Sonntag, 12. Januar 2014

Antiautoritäre Erziehung, Vermenschlichung und verzerrte Realitäten

Heute beim Frühstück lese ich einen Artikel zum Thema Jungendgewalt. Tenor der Autoren ist, dass heute mehr Gewalt von Jugendlichen ausgeht. Begründet wird dies mit vermehrter antiautoritärer Erziehung in den letzten Jahrzehnten. Zudem werden weitere Gründe wie mediale Gewalt und Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher ins Feld geführt. Beim Lesen des Artikels gehen Berufs- und Interessenbedingt gleich meine Gedanken in Richtung Hunde. Allzu oft hört man auch im Bereich der „Hundeerziehung“ immer wieder davon, dass man heute vermehrt Probleme mit Hunden habe. Und auch hier wäre die antiautoritäre Erziehung schuld.
Okay, so etwas wird immer mal wieder schnell und pauschal dahingesagt. Abgesehen davon, dass eigentlich niemand genau weiß, was antiautoritäre Erziehung genau bedeutet und in welchem Umfang sie wie und wo angewendet wird und wurde. Man kann sicherlich geschichtliche Veränderungen der menschlichen Gesellschaft in westlichen Industrieländern im sozialen Bereich entdecken. Seit den 1960er Jahren ist der Umgang der Menschen untereinander weniger durch Strenge und auf Strafe beruhender Erziehungsmethoden geprägt, als in den Dekaden zuvor. Strenge, autoritäre Familienmodelle sind in den Hintergrund gedrängt worden. Wenn man möchte, kann man das unter antiautoritärer Erziehung verstehen. Berücksichtigen muss man aber auch, dass fast Zeitgleich ein mediales Zeitalter begann (Radio, TV, Massenzeitschriften, Computerspiele, Kommunikationsmedien etc.), welches vorher so nicht existierte. Möglich, dass das alles zusammen die soziale Intelligenz des Menschen heute überfordert und deshalb vermehrt Probleme im sozialen Leben der Menschen untereinander auftreten. Wie gesagt, möglich – ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ist auch nicht die Gewalt, die von Jugendlichen ausgeht mehr geworden – sondern durch die mediale Entwicklung erfährt man einfach mehr davon. Wer weiß…
Man kann aber festhalten, dass die vermeintliche „antiautoritäre Erziehung“ beim Menschen ungefähr in den 1960er Jahren begann.
Hundeerziehung antiautoritär – 1960er Jahre
Heute findet man diesen Pauschalbegriff auch oft im Zusammenhang mit der Hundeerziehung. Auch hier wird gern pauschal gesagt, dass Hundeprobleme heute durch „antiautoritäre Erziehung“ entstehen würden. Okay, auch hier kann man wieder einmal feststellen, dass so etwas gern schnell und pauschal dahingesagt wird. Aber auch hier kann man sich dazu einige Gedanken machen. Nimmt man nämlich den Zeitraum, in dem die „antiautoritäre Erziehung“ innerhalb der menschlichen Gesellschaft begann. Die 1960er Jahre. Wurden in der Zeit alle Hunde autoritär erzogen und „funktionierten“ daher besser? Wohl eher nicht. In der Zeit wurden die meisten Hunde vermutlich kaum bis gar nicht erzogen. Nur wenige Hunde wurden in einigen Hundesportvereinen gezielt für den Sportzweck trainiert, aber Otto-Normal-Hund genoss kaum Erziehung. Ihm wurde mal etwas mit lauter Stimme verboten, das war es schon. Im Prinzip funktionierte das Zusammenleben von Mensch und Hund komplett ohne Autorität, es gelang durch die Fähigkeit von Mensch und Hund, sich sozialen Lebewesen und Gegebenheiten anzupassen. Also, als Menschen begannen, ihren Nachwuchs mit weniger Autorität zu erziehen, wurden Hunde kaum bis gar nicht ernsthaft erzogen. Wenn man so möchte, war früher die antiautoritäre Hundeerziehung völlig normal. Und, es wurde weit weniger von Problemen zwischen Mensch und Hund berichtet, als heute – oder: große und kleinere Probleme wurden nicht so stark bewertet und thematisiert. Pragmatismus bezogen auf den Hund war wohl eher an der Tagesordnung.
