Mittwoch, 30. Juli 2014

Plädoyer für einen Hund ohne Lobby...

Obwohl dies ein Blog ist, der sich in erster Linie mit Haushunden beschäftigt, erlauben Sie mir, hier einmal einen bei uns heimischen Wildhund zu erwähnen, der gnadenlos verfolgt und getötet wird. Erlauben Sie mir ein Plädoyer für ein Lebewesen, welches kaum jemand kennt – welches aber in Deutschland leider viel Leid erfährt: Der Marderhund.

Der Marderhund ist eine kleine Wildhundeart, die ursprünglich in Ostasien beheimatet ist. In den 1920er Jahren wurde er wegen seines Pelzes westlich des Ural ausgesetzt. Von dort breitete sich der kleine Hund rasch nach Westen aus, so dass 1962 das erste Exemplar in Deutschland (Dresden) nachgewiesen wurde.
Heimliches Tier
Der Marderhund ist ein sehr heimliches Tier, welches für seine Aktivitäten die Nacht bevorzugt und deshalb kaum gesichtet wird. Selbst Jäger bekommen ihn selten zu Gesicht. Und wenn, erschießen sie ihn direkt...
(c) Fotolia - Antje Lindert-Rottke
Warum tun sie das und ist es überhaupt nötig? Nun, zunächst zählt der Marderhund in unseren Breiten zu den Neozoen. Das sind Tiere, die von Menschen unabsichtlich oder vorsätzlich in fremde Ökosysteme eingebracht wurden.
In jedem Ökosystem gibt es Raubtiere und Beutetiere, die sich durch langes Zusammenleben evolutionär in ihrem Verhalten aufeinander abgestimmt haben. So kommt es in der Natur nicht vor, dass ein Raubtier seine Beutetiere ausrottet, weil dann die eigene Art gefährdet wäre. Durch nahrungsbedingte Geburtenkontrolle und z. B. Inzuchtvermeidung passt sich das Raubtier / Beutetierverhältnis immer wieder an. Bringt man allerdings ein Raubtier in ein völlig anderes Ökosystem, in eine System, dass Raubtiere vielleicht gar nicht so gut kennt, kann sicher ein Ungleichgewicht entstehen. So zum Beispiel durch Füchse, die von Menschen in Australien angesiedelt wurden, um die Kaninchen zu bekämpfen, die ebenfalls von Menschen dort eingeschleppt wurden. Kaninchen und Füchse kennen sich aber lange und können miteinander umgehen. Die Beuteltiere Australien allerdings, die solche geschickten Beutegreifer wie den Fuchs nicht kannten, hatten natürlich einen Nachteil gegenüber diesen. Wer nun allerdings für den dadurch verursachten Artenrückgang verantwortlich gemacht werden sollte, liegt auf der Hand. Nicht der unschuldige Fuchs, sondern die Menschen, die ihn in diesen fremden Lebensraum brachten.
Ökologische Schäden durch den Marderhund?
Aber kann der Marderhund bei uns die gleichen Ökologischen Schäden anrichten wie der Fuchs in Australien? Um es vorwegzunehmen: Trotz anderer Darstellungen der Jägerschaft und einiger Schlagzeilen in Tageszeitungen, es gibt noch keine gesicherten Forschungsergebnisse die dies bestätigen und vieles deutet darauf hin, das es diese Forschungsergebnisse so auch nicht geben wird. Es sieht so aus, als käme unsere Umwelt mit diesem Neubürger zurecht, auch ohne weitere menschliche Eingriffe.
