Montag, 28. Mai 2012

Barney und Frauchen machen alles richtig – trotzdem gibt es Probleme

In meinem Berufsleben werde ich mit vielen Hundehaltern konfrontiert, die bei der Hundeerziehung ungeduldig sind, die nicht engagiert mitarbeiten und Fehler vor allem beim Hund, bei der Umwelt und oft auch beim „Lieben Gott“ suchen - nur nicht bei sich selbst. Ganz anders war da die nette ältere Dame, die das Alter von Achtzig bereits überschritten hatte. Doch das merkte man ihr nicht an. Als ich sie und ihren vermeintlichen Problemhund zum ersten Mal besuchte, konnte ich ihr nicht glauben, als sie mir ihr Alter nannte. Sie war eine engagierte Dame, die intelligent und engagiert ihren Hund erziehen wollte. So erziehen, „wie man das heute eben so macht“, schilderte sie mir. Bei ihr wohnte Barney, ein dreijähriger Dackelmischling. Vor Barney hatten schon 4 Dackel bei der Dame, Frau D., und ihrem Mann gelebt. Herr D. war vor sechs Jahren gestorben und nachdem der letzte gemeinsame Dackel vom Ehepaar D. auch gestorben war, schaffte sich Frau D. Barney an, der als Welpe bei ihr einzog. Jetzt wurde ich von Frau D. um Hilfe gebeten, weil Barney angeblich „unerziehbar“ sei und keiner ihrer vorherigen Hunde „so war.“ 

Frauchen als Elitesoldat 

Was war das Problem? Nun, Frau D. schilderte mir das Problem so, dass Barney grundsätzlich Fußgänger anbellen würde, wenn sie an einer Ampel eine Straße überqueren würden. Gut, das musste ich mir natürlich ansehen und bat Frau D. und Barney, einmal mit mir „um den Block“ zugehen, damit ich mir ein Bild der Situation machen könne. Gesagt getan. Ja gut, bis wir zur Tat schreiten konnten dauerte etwas. Nicht weil Frau D. aufgrund ihres Alters etwas langsam war, das vielleicht auch. Der Hauptgrund war die Tatsache, dass Frau D. sehr lange brauchte, um die „Ausrüstung für den Spaziergang“ zusammenzusuchen. Schleppleine zusammengerollt über die Schulter gelegt, darunter die Weste, die Platz für diverse Hilfsmittel wie Pfeife, Klicker und Wasserflasche für Barney (es waren 12 Grad und ich wollte mir nur kurz das Problem anschauen) bot. Dann wurden mit Karabinerhaken noch je rechts und links Leckerchenbeutel am Gürtel von Frau D. angebracht. Mit zwei verschiedenen Leckerchensorten. Einem mit „normalen“ Leckerchen für die dauerhafte Belohnung immer mal zwischendurch, sowie einem Beutel mit besonderen Leckerchen, für die Belohnung, wenn Barney etwas besonders gut gemacht hatte. Gut, nachdem Frau D. alle Utensilien beisammen hatte, ungefähr so aussah wie ein Elitekämpfer im Einsatz, gingen wir los.
Warum bellt Barney an der Ampel? 

