Dienstag, 25. März 2014

Hundeleben heute: Dem „Wachhund“ wird das Bellen verboten…

Man geht heute davon aus, dass Mensch und Hund seit weit mehr als 15.000 Jahren eine gemeinsame Geschichte haben. Viele tausende von Jahren hat sich das Zusammenleben dieser beiden Arten als relativ problemlos gezeigt, Hunde hatten ihre Aufgaben wie das Wachen oder fungierten als Jagdhelfer. Eigenschaften, die ihnen angeboren waren und die den Menschen von Nutzen waren. Natürlich wurde auch die ein oder andere Eigenschaft schon vor Jahrhunderten gezielt vom Menschen selektiert und es entstanden so genannte Landschläge, die den jeweiligen Umweltbedingungen und Anforderungen besser gerecht wurden als andere. Aber trotzdem waren die Unterschiede der einzelnen Schläge, sowie die Anzahl der Schläge letztlich Jahrtausende überschaubar. Auch der Umgang mit dem Hund war wesentlich weniger kompliziert – auch hier natürlich mit regionalen und kulturellen unterschieden, aber bei weiten nicht so kompliziert wie heute. Ob nordische Hunde bei den Völkern in Sibirien, ob Hunde als Begleiter afrikanischer Naturvölker oder nordamerikanischer Indianer. Ob als Bewacher der abgelegenen Bauernhöfe in den Alpen oder aber als Bewacher der Werkstatt eines Handwerkers in einer mitteleuropäischen Großstadt im 19. Jahrhundert. Hunde waren da, gehörten dazu und Mensch wie Hund passten sich gegenseitig an. 

Veränderungen überfordern die Anpassungsfähigkeit 

Erst in den letzen ca. 200 Jahren entwickelte sich die gezielte und gesteuerte Rassezucht, wie wir sie heute kennen. Und erst seit ca. einem Jahrzehnt gibt es den Leinenzwang für Hunde in den vorher erwähnten mitteleuropäischen Großstädten. Die Abstände vom Verständnis für den Hund und vom Umgang mit dem Hund werden also immer kürzer, nach meiner Meinung viel zu kurz, als dass sich die uralte Symbiose Mensch/Hund daran anpassen kann. Schuld daran könnte der gesellschaftliche Zusammenhang des fast schon zwanghaften Strebens nach wirtschaftlichem Wachstum und sich daraus ergebenden ständig wechselnden Modetrends sein, die die Konjunktur beleben sollen. Und leider spiegeln sich diese Modetrends auch in der Hundehaltung wieder. Ist gerade „Outdoor“ in Mode, werden sich optisch „passende“ Hunderassen zugelegt – oft mit fatalen Folgen. Weil das ursprüngliche Zuchtziel nicht mit den Modetrends harmoniert…

Gut, ich muss zugeben, dass ich selbst von diesen Trends profitiere. Die Hunde, die früher irgendwie mit den Menschen zusammenlebten, brauchten sicher keinen Hundepsychologen. Aber, wenn auch meinem Geschäft nicht zuträglich, wäre ich froh, wenn Hunde heute in Mitteleuropa noch so leben könnten wie in längst vergangener Zeit – einfach im Interesse des Lebewesens Hund. 

„Anpassung zum eigenen Vorteil“ effektiver als Zwang? 

Das Leben ist für Hunde heute definitiv schwerer, als zu der Zeit, wo sie einen Hof bewachen durften und ohne Leine tägliche Ausflüge in die Nachbarschaft unternehmen konnten. Sie lernten mit den Nachbarhunden zu leben, sich bei Begegnungen mit fremden Hunden richtig zu verhalten, weil sie Ärger aus dem Weg gehen konnten, ohne dass ein Mensch sie Zwang, sich dauernd mit fremden Hunden auseinanderzusetzen. Hunde machten ihre eigenen Erfahrungen und lernten, wie man mit gewissen Situationen umgehen muss, damit es zum eigenen Vorteil ist. Es war wirklich so, Ausnahmen selbstverständlich ausgeklammert, dass der lockere, ungezwungene Umgang mit dem Hund viele Probleme verhinderte – oder das, was heute als Problem angesehen wird gar kein Problem darstellte. Der Wachhund sollte bellen und der Jagdhund jagen. Heute muss ich dem Hund, der als Wächter gezüchtet wurde, das Bellen abgewöhnen, weil es die Nachbarn stört… 

Gesellschaftliche Zwänge 

Außer in ganz kleinen Orten auf dem Land findet man heute keine „Freigänger“  mehr in Mitteleuropa. Diese freilaufenden, „freien“ Hunde, die den Tag nach ihrem Hundegeschmack gestalten konnten und eine natürlich Sozialisierung auf Mensch und Tier genossen, sind selten geworden. Heute fehlt diese natürliche Sozialisierung oft vollkommen, weil alles nach Recht, Gesetz und Modetrend „funktionieren“ muss. Und so begegnen sich Hunde nur noch an Leinen, wo sie ihre natürliche Körpersprache nur bedingt einsetzen können und auch für sie persönlich unangenehme Begegnungen nicht umgehen können – oder sie werden gezielt in Welpen- oder Hundegruppen gezwängt, wo sie auch der Situation nicht natürlich ausweichen können, wenn sie einen anderen Hund nicht mögen oder ihn fürchten. Aufgrund von Modetrends, gesellschaftlichen Zwängen und dem penetranten Wunsch nach der perfekten Welt (und so auch dem perfekten Hund), geht heute der entspannte Umgang mit unserem wundervollen und anpassungsfähigen Sozialpartner Hund immer mehr verloren. Letztlich ein Teufelskreis – die Gesellschaft toleriert keine freilaufenden, streunenden Hunde mehr und „produziert“ so unsichere, schlecht sozialisierte Tiere – denen man auch nicht mehr zutrauen kann, freilaufend diverse Alltagssituationen adäquat zu meistern. Eine Gesamtsituation, mit der wir wohl leben müssen – solange sich die Gesellschaft nicht an sich verändert. Und den Hund nicht mehr als Trendobjekt einer nach Perfektion strebenden Wachstumsgesellschaft sieht. Sondern als das, was er ist – ein Sozialpartner, der unser Leben bereichern kann – wenn wir das Leben nur so entspannt und unkompliziert sehen würden wie er. 

War früher alles besser? 

Ob früher nun alles besser war? Natürlich nicht. In Sachen Tierschutz und Hundehaltung (Kettenhalteverbot etc.) sind von gesetzlicher Seite heute sicher Fortschritte gemacht worden. Und meiner Meinung nach hat jede Zeit gute und schlechte Seiten. Insgesamt ist es aber mein persönlicher Eindruck, dass der modebewussten Trendgesellschaft das Gefühl für den Hund anscheinend mehr und mehr abhanden kommt und durch trendige Erziehungsphilosophien ersetzt wird. Philosophien, die offensichtlich selbst die Anpassungsfähigkeit von Hunden überfordern…

 

 

 

 

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