Dienstag, 27. September 2016

Fridos Weg


Sein Name war Fridolin, genannt Frido. Er war ein großer Mischlingshund, vermutlich irgendetwas zwischen Schäferhund und Collie. Doch das war seiner Besitzerin egal, sie liebte ihn, pflegte ihn – und trainierte mit ihm, unabhängig von seiner Rasse, seiner Größe oder seiner Geschichte. Es ist noch nicht lange her, da traf ich seine Besitzerin ohne Frido. Auf meine Frage, wie es Frido geht, stockte sie und erzählte mir sichtlich betroffen, dass Frido gestorben sei. Er ist im Alter von 14 Jahren friedlich eingeschlafen. Wörtlich berichtete sie mir: „Es ist so traurig, dass er gestorben ist. Wir waren auf einem so guten Weg und fast am Ziel.“
Mit 14 fast am Ziel des Trainings
Fast am Ziel? Bei einem 14jährigen Hund? Was meinte sie damit? Nun, ich habe Frido und sein Frauchen vor ca. 10 Jahren kennengelernt. Sie lebten mit Ihrer Familie (zu der noch Frauchens Mann, zwei Kinder und ein weiterer Hund gehörten) sehr abgelegen auf dem Land. Frauchen hatte mich gerufen, weil sie ein Problem mit Frido hatte. Er bellte beim Spaziergang andere Hunde an. Wenn sie mal einem begegneten. Man sollte nämlich wissen, dass mit abgelegen auf dem Land wohnen wirklich abgelegen gemeint ist. Ein einzeln liegender Bauernhof im landwirtschaftlich geprägten Umfeld. Hundebegegnungen beim Gassigang waren äußerst selten, maximal zwei bis drei im Monat. Diese seltenen Begegnungen gestalteten sich dann so, dass Frido kurzfristig in Richtung des Eindringlings knurrte und bellte, sich direkt nach dem Passieren aber auch schnell wieder beruhigte. Zwei bis dreimal im Monat ca. ein bis zwei Minuten ein etwas „unangenehmes“ Verhalten von Frido. Was Frauchen allerdings peinlich war, weshalb sie verschiedene Hundetrainer beauftrage, mit ihr an diesem Problem zu arbeiten. Sie lernte, wie man mit Hunden trainiert, fuhr mit Frido an verschiedene Orte, wo man mehr Hunde trifft. Sie übte und trainierte, das Üben wurde für sie zum Projekt, teilweise zum Lebensinhalt.
Fast perfektes Hundeleben
Frido führte in seinem ländlichen Heim im Grunde ein fast perfektes Hundeleben, kam oft raus, hatte regelmäßigen Kontakt mit Artgenossen – seinem Mitbewohner-Hund und auch mit Kumpeln aus der Umgebung, die er ab und zu treffen konnte. Mit Artgenossen an sich hatte er also kein Problem, vor allem nicht mit bekannten Hunden. Die „Probleme“ hatte er nur mit fremden Hunden, die sich selten mit ihren Besitzern in seinem Revier verirrten.

