Samstag, 6. Dezember 2014

Die Seele des A…lochhundes

Ich möchte heute einmal eine Geschichte aus meinem beruflichen Alltag erzählen, die meiner Meinung nach symptomatisch für das Verständnis von Mensch gegenüber Hunden ist.

Anruf als „letzte Hoffnung“
Ich hatte einen Kundentermin bei einer Familie mit einer Hunderasse, die, wie ich finde, heute viel zu selten zu sehen ist. Der Mittelschnauzer war zu der jungen Familie gekommen, weil der Vater daheim, auf einem landwirtschaftlichen Betrieb, mit Hunden der Rasse aufgewachsen war.
Der Schnauzer kam als Welpe zur Familie, wuchs in den ersten zwei Jahren relativ problemlos auf. Als die Familie meine Hilfe in Anspruch nahm, war der Hund knapp drei Jahre alt. Als mich die Mutter anrief, war das einer der Anrufe, wo mir gesagt wurde, dass man schon alles probiert hätte, es nicht besser würde und ich die letzte Hoffnung wäre. Das höre ich leider oft – obwohl ich es so nicht wirklich gerne höre. Weil ich schon unter emotionalem Druck stehe, bevor ich den Hund überhaupt gesehen habe. Aber gut, daran gewöhnt man sich im Lauf der Zeit – was mich ernsthaft ärgert ist die Tatsache, dass, bevor ich als letzte Hoffnung gerufen werde, schon so viel Porzellan zerschlagen wurde…
(c) Fotolia


