Mittwoch, 28. März 2012

Von Bedrohungen und Belästigungen die man Wesenstest nennt…

Wenn wir geboren werden gibt uns die Natur Mechanismen und Möglichkeiten mit auf den Lebensweg, uns gegen Bedrohungen zu verteidigen und zu schützen. Mit uns meine ich natürlich Menschen, aber auch alle Lebewesen (und hier vornehmlich die Säugetiere), die uns physiologisch stark ähneln. Säugetiere haben also natürliche Mechanismen zum Schutz der eigenen Unversehrtheit. Ich möchte diese Mechanismen hier nicht zu trocken und ausführlich beschreiben, aber verständlich einige einfache Grundlagen darlegen. Einfach ausgedrückt ist es so, dass wir Außenreize, die uns gefährlich werden können, z. B. durch unsere Augen wahrnehmen. Im Gehirn wird dann blitzschnell bewertet, wie wir auf diese Gefahr reagieren. Körpereigene Botenstoffe versetzen nach der Bewertung den Körper in den Zustand, der für weitere Handlungen wichtig ist. Welche Möglichkeiten bleiben mir? Muss ich kämpfen, kann ich fliehen? Oder war der Reiz gar nicht so bedrohlich, schwächt er sich schon wieder ab? War er vielleicht ein Zufall? Oder, wenn die Bedrohung von einem anderen Lebewesen ausging, macht dieses Lebewesen einen Rückzieher? War es nur eine Drohung, die mir mitteilen soll, dass das andere Wesen kämpfen kann, aber gar nicht möchte? Eine Situation ist also nicht immer eindeutig. Es kommt immer auf die Umstände an, aber auch wie das Gehirn eines Individuums eine vermeintliche Bedrohung wahrnimmt. Erfahrungen und Sozialisierungen spielen bei der Bewertung natürlich auch eine entscheidende Rolle. Als kleines Beispiel vorweg, bevor wir zum eigentlichen Thema kommen: Was denken Sie, wie ein Hund, der in seinem bisherigen Leben geschlagen und getreten wurde, auf Bedrängungen eines „Wesenstests“ reagiert? Aufgrund seiner Erfahrungen regieren muss? 
Wehren gegen Bedrohungen lebenswichtig
Wichtig ist hier die Feststellung, dass ein Mensch, ein Hund etc. sich bei eindeutigen Bedrohungen wehrt, von Natur aus wehren muss, um letztlich das eigene Überleben zu sichern. Wie erwähnt, wird natürlich im Gehirn die Intensität der Bedrohung abgewogen. Und eine Kontrolle der eigenen Abwehrreaktionen, wenn die Bedrohung nicht wirklich gefährlich ist, ist natürlich unabdingbar in einem funktionierenden sozialen Umfeld. Selbstverständlich kann man sich auch bis zu einem gewissen Punkt an eine vermeintlich bedrohliche Situation gewöhnen, wenn sie häufig auftritt und man lernt, dass die Folge nicht schmerzhaft oder schädigend ist. So weit so gut – wir sind also mit Abwehrmechanismen ausgestattet, setzen diese aber nur ein, wenn unser Gehirn dies für notwendig hält.
Als Bedrohung kann z. B. das plötzliche Öffnen eines Regenschirms direkt vor unserem Gesicht empfunden werden. Das dabei entstehende Geräusch und die sich blitzschnell vergrößernde Silhouette führt unweigerlich zu einer Aktivierung unseres Abwehrsystems – dem Stresshormonsystem. Nach der plötzlichen Änderung der Situation durch den Regenschirm wird blitzschnell zum Beispiel der körpereigene Botenstoff Adrenalin freigesetzt. Der führt zu einer stärkeren Durchblutung der Muskeln, die sich anspannen um kampfbereit zu sein. Das ist natürlich sehr vereinfacht ausgedrückt, auch weitere Botenstoffe und Vorgänge sind an diesem Mechanismus beteiligt. Auf jeden Fall führen diese biochemischen Vorgänge dazu, dass sich ein Säugetier verteidigen kann, oder eben flüchten – aber, um das auch noch einmal zu wiederholen: Die Gefährlichkeit des Reizes wird vom Gehirn sorgfältig abgewogen. Aufgrund der evolutionären Logik, nicht umsonst zu flüchten oder zu kämpfen – um so eine unnötige Energieverschwendung oder auch Beschädigung durch einen unnötigen Kampf zu verhindern.
