Von Bedrohungen und Belästigungen die man Wesenstest nennt…

Wenn wir geboren werden gibt uns die Natur Mechanismen und Möglichkeiten mit auf den Lebensweg, uns gegen Bedrohungen zu verteidigen und zu schützen. Mit uns meine ich natürlich Menschen, aber auch alle Lebewesen (und hier vornehmlich die Säugetiere), die uns physiologisch stark ähneln. Säugetiere haben also natürliche Mechanismen zum Schutz der eigenen Unversehrtheit. Ich möchte diese Mechanismen hier nicht zu trocken und ausführlich beschreiben, aber verständlich einige einfache Grundlagen darlegen. Einfach ausgedrückt ist es so, dass wir Außenreize, die uns gefährlich werden können, z. B. durch unsere Augen wahrnehmen. Im Gehirn wird dann blitzschnell bewertet, wie wir auf diese Gefahr reagieren. Körpereigene Botenstoffe versetzen nach der Bewertung den Körper in den Zustand, der für weitere Handlungen wichtig ist. Welche Möglichkeiten bleiben mir? Muss ich kämpfen, kann ich fliehen? Oder war der Reiz gar nicht so bedrohlich, schwächt er sich schon wieder ab? War er vielleicht ein Zufall? Oder, wenn die Bedrohung von einem anderen Lebewesen ausging, macht dieses Lebewesen einen Rückzieher? War es nur eine Drohung, die mir mitteilen soll, dass das andere Wesen kämpfen kann, aber gar nicht möchte? Eine Situation ist also nicht immer eindeutig. Es kommt immer auf die Umstände an, aber auch wie das Gehirn eines Individuums eine vermeintliche Bedrohung wahrnimmt. Erfahrungen und Sozialisierungen spielen bei der Bewertung natürlich auch eine entscheidende Rolle. Als kleines Beispiel vorweg, bevor wir zum eigentlichen Thema kommen: Was denken Sie, wie ein Hund, der in seinem bisherigen Leben geschlagen und getreten wurde, auf Bedrängungen eines „Wesenstests“ reagiert? Aufgrund seiner Erfahrungen regieren muss? 
Wehren gegen Bedrohungen lebenswichtig
Wichtig ist hier die Feststellung, dass ein Mensch, ein Hund etc. sich bei eindeutigen Bedrohungen wehrt, von Natur aus wehren muss, um letztlich das eigene Überleben zu sichern. Wie erwähnt, wird natürlich im Gehirn die Intensität der Bedrohung abgewogen. Und eine Kontrolle der eigenen Abwehrreaktionen, wenn die Bedrohung nicht wirklich gefährlich ist, ist natürlich unabdingbar in einem funktionierenden sozialen Umfeld. Selbstverständlich kann man sich auch bis zu einem gewissen Punkt an eine vermeintlich bedrohliche Situation gewöhnen, wenn sie häufig auftritt und man lernt, dass die Folge nicht schmerzhaft oder schädigend ist. So weit so gut – wir sind also mit Abwehrmechanismen ausgestattet, setzen diese aber nur ein, wenn unser Gehirn dies für notwendig hält.
Als Bedrohung kann z. B. das plötzliche Öffnen eines Regenschirms direkt vor unserem Gesicht empfunden werden. Das dabei entstehende Geräusch und die sich blitzschnell vergrößernde Silhouette führt unweigerlich zu einer Aktivierung unseres Abwehrsystems – dem Stresshormonsystem. Nach der plötzlichen Änderung der Situation durch den Regenschirm wird blitzschnell zum Beispiel der körpereigene Botenstoff Adrenalin freigesetzt. Der führt zu einer stärkeren Durchblutung der Muskeln, die sich anspannen um kampfbereit zu sein. Das ist natürlich sehr vereinfacht ausgedrückt, auch weitere Botenstoffe und Vorgänge sind an diesem Mechanismus beteiligt. Auf jeden Fall führen diese biochemischen Vorgänge dazu, dass sich ein Säugetier verteidigen kann, oder eben flüchten – aber, um das auch noch einmal zu wiederholen: Die Gefährlichkeit des Reizes wird vom Gehirn sorgfältig abgewogen. Aufgrund der evolutionären Logik, nicht umsonst zu flüchten oder zu kämpfen – um so eine unnötige Energieverschwendung oder auch Beschädigung durch einen unnötigen Kampf zu verhindern.