Barney benahm sich vorbildlich, er zog nicht an der Leine, entgegenkommende Menschen, Hunde und Fahrräder wurden kaum bis gar nicht beachtet. Bis wir an eine Ampelanlage kamen und Frau D. Barney dort das Signal „Sitz“ gab. Da Frau D., aufgrund ihres Alters nicht immer direkt (primär) das richtige Verhalten Barney verstärken konnte (es dauerte etwas, bis sie die Leckerchen aus den Beuteln geholt hatte), wurde ihr in der Hundeschule, die die Beiden besucht hatten beigebracht, Barney sekundär (d. h. mit Verzögerung, über ein „Versprechen“ auf Belohnung) mit einem Klicker zu belohnen. Das ist keine schlechte Idee und ein gewünschtes Verhalten mit der Hilfe eines Klickers zu verstärken, damit es wieder gezeigt wird, ist eine gute Möglichkeit, einem Hund etwas beizubringen. Allerdings ist das alles nicht so ganz einfach. Zunächst muss man dem Hund vor der Anwendung beibringen, was der Klick bedeutet, um ihn dann im „Ernstfall“ zeitlich genau zu benutzen, damit der Hund erwünschtes Verhalten erlernt und wiederholt. Zeitlich korrekt zu sein ist dabei sehr wichtig, weil der Hund nur in einem sehr kurzen Zeitfenster seine gezeigte Handlung mit der direkt folgenden Konsequenz, hier dem Versprechen auf Belohnung durch den Klicker, verknüpft. Wenn Barney also jetzt lernt, sich an jedem Fußgängerüberweg hinzusetzen, und das mit Klicker verstärkt wird, ist das im Prinzip in Ordnung - wenn es zeitlich korrekt durchgeführt wird. Frau D. ist eine intelligente Frau, die dieses Prinzip von direkter Verknüpfung von Handlung und Konsequenz absolut verstanden hatte. Dennoch gelang es ihr nicht, Barney beizubringen, an der Ampel Ruhe zu bewahren.
Kognitive Fähigkeiten – des Menschen…
Bei unserem Testspaziergang konnte ich recht schnell erkennen, woran das lag. Frau D. sagte zu Barney an der Ampel Sitz. Wenn er sich setzte, klickte sie. Das dachte sie. Doch in Wirklichkeit klickte sie erst, wenn Barney nach dem Sitzen bellte. Sie brachte ihm also bei, nach dem Hinsetzen an einer Ampel zu bellen. Als ich ihr diesen Sachverhalt erläuterte, widersprach sie mir vehement - sie hielt daran fest, sofort zu klicken, wenn Barney saß, noch vor dem Bellen. Ich vereinbarte mit Frau D. dann, den Termin und den Testspaziergang noch einmal zu wiederholen, um das Ganze dann mit einer Videokamera zu dokumentieren und ihr dann das Video zeigen. Und, beim zweiten Termin geschah exakt das Gleiche. Barney setzte sich an der Ampel, Frau D. verstärkte das Anbellen von Passanten mit einem Klick. Deutlich auf dem angefertigten Video zu sehen. Ganz verdutzt und verwirrt musste mir Frau D. den Sachverhalt beim Ansehen des Videos bestätigen. Aber, ich habe an der Stelle nicht darauf beharrt recht zu haben und mit Genugtuung meine ach so tolle Erkenntnis zur Schau zu stellen. Nein, ich habe Frau D. in Ruhe erläutert, warum ihre Wahrnehmung und ihre tatsächliche Handlung soweit auseinander lagen. Es ist in ihrem Alter nun einmal so, und das ist keinesfalls despektierlich gemeint, dass ihre kognitiven Fähigkeiten sich verlangsamen. Das heißt, dass ihr Gehirn für die Verarbeitung einer Wahrnehmung schlicht etwas mehr Zeit braucht. Wenn Sie also wahrgenommen hat, dass Barney sich gesetzt hat, drückt sie nach ihrer Meinung direkt auf den Klicker. Tatsächlich dauert es aber etwas, bis von ihrem Gehirn der Impuls ausgelöst wird zu klicken – aufgrund der Verlangsamung ihrer kognitiven Fähigkeiten. Barney hat in der Zwischenzeit aber schon eine andere Handlung ausgeführt. Nämlich jemanden anzubellen. Frau D. machte laut ihrer Wahrnehmung alles komplett richtig, letztlich wurde Barney aber immer für das Bellen verstärkt. Allein aus dem Grund, dass Frau D. zwar so gut wie ihr möglich mit dem Hund trainierte, es ihr aber nicht möglich war, vollkommen korrekt und zeitlich einwandfrei die Handlung des Hundes zu verstärken, zu belohnen.
Starr an einer Methode und Philosophie festhalten?
Was möchte ich mit diesen Zeilen ausdrücken? Nun, wie jeder weiß bin ich ein Freund der positiven Verstärkung und habe mich schon mehr als einmal dazu geäußert, was ich persönlich von Hundeerziehung und Hundetraining, welches mit „unerfreulichen Konsequenzen“ gegen den Hund zu tun hat, halte. Arbeiten über positive Verstärkung ist normalerweise mein Mittel der Wahl. Doch wie man an dem gezeigten Beispiel sehen kann, können durch gewisse Umstände auch bei allem Engagement und auch korrektem Grundwissen, Fehler auftreten, die zu eigentlich unnötigen Problemen führen können.
Frau D. und ihre Hundetrainerin hatten mit viel Engagement und Zeit an der Verbesserung ihres Timings gearbeitet – was aber nicht möglich war. Wichtig ist mir darum zu erwähnen, dass man nicht immer an einem eingeschlagenen Weg in der Hundeerziehung festhalten sollte, nur weil es der eigenen Philosophie entspricht. In diesem Fall einer Philosophie, die ich grundsätzlich teile und befürworte, die aber eben nicht umsetzbar war.
Frau D. konnte ich sehr schnell helfen, indem ich ihr riet, nichts mehr mit Barney an der Ampel zu trainieren. Einfach hingehen, hinstellen und bei „grün“ gehen. Die ersten zwei Wochen bellte er noch Fußgänger an, nach dieser Zeit stellte er das Bellen immer weiter ein. Heute bellt er niemanden mehr an. Er hat ja nichts mehr davon, und wird nicht mehr durch Frau D. in seinem Handeln verstärkt.
Hundehalter nicht überfordern
Wie gesagt, im Prinzip ist es ja der richtige Weg, wie Frau D. die Hundeerziehung ihres Barney angegangen ist. Aber man sieht auch, dass in diesem Fall der einfachste Weg, nämlich an der Ampel nichts zu trainieren, der beste war. In diesem Fall, den man nicht pauschalisieren sollte. Aber dennoch sollte es zum Nachdenken anregen, ob manchmal nicht weniger mehr ist, und ob nicht einige Menschen damit überfordert sind, „immer alles richtig“ in der Hundeerziehung machen zu wollen.
Der Text soll also zum Nachdenken anregen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Sonntag, 20. Mai 2012