Blitzschnell in Alarmbereitschaft
Die Botenstoffe, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen sind blitzschnell im Körper, wie erwähnt. Allerdings ist es nicht möglich, den Alarmzustand genauso schnell wieder zu verlassen. Adrenalin baut sich zwar relativ schnell wieder ab. Cortisol aber, welches ebenfalls an dem biochemischen Prozess der Alarmbereitschaft beteiligt ist und die Anspannung sowie den „Alarmmodus“ für einen längeren Zeitraum aufrecht erhält, bleibt länger im Körper. Schließlich könnte die Gefahr ja noch nicht vorüber sein, also hält sich der Körper eine Zeit lang weiter kampfbereit. Wie lange der Alarmzustand dauert und wie lange der Cortisolspiegel letztlich erhöht ist, hängt von vielen Faktoren ab. Von der Intensität des Schreckreizes z. B., aber auch von erlernten oder auch angeborenen persönlichen Eigenschaften eines Individuums. Für uns sollte an dieser Stelle wichtig sein, das die Rückführung in den Normalzustand, raus aus dem Alarmzustand, mehrere Stunden bis Tage dauern kann! Und in dem Zusammenhang ist die Erkenntnis ganz wichtig, dass in diesem angespannten Zustand folgende Störreize, die gar nichts mit dem Ausgangsreiz zu tun haben, wesentlich intensiver wahrgenommen  und auch beurteilt werden. Kleinigkeiten können dann überbewertet werden. Zur Verdeutlichung: Stellen Sie sich einmal vor, ihr Chef verdonnert Sie kurz vor Feierabend zu einer aufwändigen Arbeit. Wenn sie dann später Heim kommen und ihr Partner fragt, warum sie so spät kommen, kann es passieren, dass dieser ihren Ärger zu spüren bekommt. Stressauslöser war der Chef, die harmlose Frage ihres Partner führt zur Stresskompensation, ohne dass dieser weiß, was er verbrochen hat…
Alarmbereitschaft lässt nur langsam nach
Zurück zum Hund. Wird also ein Hund mit einem Schreckreiz (einem Stressor) konfrontiert, wie z. b. dem Regenschirm, wird sein Abwehrsystem aktiviert. Sein Gehirn beurteilt die Situation und wenn der Schirm erkannt wird und sich von ihm entfernt, wird er, sofern alle Mechanismen „normal“ ablaufen, die Situation so beurteilen, dass es keine wirkliche Gefahr ist. Wird der Hund allerdings weiter mit dem geöffneten Schirm bedrängt und damit berührt und belästigt, ist eine völlig normale Reaktion, dass dies als Angriff gegen die eigene Unversehrtheit vom Gehirn bewertet wird. Völlig normal wäre es, wenn ein Hund sich in einer solchen Situation wehrt und in den Schirm beißt. Wie gesagt, nicht schon bei einem plötzlichen Öffnen, sondern bei einem länger andauernden Bedrängen und Belästigen.
Aber sagen wir, ein Hund lässt diesen Schirm-Unfug über sich ergehen. Die erhöhte Alarmbereitschaft bleibt. Belästigt man den Hund dann in relativ kurzen Abständen mit weiteren bedrohlichen Aktionen, und das in unnatürlicher Intensität (z. B. bedrängen und belästigen durch Menschengruppen, ausladend gekleideten Menschen etc.) wird der Hund unglaublich gestresst. Und ganz schlimm ist dann noch, dass der Hund, wenn er diesen Stress und diese unnatürlich starken Störreize und Bedrohungen nicht durch Kampf und Aggression beseitigen kann oder möchte, nicht einmal fliehen kann, weil er entweder irgendwo angeleint wurde oder festgehalten wird. Und zu allem Überfluss steht der Besitzer, der menschliche Sozialpartner und die einzige Bezugsperson während dieser Tortur, irgendwo dabei und hilft dem Hund nicht in der bedrohlichen Situation. Was das für ein eigentlich gewünschtes Vertrauensverhältnis bedeutet, kann sich jeder an seien Fünf Fingern abzählen…
