushunde, die mit durchgefüttert werden meist bei Menschen leben, die mehr Geld verdienen als der durchschnittliche Inder und es besonders „gut“ mit den Tieren meinen. Gutes Futter und gutes Training. Und dicke Hunde als Ergebnis, mit allen bekannten gesundheitlichen Folgen.
Echte Straßenhunde hingegen brauchen sich um ihre Figur keine Sorgen zu machen – im Gegenteil natürlich. Ihr Futter besteht im Prinzip aus den Resten und dem Müll der menschlichen Gesellschaft. Wenn man sich in Indien die Müllberge anschaut, ist Nahrung an sich für die Hunde sogar vorhanden. Allerdings lässt natürlich die Qualität zu wünschen übrig, Krankheitserreger werden sozusagen gleichzeitig mit aufgesammelt. Außerdem ist der Konkurrenzdruck unter den Hunden recht groß, so dass viele Tiere stetig einem hohen Stresslevel ausgesetzt sind. Räude und Hauterkrankungen, sowie Erkrankungen am Bewegungsapparat sind bei Straßenhunden weit verbreitet und für jeden ersichtlich.
Interessant zu beobachten ist die Tatsache, dass Bauernhunde, die häufig direkten Kontakt zu Straßenhunden haben, selten an z. B. Räude oder Hauterkrankungen leiden. Einfach, weil diese Hunde meist besser durch die direkten Reste des Essens, was ihre Besitzer zu sich nehmen, genährt sind und weniger Stress haben. Räudemilben haben bei einem gesunden, normal genährten Organismus schlechtere Karten. Insgesamt schnitten die Bauernhunde bei der Betrachtung des gesundheitlichen Gesamteindrucks am besten ab.
Bei der Gesundheit liegen indische Bauernhunde also vor Haushunden und Straßenhunden – es gibt allerdings einen Punkt, bei dem Bauernhunde deutlich hinter den anderen Gruppen liegen. Bei den Problemen, die sie den Menschen bereiten.
Indische Straßenhunde (c) T. Riepe
Wenige Probleme mit dem Verhalten der Straßenhunde
Eines meiner Hauptanliegen in Indien war, einmal ganz unvoreingenommen für mich herauszufinden, zu welchen Problemen es zwischen Menschen und Hunden kommen kann, wenn man ein mit Menschen und Hunden „überbevölkertes“ Land wie Indien betrachtet. Dazu habe ich Menschen befragt. Haushundebesitzer, Menschen auf der Straße ohne direkten Hundebezug, Bauern und Ladenbesitzer mit Hunden usw. Oft konnte ich ein gewisses Unverständnis bis hin zu starken Zweifeln an meinem Verstand erkennen. Für so viel Interesse an Hunden bringen viele Inder nur ein untergeordnetes Verständnis auf. Trotzdem waren die meisten Befragten gern bereit, mir Auskunft zu geben. Mit dem Ergebnis, letztlich eine Aussage bezüglich der Hunde in Indien treffen zu können. Natürlich waren meine Befragungen willkürlich und keinen wissenschaftlichen Standards untergeordnet. Aber in meinen Augen durchaus aussagekräftig. So zeigte sich deutlich, dass Probleme zwischen Menschen und Hunden speziell einer Hundegruppe zugeordnet werden konnte: Den Haushunden. Berichte über Beißunfälle oder Beschwerden über das Hundeverhalten an sich kamen hauptsächlich von den Menschen, die einen Haushund besitzen. So wurde häufig über Probleme der Leinenführigkeit, über Leinenaggressionen gegenüber anderen Hunden, aber auch „dreistes Verhalten“ (wie anspringen, fordern etc.) im Haus und im täglichen Leben berichtet. Interessant ist dabei die Betrachtung, dass diese Hunde in über der Hälfte der berichteten Fälle von Trainern erzogen wurden. Zumindest nach Aussage ihrer Besitzer…
Probleme mit Straßenhunden und Menschen waren laut Aussagen der meisten Inder als eher gering anzusehen. Menschen wie Hunde halten im Allgemeinen einen gewissen respektvollen Abstand zueinander, man lebt nebeneinander her. Probleme gibt es, nach den Aussagen, die mir gegenüber getroffen wurden, in erster Linie dann, wenn diese Hunde etwas „stibitzen“, sich blitzschnell Nahrung z. B. aus Geschäftsauslagen stehlen. Zu Beißunfällen kommt es in der Regel nur, wenn Tollwut mit im Spiel ist. Verhaltensbedingt sind Konflikte zwischen Straßenhunden und Menschen eigentlich als eher selten anzusehen – zumindest äußerte dies niemand mir gegenüber.
Noch weniger Probleme hatten die Menschen mit ihren „Bauernhunden“. Ernsthafte Probleme oder Auseinandersetzungen kommen zwischen diesen Hunden und Menschen anscheinend nicht vor, bzw. nicht oft vor. Auf mein penetrantes Nachfragen und meine Suche nach irgendwelchen Problemen reagierten viele Inder durchaus genervt, weil ihnen anscheinend wirklich nichts einfiel.
Als vorläufiges Fazit meiner Reise zu den indischen Hunden, kann ich also festhalten, dass relativ frei lebende, kaum erzogene Hunde, den Menschen praktisch keine Probleme bereiten und je mehr die Hunde ausgebildet und erzogen werden, die Probleme auch vielfältiger werden.
Erziehung
Mit der Veröffentlichung dieser Zeilen möchte ich natürlich nicht behaupten, dass Hunde nicht erzogen werden müssen und sich dadurch alle Probleme in Luft auflösen. Das wäre sträflich falsch. Wie schon eingangs erwähnt ist Indien „anders“ und nicht wirklich mit Europa, bzw. Mitteleuropa im Speziellen zu vergleichen. In unserer absolut geordneten Welt geht es nicht mehr ohne gewisse Regeln im Umgang mit dem Hund. Eine gewisse Grunderziehung für Hunde in unseren Gesellschaften ist daher meiner Meinung nach unerlässlich. Allerdings sollte man es auch nicht übertreiben. Hunde haben so viele Fähigkeiten, sei es im sozialen Kontext oder sei es die Anpassungsfähigkeit an sich. Und diese Fähigkeiten sind der Hauptgrund, warum Menschen und Hunde überhaupt zusammen existieren können. Und Erziehung hat einen wesentlich geringeren Anteil an dem Verhältnis zum Hund, als wir gerne in unserer menschlichen Selbstüberschätzung zugeben… Also, natürlich müssen Hunde bei uns erzogen werden, wir dürfen es aber nicht übertreiben und auch mal Vertrauen in die Fähigkeiten der Hunde haben. In Fähigkeiten, die Hunde im Straßenverkehr von Delhi überleben lassen, wo ich mit meinen Fähigkeiten weit überfordert bin…
Vielleicht nehmen wir uns ein Beispiel am Verhältnis der indischen Bauern zu ihren Hunden. Die meisten von uns können ihren Hunden natürlich solch ein Leben nicht bieten. Aber wir können sicher versuchen, ein solches Leben zu „simulieren“, ohne dem Hunde jede Kleinigkeit an- oder abzuerziehen. Vielleicht einfach mal wieder dazu überzugehen, Hund einfach Hunde sein zu lassen…

Trends rund um den Hund – Bedürfnisbefriedigung für Menschen

Der Mensch ist ein merkwürdiges Lebewesen. Er strebt immer danach, sich von anderen Menschen abzusetzen, ein einmaliges und besonderes E...