Blitzschnell in Alarmbereitschaft
Die Botenstoffe, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen sind blitzschnell im Körper, wie erwähnt. Allerdings ist es nicht möglich, den Alarmzustand genauso schnell wieder zu verlassen. Adrenalin baut sich zwar relativ schnell wieder ab. Cortisol aber, welches ebenfalls an dem biochemischen Prozess der Alarmbereitschaft beteiligt ist und die Anspannung sowie den „Alarmmodus“ für einen längeren Zeitraum aufrecht erhält, bleibt länger im Körper. Schließlich könnte die Gefahr ja noch nicht vorüber sein, also hält sich der Körper eine Zeit lang weiter kampfbereit. Wie lange der Alarmzustand dauert und wie lange der Cortisolspiegel letztlich erhöht ist, hängt von vielen Faktoren ab. Von der Intensität des Schreckreizes z. B., aber auch von erlernten oder auch angeborenen persönlichen Eigenschaften eines Individuums. Für uns sollte an dieser Stelle wichtig sein, das die Rückführung in den Normalzustand, raus aus dem Alarmzustand, mehrere Stunden bis Tage dauern kann! Und in dem Zusammenhang ist die Erkenntnis ganz wichtig, dass in diesem angespannten Zustand folgende Störreize, die gar nichts mit dem Ausgangsreiz zu tun haben, wesentlich intensiver wahrgenommen  und auch beurteilt werden. Kleinigkeiten können dann überbewertet werden. Zur Verdeutlichung: Stellen Sie sich einmal vor, ihr Chef verdonnert Sie kurz vor Feierabend zu einer aufwändigen Arbeit. Wenn sie dann später Heim kommen und ihr Partner fragt, warum sie so spät kommen, kann es passieren, dass dieser ihren Ärger zu spüren bekommt. Stressauslöser war der Chef, die harmlose Frage ihres Partner führt zur Stresskompensation, ohne dass dieser weiß, was er verbrochen hat…
Alarmbereitschaft lässt nur langsam nach
Zurück zum Hund. Wird also ein Hund mit einem Schreckreiz (einem Stressor) konfrontiert, wie z. b. dem Regenschirm, wird sein Abwehrsystem aktiviert. Sein Gehirn beurteilt die Situation und wenn der Schirm erkannt wird und sich von ihm entfernt, wird er, sofern alle Mechanismen „normal“ ablaufen, die Situation so beurteilen, dass es keine wirkliche Gefahr ist. Wird der Hund allerdings weiter mit dem geöffneten Schirm bedrängt und damit berührt und belästigt, ist eine völlig normale Reaktion, dass dies als Angriff gegen die eigene Unversehrtheit vom Gehirn bewertet wird. Völlig normal wäre es, wenn ein Hund sich in einer solchen Situation wehrt und in den Schirm beißt. Wie gesagt, nicht schon bei einem plötzlichen Öffnen, sondern bei einem länger andauernden Bedrängen und Belästigen.