Listenhunde
Dieses Bedrängen und Belästigen mit Schirm etc. ist Bestandteil vieler „Wesens- oder Verhaltenstests“, wie sie von so genannten „Listenhunden“ in regional unterschiedlichen Formen durchgeführt werden müssen, um eine Befreiung von Maulkorb- und Leinenpflicht zu erwirken. Ebenfalls angewendet werden diese Wesenstests in einigen Regionen oder Gemeinden bei Hunden, die irgendwie auffällig wurden. Über meine Meinung zum Thema Listenhunde brauche ich mich an dieser Stelle nicht zu äußern. In einem anderen Artikel dieses BLOGS erkläre ich ja schon, warum ich diese Rasselisten zu angeblich gefährlichen Hunderassen als absolut unnötig erachte.
Unterschiedliche Wesenstests
Diese Wesenstests sind, wie erwähnt, regional (Bundesländer, Gemeinden etc.) unterschiedlich, allerdings enthalten viele die oben genannten komplett übertriebenen und unnatürlichen Belästigungen. Dabei hat die Reaktion eines Hundes auf derart schnell hintereinander ausgeführte, maßlos übertriebene Störreize nicht wirklich etwas mit seinem Wesen, seinem Charakter zu tun. Klar, wenn man mit einem Hund in der Öffentlichkeit ist, kann immer mal ein Schirm geöffnet werden, es können immer mal Menschengruppen den Weg kreuzen. Aber dass jemand einen Schirm öffnet und damit dann noch den Hund bedrängt, der Hund wenig später von einer Menschengruppe traktiert wird und kurz darauf noch von jemandem mit weiten Mantel und Krücken überfallen wird, ist doch arg übertrieben. Und wenn ich mit meinem Hund in eine solche Situation gerate, habe ich die Pflicht, ihn da heraus zu holen. Und zu verhindern, dass sich die Situation und der Stress „aufschaukelt“!
Sicher, man kann für Wesenstests trainieren, man kann über Gewöhnungseffekte arbeiten und man kann dem Hund beibringen, die natürlichen Impulse zu kontrollieren, die Frustrationstoleranz heraufsetzen etc. Trotzdem haben diese Wesenstest, wenn sie Bestandteile enthalten wie vorher beschrieben, nichts mit dem Wesen und Charakter eines Hundes zu tun. Um das Wesen eines Hundes seriös und ausführlich zu beurteilen, müsste sich ein „Wesenstester“ viel mehr Zeit nehmen und den Hund an verschiedenen Tagen und in verschiedenen Alltagssituationen mit Hund, Umfeld und seinen Menschen beschäftigen. Doch ein so aufgebauter Verhaltenstest ist finanziell und organisatorisch sicher schwer umzusetzen. Und wäre in meinen Augen nur notwendig, wenn ein Hund durch Beißattacken auffällig geworden ist. Die Einteilung in „Listenhunde“ und die Annahme deren automatischer Gefährlichkeit halte ich ja sowieso für mehr als fragwürdig. Und die Wesenstests für Listenhunde sowieso.
Also, Wesenstests wie sie oft durchgeführt werden, haben wenig mit dem Wesen zu tun. Sondern eher etwas mit Belästigung und einer unnötigen und unnormalen Aneinanderreihung von Bedrohungsreizen. Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich so belästigt würde, ich würde mich wehren…    

