Montag, 29. August 2011

Ignorieren ja oder nein? Die neuste Verwirrung der ganz schlauen „Hundeexperten“…

Wenn man sich mit der so genannten Hundeszene in den mitteleuropäischen Ländern beschäftigt, sei es aus Interesse als Hundehalter oder beruflich, weil man ein Teil dieser Szene ist, muss man eines feststellen: Die Verwirrung rund um die Hundeerziehung wird fast täglich größer. Ich möchte darauf jetzt gar nicht näher eingehen, weil dafür ein einzelner BLOG-Artikel nicht ausreichen würde. Aber an dieser Stelle möchte ich einmal auf etwas hinweisen, was mir im Moment ganz besonders auf die Nerven geht, und was meiner Ansicht nach wirklich einmal im Klartext angesprochen werden muss. Nämlich das neuste Dogma der „Schlauschwätz-Hundetrainer“, dass man Hunde nicht ignorieren dürfe, bzw. Hundeverhalten zu Erziehungszwecken nicht ignorieren dürfe.
„Wie bitte?“ Werden sich manche jetzt fragen. „Wir haben doch gerade erst gelernt umzudenken, sollen unseren Hund nicht >zutexten< und häufiger nicht direkt auf jede Handlung reagieren. Was ist denn jetzt richtig?“
Ich versuche es hier einmal zu erläutern, und ich versuche auch zu erläutern, wieso ich mich so über die Trainer aufrege, die pauschal das Ignorieren verteufeln und als schlecht ansehen. Warum? Nicht einmal, weil sie grundsätzlich falsche Gedanken haben. Nein, das Schlimmste an diesen pauschalen Aussagen ist eben das Pauschale und die dogmatische Herangehensweise an das Thema. Weil das nämlich als Marketinginstrument, als Alleinstellungsmerkmal letztlich mehr dem geschäftlichen Erfolg der Thesenersteller dient und dienen soll, als tatsächliche Hilfe für Hunde und Ihre Menschen ist.
Was bedeutet „ignorieren“?
Doch lassen Sie mich zunächst einmal erläutern, was ignorieren in der Hundeerziehung überhaupt bedeutet. Wenn ein Hund eine Handlung ausführt, die dem Sozialpartner Mensch unangenehm ist, oder gefährlich, oder auch aus irgendeinem anderen (allerdings vernünftigen) Grund unerwünscht ist, kann man diese Handlung durchaus ignorieren. Meist möchte ein Hund ja, dass auf seine Aktion (seine Handlung) eine Reaktion erfolgt. Ganz simple Lerntheorie. Handlung – Konsequenz. Ich mache etwas und erreiche etwas dadurch. Wenn mich also ein Hund anspringt, weil er spielen möchte oder irgendetwas anderes von mir verlangt, kann ich diese Handlung ignorieren. Wenn der Hund diese Handlung, vielleicht als Welpe, erstmalig ausführt, kann er lernen, dass diese Handlung nicht den von ihm erwünschten Erfolg hat. Ignorieren in der Hundeerziehung heißt also nichts anderes als auf eine Reaktion eines Hundes nicht zu reagieren. Immer Situationsbedingt!  Übrigens, weil sich die Menschen ja auch immer so schön über Rangordnungen und „Chefrollen“ auseinandersetzen. Unter Hundeartigen, die ein halbwegs normales Leben führen dürfen (Dingos, Straßenhunde z. B. in Afrika, Wölfe, Kojoten, Füchse, etc.) zeichnen sich die „Chefs“, welche meist die Eltern sind, dadurch aus, dass sie seltener auf Aktionen der „rangniedrigeren Individuen“ reagieren, als umgekehrt. Rangordnungen unter Hundeartigen werden in erster Linie durch das Verhältnis von Aktion und Reaktion zueinander gebildet, und nicht durch Kampf oder andere schmerzhaft Maßnahmen. Auf dessen Aktion reagiert wird, dem wird vertraut, der steht im Rang hoch. Heißt also im Umkehrschluss, dass ständig nur regierende Individuen nicht wirklich als Vertrauenswürdig und mit Führungsqualitäten ausgestattet angesehen werden. Nicht reagieren auf Aktionen (ignorieren) ist ein völlig normales Mittel der Kommunikation, der Erziehung und der Statusdemonstration unter Hundeartigen. Nicht nur unter Hundeartigen, unter vielen sozialen Lebewesen…