Der unbekannte Schlaftrakt
Was war das Problem des Hundes? Nun, auf dem Bauernhof, auf dem der Familienvater aufgewachsen war, durften Hunde nicht mit ins Haus – und schon gar nicht in das Schlafzimmer. So wurde es auch mit dem Hund gehalten, der jetzt im schicken Neubau der Familie lebte. Zwar hatte die Frau durchgesetzt, dass der Hund im Haus leben darf, allerdings mit dem Kompromiss, dass der Schlafbereich tabu war. Der Schlafbereich bestand aus einem vom Hausflur ausgehenden Gang, der an seinem Ende das Elternschlafzimmer hatte und an dem links und rechts die Kinderzimmer angemauert waren. Der Hund sollte den Gang zu den Schlafzimmern und die Schlafzimmer selbst nicht betreten. Man hatte ihm von Welpenbeinen an „klargemacht“, dass er keine Pfote in den Schlaftrakt setzen dürfe. Wie genau sie ihm das „klargemacht“ hatten, konnte ich nicht erfahren, es wurde mir aber versichert, dass es verbal passiert sei. Zusätzlich zum verbalen Verbot den Gang zu betreten, wurde ein Kindergitter angebracht, wenn der Hund einmal allein daheim sein musste – der Vater wollte aufgrund seiner eigenen Prägung strikt verhindern, dass der Hund der Schlaftrakt betritt. Der Hund hatte also den Bereich des Hauses noch nie gesehen, bzw. betreten.
Die erste Chance
Nun zum Problem. Der Hund bellte seit ca. einem Jahr in die Richtung des Schlaftraktes. Die Besitzer konnten es sich nicht erklären, warum er das machte. Sie hatten als einzige Strategie für sich das Anschreien entdeckt, was den Hund für ca. 10 Sekunden „ruhig stellte“, wonach er wieder loslegte. So kam es, dass sie einen mobilen Hundetrainer engagierten. Die erste Hoffnung sozusagen. Dieser vermittelte ihnen, dass der Hund die Chefrolle im Haus übernehmen möchte und sich durch das Bellen den Zutritt zu den Schlafzimmern erstreiten wolle. Man müsse nur klar kommunizieren, dass er das nicht darf, und dann wäre es gut. Seine Strategie: Immer wenn der Hund bellte, schoss der Trainer hervor und rempelte ihn an – was die Besitzer auch machen sollten, damit der Hund klipp und klar erkennen würde, wer im Haus das Sagen hätte. Gut, so wie die Besitzer schilderten, bellte der Hund trotz dieser Therapie munter weiter, achtete aber immer darauf, wenn die Besitzer zum Rempeln angelaufen kamen, ihnen aus dem Weg zu gehen. Für ein Tier mit den hochsensiblen Wahrnehmungsfähigkeiten eines Hundes nicht wirklich ein Problem…
„Still sein“ wird belohnt
Da das nicht funktioniert hatte, wurde eine Hundeexpertin, quasi die zweite Chance, engagiert. Auch diese glaubte, dass der Hund ins Schlafzimmer möchte, glaubte aber nicht an den Wunsch, dass der Hund in der „Familienrangordnung“ eine führende Rolle einnehmen wollte. Für sie war es einfach ein Betteln, mit dem Ziel in der Nähe seiner Menschen zu sein. Wobei sie anscheinend außer Acht ließ, dass der Hund auch bellte, wenn niemand im Schlafzimmer war. Sie ging das Problem so an, dass sie den Besitzern riet, sich neben den Hund zu stellen, wenn er bellte. Und immer, wenn er zwischendrin mal Luft holte, nicht bellte, sollte ein Wort wie „still“ gesagt werden und dann eine Belohnung gegeben werden. Das wirkte schon deutlich besser, sagten die Besitzer – der Hund lernte recht schnell, wenn er bellte und das Wort „still“ hörte, dass es eine angenehme Folge für ihn hatte, wenn er still war. Doch es wirkte nur eine Zeit. Irgendwann ignorierte er das Wort und fiel in sein altes Muster zurück…
Scheppernde Schrauben und Muttern
Worauf eine – sie werden es ahnen – dritte Chance engagiert wurde. Wieder eine neue Expertin, die nun wieder das aufgriff, was die erste Chance, der männliche Experte, zu wissen glaubte. Der Hund wolle eine Führungsrolle durchsetzen, das Revier inklusive Schlafräumen komplett erobern. Ihre Lösungsstrategie: Immer wenn der Hund bellt, ihm eine mit Schrauben und Muttern gefüllte Plastikflasche vor die Nase zu werfen.
Und, werden Sie sich jetzt fragen? War das von Erfolg gekrönt? Nun, der Hund bellte danach immer noch, aber anders. Er bellte immer noch in die Richtung des Schlaftraktes, achtete dabei aber gleichzeitig immer darauf, wann die Flasche geflogen kam… Zudem kamen weitere Probleme hinzu. Der Hund fürchtete sich plötzlich beim Gassigang vor Autos, vor fast allem was Geräusche verursacht. Außerdem häuften sich plötzlich Attacken von ihm auf andere Hunde. War er früher ein mit Artgenossen verträglicher Typ, reichte es jetzt anscheinend schon aus, wenn ihn ein Hund schief anschaute.
Da das Problem nicht wirklich gelöst war und nach einem Jahr „Training und Therapie“ noch weitere Probleme hinzukamen, wurde was gemacht? Richtig – eine weitere Chance engagiert. Und die letzte, die meinen Namen trug.
Zwecklos, weil A…lochhund?
Als ich kam, sagte mir der Familienvater, wohl wegen der vielen vertanen Chancen, dass es ja im Grunde sowieso zwecklos wäre. Der Hund sei halt ein „Arschlochhund“, der nicht nur daheim das Zepter übernehmen wolle, sondern nun auch noch draußen andere Hunde attackieren würde.
Nun gut, es würde jetzt zu lange dauern, genau zu erläutern, wie ich die Familie befragte, wie ich mir das Haus und das Umfeld des Hundes anschaute. Ich mache es kurz. Ich habe die Familie überredet, den Hund doch einmal in den Schlaftrakt zu lassen. Er wollte diesen zunächst nicht betreten. Mit Leckerchen ließ er sich dann doch hineinlocken – und einmal drin erkundete er die Räume genau und schritt wieder hinaus. Zudem habe ich gebeten, ein Mobilee zu entfernen, welches seit ca. einem Jahr in einem der Kinderzimmer angebracht war und Zeitweise leise, aber klimpernde Geräusche verursachte, vor allem, wenn durch gekippte Fenster ein leichter Zug durch die Räume ging. Der Hund war einmal im Schlaftrakt, das Mobilee wurde entfernt. Das ist jetzt vier Monate her. Und der Hund bellt nicht mehr…
Hund bellt nicht mehr, nachdem „Gefahr“ beseitigt wurde
Ich gehe stark davon aus, dass der Hund in dem ihm völlig unbekannten Schlaftrakt irgendeine Gefahr vermutete, vielleicht ausgelöst durch das Klimpermobilee – zeitlich erscheint es plausibel. Das Problem konnte schnell und unkompliziert beseitigt werden. Ein schöner schneller Erfolg bei der Hilfestellung zum Problem mit dem Bellen. Die Geräuschangst des Hundes allerdings, die ebenfalls plausibel  mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Werfen der Schraubenflasche zurückzuführen ist, wird mehr Arbeit erfordern – ebenso wie das möglicherweise durch den Stress der Geräuschangst entstandene dünne Nervenkostüm des Hundes, welches ihn nun bei Hundebegegnungen dazu bringt, schneller die Fassung zu verlieren.
Probleme durch „Experten“ verstärkt
Ängstlich und nicht mehr verträglich mit Hunden. Weil Experten sich nicht die Mühe gemacht haben, die Gründe für das Verhalten zu erforschen und zu hinterfragen. Bzw. völlig absurdes „Chefgehabe“ als Grund ansahen. Stattdessen haben sie durch „Training“ und Aktionismus neue Probleme geschaffen und die Seele des Hundes verängstigt und in Scherben gelegt. Und unsereins darf die Scherben zusammenkehren. Die Scherben eines missverstandenen Hundes, der bestimmt kein A…loch ist.
„Da hätten die Leute doch auch selbst drauf kommen können“, wird möglicherweise mancher jetzt denken. Vielleicht hätten sie das. Doch die Denkweise rund um Hunde ist heute durch einseitige Gedanken  so vernebelt, dass die einfachsten Zusammenhänge oft nicht gesehen werden. Ich habe die Familie gefragt, ob ich ihre Geschichte aufschreiben darf. Und sie waren einverstanden. Mit der Hoffnung, dass sich andere dadurch vielleicht schneller aus dem Nebel befreien. Noch bevor die Seele eines Hundes in Scherben liegt…

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