Sonntag, 25. März 2012

"Lasch erzogener Welpe" - Auflösung Quiz

Zum Quiz http://klartexthund.blogspot.de/2012/03/lasch-erzogener-welpe-was-wurde-aus-ihm.html

Gibt es folgende Auflösung:
Aus dem Welpen wurde ein erwachsener Wolfsrüde, der mit seiner Partnerin selbst erfolgreich Welpen aufgezogen hat. Die richtige Antwort wäre also: Ein Wolf.
Gewonnen hat: Jacqueline Herbst (Bitte per Email melden bzgl. Adresse für die Büchersendung)
Erläuterung:
Leider wird innerhalb der „Hundeszene“ (furchbares Wort übrigens, weil die Hunde in dieser Szene wenig zu sagen haben) ja jedes Wort und jeder Gedanke auf die Goldwaage gelegt. Darum möchte ich hier anmerken: Die Feststellung über die Erziehung von Wölfen untereinander soll nicht als Erziehungsmodell für unsere Haushunde dienen. Das wäre natürlich absurd. Natürlich sind die Umstände, unter denen unsere Hunde leben ganz anders, als die Umstände, die die Umwelt für freilebende Wölfe oder andere Hundeartige, sowie „frei“ lebender Haushunde bereithält. Das Quiz soll vielmehr auf etwas Spezielles hinweisen. Wenn „Hau-Drauf-Hundeexperten“ davon reden, dass Hunde untereinander auch nicht zimperlich seien. Wenn zudem noch von „artgerechter“ Behandlung etc. gesprochen wird, wenn ständig bestraft und unterdrückt wird, sollte man vielleicht einmal an unseren Wolf denken. Und sich vor Augen führen, dass es in der Natur eben nicht vorkommt, dass es nicht der Art entspricht, wenn ein Tier mit Rappelbüchsen beworfen wird oder vom Jagen abgehalten wird. Das kommt in der Natur nicht vor. Es kommt auch nicht vor, dass ein Individuum bestraft wird, wenn es das Territorium vor Eindringlingen beschützt, wenn es durch bellen warnt. In der Natur wird auch nicht an Leinen geruckt usw. Das hat alles nicht einmal im Ansatz etwas mit artgerecht oder natürlich zu tun. Das sind schlicht Methoden, die ein Lebewesen zum Roboter unterdrücken. Sonst nichts.
Es sei hier noch einmal erwähnt, dass eine Erziehung in unserer Gesellschaft wichtig ist und es leider nicht anders geht, Hunden in gewissen Situationen die Ausübung ihrer natürlichen Motivationen zu verbieten (z. b. die Jagd). Wie man das macht, darüber kann man diskutieren und es gibt viele Möglichkeiten, wenn man Lerntheorien und natürliche Verhaltensweisen kennt und umsetzt. Aber das „Wie“ soll hier nicht das Thema sein. 
Ich möchte hier nur zum Nachdenken anregen, wenn man mit Aussagen konfrontiert wird, die „eine härtere Gangart“ in der Hundeerziehung mit „artgerecht“, „machen die untereinander auch“ oder „natürlich“ kaschieren...   