Natur reguliert sehr effizient – Jäger können das nicht
Bevor man weiter darüber nachdenkt, wie gefährlich der Marderhund für unsere Fauna sein könnte, sollte man sich einmal näher anschauen, wie dieses Tier lebt. Nun, wie wir wissen ist der Marderhund ein Vertreter der hundeartigen Tiere. Er ist also nah verwandt mit einheimischen Vertretern wie Fuchs und Wolf. Aber weltweit gibt es noch weit mehr Vertreter dieser Tierfamilie wie z. B. nordamerikanische Kojoten oder afrikanische Schakale. Alle diese Hunde haben eines gemeinsam: Sie sind keine Einzelgänger sondern leben mindestens in einer monogamen “Ehe”, meist aber in einem komplexen Sozialsystem. Bei den meisten Hundeartigen bleiben zudem gerne Jungtiere aus dem Wurf des Vorjahres bei den Eltern, wenn diese neue Junge aufziehen. Bei Wölfen sind dies Rüden und Fähen, bei Füchsen dagegen bleiben meist nur die jungen Fähen länger im Territorium der Eltern, bevor sie später abwandern um sich ein eigenes Revier und einen Partner zu suchen. Viele junge Fähen bleiben aber auch lange Zeit im Revier der Eltern, und verlassen dieses erst, wenn die Nahrung einmal knapp wird. Dies hat einen tieferen Sinn. So reguliert die Natur die Bestände der Raubtiere. Fuchsväter decken ihre eigenen Töchter nicht, und so werden wenige Fähen gedeckt, wenn ein intaktes Reviersystem besteht. Wird dieses Reviersystem durch Menschen zerstört, das heißt es werden unkontrolliert Tiere abgeschossen, erhöht sich die Reproduktionsrate der Füchse drastisch. Wenn z. B. die Fuchsmutter erschossen wird, wandert der Vater ab und sucht sich ein neues Weibchen, während junge Rüden in sein bisheriges Revier eindringen können und die Fähen decken, die normal nicht gedeckt worden wären. Dies ist nur ein Beispiel, gleiches gilt natürlich auch für einen Abschuss des Vaters. Auch dann fehlt dieser im heimischen Territorium, Jungfüchse können einwandern und die nicht mit ihnen verwandten Fähen decken. Der Verlust eines Fuchses führt also zu einer weitaus größeren Reproduktionsrate.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Selbstregulierung beim Fuchs ist natürlich das Nahrungsangebot im Revier. Ist z. B. in und nach einem extremen Winter das Angebot an Mäusen gering, wird eine körperlich geschwächte Füchsin wesentlich weniger Welpen gebären als in guten Mäusejahren. Die Mäusepopulation kann sich erholen, und der natürliche Kreislauf nimmt seinen Gang.
Man sieht also, dass Füchse ihren Bestand durch ein Reviersystem, Inzuchtvermeidung und “Geburtenkontrolle” selbst regulieren und eine Bejagung durch den Menschen nicht notwendig ist. Das gilt nach langer Forschung inzwischen als wissenschaftlich glaubhaft belegt.
Marderhund wird durch die Natur reguliert
Warum sollte es beim Verwandten des Fuchses, dem Marderhund anders sein? Nun, eigentlich weiß niemand so recht, ob es beim Marderhund wirklich anders ist als beim Fuchs. Nach all meinen Erfahrungen mit Caniden (Hundeartigen) gibt es keinen vernünftigen Grund zu der Annahme, dass der Marderhund ein völlig anderes Leben führt. Die Marderhundforschung steckt im Mitteleuropa zwar noch in den Kinderschuhen, aber es gibt inzwischen eine Reihe von Studien um dieses Tier besser zu verstehen und um festzustellen, ob es der heimischen Fauna so stark schadet wie angenommen.
Betrachten wir einmal verbreitete Meinungen zum Thema Marderhund: Oft wird geschrieben, dass Marderhunde kein ausgeprägtes Reviersystem hätten. Dies ist aber nicht durch Forschung belegt und beruht auf Annahmen. Aber diese Annahmen müssen schon deshalb angezweifelt werden, weil der Marderhund ein Vertreter der Hundeartigen ist. Und der Erfolg dieser Tierfamilie beruht nicht zuletzt auf einem ausgeprägten Reviersystem. Sicherlich ist die Annahme, dass auch Marderhunde in einem festen Revier leben wesentlich näher an der Wahrheit als andere, nicht belegte Behauptungen. Und man kann nach allen Erfahrungen in der Hundewelt davon ausgehen, dass sich Reviergrößen und Bestände dem jeweiligen Nahrungsangebot anpassen.