Agieren und reagieren sind wichtige soziale Komponenten
Natürlich wird auch mal reagiert und abgebrochen, wenn einem Individuum etwas zuviel wird, wenn es schlechte Laune hat oder genervt ist. Eine Reaktion auf eine Aktion ist aber bei denjenigen Individuen seltener, die Erziehungsaufgaben übernehmen oder im Rang höher stehen. Natürlich reagieren auch Eltern auf die Aktionen des Nachwuchses, es steht immer alles in einem gesunden, sozialverträglichen Verhältnis. Aber, wie gesagt, ignorieren ist ein völlig üblicher und völlig natürlicher Weg im Sozialverhalten von Hunden. Allerdings immer nur situativ, immer nur auf eine direkte Handlung bezogen. Einen Hund über einen längeren Zeitraum zu ignorieren, als Strafe oder wie auch immer man das aus menschlicher Sicht meint, ist grundsätzlich falsch. Das versteht ein Hund nicht und fühlt sich dadurch sozial isoliert, was seiner Psyche schaden kann. Man kann also ganz klar festhalten, und um die Verwirrung etwas zu entwirren, dass man situativ Hundeverhalten durchaus ignorieren kann. Aber wirklich nur situativ, niemals über einen längeren Zeitraum.
Wenn die Situation so ist, dass der Hund eine starke Erwartung hat, kann eine starke Erregung des Hundes dazu führen, dass ignorieren nichts bringt, dass die freudige Erwartung den Hund emotional so aufputscht, dass man ihn letztlich nur durch eine Ersatzhandlung „zufriedenstellen“ kann. Als Beispiel: Wenn man die Leine vom Haken nimmt um mit dem Hund zum Gassigang aufzubrechen, kann es sein, dass ein Hund vor lauter Vorfreude an uns hochspringt. In dem Fall wird ignorieren nicht viel bringen. Mit z. B. einem gut trainierten „Sitz“ kann man dann daran arbeiten, dass sich der Hund nicht so aufschaukelt. Aber in den normalen, grundsätzlichen Situationen des täglichen Lebens ist ignorieren, das NICHT REAGIEREN auf eine Aktion des Hundes, der eine Reaktion provozieren möchte, vollkommen normal. Ich wage an dieser Stelle im Klartext zu behaupten, dass jeder, der etwas anderes behauptet, ernsthaft sein Hintergrundwissen überdenken sollte.
Gern nutzen „Hundeexperten“, die so etwas behaupten in Seminaren oder bei Vorträgen kurze Filmsequenzen, wo gezeigt wird, wie Hunde (oder auch Wölfe etc.) eine Handlung eines anderen nicht ignorieren und diese gezielt abbrechen (drohen, rempeln, was auch immer). Um dann zu erwähnen, dass man ja sehen könne, wie Hunde etwas unterbinden und nicht ignorieren. Solch eine Darstellung halte ich für höchst unseriös. Warum? Ganz einfach. Es kann ja sein, dass diese Szene eine Ausnahme ist. Es kann sein, dass von 100 Aktionen des einen Individuums 99 ignoriert wurden und es sich nur einmal zu einer kurzen, heftigen Reaktion hinreißen ließ. Und diese einzelne Situation wird dann so „verkauft“, als würden Hunde alles so untereinander regeln. Dieses „aus dem Kontext reißen“ ist übrigens ein uraltes Stilmittel der Menschenbeeinflussung. In der Politik, in der Werbung etc.
Selbst erkennen und erfahren
Ich kann guten Gewissens behaupten, dass ignorieren, dieses“ nicht auf jede Aktion reagieren“, weitaus häufiger unter Hunden, Hundeartigen (ob „wild“ oder domestiziert) vorkommt, als mancher „Hauruck-Hundetrainer“ es gerne wahrhaben möchte. Das ist unglaublich schwer für Menschen zu verstehen, vor allem für die heutigen Menschen, die in einer Welt leben, die aus einer blitzschnellen Aneinanderreihung von Informationen besteht. Aber eigentlich kann man das überall um uns herum sehen, auch in unseren Dienstleistungs- und Industrienationen. Man