Samstag, 24. März 2012

„Lasch“ erzogener Welpe. Was wurde aus ihm? – Ein kleines Quiz

Vor einigen Jahren beobachtete ich einige Welpen. Im Alter von wenigen Wochen gestand ihnen ihre Mutter eine gewisse Narrenfreiheit zu. Sie war streng, wenn es darum ging, sie in der Nähe ihres Geburtsorts zu halten. Das heißt, sie war streng, weil sie den Kleinen keine großen Ausflüge erlaubte. Sie rannte immer hinter ihnen her, wenn die Welpen in ihren Augen zu weit weg waren. Dann schleppte sie sie mit einer unbeschreiblichen Geduld wieder und wieder zurück. Selten, wenn sie mal ernsthaft genervt war, hielt sie den Nachwuchs fest, indem sie sich praktisch mit einer Pfote draufstellte und dabei auch knurrend „meckerte“. Aber meist war sie so geduldig, dass sie die Kleinen einfach immer nur zurückschleppte. Allerdings setzte sie in anderen Situationen klare Grenzen. Immer dann, wenn die Welpen zu wild im Spiel wurden, und mit zunehmendem Alter wurden sie auch zurechtgewiesen, wenn sie Mutters, oder auch Vaters Nahrung klauen wollten. Ich konnte speziell bei diesen Tieren aber nicht beobachten, dass die Elterntiere jemals ernsthaft grob wurden. Es wurde mal laut geknurrt, die Welpen mal weggedrückt oder gerempelt – das war es. Die frühe Welpenzeit war also gekennzeichnet von gelegentlichen Begrenzungen, aber im Prinzip recht vielen Freiheiten. Als die Welpen dann älter waren und einer von Ihnen dann mit seiner Familie auch Ausflüge unternahm und die Welt kennenlernte, änderte sich nicht wirklich viel für ihn. Ihm wurden nur dann Grenzen gesetzt, wenn er den Familienmitgliedern etwas streitig machen wollte. Ansonsten konnte er den lieben langen Tag machen, was er wollte. Fremden Artgenossen ging er aus dem Weg, er suchte mit diesen keine Konflikte und keine Auseinandersetzungen. Allerdings hatte er eine Jagdleidenschaft, die er oft und gerne gezielt einsetzte. Niemand war da, der ihm das verboten hätte. Unser Welpe, dessen Eltern fürsorglich, aber in bestimmten Situationen bestimmt waren, hatten für einen guten Start ins Leben gesorgt. Je älter der Welpe wurde, eroberte sich das Tier aber immer mehr Freiheiten. Freiheiten, die nur sehr selten begrenzt wurden. Knapp gesagt, war die Erziehung dieses Welpen mit sehr, sehr vielen Freiheiten verbunden und nur einigen, klaren Verboten. Wenn man das mit Erziehungsmethoden von Menschen untereinander  vergleicht, wurde das Tier mehr als antiautoritär erzogen. Fast schon laissez faire…  Hier stellt sich jetzt eine Frage: Kann sich ein Welpe unter den Umständen so entwickeln, wie es die Natur vorgesehen hat? Oder wird er zu einem „dominanten“ und aggressiven Monster? Was wird aus einem Welpen, der dermaßen „lasch“ erzogen wird?
Ich habe diesen Welpen einige Jahre später als erwachsenes Tier wiedergesehen und konnte das Ergebnis seiner Erziehung sehen. Ich denke, das was aus ihm wurde ist eine schöne Grundlage für ein kleines Quiz.
Hier die Frage:
Was wurde aus dem Welpen?
Zwei kleine Tipps: Die Frage ist recht kurz zu beantworten. Wenige Worte reichen schon. Und lesen sie den Text ganz genau...
Wer die Frage als erster richtig beantwortet, bekommt ein Exemplar meines Buches „Wer ist hier der Schlaumeier“ (der Rechtsweg ist natürlich ausgeschlossen).
Tragen Sie Ihre Antwort bitte in der Kommentarfunktion ein. Anonyme Einträge können nicht berücksichtigt werden.
Viele Spaß beim Raten und vor allem beim Nachdenken. Ich bin mir sicher, die Antwort wird Sie überraschen.

Das Quiz wurde gelöst und ist beendet.
Auflösung hier:

http://klartexthund.blogspot.de/2012/03/lasch-erzogener-welpe-auflosung-quiz.html