Training als Hobby des Frauchens
Zu seinem angenehmen Leben mit regelmäßigen Artgenossenkontakten und ausführlichen Spaziergängen gesellten sich weitere hundliche Annehmlichkeiten wie ein ständig zugänglicher, großer Garten und ein freundliches Heim mit freundlichen Menschen, die ihre Tiere liebten. Ein wunderbares Hundeleben – eigentlich. Wenn Frauchen nur nicht davon besessen gewesen wäre, dass Fridos Verhalten bei den seltenen Hundebegegnungen ein Problem sein würde. Kein Problem für ihn – diese insgesamt vielleicht fünf, sechs Minuten im Monat hatten keinerlei weitere Auswirkung auf ihn. Aber Frauchen hatte den Gedanken, sich dadurch vor anderen Menschen zu blamieren. Sie wollte Frido ein anderes Verhalten beibringen. Also fuhr sie von Hundeschule zu Hundeschule, brachte Frido immer wieder in diese Begegnungssituation, schleppte ihn in Städte und übte und übte. Mit unterschiedlichen Methoden, mal freundlich – weil das nicht schnell genug ging auch mit unfreundlichen Konsequenzen für Frido. Weil dadurch aus dem eigentlich freundlichen Hund ein nervöser Hund mit aggressiven Tendenzen wurde kehrte sei wieder zur Belohnung zurück. Und wieder – Sie werden es sich denken können. Ein ständiges hin und her. Ein ständiges üben und trainieren. Und nichts half wirklich – warum, darüber kann ich nur spekulieren, weil ich den Fall nur aus Erzählungen von Fridos Frauchen kannte. Ich selbst hatte ein kostenintensives Training mit den Beiden vor vielen Jahren abgelehnt, weil ich kein ernsthaftes Problem sah – zu dem Zeitpunkt. Anscheinend hatte sich im Laufe des obsessiven Trainings über Jahre vieles zum Schlechteren Verändert. Und in den letzten Monaten vor seinem Tod wohl doch wieder etwas besser entwickelt – möglicherweise auch dem Alter geschuldet. Ein Gedanke, der Frauchen überhaupt nicht kam.  Sie bemerkte, dass sie auf einem guten Weg war – bei einem alten Hund. Und jetzt war sie traurig, weil sie den guten Weg nicht bis zum Ende gehen konnte. Weil Frido vorher aufgegeben hatte.
Trauriges Frauchen
Was mich dabei nachdenklich machte war die Tatsache, dass anscheinend nicht der Tod von Frido der Hauptgrund für die Traurigkeit der Besitzerin war, sondern die Tatsache, dass der Trainingsweg nicht bis zum Ende gegangen werden konnte.
Verschwendete Lebenszeit?
Frido hatte ein schönes Leben, ein schönes Umfeld und Menschen, die ihn liebten. Doch sehr viel seiner schönen Zeit wurde mit Training „verschwendet“, welches 10 Jahre lang zu keinem wirklich greifbaren Ergebnis führte. Ich hatte das Gefühl, dass Frauchen gefallen an der Tätigkeit des Trainierens gefunden hatte, es ihr Hobby wurde. Ob Frido das Hobby teilte, ist eine andere Frage. Er musste es mitmachen. Jetzt ist er tot und für mich bleiben nur Fragen: Ein Hundeleben ist leider sehr kurz im Verhältnis zu einem Menschenleben. Sollte man die gemeinsame Zeit nicht so nutzen, dass alle beteiligten es genießen? Und das gemeinsame Leben nicht auf einem Weg verlieren, den nur der Mensch gehen möchte?
Jetzt ist Frido gegangen. Sein Lebensweg ist zu Ende, er hat sich verabschiedet. Die verlorene Zeit bringt niemand zurück…

Der Artikel wurde ursprünglich in der Reihe "Abschied für immer" in der Fabelschmiede.de veröffentlicht