Neues vom "CentimeterMann" - Das Geheimnis seiner Energie



CentimeterMann sagt: "Nur durch meine Energie halte ich den Hund von der Katze fern..."

CentimeterMann denkt: "...so lange der Akku hält!"

©Heß/Riepe 2012

Dienstag, 8. Mai 2012

Schnüffelgärten – eine gute Idee…


Es gibt ja, glaube ich, fast stündlich neue Ideen rund um Hunde und Hundeerziehung. Ich werde auch sehr oft angefragt, ob ich die Aktionen und Ideen unterstütze. Darum muss ich mir natürlich die Aktionen, die ich unterstütze, genau ansehen und kann auch nicht alle Aktionen, auch aus Gründen meiner persönlichen Ressourcen, unterstützen. Die Aktion „Schnüffelgärten“ unterstütze ich aber gerne, weil sie genau dem entspricht, was ich mir unter bedürfnisgerechter Hundebeschäftigung vorstelle. Einer Hundebeschäftigung, die im Prinzip unglaublich einfach ist, aber mehr zum inneren Gleichgewicht eines Hundes beitragen kann, als die meisten komplizierten „Modebeschäftigungen“ rund um die Hunde. Aber lesen Sie doch einfach die offizielle Pressemitteilung der Aktion und schauen mal auf die Homepage.  

Hier die Pressemitteilung:

 

 

Offene Gärten – als „Schnüffelgärten“ nun auch für Hunde 


In vielen Städten empfangen stolze Gartenbesitzer alljährlich am „Tag der offenen Gärten“ andere Gartenliebhaber, um das von  ihnen gehegte und gepflegte bunte Grün bei einem Pläuschchen zu präsentieren. Diese tolle Aktion inspirierte die Tierschützerin und von Turid Rugaas und Anne Lill Kvam ausgebildete Hundetrainerin Carolin Reger zu der Idee, Gärten von Hundebesitzern und Hundeliebhabern als „Schnüffelgärten“ für Hunde zu öffnen. Hunde sind biologisch gesehen Nasentiere und somit ist Schnüffeln die wohl artgerechteste Beschäftigung für sie. Ein fremder Garten bietet viele Erkundungsmöglichkeiten und ist darüber hinaus für den Hund ein entspanntes Erlebnis. Nasenarbeit ist für Hunde befriedigend und anstrengend zugleich und kann daher aufgeregten Hunden helfen, zu mehr Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden. Viele Hunde können davon profitieren: ängstliche Hunde werden hier nicht überfordert, unverträgliche Hunde können ebenso wie jagende Hunde in einem geschützten Freiraum abgeleint werden. Welpen und Junghunde können Neues kennen lernen – auch einmal ganz in Ruhe, ohne andere Hunde. Ruhe ist wichtig in unserer schnelllebigen Zeit – gerade für Hunde. Über dieses und viele andere wichtige Themen und die Aktion Schnüffelgärten allgemein informiert ab sofort die neue Internet-Seite 


An der Aktion Schnüffelgärten kann sich jeder Hundefreund, jedes Tierheim, jeder Tierschutzverein beteiligen. Als Aktionspartner stehen hundefreundliche, gewaltfrei arbeitende Hundetrainer und Tierschutzvereine in Deutschland, Österreich und der Schweiz dem Projekt zur Seite. Auftakt war der 1. Mai 2012.