Mittwoch, 7. März 2012

Ruhepol im Chaos

Golden Retriever Karli sollte ein „Problemhund“ sein. Sein Frauchen rief mich an und bat um meine Hilfe, weil er immer jagen und nicht „hören“ würde, obwohl sie, Frau A., und ihr Mann, alles versucht hätten, ihn davon abzubringen. Gut, ein normaler Fall, dachte ich und erschien zum verabredeten Termin bei der Familie mit ihrem Goldie und seinen vermeintlichen Problemen. Karli lebte mit seiner Familie, Vater und Mutter A., deren drei Töchtern (3, 5, und 7 Jahre alt) in einem recht neuen Einfamilienhaus in einem Wohngebiet am Rande einer Stadt. Als ich nun am Tor des eingezäunten Grundstücks schellte, kam sofort ein bellender Yorkshire Terrier auf mich zugerannt. Merkwürdig, dachte ich bei mir, anscheinend muss ich diese Hundebesitzer zunächst in Rassekunde schulen ...
Direkt hinter dem kleinen Terrier kam aber auch schon Frau A. angaloppiert, die auf Ihrem Weg zum Tor bereits ein Gespräch mit mir beginnen wollte. Aufgrund der zunächst noch größeren Entfernung tat sie dies in einem relativ lauten Ton, sodass es sich ähnlich anhörte wie das Bellen des Yorkis. Es war also ein bereits recht hektischer Empfang, bis Frau A. schließlich am Tor war und mir öffnete. Ich gab ihr die Hand und betrat den Hof. Der Yorkshire Terrier, eine Hündin mit Namen Paulinchen, wollte sich damit aber nicht abfinden und drohte mir sehr offensichtlich, um mir mitzuteilen, dass ich mich nicht noch weiter in ihr Territorium wagen sollte.
„Beachten Sie Kleine nicht, die freut sich so, dass sie da sind. Sie zwickt manchmal etwas, will aber nur spielen“, sagte Frau A. Es war natürlich Unsinn, der kleine Hund wollte nicht spielen, sondern schlicht das Familienterritorium verteidigen. In seinen Augen war Frau A. dazu anscheinend nicht in der Lage – und ich konnte den Hund jetzt schon irgendwie verstehen. Wenn ich normalerweise Grundstücke mit einem so eindeutig drohenden Hund betrete, bitte ich meist die Besitzer, das Tier zu sichern, und beachte den Hund nicht. Ich schaue ihn also nicht an, damit er sich nicht noch zusätzlich, bedroht fühlt. Ich muss allerdings zugeben, dass ich diesen Yorki nicht wirklich ernst nahm und auf die Sicherung durch die Besitzerin verzichtete. Ist ja „nur“ ein Yorkshire Terrier …
Paulinchen umkreiste mich also laut kläffend, startete immer mal wieder kurze Scheinattacken in Richtung meiner Schuhe, während ich mit der Frau, die ebenfalls kläffend („AUS, Paulinchen; AUS, Paulinchen“) vor mir eine kleine Treppe zum Hauseingang hinaufging. Plötzlich spürte ich ein merkwürdiges Gefühl in der Wade. Es fühlte sich irgendwie so an, als wenn man beim Arzt eine Nadel zur Blutabnahme gesetzt bekommt, allerdings an vier Stellen gleichzeitig, und der Arzt kurz vor dem Eindringen der Nadel in die Haut wieder abbricht. Kurz gesagt, Paulinchen, die mich auf der Treppe nicht mehr umkreisen konnte, startete den Generalangriff, wohl aus der Erfahrung heraus, dass die Menschen auf der Treppe recht unsicher im Stand sind. Eine kuriose Situation. Vor mir das kläffende Frauchen und hinten den Terrier in den Waden. Der Hundepsychologe hatte die Situation voll im Griff …
Unbemerkt vom Frauchen blieb ich nach Paulinchens Attacke kurz auf der Treppe stehen, drehte mich um und schaute den Hund, entgegen meinem normalen Verhalten bei einem Erstbesuch, böse an und starrte Paulinchen auch direkt in die Augen. Die kleine Hündin verstand mich sofort; sie stellte ihre Angriffe ein, hörte auf zu bellen und hielt einen gewissen Abstand zu mir. Sie war kein „böser“ Hund, und sie wollte natürlich auch nicht „spielen“. Sie wollte den Eindringling aus dem Revier verscheuchen, weil es sonst niemand machte. Ich habe ihr mit einem Blick zu verstehen gegeben, dass ich mich nicht verscheuchen lasse und selbstbewusst genug bin, mich mit ihr anzulegen. Darauf wollte sie es jedoch nicht ankommen lassen. An dieser Stelle sei natürlich eindringlich darauf hingewiesen: Bitte nicht bei Nachbars Rottweiler nachmachen, wenn der wie