Dienstag, 20. September 2016

Wenn der traumatisierte Hund endlich stört


Der Hund, den meine Kunden aus dem Tierschutz übernommen hatten, hatte eine furchtbare Vergangenheit. Er war in einem Rudel gehalten worden und dort der Prügelknabe für die anderen Hunde. Das hatte übrigens nichts mit irgendwelchen Rangordnungen zu tun, die in „Rudelhaltung“ angeblich automatisch vorkommen. Und einer eben das „Omegatier“ sein muss. Nein, das hatte damit zu tun, dass die Tiere dort auf engstem Raum gehalten wurden, keine Ausweichmöglichkeiten voneinander hatten und sich gegenseitig auf die Nerven gingen. Als reine Beschäftigung und zur Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins bilden sich bei solchen Haltungsbedingungen oft Grüppchen, die einzelne, schwache und wehrlose Tiere tyrannisieren. Wie gesagt, dass liegt an einer zu engen Haltung von vielen Hunden, die sich mit nichts anderem als dem sozialen Geplänkel beschäftigen können. Und die ihr eigenes Selbstbewusstsein aufpolieren, indem sie ihre gesamte Energie gegen andere richten. Weil ihnen andere, das Selbstbewusstsein fördernde Beschäftigungen verwehrt bleiben. So etwas habe ich übrigens nur bei „gefangenen“ Hundegruppen beobachten können. Frei und selbstbestimmt lebende Hunde gehen so nicht miteinander um. Eben weil sie Freiräume haben, sich aus dem Weg gehen können und auch sporadische Gruppenbildungen jederzeit verlassen können.
Keine Möglichkeit der Gegenwehr
Diese Möglichkeit hatte mein Kundenhund nicht. Er wurde über Monate von den anderen Hunden, mit denen er auf engem Raum leben musste, böse zusammengebissen. Das hatte nichts mit „das machen die unter sich aus“ zu tun. Diese Haltung war schlichte Tierquälerei und der Hund wurde durch die ständige Unterdrückung und die Bisse der anderen Hunde traumatisiert. Er war nicht in der Lage sich zu wehren, konnte keine Strategien mehr zur Problemlösung entwickeln. Er wurde handlungsunfähig und ergab sich in sein Schicksal.
Unfähig selbstständig zu handeln
Das Trauma wirkte soweit nach, dass der Hund bei seinen späteren Besitzern bei jeder Begegnung mit einem Hund einfror, sich nicht mehr bewegen konnte, in jeder Form handlungsunfähig war.
Neues Selbstbewusstsein
Mit dem Aufbau von Selbstvertrauen über geeignete Beschäftigung mit Erfolgserlebnissen, mit Entspannungsprogrammen und dem etablieren eines hundgerechten Alltags und Umfelds, konnten wir nach vielen Wochen diese Handlungsunfähigkeit durchbrechen. Es war ein tolles Gefühl, als der Hund endlich bei einer Hundebegegnung den anderen Hund anbellte. Als er endlich wieder handlungsfähig war, eine Strategie hatte dem möglichen „Feind“ mitzuteilen, dass er nicht willenlos sei. Ich habe mich selten so über einen Hund gefreut, der einen anderen anbellt.
Endlich handlungsfähig = unerzogen?
Aber genau in dem Moment, als der Hund zum ersten Mal selbstständig handelnd einen anderen Hund anbellte, ließen vorbeigehende Passanten ihre Kommentare ab. Irgendwas von unerzogen, „nicht benehmen können“ etc. hörte ich da. Menschen sind immer mit schnellen, pauschalen Urteilen bei der Hand, wenn sie Hundeverhalten beurteilen. Bellen darf ein Hund nur auf Kommando – macht er es vermeintlich unerwünscht, benimmt er sich nicht, ist unerzogen etc. Dabei gibt es so viele Gründe für das Verhalten eines Hundes. Pauschale, mit simpelsten Vorurteilen behaftete Verhaltenseinschätzungen sind da fehl am Platze. Ob vom Passanten, Hundehalter oder auch Hundeprofi. Beim Profi sogar noch mehr. Hundeprofis, die pauschal von „nicht benehmen können“, „Grenzen setzen“ oder „mangelnder Führung“ reden, sind mir noch suspekter, bzw. unsympathischer als normale Passanten. Denn ein Profi sollte zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass nicht jeder bellende Hund pauschal unerzogen ist. Und vielleicht eine Geschichte hat…

Raus aus dem Schneckenhaus
Aber zurück zum traumatisierten Hund, bei dem ich froh war, dass er sich von seinem Schneckenhaus verabschiedete und wieder handlungsfähig wurde. Ja klar, ich höre schon wieder die Zweifler, die als Bedenkenträger die Befürchtung äußern, dass der Hund, nachdem er gelernt hatte wieder selbstständig zu handeln und sich durch bellen Hunde vom Hals halten zu können, sich nun zum Pöbler entwickeln könne. Nun, einmal davon abgesehen, dass die Gefahr geringer ist, als man glauben mag. Nicht alles, was ein Hund macht, nimmt überhand, wenn wir Menschen es nicht „in Grenzen“ halten. Wenn man trotzdem Anzeichen erkennt, dass der Hund die neu erworbene Handlungsfähigkeit übertreibt, kann man durch gezieltes Training das Verhalten z. B. umleiten. Das ist an dieser Stelle aber nicht das Thema. Wichtiger ist, dass man Hundeverhalten nicht pauschal beurteilt und auch Faktoren bedenkt, die einem nicht immer direkt in den Sinn kommen.
Endlich stört der Hund
Ein traumatisierter Hund ist vielleicht ruhig und „stört“ nicht. Aber bei allem was man über Traumata bei Säugetieren im Allgemeinen weiß, ist sein Allgemeinbefinden nicht gut. Er fühlt sich bescheiden.
Ich freue mich dann immer, wenn er nicht mehr ruhig ist und endlich stört. Dann fühlt er sich nämlich besser. Und das zählt für mich mehr als pauschal quatschende Passanten…

Kleine Pause

Klartext Hund macht Pause. Wegen vieler Projekte, die im Moment meine Aufmerksamkeit benötigen, mache ich eine kleine Pause bis Anfang nächs...