Hundeerziehung autoritär - 2014
Heute ist das anders. Es werden nicht nur einige Hunde für den Sport trainiert, heute werden sehr viele Hunde gezielt erzogen. Gab es in den 1960er Jahren praktisch keine Hundeschulen, eröffnet heute gefühlt jeden Tag eine neu. Und wenn man sich in diesem Berufsfeld auskennt weiß man, dass heute in einer Mehrheit der Hundeschulen nach streng autoritären Mustern erzogen und ausgebildet wird. Wenn es manchem auch so vorkommen mag, dass in der Hundeerziehung mehrheitlich auf Gewalt, Unterdrückung und Autorität verzichtet wird, zeigt eine genaue Betrachtung der Realität ein anderes Bild. Aus meiner Erfahrung arbeiten heute ca. 80% der Hundeschulen nach Hierarchie- und Rangordnungsgedanken mit stark autoritärer Ausrichtung.
Welchen Sinn das Verhaltensbiologisch macht, ist etwas anderes, was hier nicht thematisiert werden soll.
2014 mehr Probleme?
Für mich persönlich ist es aber interessant, die Logik an sich einmal zu betrachten. Es wird gesagt, dass die vermeintlich antiautoritäre Hundeerziehung heute zu vielen Problemen in der Hundehaltung führen würde. Eine genaue Betrachtung der Historie und der Entwicklung der Gesellschaft zeigt aber, dass Hunde, im Gegensatz zu Menschen, heute wesentlich autoritärer erzogen werden als vor 50 Jahren. Und die Probleme in der Hundehaltung in der Wahrnehmung eher zugenommen haben. Das sind Gedankenanstöße, zu denen sich jeder seine eigenen Gedanken machen kann – auch meine eigene Erkenntnisfindung dazu ist nicht abgeschlossen…
Interessant finde ich in dem Zusammenhang nur, dass man die Entwicklung der menschlichen Erziehung untereinander als Erkenntnis so pauschal und unreflektiert auf Hunde überträgt – ohne sich ernsthaft über reale Entwicklungen in dem Bereich Gedanken zu machen. Man vermenschlicht da den Hund und die Geschichte der Hundeerziehung. Viele Menschen lehnen eine Vermenschlichung des Hundes im emotionalen Bereich ab (z.B. im Punkt Empfindungen wie Schmerz, Trauer, Freude, Zuneigung). Obwohl man die Gefühlswelt nach heutigen Erkenntnissen durchaus mit der menschlichen vergleichen kann. Auf der einen Seite wird also eine logische „Vermenschlichung“ der Emotionen abgelehnt. Willkürliche Konstruktionen wie eine vermeintlich antiautoritäre Hundeerziehung aber über die Maßen vermenschlichend ausgebeutet. Komplizierte Spezies, diese Menschen…
Soziale Intelligenz
Okay, abschließend muss ich natürlich noch klarstellen, dass ich nicht der Meinung bin, dass man Hunde überhaupt nicht erziehen sollte und alles wäre gut. In der heutigen Umwelt sollten Hunde einige grundsätzliche Dinge lernen. Ich bin aber auch der Meinung, dass der wichtigste Teil im Zusammenleben von Mensch und Hund die Fähigkeit der Anpassung ist . Die soziale Intelligenz von Mensch UND Hund…
…obwohl – der Mensch hält sich ja immer für ein sehr intelligentes Lebewesen. Das mag bezogen auf einige kognitive Fähigkeiten im abstrakten Bereich durchaus zutreffen. Aber im Bereich soziale Intelligenz bin ich nicht wirklich davon überzeugt, dass er Hunden überlegen ist ;-)

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