Paulinchen das Revier verteidigen möchte! Droht ein Hund, ist es das Beste, ihn nicht anzuschauen, ihn zu ignorieren und auch keine Bewegungen in seine Richtung zu machen! Ich musste in diesem Fall aber erst einmal die kleine Terrierdame aus meinen Waden verbannen, um mich in Ruhe den weiteren Problemen der Familie A. widmen zu können. Eigentlich war ich ja wegen eines Golden Retrievers dort. Aber einen Hund dieser Rasse hatte ich noch nicht erblickt, bis auf die kleine Wadenbeißerin konnte ich noch keinen anderen Vierbeiner entdecken. Das sollte sich ändern, als ich von Frau A. ins Haus geführt wurde. Dort lag nämlich, friedlich und ruhig, der Goldie mit Namen Karli in einem dieser Kunststoff-Körbchen, die mich immer mehr an eine Waschküche als an einen Hundeschlafplatz erinnern. Nun gut, menschliche Modeerscheinungen haben wir ja schon besprochen.
Der „Problemhund“ Karli lag also friedlich da, während der erklärte Liebling der Familie, Hündin Paulinchen, sich langsam wieder in meine Nähe traute, konnte sie mich im Haus doch wieder umkreisen. Wenn ich nicht genau gewusst hätte, dass ich wegen Karli bei der Familie war, hätte ich Paulinchen eher als den Hund angesehen, der Probleme verursacht.
Ich setzte mich an den Wohnzimmertisch, an dem schon der Rest der Familie versammelt war. Als Hundepsychologe fülle ich normalerweise bei diesen Erstgesprächen gemeinsam mit den Hundebesitzern einen Fragebogen aus, um mich den Menschen, den Hunden und ihren Problemen anzunähern. Dies versuchte ich auch bei Familie A. Allerdings gestaltete sich das Gespräch ungewöhnlich schwierig. Als ich die erste Frage stellte, eine zunächst einleitende, einfache Frage nach dem Namen des Hundes, begann Frau A. zu reden und erläuterte bereits von sich aus alles, was sie sagen wollte. Sie tat dies in einer sehr schnellen, aufgeregten Art und einem sehr hohen Tonfall. Zusätzlich sprach sie ohne Punkt und Komma, und es schien so, als würde sie das Einatmen während ihres Redeschwalls vergessen. Ich versuchte höflich, die Informationen zu ordnen, was mir aber nicht gelang. Überfordert von der Rede der Frau bekam ich nicht richtig mit, dass sie zwischendurch ihren Mann beschuldigte, an allen Problemen schuld zu sein. Herr A. sah sich allerdings genötigt, sich lauthals zu verteidigen. Zusätzlich wurden jetzt die Kinder unruhig. Sie erhoben sich von ihren Sitzplätzen. Die kleinste Tochter setzte sich auf eine Art Dreirad und raste um uns herum, die mittlere Tochter fragte wiederkehrend und lauter werdend, wann sie denn nun endlich Fernsehen könne, und die älteste Tochter wollte nicht minder energisch wissen, ob sie denn jetzt ins Internet dürfe. Und als ob die Situation nicht schon chaotisch genug gewesen wäre, stand Paulinchen noch hinter der Szenerie und kläffte. Frau A. mit ihrer Sirenen- Stimme, die sich ohne Atempause mit ihrem Mann stritt (oder erläuterte sie mir das Hundeproblem?), kreischende und quengelnde Kinder sowie eine bellende Yorkshire Terrier Dame – und mitten drin der Hundepsychologe, dem der Kopf zu platzen drohte: Hier stellte ich mir ernsthaft die Frage, ob ein Humanpsychologe nicht der bessere Ansprechpartner für Familie A. wäre. Es war keine schöne Situation für mich; einerseits gingen mir der Lärm und die Hektik dieser Situation gehörig auf die Nerven, auf der anderen Seite war ich derjenige, der hier die Contenance wahren sollte. Zum Glück wurde ich von Karli erlöst. Der Goldie, der „Problemhund“, stand von seinem Platz auf, schaute in Richtung der Chaosfamilie und bellte einmal. Durchdringend, tief und laut. Nur ein einziges Mal und es war Ruhe. Danke, dachte ich bei mir, das einzig normale Lebewesen in diesem Haus hat ein Machtwort gesprochen! „Sehen Sie“, sagte Frau A., „wie frech der ist?“ Der Hund hatte nur kurz und knapp gebellt und wurde als frech bezeichnet, der dauerkläffende Yorki toleriert und die Kinder wurden nicht beachtet. Der Einzige, der hier nicht frech war, wurde als solches betitelt – das sind die Momente, in denen ich meine Artgenossen, die Menschen, nicht mehr verstehen kann …