braucht dafür nichteinmal stundenlang bei Minustemperaturen oder brütender Hitze Wildtiere zu beobachten, wie ich das beruflich oft mache. Wenn Sie mehrere Hunde halten, beobachten sie diese einmal über viele Stunden bewusst. Und machen Sie sich einmal genaue Notizen, ob, wie oft und wie aufeinander reagiert oder ignoriert wurde. Und dabei meine ich nicht, wenn Hund „zum Spielen“ in einem Hundeauslauf zusammengebracht werden. Das ist keine normale Situation. Machen Sie die Strichliste bei einem normalen Tagesablauf über viele Stunden und beobachten ihre Hunde genau. Schwer daran ist, die Beobachtung durchzuhalten, weil die Interaktion nämlich meist unspektakulär und ruhig abläuft. Oder um mal von den Hunde wegzukommen. Setzen Sie sich mal an eine Weide mit Kühen und Pferden und machen eine ähnliche Strichliste wie vorher beschrieben. Über einen langen Zeitraum, wie gesagt, keine aktionsgeladenen Momente hervorheben. Sie werden sich wundern, wie oft das Ignorieren von Handlungen, das NICHT reagieren auf die Aktion eines anderen Individuums des sozialen Umfelds, durchgeführt wird. Und sie werden sich wundern, wie ein Mensch ernsthaft behaupten kann, dass ignorieren in der Natur nicht vorkommt…
Ignorieren völlig normal
Lange Rede und der sprichwörtlich kurze Sinn. Ich kann hier ganz klar festhalten, dass situatives (!) Ignorieren einer Handlung ein wichtiges und normales „Erziehungsmittel“, Kommunikationsmittel ist. Natürlich kann es sein, dass der Hund durch diverse Schlüsselreize (auf die wir Menschen ihn meist selbst konditioniert haben) sich sehr schnell in einen Erregungszustand versetzt, wo ignorieren nichts mehr bringt. Da muss ich dann mit Ersatzhandlungen arbeiten. Aber natürlich gibt es auch unglaublich penetrante Hundevertreter, die einfach von ihrer Natur aus einen langen Atem haben. Natürlich darf, kann und sollte man da auch mal ein Abbruchsignal setzen (schmerz- und gewaltfrei, aber bestimmt!). Alles auf Situation und Individuum zugeschnitten.
Auf keinen Fall kann man sagen, dass ignorieren pauschal verkehrt ist. Aber es ist genauso verkehrt, wenn man das Ignorieren als pauschales „Allheilmittel“ ansieht. Man muss es immer der Situation und den beteiligten Lebewesen angemessen anwenden – alles andere ist unseriös. Ich habe zudem den persönlichen Eindruck, der nicht richtig sein muss, dass ignorieren gern von den „Hundeexperten“ verteufelt wird, die gern mal „draufhauen“. Eben um das „Draufhauen“ zu rechtfertigen, und es gar nicht erst probieren mit Ruhe, Souveränität und mal mit „über eine unerwünschte Handlung hinwegsehen“ probieren wollen. Aber, wie gesagt, das ist meine subjektiver Eindruck…
Zur „Entwirrung“ der Hundehalter…
Also, liebe Hundehalter, mal  ganz einfach, zur Entwirrung ausgedrückt: Lassen Sie sich nicht von dem Heer der Rechthaber und Schlaumeier verunsichern, die sich täglich neue Verwirrungsmodelle in der Hundeerziehung ausdenken. Ignorieren ist bei Wölfen seit 5 Millionen Jahren ein wichtiges „Erziehungsmittel“. Und auch wir können und sollten es anwenden, wenn es situativ passt und funktioniert. Es ist aber kein Allheilmittel welches pauschal immer  wie bei einem Roboterwirkt. Ein Hund ist nämlich kein Roboter J
Und bedenken sie immer, die Grundeigenschaft eines guten „Leittieres“ ist, NICHT immer auf jede Aktion zu reagieren. Ein seit Jahrmillionen erprobtes Führungsmodell. Daran ändern auch vor wenigen Jahren entwickelte „Hundeausbildungssysteme“ nichts…
Kurze Zusammenfassung
-          Ignorieren ist situativ eingesetzt ein gutes und sehr wichtiges Mittel zur Hundeerziehung.