Inzwischen hat man auch schon einige Marderhunde telemetriert (mit Radiosendern ausgestattete Tiere, deren Aufenthalte und Wanderbewegungen dokumentiert werden können). Hierdurch stellte man fest, dass junge Rüden sich wesentlich weiter vom Geburtsort entfernen als junge Fähen. Könnte das nicht ein Indiz dafür sein, dass junge Fähen, ähnlich wie bei Füchsen, längere Zeit im Revier der Eltern verbleiben? Ein interessanter Gedanke bezüglich Inzuchtvermeidung, Populationsdynamik und Bestandsregulierung. Wenn dem so wäre, könnte man davon ausgehen, dass vermehrte Abschüsse, ähnlich wie beim Fuchs, zu einem unkontrollierten Anstieg der Population führen. Nun, dies ist nicht belegt, aber bei der Betrachtung anderer Caniden dieser Größe durchaus wahrscheinlich.
„Bodenbrütermassaker“ als Ausrede des Menschen für „Marderhundmassaker“?
Aber das sagt uns noch nicht, ob der Marderhund wirklich ein “Massaker” unter bodenbrütenden Vögeln anrichtet. Dazu ist es gut zu wissen, dass man in der Forschung inzwischen gute Ergebnisse bezüglich der Nahrung der Marderhunde hat. Der Mageninhalt etlicher toter Marderhunde wurde untersucht. So hat zum Beispiel das Naturkundemuseum Görlitz veröffentlicht, dass die von Ihnen untersuchten Marderhunde in erster Linie von Mäusen, Insekten, Fallwild, Früchten und Insekten leben. Und dies auch zur Brutzeit der bodenbrütenden Vögel.
Ähnliche Ergebnisse zeigen auch die Untersuchungen anderer Biologen. Man kann heute fast sicher davon ausgehen, dass Marderhunde sich zum größten Teil von Früchten, Insekten und Mäusen ernähren. Die prozentualen Anteile ändern sich nur mit der Jahreszeit. Zu keiner Zeit stellen aber Vögel einen großen Teil der Nahrung dar. Ehrlich gesagt hätten mich andere Ergebnisse der Marderhundnahrung sehr überrascht. Bodenbrüter leben in unseren Breiten seit ewigen Zeiten mit Raubtieren zusammen und haben z. B. durch sehr versteckte, weit voneinander getrennte Nester eine gute Strategie entwickelt, durch Raubtiere nicht stark dezimiert zu werden. Marderhunde werden nicht gezielt durch ihr Revier streifen und aufwendig nach seltenen Vögeln suchen. Mäuse, Insekten und auch Früchte sind doch viel einfacher zu erreichen. Stolpert der kleine Hund dann allerdings mal über einen Vogel, wird er auch diesen nicht verschmähen. Wie aber die Nahrungsanalysen deutlich zeigen, ist dies sehr selten der Fall. Aber das ist ein ganz normaler Vorgang in der Natur. Die häufigen Mäuse werden öfter gefressen als die seltenen Vögel. Dieses Phänomen, das in der Natur das Seltene auf Kosten des Häufigen schützt, nennt sich in der biologischen Terminologie „Schwelleneffekt“.
Keine Gefahr. Für nichts und niemanden…
Nun, jetzt mag mancher sagen, das stimmt wohl, aber es ist ja jetzt ein Raubtier mehr da, also werden auch mehr Vögel gefunden. Dieser Gedanke hat jedoch in seiner Einfachheit einen Denkfehler. Erinnern wir uns: Die Zahl der Neugeborenen Füchse hängt mit der Anzahl der füchsischen Hauptnahrung, der Mäuse zusammen. Befindet sich nun ein Marderhund im Fuchsrevier, wird es weniger Mäuse geben und weniger kleine Füchse zur Welt kommen. Auch der Marderhundnachwuchs wird sich anpassen und im Endergebnis werden so viele Marderhunde und Füchse im Revier sein, wie zuvor nur Füchse. Füchse und Marderhunde besetzten nämlich die Gleiche ökologische Nische, haben also fast das Gleiche Nahrungsspektrum. Der Marderhund frisst dabei aber noch wesentlich mehr vegetarische Kost. Diese Theorie ist zwischen Fuchs und Marderhund zwar noch nicht definitiv nachgewiesen, aber Forschungen im Verhalten von Wolf zu Kojote, Kojote zu Fuchs oder verschiedener Schakalarten untereinander zeigen deutlich, dass Tiere, die eine ökologische Nische besetzen sich gegenseitig “wegkonkurrieren”. Ein natürlicher Schutz der Beutetiere.