Sonntag, 6. Mai 2012

Pause Klartexthund – Artikelrückschau: Warum mein Hund mir Grenzen setzen muss


Heute möchte ich in der Pause ohne neue Artikel darauf zurückschauen, warum mein Hund mir Grenzen setzen muss…

Von EM, der Ukraine und von deutschen Füchsen…

Das Thema Fußball EM, Ukraine und Hunde ist zur Zeit in allerMunde. Auch mir wird regelmäßig übel, wenn ich an die Hunde denke. An denkende, fühlende Lebewesen, die dort mit einer Grausamkeit konfrontiert werden, zu der wohl nur der Mensch fähig ist. Es ist gut und wichtig, dass darauf weltweit hingewiesen wird und öffentlicher Druck die Verantwortlichen zum Umdenken zwingt. Hinweisen und öffentlicher Druck sind meiner Meinung nach wichtig, es sollte daraus aber kein Fanatismus entstehen, bei dem es letztlich eher wieder um menschliche Standpunkte geht, als um das einzelne Lebewesen, welches dort leidet. Mit Fanatismus erreicht man selten etwas, meist werden Fronten verhärtet und das ursprüngliche Ziel zu helfen, wird dadurch stark erschwert.

Ich möchte in dieser Zeit, wo sich deutsche Hundefreunde, ja deutsche überhaupt, zu recht über die Handlungen in der Ukraine aufregen, einmal in dem Zusammenhang etwas anderes ansprechen. In Deutschland werde in jedem Jahr zwischen 500.000 und 600.000 (!) Füchse getötet, zum Teil ähnlich grausam wie die Hunde in der Ukraine (Hunde werden in Bauanlagen mit Fuchswelpen geschickt, Fuchswelpen werden erschlagen um Kugeln zu sparen etc.). Darüber regt sich hierzulande kaum jemand auf und es passiert Jahr für Jahr – alles unter fadenscheinigen Argumenten einer vermeintlichen Notwendigkeit, weil sich Füchse sonst zu sehr ausbreiten würden und in irgendwelchen Formen dem Menschen Schaden zufügen könnten. Schon vor vielen Jahren habe ich zu dem Thema einen Artikel im Hundemagazin WUFF veröffentlicht, geändert hat sich seither nichts. In Anbetracht der Schicksale der Ukrainischen Hunde und deren grausamen Schicksalen, sollte man aber auch nicht die Tiere vergessen, die in unserem Land ein ähnliches Schicksal haben. Mit der Hoffnung, dass sich endlich einmal mehr Menschen Gedanken darüber machen, was vor der eigenen Tür passiert…

Anmerken möchte ich noch, das es viele weitere Schweinereien bei und gibt, die dem in der Ukraine ähneln, denken wir nur an die Massentierhaltung zum menschlichen Nahrungserwerb oder aber auch daran, dass deutsche Städte von Tauben „gesäubert“ werden, so wie Ukrainische Städte von Hunden. Wer entscheidet eigentlich dass wir das Recht zur Säuberung haben oder welche Tierart mehr oder weniger „Wert“ ist?

Wie gesagt, ich möchte mit diesen Zeilen nicht die Dinge in der Ukraine verharmlosen oder gar rechtfertigen, ich möchte nur zum Nachdenken anregen, dass wir auch mal vor unserer eigenen Tür nachschauen sollten und auch aufschreien, wenn wir Schweinereien entdecken.

Nachfolgend drucke ich hier den Text „Fuchs, Du hast mein Herz gestohlen“ ab, der 2006 in der WUFF erschienen ist. Er beschäftigt sich sachlich damit, warum eine Fuchsbejagung, eine Tötung von bis zu 600.000 Lebewesen pro Jahr vollkommen unnötig und unsinnig ist. Nehmen Sie sich die Zeit den Text zu lesen. Sie werden danach die kleinen roten Verwandten unserer Haushunde mit anderen Augen sehen… 

ARTIKEL:

Fuchs, Du hast meine Herz gestohlen 

Wenn man einen Jäger fragt, warum er Füchse jagt, kommt meist recht spontan die Antwort: „Wegen der Tollwut, dem Fuchsbandwurm und der armen bodenbrütenden Vögel, die der Fuchs ja sonst ausrottet.“ Zeigt man sich dann interessiert und fragt weiter, ob der Fuchs denn ein Familientier oder Einzelgänger sei, folgt ebenso spontan ein fast schon empörtes „Einzelgänger!“ Nun, um es vorweg zu nehmen, diese Aussagen halten keiner näheren, wissenschaftlich fundierten Untersuchung stand. Namhafte Wissenschaftler wie z. B. der Engländer David Macdonald haben schon zu Beginn der 1970er (!) Jahre nachgewiesen, dass Füchse keine Einzelgänger sind, sondern sehr soziale Familientiere. Ihm folgten viele, die durch eigene Forschungen seine Aussagen untermauerten. Umso erstaunlicher, dass Jäger, die sich ja damit brüsten, Besitzer des „grünen Abiturs“ zu sein, eine derart überholte Meinung vom Fuchs haben. Wissen sie es wirklich nicht besser, oder erzählen sie bewusst zweifelhafte „Wahrheiten“, um die Fuchsjagd zu rechtfertigen? Um eines klarzustellen: Ich bin kein genereller oder gar radikaler Gegner der Jagd, zumindest über die Jagd auf so genannte Beutetiere wie z. B. Rehe kann man mit mir diskutieren, weil sie, dank fehlender Raubtiere, möglicherweise tatsächlich Verbissschäden am Kulturwald verursachen können. Wie gesagt, ich kann darüber diskutieren, auch weil im Sozialleben der Rehe durch Abschüsse kein Populationschaos entsteht, da sie auch in der Natur zu den Gejagten zählen. Aber das ist ein anderes Thema, hier geht es um den Fuchs. Und die von weiten Teilen der Jägerschaft propagierte „notwendige” Jagd auf Füchse ist ein wissenschaftlich sehr zweifelhaftes Unternehmen. Ich möchte nun einige Daten zum Fuchs auflisten, um den ständigen Anfeindungen durch den Menschen endlich einmal etwas entgegenzusetzen. Der Fuchs ist allerdings ein sehr komplexes, individuelles Lebewesen, das man sicherlich nicht in einem Artikel komplett abhandeln kann. Ich habe ihm ein ganzes Buch gewidmet, in dem die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse vieler namhafter Wissenschaftler und Verhaltensforscher ein umfangreiches Bild des kleinen Beutegreifers zeichnen. Hier kann man natürlich nur einen kleinen Teil wiedergeben, ich hoffe aber, zu etwas mehr Verständnis für den Fuchs beitragen zu können. 

Monogame Beziehung

Füchse sind keine Einzelgänger, die nur zur Paarungszeit zueinander finden. Im Gegenteil: Unter natürlichen Umweltbedingungen und ohne Bejagung bildet meist ein monogames Paar den Grundstein einer Fuchsfamilie. Im Winter erfolgt die Paarung, und die Füchsin bringt in ihrer Höhle im Frühjahr nach 52 bis 53 Tagen drei bis fünf Junge zur Welt. In Gebieten starker Bejagung kommen aber oft doppelt so viele Welpen zur Welt. Warum das so ist, werden wir später erkennen. Mutter und Vater Fuchs leben in einem festen Revier. Während die Mutter die Jungen noch säugt und nicht oder nur schwer zur Jagd gehen kann, übernimmt der Vater die Arbeit des Familienernährers und versorgt die Füchsin mit Nahrung. Allerdings erfährt er dabei oft familieninterne Unterstützung. Meist sind die jungen Weibchen aus dem Wurf des Vorjahres noch im Revier der Eltern und helfen bei der Aufzucht ihrer Geschwister. Die jungen Rüden des letzten Jahres sind allerdings schon abgewandert. Sie haben sich auf die Suche nach einer Partnerin und einem eigenen Revier gemacht. Wird allerdings irgendwann die Nahrung für eine große Familie knapp, dann werden die jungen Füchsinnen recht früh von den Eltern aus dem heimischen Revier verscheucht, um sich selbst die Nahrungsressourcen zu sichern. 