-          Ignorieren ist aber kein pauschales Allheilmittel.

-          In Situationen, wo ignorieren nicht wirkt oder nicht mehr wirken kann (z. B. aufgrund biochemischer Vorgänge etc.), muss man auch mal reagieren. Z. B. über Ersatzhandlungen oder auch Abbrüche – diese aber vernünftig und mit Verstand ausgeführt!

-          Pauschale Behauptungen  ignorieren wäre falsch oder „nicht natürlich“, entbehren jeder vernünftigen Grundlage – und werden wohl in erster Linie als Marketinginstrument genutzt, um sich ein Alleinstellungsmerkmal zu generieren. Oder um eine schlechte Behandlung zu rechtfertigen. Auf jeden Fall nicht zum Wohl der Hunde…

-          Ignorieren darf  immer nur situativ eingesetzt werden und niemals über einen längeren Zeitraum. Das wäre soziale Isolation, die sich negativ auf die Psyche des Hundes auswirken kann. Außerdem wird der Hund keinen Bezug zu seiner Isolation und einer unerwünschten Handlung herstellen können. Soziale Isolation ist also niemals der konkreten Sache dienlich, sondern verunsichert die Hunde nur.

Dieser Wolf ignoriert während seiner Ruhepause so ziemlich alles... (c) Thomas Riepe 2010

Nachtrag:
Wie schon öfter in diesem BLOG erwähnt sind Kommentare ausdrücklich erwünscht. Allerdings keine anonymen. Die werden konsequent ignoriert ;-)

Nachtrag 2:
Danke für die Anregung, Martina. Werde ich in einem späteren Post berücksichtigen.  
     Jetzt kann ich aber kurz schon folgendes erwähnen: Wenn meine Aufmerksamkeit nicht der funktionale Bestärker ist, kann das zum Beispiel die Situation sein, dass der Hund am Zaun bellt, weil ein "Feind" vorbeigeht (das darf er mMn. auch, es darf nur nicht zuviel werden...). Wenn ich das Bellen, welches garnicht an meine Adresse gerichtet ist über ein vernünftig trainiertes Alternativverhalten beenden kann, ist das vollkommen okay. Allerdings muss man auch immer aufpassen, es gibt Hundeindividuen, die sich aus dem Alternativverhalten ein Spielchen machen, um an das schließende Leckerchen zu kommen ;-) Das sind dann aber die Schlaumeier unter den Hunden. Gut, Alternativverhalten in dem Fall ist okay, also auch eine Reaktion meinerseits, in vernünftiger Form. Stelle ich mich aber hinter den Hund und rufe "AUS, AUS, AUS, STILL, RUHE usw.", dann stimuliere ich den sowieso erregten Hund nur noch mehr. Da ist es dann besser, selbst ruhig zu sein und den Hund nicht noch mehr "aufzuheizen" - ignorieren ist also nicht der einzige oder pauschal beste Weg, aber immer noch besser, als blinder Aktionismus, der letztlich die Situation nur noch schlimmer macht. Wir müssen auch immer bedenken, dass nicht alle Hundehalter ein Ethologiestudium hinter sich haben oder jahrelang mit Hunden gearbeitet oder geforscht haben. Wenn sie sich vertrauensvoll an "Hundeexperten" wenden und diese ihnen sagen, ignorieren sei grundsätzlich falsch, dann werden die Hunde wieder unnötig mit "AUS, AUS, AUS Geschrei" konfrontiert. Oder sogar mit Züchtigungen. Was im Fall des am Zaun bellenden Hundes eine Katastrophe im Vertrauensbereich wäre. Er bellt, weil er Familie und Territorium verteidigen möchte und sein Mensch schlägt ihn dafür...
     Also, wenn man nicht genau weiß was man tut oder tun kann, ist es besser, mal nichts zu machen, als durch sinnlose Aktionen das völlig Falsche zu tun. Beim Umgang mit Hunden sind Ruhe und Souveränität immer noch bessere Ratgeber als falscher Aktionismus. Auch wenn Ruhe und Souveränität heute nicht mehr gefragt sind, damit man immer kompliziertere Trainingskonzepte verkaufen kann…

Dienstag, 23. August 2011

Mitgefühl unter Hunden?

Meine Hündin Koka (Samojedin) darf nicht ins Schlafzimmer. Erziehungs- oder Rangordnungsgeplänkel von meiner Seite? Wohl eher weniger. Wer mich, meine Arbeit und meine Texte kennt, würde sich sicher wundern… Nein, mir ist es vollkommen egal wo sich meine Hunde hinlegen – naja, nicht so ganz, das neue Ledersofa ist (noch) tabu. Wenn Sie im Bett ein freies Fleckchen nutzen möchten sind Sie herzlich willkommen. Rüde Puzzel (Schäferhund-Yorki-Mix) macht das auch manchmal, allerdings seltener im Sommer. Koka würde das Angebot des Bettes vielleicht auch mal nutzen, aber Sie darf ja nicht ins Schlafzimmer. Puzzel, der manchmal das Bett mit nutzt, liegt vorzugsweise in seinem eigenen Bett direkt vor meinem. Mit Blick zur Schlafzimmertür. Wenn sich Koka der Tür nur nähert, wird geknurrt und sie tritt ohne zu murren den Rückzug an. Puzzel erlaubt Koka also nicht, das Schlafzimmer zu nutzen, ja er erlaubt ihr nicht einmal das Betreten. Da mische ich mich übrigens nicht ein, das ist ausschließlich Sache der Hunde untereinander.