Nach allen Erfahrungen mit hundeartigen Tieren, Forschungen an Raubtieren etc. kann man davon ausgehen, dass das einzige heimische Tier, welches direkt von der Anwesenheit des Marderhundes betroffen ist, der Fuchs ist.
Aber keine Sorge, sicher wird der Marderhund den Fuchs nicht ausrotten können. Dafür ist der Fuchs ein viel zu erfolgreiches und anpassungsfähiges Raubtier. Fuchs und Marderhund leben auch in Asien in gemeinsamen Lebensräumen. Nur wird sich ihre Kopfzahl gegenseitig anpassen.
Noch ein paar kurze Wörter zu Krankheiten, für die der Marderhund als Träger in Frage kommt:
Er ist genauso ein Träger der Tollwut wie der Fuchs. Aber auch das ist kein Grund, ihn zu schießen. Die Erfahrungen beim Fuchs haben deutlich gezeigt, dass Fuchsbestände durch Abschüsse anwachsen (siehe Anfang dieses Artikels) und so die Tollwut gefördert wird. Erst mit Impfaktionen durch ausgelegte Impfköder wurde ein guter Weg gefunden, die Tollwut zu bekämpfen. Dadurch ist diese heute eine sehr seltene Krankheit.
Auch die Panikmache bezüglich des Fuchsbandwurmes ist mit dem gesunden Menschenverstand nicht nachzuvollziehen. Seit die durch den Fuchsbandwurm ausgelöste Krankheit meldepflichtig ist weiß man, dass im Durchschnitt jährlich unter 20 Menschen in ganz Deutschland daran erkranken. Und diese kommen mehrheitlich aus den Risikogruppen Jäger, Tierärzte etc.
Die Gefahr für die übrige Bevölkerung ist also nachweislich äußerst gering.
Kein Verständnis für Verfolgung
Nimmt man nun diese Indizien zum Marderhundverhalten und die nachgewiesenen Nahrungsanalysen, bleibt wenig Verständnis für eine gnadenlose Verfolgung dieses Neubürgers. Zwar wird zur Zeit noch geforscht, aber ich bin mir sicher, dass man keinen Einfluss des Marderhundes auf Vogelbestände nachweisen kann und auch sonst wird man ihm keine “Schädlichkeit” in Land -oder Forstwirtschaft nachweisen können. Er hat sich vermutlich schon jetzt in die heimische Fauna integriert und wird heimlich viel weiter verbreitet sein, als wir glauben.
Freund und Bereicherung

Der Marderhund sollte von uns Menschen nicht als Feind betrachtet werden, sondern als eine Bereicherung unserer Fauna. Er findet hier alles vor was er zum Leben braucht und vor allem eine Tierwelt, die seit ewigen Zeiten mit den geschicktesten Raubtieren lebt. Diese Tierwelt braucht den Marderhund nicht, vermutlich kommt sie aber mit ihm problemlos zurecht. Darum sollten wir Menschen uns heraushalten und nicht dauernd versuchen Eingriffe durch neue Eingriffe zu bekämpfen. Die Natur kommt mit dem Marderhund klar, viel schlimmer ist der Feind, der Flora und Fauna immer mehr Lebensraum stiehlt...
Freispruch für den Marderhund!
Darum plädiere ich auf Freispruch für den Marderhund. Indizien und Beweise zusammengenommen zeigen deutlich, dass er kein gefährlicher Eindringling ist. Man sollte daher Abstand von einer Verfolgung ohne Grund nehmen. Schließlich ist er ein hochentwickeltes Wirbeltier, welches sicher ähnlich wie wir empfindet, wenn man ihm Schmerz zufügt oder seinen Partner erschießt. 