Populationsdynamik: Die Fuchsfamilie

Füchse leben also unter normalen Umständen als Gruppe – oder besser als Familie - zusammen in einem Revier. Diese Familien bestehen aus Vater, Mutter und dem aktuellen Wurf, sowie einigen älteren Schwestern dieser Welpen. Die Größe des Reviers und der Gruppe richtet sich dabei natürlich stark nach der Nahrung in diesem Gebiet. In Gegenden mit viel Nahrung können diese Reviere recht klein sein, die Gruppe aber durchaus etwas größer. Im Ödland können aber sehr große Reviere mit verhältnismäßig wenigen Familienmitgliedern existieren. Der Fuchs ist da ein sehr anpassungsfähiges Tier. Wenn aber nun aus irgendeinem Grund die Nahrung im Revier knapper wird (z. B. ein ungewöhnlich kalter Winter mit starkem Rückgang der Mäusepopulation), werden als erstes die jungen, aber erwachsenen Weibchen aus dem Revier verscheucht. Reicht das nicht aus, um eine Erholung der Haupt-Beutetierpopulation zu erreichen, wird die Mutter in der nächsten Paarungszeit in relativ schlechtem Ernährungszustand sein. Ihr Körper ist dann nur in der Lage, sehr wenige Welpen zu gebären. Es werden nur ein oder zwei kleine Füchse geboren, während im letzten Jahr noch fünf das Licht der Welt erblickten. Durch eine geringere Welpenzahl und Verscheuchen der anderen Familienmitglieder ist das Revier der beiden Altfüchse nun also von wesentlich weniger Tieren besetzt. Die Beutetierpopulation kann sich erholen, im nächsten Jahr ist die Füchsin besser genährt und kann mehr Junge bekommen. Eine in Jahrtausenden Evolution perfekt geregelte Regulierung von Beutegreifern und Beutetieren. 

Paradoxe Wirkung der Fuchsabschüsse

Kommt nun der Mensch und schießt aus der ohnehin kleinen Fuchsgruppe noch zwei Füchse heraus, können sich die Mäuse noch besser vermehren und eine Füchsin in einen so guten körperlichen Zustand versetzen, dass sie vielleicht acht bis zehn Welpen bekommt. Verluste durch Abschüsse werden so mehr als ausgeglichen, im Gegenteil, oft führen sie zu einem Anstieg der Fuchspopulation – eine wahrlich paradoxe Folge der Bejagung. Noch ein weiterer, sehr gravierender Punkt spricht gegen den Abschuss von Füchsen. Vor einer näheren Erläuterung muss man aber wissen, dass Füchse, so gut es eben geht, Inzucht vermeiden. Dass ein Vater also seine Tochter deckt, ist eher selten und unwahrscheinlich. Nehmen wir also nun eine fiktive normale Fuchsfamilie für unser Beispiel. Mutter, Vater, drei aktuelle Welpen und drei Fähen aus dem Vorjahr leben im familieneigenen Revier: Eine stabile Gruppe von acht Tieren im eigenen Gebiet. Dort wird kein umherwandernder junger Rüde einfallen und das Revier streitig machen. Aber nehmen wir einmal an, ein Jäger erschießt den Vater. Nun besteht die intakte Familienstruktur nicht mehr. Fremde Rüden können ins Revier eindringen, weil der starke, erfahrene Altrüde nicht mehr da ist. Und in der Ranzzeit kann es nun passieren, dass alle Weibchen des Reviers von fremden Rüden gedeckt werden. Es wäre nicht passiert, wenn Vater Fuchs noch da wäre, er würde ja seine eigenen Töchter nicht decken. Allein durch seinen Tod werden nun viel mehr Weibchen gedeckt, und es kommen wesentlich mehr Welpen zur Welt. Der Jäger, der den alten Rüden erschossen hat, hat ganze Arbeit geleistet. Er hat nicht nur eine funktionierende Familienstruktur zerstört, nein, er hat durch den Abschuss des einen Fuchses eine Vergrößerung der Population zu verantworten! 

Gemischte Kost: Mäuse, Pflanzen und Abfälle

Füchse sind taxonomisch Karnivoren, also Fleischfresser. Ihre Nahrung besteht aber nicht nur aus Fleisch. Besonders im Sommer, wenn Früchte und Beeren reif sind, steigt der Rotfuchs zu wesentlichen Teilen auf bequem erreichbare pflanzliche Kost um. Bei einer im Sommerhalbjahr 2005 durchgeführten Untersuchung im Saarland fand man in den Mägen von 37 von 55 erschossenen Füchsen Obstreste. Obwohl Füchse gern in Gruppen leben, jagen sie - im Gegensatz etwa zum Rudeljäger Wolf - fast immer allein, und ihre Beute sind dementsprechend Lebewesen, die deutlich kleiner sind als sie selbst. Hauptbeute von Füchsen sind ohne jeden Zweifel Mäuse, die in manchen Gebieten bis zu 90 Prozent der Fuchsnahrung ausmachen. Kaninchen stehen auf Grund ihrer Häufigkeit ebenfalls relativ weit oben auf der füchsischen Speisekarte, und auch Regenwürmer erfreuen sich großer Beliebtheit. David Macdonald beobachtete beispielsweise Füchse, die im Sommer in einer einzigen Nacht 150 Regenwürmer fingen und damit knapp zwei Drittel ihres täglichen Energiebedarfs deckten. In der Nähe menschlicher Siedlungen bedienen sich Füchse überdies gerne an den Abfällen unserer Zivilisation, vom Hamburger bis zu Pizzaresten. Demgegenüber sind weniger häufige Wildtiere wie etwa Wildgeflügel oder auch Feldhasen nur sehr selten auf der Speisekarte von Füchsen zu finden. Einerseits ist es für den Fuchs Zeitverschwendung, erfolglos nach seltener und dementsprechend schwer zu findender Beute zu suchen, andererseits ist etwa ein gesunder Hase keine Beute für einen noch so schnellen Fuchs. Mit ihren kräftigen Hinterläufen können die Langohren sich aus dem Stand auf mehr als 70 km/h katapultieren. Untersuchungen zeigen, dass der bei weitem größte Teil der von Füchsen gefressenen Hasen als Aas aufgenommen wird. 