„Dann ist Puzzel sicher der Boss unter den Hunden“, wird sich jetzt mancher denken. Vielleicht, aber objektiv betrachtet ist er wohl nur der Schlafzimmerboss. In den meisten anderen Situation nimmt Koka ihn nicht wirklich ernst. Wenn er ihr irgendwo im Weg steht, wird er einfach weggeschoben und weggerempelt – sei es der Platz vor dem Sofa, wo man Herrchen immer so schön zum Streicheln auffordern kann, oder bei der Leckerchengabe. Koka schubst Puzzel immer weg und sichert sich den „besseren Platz“. Obwohl er dann genauso knurrt wie im Schlafzimmer – er zieht immer, zwar meckernd, von dannen. Man kann also bei den beiden beim besten Willen nicht ausmachen, wer nun mehr oder weniger zu sagen hat, wer so etwas wie der „dominante Part“ ist. Jeder hat die Dinge, wo er sich durchsetzt oder auch mal nachgibt. Rangordnungs- und Dominanztheorien sind ihnen dabei völlig egal. Letztlich sind sie unter dem Strich ein dermaßen harmonisches Paar, wie ich es selten unter Hunden erlabt habe. Sie verstehen sich blind. Nur dieses „Schlafzimmer ist für Koka tabu“, wundert mich wirklich, weil sie sich sonst gut durchsetzen kann. Es ist aber wie es ist.
 Nur in der letzten Nacht geschah etwas Merkwürdiges. Es ging ein starkes Gewitter mit Sturm und Hagel hernieder. Der Hagel hämmert dermaßen an die Jalousien, dass selbst mir etwas mulmig wurde. Zudem der Lärm nicht durch geschlossene Fenster gedämpft wurde, innen waren die Fenster geöffnet und nur der Kunststoff der Jalousien schütze uns vor den Hagelkörnern. Die Lärmkulisse war wirklich einschüchternd. Puzzel, vor meinem Bett schlafend wie immer, störte die Akustik nicht im Geringsten. Er öffnete kurz die Augen und stieß einen Seufzer aus, als wolle er sagen: „Was soll der Krach, der stört mich beim Schlaf“. Das war aber seine ganze Reaktion. Koka hingegen verhielt sich völlig anders. Eigentlich kann sie Lärm auch nicht aus der Ruhe bringen. Sylvesterknallerei, Jägerknallerei, ja sogar Sprengungen in den hiesigen Steinbrüchen stören sie nicht, selbst wenn wir nur wenige hundert Meter entfernt sind. Aber dieser Hagel, der an unsere Fenster schlug, machte ihr richtig Angst. Vermutlich dachte sie, irgendwelche Monster wollten eindringen. Sie taperte also sichtlich ängstlich im Flur umher. Ich wollte gerade aufstehen um ihr etwas bei der Entspannung zu helfen, als sie ins Schlafzimmer, an mein Bett marschierte. Und das Merkwürdige: Puzzel sagte nichts, er ließ sie hinein und ich konnte sie trösten, während sie meine Nähe suchte. Übrigens: Ja, man darf Hunde trösten – das hilft bei der Entspannung in solchen Situationen. Nur wenn man sie tröstet, wenn sie noch gar keine Angst vor etwas haben, kann sie das verunsichern. Aber einem Hund, der definitiv Angst hat, bitte Trost geben und unterstützen!
Gut, das wirklich Bemerkenswerte an dieser Situation war, dass Puzzel Koka (die sichtlich verängstigt war) erlaubte ins Schlafzimmer zu kommen. Als das Gewitter vorbei war, schritt die entspannte Koka übrigens selbstbewusst wie immer aus dem Schlafzimmer. Als sie es sich im Türrahmen noch einmal überlegen wollte und zurückkehren, knurrte Puzzel wie immer – und sie ging ins Arbeitszimmer, wo sie sonst schläft. Ich könnte jetzt lange dieses Verhalten von Puzzel analysieren und mir über das Warum den Kopf zermartern. Warum verhielt er sich in dieser speziellen Situation so anders als sonst im Bezug auf seine Partnerin. War es Mitgefühl? Oder darf man ein solches Wort im Bezug auf Hundeverhalten nicht benutzen? Vor allem, wenn man professionell mit Hunden arbeitet? „Vermenschliche“ ich Puzzel dadurch? Ist mir ehrlich gesagt egal. Und ich werde auch nicht zu lange über die Verhaltensgründe nachdenken. Einfach hinnehmen…
Und Sie liebe Leser können sich natürlich ihr eigenes Bild machen und für sich entscheiden, ob Puzzel Mitleid mit Koka hatte.
Koka und Puzzel liegen vertraut nebeneinander. Nur Nachts wird getrennt geschlafen, da ist Puzzel streng...