Mittwoch, 9. Juli 2014

Führen, folgen, Bindung – Wie und warum bleiben Hunde gern in unserer Nähe?

Das Wort Bindung kann man sicher als eines der Schlagworte im Bereich Hundeerziehung in den letzten Jahren sehen. Wie bei allen Themen rund um den Hund wird auch dieser Begriff unterschiedlich definiert und  für die jeweilige Philosophie passend interpretiert.  Vor allem die Herstellung einer Bindung zwischen Mensch und Hund wird kontrovers diskutiert.
Bindung als enge soziale Beziehung
Lassen Sie uns zu Beginn erst einmal versuchen, eine zumindest annähernd allgemeingültige Definition zu finden. Grundsätzlich kann man eine Bindung als enge soziale Beziehung zwischen Lebewesen sehen, die von intensiven Gefühlen geprägt ist. Das heißt, man fürchtet sich davor den Bindungspartner zu verlieren und vermeidet mit diesem ernsthafte Konflikte, weil diese in der speziellen Konstellation, dem Bindungsverhältnis, unangenehme Gefühle hervorrufen würden. Je enger die Bindung, je intensiver die Gefühle.
Wenn wir heute von Bindung im Allgemeinen sprechen geht die Annahme der engen und von intensiven Gefühlen geprägten Beziehung im zwischenmenschlichen Bereich von der Bindungstheorie aus, die im Wesentlichen vom Kinderpsychiater James Bowlty, dem Psychoanalytiker James Robertsen und der Psychologin Mary Ainsworth in der Mitte des vorigen Jahrhunderts entwickelt wurde. Die Bindungstheorie verbindet verschiedene Bereiche der Ethologie und Psychologie und sieht ihre Grundlagen in der Emotionalität der Mutter-Kind-Beziehung, die auf einer von Geborgenheit und Sicherheit gekennzeichneten Gefühlslage beruht. Ein für das Kind lebensnotwendiges System.
Menschliche Bindungstheorie auf Mensch und Hund übertragen
Auf Grundlage dieser Bindungstheorie haben Wissenschaftler aus der Hundeforschung Verbindungen zu der engen sozialen Beziehung zwischen Mensch und Hund gezogen. Kurz umrissen könnte man die starke Bindungsbereitschaft des Hundes an den Menschen dadurch begründen, dass die früh von der Mutter entnommenen Welpen ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz in ihrer frühen Entwicklungsstufe als Welpe ersatzweise beim Menschen finden und sich deshalb an ihn binden. Interessant dabei ist allerdings, dass dieses starke Bindungsverhalten ihrer Mutter gegenüber ja mit dem Erwachsen werden abnimmt, die Bindung, diese Sehnsucht nach Geborgenheit und Schutz und die Abhängigkeit von dem, der diesen Schutz bietet. Im Gegensatz zur natürlichen Bindung zur Mutter bindet sich der Hund demnach ein Leben lang an den Menschen, sucht seinen Schutz. Und durch den Schutz beim Menschen fühlt er sich sicher, hat weniger Ängste und somit auch weniger Aggressionen. Nun, wie bei allen Theorien kann man sicher auch diese aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Halten wir aber fest, dass man unter Bindung im Allgemeinen das enge, vertrauensvolle Verhältnis des Hundes zum Menschen versteht. Und tatsächlich, sicher wird mir eine große Mehrheit der Hundebesitzer zustimmen, wenn ich feststelle, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Hund etwas Besonderes sein kann und Hunde meist eine engere Bindung zu uns Menschen haben, als zu ihren Artgenossen. Tatsächlich so etwas wie eine Eltern-Kind Beziehung.