Keine gegenseitige Ausrottung in abgestimmtem Ökosystem

Tiere, die seit Jahrtausenden aufeinander abgestimmt sind und im gleichen Lebensraum leben, rotten sich nicht gegenseitig aus. Noch nie konnte es in irgendeiner Form nachgewiesen werden, dass Raubtiere Beutetiere in ihren angestammten Lebensräumen ausgerottet hätten. So etwas schafft nur der Mensch, das allerdings in unglaublicher Geschwindigkeit! Der aktuelle Rückgang der Rebhühner z.B. hat ganz andere Gründe als den Fuchs. Zu nennen sind da die intensive Landwirtschaft (zunehmender Dünger- und Biozideinsatz, vereinfachte Fruchtfolgen und Zerstörung von Saumstrukturen wie Wegrändern), Lebensraumverlust (Wohn- und Gewerbeflächen, Straßen, versiegelte Flächen und Vertreibungswirkungen durch Schnellstraßen). Sicher erlegt auch der Fuchs das eine oder andere Rebhuhn, wird sie aber sicher nie an den Rand der Ausrottung bringen. Je seltener sie werden, umso schwieriger wird es ja auch, dass der Fuchs auf sie trifft. Nein, die vorher genannten Faktoren setzen den Bodenbrütern weit mehr zu. Wenn man allerdings Jäger ist und die hier nur zu Jagdzwecken eingeführten Fasane im Winter durchfüttert, dann ist es natürlich furchtbar traurig, wenn man statt zwanzig nur neunzehn schießen kann, weil der Fuchs einen gefressen hat … Abschließend bleibt mir die Feststellung, dass die Bejagung von Füchsen nachweislich absolut unnötig ist, nein - sie ist ehe kontraproduktiv, weil sie eine natürliche Regulierung verhindert und Krankheiten wie die Tollwut fördert. 

Mein Herz gestohlen …

Als ich vor einiger Zeit Füchse am Bau beobachtete, wollte ein Welpe herauskriechen. Ein unheimlich putziges kleines Tier, welches die Welt entdecken wollte. Aber Mutter Fuchs hatte anscheinend etwas gegen den Ausflug des Sprösslings. Man sah nur, wie der Kleine unter lautem Protest von hinten in den Bau zurückgezogen wurde. Ich konnte das kleine Tier nur einige Sekunden sehen, aber da hatte es schon mein Herz erobert. Den kleinen Strampler werde ich wohl nie vergessen. Während ich hier an meinem Computer sitze und diesen Artikel schreibe, setzen sich meine Hunde neben mich und schauen mich an. Sie wollen mir zeigen, dass es schon lange Zeit für eine Gassirunde ist. Ich schaue in ihre schwarzen Knopfaugen und sehe zwei Tiere, die wie ich Schmerz empfinden, die sich freuen können, die manchmal traurig sind und die mir eine unglaubliche Lebensqualität schenken. Ihre nahen Verwandten draußen, die Füchse, können sicherlich genauso empfinden wie meine Hunde und ich. Trotzdem werden sie immer noch wie im Mittelalter verfolgt und getötet, obwohl es vollkommen unnötig ist. Ich kann mir gut vorstellen, wie Fuchseltern empfinden, wenn sie zu ihrem Bau kommen und im Gebüsch versteckt mit ansehen müssen, wie Menschen gerade ihre Jungen töten. In diesem Moment hoffe ich, dass mein kleiner Freund, den ich beobachten durfte, noch lebt. Kleiner Fuchs, du hast mein Herz gestohlen! Du darfst es gern behalten … 

INFORMATIONEN: Fuchsbandwurm und Tollwut 

Tollwut

Im Kampf gegen die Tollwut hat sich gezeigt, dass das Auslegen von Impfködern das Mittel der Wahl ist. Seit diese Methode intensiv betrieben wird, ist die Tollwut sehr selten geworden in Deutschland gilt sie offiziell als ausgerottet. Ein ähnliches Ergebnis haben Abschüsse nie gebracht, im Gegenteil. 