Freitag, 19. August 2011

Gute Aktion: Tausche Stachelhalsband gegen Training

Ich möchte heute gern einmal auf eine Aktion hinweisen, die ich persönlich sehr innovativ und gut finde. Es handelt sich dabei um die Aktion „Tausche Stachelhalsband gegen Training“, die auch eine Petition beinhaltet, die sich mit einem eindeutigen Verbot von „Stachelhalsbändern“ und Co. beschäftigt. Einziger kleiner „Kritikpunkt“ von meiner Seite, wenn man es überhaupt so nennen kann, ist der Punkt, dass es noch mehr Folterinstrumente gibt. Auch jede Form von Würgehalsbändern, so genannten „Erziehungsgeschirren“, „Gentle-Leadern etc., alles mechanisch auf den Hund einwirkende Hilfsmittel, die Ihre Wirkung letztlich über Schmerz entwickeln, sollten in die Aktion einbezogen werden. Aber das Wichtigste an der Aktion ist, dass weiträumig über das Thema gesprochen wird und eine breite Öffentlichkeit erreicht wird. Je mehr Menschen man sachlich erreicht, umso mehr Hunde werden vor diesen Dingern bewahrt… 

Hier die Adresse der Aktion:

Dienstag, 16. August 2011

Veranstaltungstipp von "Klartext Hund"

Wie jedes Jahr ist das "Internationale Hundesymposium" in Aschau eine empfehlenswerte Veranstaltung.
Genaue Informationen finden Sie hier:
http://www.animal-learn.de/symposium.php