Ich betone extra das es sich um „so etwas“ wie eine Eltern-Kind-Beziehung handelt. Wirklich ernsthaft definieren kann man es nicht. Fest steht, wie vorher schon erwähnt, dass die Beziehung zwischen Menschen und Hunden viele besondere Merkmale aufweist und die meisten Hunde sich gerne Menschen anschließen und auch in den meisten Fällen gerne freiwillig bei diesen bleiben. Wenn diese Menschen ein zuverlässiges Verhalten zeigen (siehe Tipps).
Hundeartige und andere Arten   
 Eltern - Kind - Beziehung?
(c) Fotolia
Diese Bereitschaft, enge soziale Beziehungen einzugehen – sogar engere als zu den eigenen Artgenossen – hat sicher viele Gründe. Grundsätzlich sind viele wilde Verwandte der Haushunde, Vertreter der so genannten Tierfamilie „Hundeartige“ generell bereit, andere Arten in Ihrem Umfeld zu dulden oder sogar so etwas wie Beziehungen zu diesen aufzubauen. So kann man selbst in unserer heimischen Natur Füchse (Hundeartige) dabei beobachten, wie sie sich Bauanlagen mit Dachsen oder Kaninchen (!) teilen. Eigentlich paradox, weil Kaninchen ja Beutetiere sind. Die Kaninchen im direkten Umfeld werden aber nicht zur Beute. In Nordamerika wird manchmal beobachtet, dass Kojoten mit Dachsen umherziehen, um Nahrung abzustauben, wenn die Dachse z. B. bei der Nahrungssuche graben und Nagetiere aufscheuchen. Oder Wolfsfamilien, denen sich manchmal Raben anschließen. In erster Linie aus dem Grund, weil die Raben auf Beutereste der Wölfe spekulieren. Es wurde aber schon beobachtet, dass Raben und Wölfe in spielerische Interaktion treten und sehr häufig immer die gleichen Raben mit „ihren“ Wölfen so etwas wie eine soziale Gruppierung bilden. Warum ganz genau das so ist, weiß man nicht wirklich. Zu beobachten ist aber, dass unter bestimmten Umständen Hundeartige bereit sind, artfremde Individuen in ihr Umfeld zu integrieren. Natürlich hat das meist pragmatische Gründe. Kaninchen helfen den im Punkt „graben“ eher faulen Füchsen ein gemütliches Heim bereitzustellen. Kojoten stauben gern mal beim Dachs ab und Wölfe schätzen vermutlich die Sicherheit, die durch Raben vermittelt wird, die im Baum sitzend gern sich nähernde Gefahren lautstark ankündigen.
Toleranz gegen andere Arten als Grundlage der Domestikation?
Einige Experten gehen aufgrund dieser Bereitschaft von Hundeartigen, die Fähigkeiten von anderen Arten für sich zu nutzen davon aus, dass dies einer der Hauptgründe dafür war, dass sich einst Wölfe dem Menschen anschlossen. Im Laufe der Jahrtausende machte sich dann auch der Mensch die Eigenschaften des Jägers und Wächters Wolf zu Nutze und selektierte irgendwann gezielt Eigenschaften und Individuen, die unterschiedlichsten Nutzen für den Mensch hatten. Diese Anpassung des Wolfes an den Lebensraum beim Menschen bezeichnet man als Domestikation. Die gezielte Domestikation durch den Menschen führte dazu, dass alle Eigenschaften, die irgendwie nützlich für den Menschen sind, verstärkt wurden. Und da im Besonderen auch die Eigenschaft der Hundeartigen, soziale Gruppierungen mit anderen Arten einzugehen. Und innerhalb der langen Zeit, der langen Domestikation und Selektion ist die Bereitschaft des Hundes sich speziell an Menschen anzuschließen und zu binden inzwischen tief im Erbgut aller Hunde verankert. Der Mensch ist diejenige Art, die ein Heim liefert, Sicherheit und Nahrung. Die die Existenz sichert und dem Hund Ressourcen (wie eben Nahrung) zur Verfügung stellt. Verankert im Erbgut ist also, dass der Mensch wichtig für das Überleben ist. Artgenossen aber nicht – die verbrauchen ja die gleichen Ressourcen und sind eher Konkurrenten. Natürlich braucht man auch die, z. B. zur Arterhaltung. Das ganz besondere Verhältnis zum Menschen birgt aber bei der Betrachtung der Logik der Allianz aus Hundesicht, individuell mehr Vor- als Nachteile.