Aber sagen wir, ein Hund lässt diesen Schirm-Unfug über sich ergehen. Die erhöhte Alarmbereitschaft bleibt. Belästigt man den Hund dann in relativ kurzen Abständen mit weiteren bedrohlichen Aktionen, und das in unnatürlicher Intensität (z. B. bedrängen und belästigen durch Menschengruppen, ausladend gekleideten Menschen etc.) wird der Hund unglaublich gestresst. Und ganz schlimm ist dann noch, dass der Hund, wenn er diesen Stress und diese unnatürlich starken Störreize und Bedrohungen nicht durch Kampf und Aggression beseitigen kann oder möchte, nicht einmal fliehen kann, weil er entweder irgendwo angeleint wurde oder festgehalten wird. Und zu allem Überfluss steht der Besitzer, der menschliche Sozialpartner und die einzige Bezugsperson während dieser Tortur, irgendwo dabei und hilft dem Hund nicht in der bedrohlichen Situation. Was das für ein eigentlich gewünschtes Vertrauensverhältnis bedeutet, kann sich jeder an seien Fünf Fingern abzählen…
Listenhunde
Dieses Bedrängen und Belästigen mit Schirm etc. ist Bestandteil vieler „Wesens- oder Verhaltenstests“, wie sie von so genannten „Listenhunden“ in regional unterschiedlichen Formen durchgeführt werden müssen, um eine Befreiung von Maulkorb- und Leinenpflicht zu erwirken. Ebenfalls angewendet werden diese Wesenstests in einigen Regionen oder Gemeinden bei Hunden, die irgendwie auffällig wurden. Über meine Meinung zum Thema Listenhunde brauche ich mich an dieser Stelle nicht zu äußern. In einem anderen Artikel dieses BLOGS erkläre ich ja schon, warum ich diese Rasselisten zu angeblich gefährlichen Hunderassen als absolut unnötig erachte.
Unterschiedliche Wesenstests
Diese Wesenstests sind, wie erwähnt, regional (Bundesländer, Gemeinden etc.) unterschiedlich, allerdings enthalten viele die oben genannten komplett übertriebenen und unnatürlichen Belästigungen. Dabei hat die Reaktion eines Hundes auf derart schnell hintereinander ausgeführte, maßlos übertriebene Störreize nicht wirklich etwas mit seinem Wesen, seinem Charakter zu tun. Klar, wenn man mit einem Hund in der Öffentlichkeit ist, kann immer mal ein Schirm geöffnet werden, es können immer mal Menschengruppen den Weg kreuzen. Aber dass jemand einen Schirm öffnet und damit dann noch den Hund bedrängt, der Hund wenig später von einer Menschengruppe traktiert wird und kurz darauf noch von jemandem mit weiten Mantel und Krücken überfallen wird, ist doch arg übertrieben. Und wenn ich mit meinem Hund in eine solche Situation gerate, habe ich die Pflicht, ihn da heraus zu holen. Und zu verhindern, dass sich die Situation und der Stress „aufschaukelt“!
Sicher, man kann für Wesenstests trainieren, man kann über Gewöhnungseffekte arbeiten und man kann dem Hund beibringen, die natürlichen Impulse zu kontrollieren, die Frustrationstoleranz heraufsetzen etc. Trotzdem haben diese Wesenstest, wenn sie Bestandteile enthalten wie vorher beschrieben, nichts mit dem Wesen und Charakter eines Hundes zu tun. Um das Wesen eines Hundes seriös und ausführlich zu beurteilen, müsste sich ein „Wesenstester“ viel mehr Zeit nehmen und den Hund an verschiedenen Tagen und in verschiedenen Alltagssituationen mit Hund, Umfeld und seinen Menschen beschäftigen. Doch ein so aufgebauter Verhaltenstest ist finanziell und organisatorisch sicher schwer umzusetzen. Und wäre in meinen Augen nur notwendig, wenn ein Hund durch Beißattacken auffällig geworden ist. Die Einteilung in „Listenhunde“ und die Annahme deren automatischer Gefährlichkeit halte ich ja sowieso für mehr als fragwürdig. Und die Wesenstests für Listenhunde sowieso.
Also, Wesenstests wie sie oft durchgeführt werden, haben wenig mit dem Wesen zu tun. Sondern eher etwas mit Belästigung und einer unnötigen und unnormalen Aneinanderreihung von Bedrohungsreizen. Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich so belästigt würde, ich würde mich wehren…    

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