Montag, 1. Juni 2015

Von Urinsprühflaschen bis zu krabbelnden Spielaufforderungen – der Mensch spielt Hund

Irgendwie werden die Merkwürdigkeiten rund um Hunde immer abstruser. Vor wenigen Jahren wurde uns erzählt, dass Hunde nicht dort urinieren dürfen, wo sie es für richtig halten. Weil sie so einen Machtanspruch ihrem Besitzer gegenüber geltend machen würden. Das ging so weit, dass geraten wurde, man solle immer über den Urin des Hundes urinieren, um zu demonstrieren, wer der wahre Boss ist. Da der Mensch aber nicht ständig auf Kommando urinieren kann, wurde der weitere Rat gegeben, in eine Sprühflasche auf Vorrat zu urinieren, um jederzeit die Hundemarkierung übermarkieren zu können. So liefen dann nicht wenige Zeitgenossen umher und sprühten ihren in Sprühflaschen gesammelten Urin über die flüssigen Hinterlassenschaften ihrer Hunde…

Treibt Hunden nur Fragezeichen in die Augen
Es hat sich nach einiger Zeit aber wohl herumgesprochen, dass dieses (menschliche) Verhalten doch wohl als alberner Blödsinn verbucht werden sollte. Was aber nicht heißt, dass Menschen sich nicht neue, sagen wir, „Merkwürdigkeiten“ einfallen lassen, um Hunden die Fragezeichen in die Augen zu treiben.
Menschliche Spielaufforderung an alten Hund
So ging ich kürzlich mit meinem alten Hund Puzzel spazieren. Spazieren ist bei seinen 17 Jahren ein etwas übertriebener Begriff – ich fahre ihn ins Grüne, setze ihn dort ab und wir schlendern in seinem Tempo etwas durch die Gegend. Soweit und so viel er möchte. Nun kam uns bei dieser seniorengerechten Beschäftigung ein Hundehalter entgegen. Sein Hund rannte weit aus seinem Einflussbereich irgendwo in der Feldflur herum, was Puzzel recht war – junge, aktive Hunde nerven ihn, er kann einfach nicht mehr herumrennen und sich mit rempelnden Jungspunden beschäftigen. Schnüffeln und guten Tag sagen ist okay, aber bitte keine aufdringlichen Vierbeiner. In diesem Fall war der Vierbeiner unserer Begegnung nicht das Problem. Der war weit weg.
(c) Fotolia
Das Problem war eher der Besitzer. „Dein Hund schleicht aber durch die Gegend“, sagte er zu mir, „das müssen wir ändern“. Noch bevor ich ihm antworten konnte und Puzzels Alter und seine dem geschuldeten Vorlieben und Abneigungen erklären konnte, begab sich der Mann auf alle Viere. Ja, sie lesen richtig. Er krabbelte auf allen Vieren herum, schaute Puzzel dabei an. Dann drückte er seinen Vorderkörper auf den Boden, während sein Hinterteil noch in die Luft ragte. Irgendwie wollte er eine Vorderkörpertiefstellung von Hunden simulieren, die unter Hunden (!) eine Spielaufforderung darstellt. Puzzel schaute den Mann fasziniert an. Ich übrigens auch, mit offenem Mund. Dann schaute Puzzel mich an, und erkannte wohl, dass ich genauso ratlos ob des Verhaltens des Mannes war, wie er. Puzzel ging an ihm vorbei und schnüffelte am Boden. Was darauf hindeutete, dass er mit dem Verhalten nichts, aber auch rein garnichts anfangen konnte. Das Schnüffeln hinter dem Mann war wohl eine so genannte Übersprungshandlung, mit der er irgendetwas tat, weil er nicht wusste, was er in Gegenwart des „irren“ Menschen tun sollte. Der auf allen Vieren krabbelnd und den Hintern gen Himmel streckend auf dem Asphalt herumrobbte.
„Komisches Verhalten von Deinem Hund“, sagte der Mann dann. „Ganz viele Hunde reagieren mit Spielen, wenn ich sie so dazu auffordere“.
Spielverhalten von Hunden kann deeskalierend wirken