Bindung nicht einheitlich zu definieren
Zusammenfassend kann man also festhalten, dass es viele Thesen und Theorien gibt, warum der Hund sich gerne an Menschen bindet und das Verhältnis von Hunden zu „ihren“ Menschen oft sehr innig, vertraut und eben „besonders“ ist. Der wahre Grund für diese starke Bereitschaft zur engen Beziehung mit dem Menschen ist vermutlich, wie so oft, eine Mischung aus allen Thesen und Theorien. Fakt ist jedenfalls, dass die meisten Hunde sich gern an Menschen binden und mit diesen zusammenleben – oder zumindest in deren Nähe leben. Wenn man das ganz nüchtern betrachtet wohl auf eine Anpassung des gegenseitigen Nutzens zurückführen kann, darf man den emotionalen Charakter dieser Beziehung nicht vergessen. Auch wenn das oft als „vermenschlichend“ gescholten wird. Aber es ist keineswegs vermenschlichend. Heute weiß man, dass sich die Emotionalität von Mensch und Hund durchaus ähnelt. Und diese Emotionen letztlich so etwas wie ein Verbindungsglied, ein Klebstoff einer Beziehung sind. Nüchtern betrachtet. Emotionalität in der Mensch / Hundebeziehung, in der Bindung aneinander ist also etwas sinnvolles, wovon beide Arten wieder profitieren.
Bindung durch gute Gefühle, nicht durch erzwungene Abhängigkeit
Menschen und Hunde sind also mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von Geburt an bereit, eine jeweils enge Bindung miteinander einzugehen. Eine Ergebnis der Domestikation und der langen Anpassung aneinander. Was allerdings nicht heißt, dass jeder Hund zwingend einen Menschen braucht und jeder Mensch Hunde. Es gibt unzählige Hunde auf der Welt, die allein klarkommen – dass Hunde ohne Menschen nicht überlebensfähig wären halte ich schlicht für ein Märchen. Ich denke eher, dass sie eine der anpassungsfähigsten Arten überhaupt sind… Und ich habe sogar schon von Menschen gehört, die ohne Hund leben sollen, und auch irgendwie mit ihrem Leben „klarkommen“ ;-)
Gut, aber dass Hunde und Menschen im Allgemeinen gern eine enge Beziehung miteinander eingehen, wenn es denn möglich und erwünscht ist, steht außer Frage. Damit die Bindung vom Hund speziell an seinen Mensch sehr eng wird, sollten Hundehalter einige Punkte beachten (siehe Tipps). Dann beruht die Beziehung auf guten Gefühlen, man bindet sich emotional stark an den anderen. Auf keinen Fall sollte man allerdings Zwangsbindungen, Zwangsbeziehungen mit seinem Hund anstreben (Tipps). Bindungen, die auf Zwang beruhen, „funktionieren“ sogar oft. Aber dann mehr aus Angst und Hilflosigkeit – und oft aus Abhängigkeit. Hunde die schlecht behandelt werden sind auch oft ihren Haltern treu ergeben – was man aber psychologisch mit dem Stockholm-Syndrom beim Menschen vergleichen kann. Abhängige, verängstigte Geiseln solidarisieren sich mit ihren Peinigern und kooperieren letztlich mit Ihnen. Ich denke, da sind sich alle verantwortungsbewussten Hundehalter einig, dass man so etwas nicht möchte. Die Bindung zu unserem Hund sollte schon emotional sein. Aber von schönen und angenehmen Emotionen gekennzeichnet. Denn die sind, wie vorher schon erwähnt, immer noch der beste Klebstoff für eine enge Bindung. Damit der Hund gerne in meiner Nähe ist…

>>>TIPPS<<<
Vertrauensvolle und freiwillige Bindung – so kann man daran „arbeiten“
Ein Hund bindet sich gern an jemanden, dem er Vertrauen kann, der ihm Sicherheit bietet. Wenn er sich beim Menschen wohl fühlt, dann ist er bereit, sich an diesen zu binden, gern zu ihm zu kommen und bei ihm zu bleiben. Er bindet sich freiwillig an ihn. Einige der folgenden Anregungen helfen, diese vertrauensvolle Bindung zu erreichen:
-          Hunde lieben klare Strukturen im Tagesablauf. Geregelte Spaziergänge, Fütterungszeiten, Beschäftigung und vor allem entspannte, ausgiebige Ruhezeiten. Wer ihm ein strukturiertes Umfeld bietet, verleiht Sicherheit.