Samstag, 6. August 2011

Das Märchen vom Triebstau

Im Zusammenhang mit vielen „Erziehungsmethoden“ und auch Sportdisziplinen rund um den Hund hört man immer wieder das Wort „Triebstau“. Vielfach wird dann geäußert, dass der Hund ja Triebe, wie z. B. den Jagdtrieb hätte, den er als Raubtier unbedingt benötige. Wenn er diesen nicht regelmäßig ausleben könne, würde sich der Treib „aufstauen“ und ggf. könnten „aufgestaute Triebe“ zu Überreaktionen des Hundes führen, bis zu stark aggressivem Verhalten. Das hört sich auf den ersten Blick schlüssig und logisch an und diese Theorie hält sich daher hartnäckig unter Hundehaltern. Klingt schlüssig – aber ist sie deswegen auch richtig?
Um diese Frage näher zu erläutern, müssen wir uns der Theorie dort nähern, wo sie begann. Die Theorie des Triebstaus beruht auf der so genannten Leerlauftheorie innerhalb der Instinktheorie von Konrad Lorenz. Lorenz ging davon aus, dass ständig eine „aktionsspezifische Energie“, eine „Triebenergie“ im Tier aktiv, bzw. präsent wäre. Diese Triebenergie sollte praktisch immer zur Verfügung stehen, wenn der dazugehörige Trieb ausgelebt werden müsse. Fliehen, jagen oder paaren. Wenn es jedoch zu keiner Endhandlung komme (kein Feindkontakt, keine Beute oder keine Geschlechtspartner) würden diese Treibenergien immer mehr und sich irgendwann aufstauen – so weit,  dass sie sich irgendwann irgendwie entladen müssten. Durch Unruhe, sinnlose Handlungen etc. Zusätzlich würde der „Schwellenwert“ heruntergesetzt, das Tier würde schneller und öfter auf Reize stark reagieren. Klingt immer noch schlüssig, allerdings sollte man an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass Konrad Lorenz die Theorie aufgrund seiner Interpretation von wenigen, für ihn seltsamen Handlungen einiger Tiere aufstellte. Wissenschaftlich nachgewiesen und mit empirischen Daten unterlegt hat er die Theorie nie. Trotzdem wird sie bis heute oft unreflektiert als Grundlage im Umgang mit Hunden genutzt.
Schlüssige Theorie?
Auch wenn die Theorie logisch klingen mag, wer sich aber genauer mit der Natur beschäftigt, und vor allem mit den Überlebensstrategien von Wildtieren in ihrem natürlichen Umfeld, sollte bei der Theorie eigentlich ins Grübeln kommen. Und sich die ganz wichtige Frage stellen, die eigentlich für jedes Wildtier eine existentielle Bedeutung hat. Die Frage der Energieeffizienz. Die Evolution hat es so eingerichtet, dass jedes Lebewesen die ihm zu Verfügung stehenden Energien (die ihn „am Laufen“ halten) sehr effizient und vor allem sparsam einsetzt. Weil Energie, weil Nahrung nicht immer im Übermaß zur Verfügung steht. Wenn jetzt also ständig eine Triebenergie fließen würde, von der der Körper nicht weiß, wann er sie gezielt einsetzen kann, wäre das recht unökonomisch. Man könnte das, um es etwas plastischer zu verdeutlichen, damit vergleichen, dass der Motor eines Autos immer im Stand laufen müsse, damit ich irgendwann losfahren kann. In dem Falle wären die Erdölreserven der Erde wohl in einigen Wochen verbraucht…
Die Energie des Autos ruht solange, bis wir durch Schlüsseldrehung den Motor starten. Erst dann können wir fahren und die Energie gezielt für die Fahrt verwenden. Nicht viel anders „funktioniert“ ein Lebewesen, vom Insekt bis zum Menschen. Für bestimmte Tätigkeiten werden Energien benötigt. Mal mehr, mal weniger – und immer wird durch das herumdrehen des Schlüssels, einem Schlüsselreiz, der Motor angesprochen, der die entsprechende Handlung umsetzt. Zwar läuft unser „Motor“ immer, um z. B. unsere Vitalfunktionen aufrecht zu erhalten, damit wir uns bewegen und atmen können etc.
Energieverschwendung
Werden aber weitaus energieintensivere Tätigkeiten benötigt (Flucht, Kampf, Jagd, Paarung), wird das zentrale Nervensystem über den entsprechenden Impuls, den Reiz (Schlüssel) angesprochen, welches wiederum dafür sorgt, dem Körper die notwendigen Energien zur Verfügung zu stellen um die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Durchblutung steigern, Muskeln anspannen etc.
Energien werden aus logischen, ökonomischen Gründen immer erst dann abgerufen und benötigt, wenn ein Reiz diese anfordert. Ein Raubtier zum Beispiel, welches hungrig ist, begibt sich auf die Suche nach Beute. Findet es eine potentielle Beute wird über das Erblicken der Beute das Zentralnervensystem stimuliert, welches dem Körper blitzschnell die nötigen Energien zur Verfügung stellt, welches es zur Jagd benötigt. Verschwindet das Beutetier aber plötzlich oder wird die Jagd aus irgendwelchen anderen Gründen abgebrochen, müssen natürlich die kürzlich erzeugten Energien trotzdem irgendwie verwendet werden. Dann gibt es durchaus Leerlaufhandlungen, heute spricht man eher von Übersprungshandlungen. Das ist dann z. B. ein Kratzen oder Gähnen oder irgendetwas anderes, eigentlich in der Situation unpassendes Verhalten – um die zuvor erzeugte, zielgerichtete Energie abzubauen. Auch wenn das Ziel verschwunden ist. Eine Leerlaufhandlung ist daher kein grundsätzlich falscher Gedanke. Die Annahme aber, dass ständig eine Energie erzeugt wird, nur für den Fall, dass der Hund einem Trieb irgendwann nachgehen wird, konnte mit den modernen Mitteln der Neurobiologie nicht nachgewiesen werden. Im Gegenteil sogar, man kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass Energien nur dann abgerufen werden, wenn ein spezieller Reiz einen Trieb oder