Der Mann hatte recht. Viele Hunde reagieren mit Spielverhalten auf menschliches, oder auch tierisches Verhalten, welches ihnen komisch vorkommt. Hunde können es nicht einschätzen und verstehen, wenn fremde Menschen plötzlich vor ihnen auf dem Boden rumkrabbeln. Das machen Menschen sonst nicht, das ist kein normales menschliches Verhalten. Das verwirrt Hunde, kann ihnen Angst machen. Vermutlich denken sie, der Mensch sei verrückt geworden, sei eine potentielle Gefahr. Aber wie verhält man sich gegenüber plötzlich verrückt gewordenen Menschen? Welche Strategie wendet man als Hund an, um aus der Situation schadlos herauszukommen? Nun, es gibt Hunde, die versuchen in solchen für sie schlecht einzuschätzenden Situationen mit dem Spielverhalten zu demonstrieren, dass sie selbst keine bösen Absichten haben. Dass Spielverhalten deeskalierend wirkt, haben sie von Welpenbeinen an mit ihren Geschwistern, Elterntieren und auch mit anderen Hunden gelernt.
Er will nur spielen – der Mensch
Wenn ein Mensch also plötzlich merkwürdig und bedrohlich vor einem fremden Hund auf dem Boden herumkrabbelt, wollen viele Hunde mit dem Spielverhalten die Situation einfach deeskalieren, ihre freundliche Absicht mitteilen. Natürlich können sie lernen, wenn ihr Besitzer das oft macht, dass vom Besitzer keine Gefahr ausgeht und er tatsächlich nur spielen möchte. Grundsätzlich ist es für Hunde aber wohl eher verwirrend, wenn Menschen von normalen menschlichen Verhaltensmustern abweichen, an die sich Hunde gewöhnt und angepasst haben. Und die sie interpretieren können. Wenn Menschen auf einmal Hund spielen, verwirrt es nicht nur Hunde. Ich denke, mein Blick und der Blick von Puzzel waren in der vorher beschriebenen Situation identisch. Verwirrt…
Selbst in die Hand beißen als Übersprungshandlung
Ich wollte bei dem Mann nicht „klugscheißern“, und folgte der Weisheit meines Hundes, der das Verhalten des Menschen ignorierte und weiter entfernt als Übersprungshandlung schnüffelte. Ich erwähnte nur Puzzels Alter, ging auch vorbei und tätigte auch eine Übersprungshandlung. Ich biss mir in die Hand, um nicht loszulachen. Während der Mann hinter uns aufstand. Bei einem Blick zurück konnte ich noch sehen, dass dieses Aufstehen sich etwas mühsam gestaltete, er sich den Rücken hielt und danach seine Hose abstaubte. Puzzel und ich schauten uns nochmal an – ich bin mir sicher, wir hatten die gleichen Gedanken ;-)
Inzwischen kam auch der Hund des Mannes auf uns zugestürmt. Bremste, schnüffelte kurz an Puzzel und ging einige Meter weiter und urinierte. Es hätte mich nicht gewundert, wenn der kurz zuvor am Boden krabbelnde Mann eine Sprühflasche mit Eigenurin gezogen hätte…
Muss ich Hund spielen?
Nun gut, in der Situation habe ich nicht geklugscheißert. Wohl auch, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, mir in die Hand zu beißen um nicht zu lachen. Aber hier möchte ich doch noch etwas „kluges“ anmerken. Menschen müssen nicht Hund spielen, um Vierbeinern gerecht zu werden. Menschen und Hunde finden in ihrer sozialen Partnerschaft schon heraus, wie, wann und wo man spielt, sich freundlich sozial miteinander auseinandersetzt. Auch ohne abstruse „Anleitungen“. Wenn Sie mit Ihrem Hund auf dem Boden krabbeln möchten, machen Sie das ruhig. Wenn ihr Hund Sie kennt und Sie sich gegenseitig angepasst haben. Und Ihr Rücken und die Gelenke mitspielen. Sie müssen so etwas nicht machen, aber Hunde sind vieles von Menschen gewöhnt. Aber nicht einfach vor fremden Hunden herumkrabbeln. Die werden dadurch nur verwirrt.
Hunde können Menschenverhalten interpretieren  - aber nicht, wenn diese Hund spielen
Das, was Hunde als ganz besonderes Haustier ausmacht ist die Tatsache, dass sie Menschen interpretieren können. Sie lernen Menschen zu verstehen – auch wenn diese sich wie Menschen verhalten. Und Hunde haben die überaus faszinierende Fähigkeit, sich an Menschen anzupassen.  Die Betonung liegt dabei auf „sich an Menschen anzupassen“. Und nicht an „Hunde spielende Menschen“, die das in irgendeinem Buch gelesen haben. Die irgendeine „Neuheit“ an allen Hunden ausprobieren, die nicht schnell genug flüchten. Die machen Hunden eher Angst. Mir übrigens auch…

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