-           Der Mensch muss im Umgang, in der Interaktion mit dem Hund berechenbar sein. Das heißt, er sollte mit dem Hund so interagieren, dass es für den Hund logisch und nachvollziehbar ist. Ein Beispiel: Wenn ein Hund weggelaufen ist und der Besitzer verärgert ist. Dann sollte der Hund nicht ausgeschimpft werden, wenn er zurückkommt. Er verknüpft das Ausschimpfen dann mit dem Zurückkommen, versteht nicht warum er Probleme beim Zurückkommen bekommt. Die Berechenbarkeit des Menschen leidet und somit auch die Vertrauenswürdigkeit – und somit die Bindung. In solch einer Situation dann besser einfach ruhig und gelassen bleiben. Und den Rückruf später in ruhiger Umgebung und ruhiger Gemütslage üben.
-          Bei sozialen Lebewesen wird bei sanfter körperlicher Berührung, bei körperlicher Nähe ein spezielles Hormon (Oxytocin) ausgeschüttet, welches ein Wohlgefühl und Entspannung auslöst. Voraussetzung ist eine Freiwilligkeit der Nähe und Berührung. Bieten Sie also ihrem Hund einfach mehrmals täglich die Nähe an. Setzen Sie sich z. B. einfach auf den Boden. Kommt der Hund dann zu Ihnen – einfach streicheln, Nähe geben. Solange, bis einer den Spaß verliert – was dann alle Beteiligten akzeptieren sollten.
-          Beschäftigen sie sich mit der Körpersprache und den Ausdrucksmöglichkeiten des Hundes. Wenn der Hund Ihnen durch bestimmte Signale (z. B. Kopf abwenden und sich selbst die Schnauze intensiv lecken) sagt, dass ihm eine Situation unangenehm ist (vielleicht am Kopf streicheln), dann akzeptieren Sie das und streicheln nicht am Kopf. Sie vermitteln dem Hund, dass seine Signale verstanden werden, was wieder Sicherheit und Vertrauen – also Bindung, fördert.
Bindungen über Zwang und Gewalt?
-          Wenn man Gewalt gegen einen Hund ausübt, wenn man ihn z. B. ständig mit unangenehmen Konsequenzen für Verhalten konfrontiert und er nie positive Konsequenzen wie freundliche Ansprache oder Belohnungen für Verhalten erhält, wird er unsicher und hilflos. Er fügt sich dann ggf. in seine Lebensumstände und „gehorcht“ seinen Menschen. Das hat aber wenig mit freiwilliger Bindung zu tun.
-          Es kann allerdings auch sein, dass ein Hund, der mit Gewalt und Zwang gehalten und/oder erzogen wird, eine Lösung für das Problem sucht. Er könnte Aggressiv werden oder auch den Wunsch verspüren, bei passender Gelegenheit abzuwandern. Er wird also jede Gelegenheit nutzen, wegzulaufen.
-          Zudem sind Hunde bei einer vorher beschriebenen  „Haltung“ dauerhaft gestresst, der Körper ist ständig in einer Art Alarmbereitschaft. Das belastet den Körper und auch das Verhalten stark. Gesundheitliche und psychische Probleme können die Folge sein.

Richtiges korrigieren mit der Wasserpistole

Wenn Hunde gegenüber Artgenossen Aggressionen zeigen, kann das viele Gründe haben. Wenn man den vielfältigen Gründen mit pauschalen Techni...