eine Motivation auslöst, um z. B. zu jagen. Alles andere wäre aus evolutionären Gründen nicht erklärbar. Welchen Vorteil sollte es haben, wenn ständig Leerlaufhandlungen ohne vernünftigen Grund (Reiz) durchgeführt würden. Es wäre nichts weiter als eine gewaltige Verschwendung von Energien. Ein Aufstauen von dauerhaft vorhandener Triebenergie gibt es daher nicht – einen „Triebstau“ gibt es nicht. Im wissenschaftlichen Kontext ist man sich da heute weitgehend einig. Wo der Triebstau immer noch regelmäßig als Rechtfertigung herhalten muss sind die Hundeerziehung und da im Speziellen diverse Hundesportarten. Damit man mich nicht falsch versteht. Ich habe nichts gegen Hundesport an sich. Da der Hund kein Wildtier mehr ist, welches sich, zumindest bei uns in Mitteleuropa, ständig mit dem „Energiesparen“ beschäftigen muss, liegt die Sache ganz anders. Wir füttern den Hunden im Allgemeinen überschüssige Energiereserven an, die natürlich auch abgebaut werden müssen. Adäquate Beschäftigungen im wohldosierten Umfang sind daher für Hunde ganz wichtig. Aber diese angefütterten Energiereserven sind für alle notwendigen Handlungen zuständig – es gibt keine, und vor allem keine aufgestaute Energie speziell für die Jagd und eine andere Energie, die bei der Flucht benötigt wird. Ein Fahrzeug hat ja auch keinen Tank für den Vorwärtsgang und einen für den Rückwärtsgang ;-)
Energiereserven sollten also in vernünftigem Umfang, durch Bewegung oder geistige Aufgaben, abgebaut werden, was letztlich dem körperlichen und geistigen Wohlbefinden zugutekommt. 
Unterschiedlich starke Stimulanz
Wichtig ist bei diesem Thema noch zu erwähnen, dass es Hunde- und Hunderassen gibt, die augenscheinlich einen stärkeren Trieb in unterschiedlichen Bereichen haben, als andere Hunde. Als Beispiel kann man da Jagdhunde anführen, die oft heftiger und schneller auf den Reiz reagieren, der den Jagdtrieb auslöst. Das hat aber nichts damit zu tun, dass diese mehr „Triebenergien“ für die Jagd hätten. Dass der Gedanke heute so nicht mehr gehalten werden kann, hatten wir ja schon erläutert. Es ist vielmehr so, dass der Teil des zentralen Nervensystems, welcher für die Erzeugung  der Energien und die notwendige Erregung zuständig ist(der Sympathikus), schneller und leichter durch einen triebauslösenden Reiz stimuliert werden kann. Das wurde und wird durch Selektion erreicht. Eine „triebstarker Hund“ reagiert also nur sensibler auf einen auslösenden Reiz und hat nicht mehr „Treibenergien“, wie schon erläutert. Je häufiger man übrigens den Sympathikus mit einem auslösenden Reiz stimuliert, desto sensibler reagiert dieser auf diese Reize. Das heißt, wenn ich zum Beispiel einen Jagdhund ständig mit einer Reizangel stimuliere, also häufig den Jagdtrieb abrufe, wird dieser immer stärker statt schwächer. Einen Hund mit großer Jagdleidenschaft sollte ich also nicht mit jagdsimulierenden Spielen beschäftigen. Was leider in der Jagdhundeausbildung oft passiert. Da wird die Reizschwelle für das Jagen immer stärker herabgesetzt, die Hunde sollen also auf den Reiz eines  flüchtenden Beutetieres sehr sensibel reagieren. Um dann, oft mit „unfreundlichen“ Mitteln, wieder von der Jagd abgebracht zu werden – der Hund soll also „Gehorsam“ lernen. Auch dann, wenn er dabei ist seinen natürlichen Trieb auszuleben, der zuvor ausgelöst wurde. Ein Trieb, der ausgelöst wurde, dann aber nicht ausgelebt werden kann, führt unweigerlich zu Frustration. Und Frustration kann sich aufstauen…
Ähnlich ist es übrigens auch bei den vorher bereits erwähnten speziellen Hundesportarten, die sich über Triebstau rechtfertigen. Durch ständiges, künstliches aussenden von Reizen und danach immer folgenden Abbrüchen (auch oft über unangenehme Mittel für den Hund), werden viele frustrierte Hunde erzeugt…
Wie gesagt, ich habe natürlich nichts gegen Hundesport, wo Hunde eine Beschäftigung bekommen, die ihnen und ihren Besitzern „Spaß“ macht und für Körper und Geist gesund ist. Aber Hundesport, bei dem nur der Besitzer Spaß hat, der Hund aber letztlich nur frustriert wird, findet meine Zustimmung sicher nicht. Auch wenn als Rechtfertigung immer wieder das Märchen des Triebstaus herhalten muss.
Spezielle Sportarten oder Ausbildungsmethoden möchte ich hier nicht nennen, sondern nur die Hundebesitzer zum Nachdenken anregen, ob sie wirklich immer mit den korrekten Informationen versorgt sind, wenn es um das Wohlergehen des Hundes geht…     


Quellen:
Der Artikel stützt sich nicht auf eine Quelle, sondern beruht auf einer ganzen Reihe von Quellen, die voneinander unabhängig sind.

Einige der Quellen seien an dieser Stelle gern genannt:

Hanna-Maria Zippelius: Die vermessene Theorie. Vieweg 1992

Klaus Immelmann, Klaus R. Scherer, Christian Vogel: Psychobiologie. Grundlagen des Verhaltens. Beltz-Verlag 1988

Wolfgang Wickler: Von der Ethologie zur Soziobiologie. In: Jost Herbig, Rainer Hohlfeld (Hrsg.): Die zweite Schöpfung. München, 1990

W. Müller, S. Frings: Tier- und Humanphysiologie. 4. Auflage, Springer 2009

Gerhard Heldmaier,Gerhard Neuweiler: Vergleichende Tierphysiologie. Springer 2003

...sowie eigenen Verhaltensbeobachtungen und Analysen an Wild- und Haushunden (1997 - 2015)

Richtiges korrigieren mit der Wasserpistole

Wenn Hunde gegenüber Artgenossen Aggressionen zeigen, kann das viele Gründe haben. Wenn man den vielfältigen Gründen mit pauschalen Techni...