Ich möchte an dieser Stelle nicht zu sehr auf die Probleme der Familie eingehen, aber letztlich erklärt es sich schon von selbst, dass Karli natürlich kein Problemhund war. Das Chaos um ihn herum, die Unruhe im täglichen Leben sowie ein unterschiedlicher Blickwinkel auf die beiden Hunde waren die Gründe, die ihn zum Problem zu machen schienen. Der eigentliche Anlass für meine Anwesenheit – sein angeblicher Jagdtrieb und dass er draußen „nicht hören könne“ – erwies sich bei einem gemeinsamen Spaziergang auch als eher unbedeutend. Karli scheuchte lediglich Krähen auf und buddelte in Mauselöchern. Die potentielle Beute wurde von ihm aber nicht weiter beachtet. Rehe und Hasen konnten seinen Weg direkt kreuzen, er blieb ähnlich gelassen wie bei dem Chaos-Gespräch im Wohnzimmer. Sein einziger „Fehler“ war es, dass er, wenn er ein Mauseloch entdeckte, wie ein Besessener zu graben begann und sich nicht mehr davon abbringen ließ. Das war der unkontrollierbare Jagdtrieb, der ihn, laut seiner Familie, zum Problemhund machte. Um ihn davon anzubringen, brüllte übrigens die ganze Familie auf ihn ein. Frauchen wieder mit ihrer Sirenenstimme und ohne Atemunterbrechung, die Kinder, die ihre Mutter schon erstaunlich gut nachahmen konnten, und natürlich Paulinchen, die die Szenerie kläffend begleitete. Da sich Karli bei diesem Chaos im wahrsten Sinne des Wortes ein „dickes Fell“ zugelegt hatte, hörte er einfach nicht mehr hin, wenn er mit Worten bombardiert wurde; er schaltete mental ab, was ich bei dem Umfeld absolut verstehen konnte. Da ich das Graben nach Mäusen nicht als Problem ansehe, rate ich Kunden häufig, dies zuzulassen. Es entspricht einer ganz natürlichen Beschäftigung des Hundes und macht ihm ganz einfach Spaß. Für den Fall, dass man eine solche Handlung doch einmal abbrechen möchte oder muss – sei es, um den Garten des Nachbarn vor einer Verwüstung zu schützen, oder weil am Horizont langsam die Sonne untergeht und man nach Hause möchte, der Hund aber immer noch dabei ist, sich nach Neuseeland zu graben –, kann man ein entsprechendes Verhalten trainieren. Bei Karli, der von Natur als „dauerhungrig“ bezeichnet werden konnte, hatten wir ein leichtes Spiel, ihm ein Abbruchsignal beizubringen. Wir einigten uns auf ein Wort, welches nur in dieser Situation gesagt wurde. Ließ der Hund von seinem Tun ab, wurde er mit einem ganz speziellen, seinem liebsten Leckerchen belohnt. Mit einem konsequenten und über einen längeren Zeitraum durchgeführten Training war es kein Problem mehr, Karli mit einem Wort vom Buddeln abzubringen. Jetzt konnte er sogar so gut hören, dass er den Befehl schon verstand, wenn er noch nicht einmal Frauchens Lippen verlassen hatte. Karli lernte schnell, allerdings musste ich im Training weitaus mehr auf seine Besitzer achten, die immer wieder in ihr altes Muster verfielen, gemeinsam und laut auf den Hund einzureden. Das Wichtigste in diesem Fall war, die sich stets gegenseitig hochschaukelnden Menschen zur Ruhe zu bringen. Herr und Frau A. mussten lernen, dass in der Ruhe, in der Entspannung die Kraft und der Erfolg liegen. Nachdem Familie A. dies beherzigt hatte, stellte sich ein schöner Erfolg im Training mit Karli ein. Aber es gab noch einen Erfolg. Ein weiteres Familienmitglied profitierte von der plötzlichen Ausgeglichenheit im Hause A.
Wenn ich jetzt zu einem Besuch vorbeischaue, um den Frieden zu „kontrollieren“, beißt mich kein Terrier in die Waden. Paulinchen liegt ebenfalls entspannt neben ihrem Kumpel Karli, der jetzt nicht mehr der ruhende Pol in einer Chaosfamilie sein muss.
___________________________________________
Diese und weitere Geschichten aus meinem Alltag mit Hunden und Menschen finden Sie hier:




Alle Zeichnungen von Zapf:

Richtiges korrigieren mit der Wasserpistole

Wenn Hunde gegenüber Artgenossen Aggressionen zeigen, kann das viele Gründe haben. Wenn man den vielfältigen Gründen mit pauschalen Techni...