Der Fuchsbandwurm

Der Fuchsbandwurm ist ein Parasit, der nicht ausschließlich den Fuchs befällt. Auch kleine Nagetiere, die immer in die Infektionskette einbezogen sind, Katzen, selten Hunde und noch seltener Menschen können betroffen sein. Der geschlechtsreife Bandwurm lebt im Dünndarm seines Endwirtes (Fuchs, Katze, Hund usw.). Er reift allerdings in einem Zwischenwirt (Mäuse oder andere kleine Nagetiere) heran. Wird der Zwischenwirt dann vom Endwirt gefressen, ist der Wurm an seinem Ziel, legt dort Eier, die dann mit dem Kot vom Endwirt ausgeschieden werden. Kommt dann der Zwischenwirt mit diesem Kot in Berührung, kann er die Eier aufnehmen. In ihm reifen neue Würmer heran, bis er vom Endwirt gefressen wird, und der Kreislauf beginnt von vorn. Ein natürlicher Kreislauf, und der Bandwurm richtet bei seinen natürlichen Wirtstieren keinen Schaden an. Es gibt dann aber so genannte Fehlwirte wie z. B. den Menschen, der aus irgendeinem Grund die Wurmeier aufgenommen hat. Er kann sie aber nur durch den Mund aufnehmen. Da sich diese aber vornehmlich im Kot der Endwirte aufhalten, ist eine Aufnahme durch den Menschen doch naturbedingt eher selten. Wenn sie erfolgt, kann dies eine schlimme Krankheit auslösen, die Alveoläre Echinokokkose, die die inneren Organe zerstört. Eine Heilung ist kaum möglich. Seit 2001 besteht für diese Erkrankung eine Meldepflicht

Wie kann man sich schützen?

Der Schutz vor dieser Krankheit ist eigentlich denkbar einfach. Schauen wir aber zunächst, wo die Eier der Bandwürmer sein könnten und wie wir damit in Berührung kommen können. Die Eier werden z. B. vom Fuchs mit dem Kot ausgeschieden. Sie sind sehr widerstandsfähig und können von Tieren, die mit diesem Kot in Berührung kommen, auch im Fell mitgenommen werden. Andere Füchse zum Beispiel, die sich wälzend eine Duftmarke über den Kot des Rivalen legen wollen. Wenn der Mensch also niemals ein Wildtier ohne Handschuhe berührt und sich auch nicht den Mund mit der Hand oder den Handschuhen abwischt, ist eine Infektion über das Fell fast unmöglich. Um ihr Revier zu markieren, reiben Füchse gern ihr Hinterteil an markanten Stellen, das können auch mal Sträucher mit Beeren sein. Am After hängen gebliebene Wurmeier können so durchaus einmal an eine Beere gelangen, aber bestimmt nicht an jede Beere, die irgendwo wächst. Alles, was man aus der Natur isst, sollte man vor dem Verzehr gründlich abwaschen, damit die Bandwurmeier nicht über diese Art Nahrung in den Menschen gelangen. Das gilt selbstverständlich auch für Freilandnahrung aus dem eigenen Garten.

Entwurmung von Katzen und Hunden

Da auch Katzen und seltener Hunde Mäuse verzehren, sind auch sie Endwirte, die Bandwurmeier ausscheiden können. Werden diese Tiere allerdings regelmäßig entwurmt, werden mögliche Würmer in ihnen erst gar nicht zum Eierlegen kommen. Außerdem, wenn z. B. ein Hund mal Jagdglück hat und eine Maus fängt und auch noch frisst, muss diese ja nicht zwangsläufig gerade Zwischenwirt sein. Man sieht also, einige Presseberichte, wonach Hundekot in der Feldflur grundsätzlich eine große Gefahr darstellt, sind nicht nur grober Unfug, sondern nicht nachzuvollziehende Panikmache.






Quellen

• Thomas Riepe – Hundeartige, animal learn Verlag (mit um fangreichem Quellenverzeichnis)

• David Macdonald - Unter Füchsen

• www.verbraucherministerium.de

• www.medizin-links.de

• www.tieraerzteverband.de

• Echinokokkoseregister Ulm

• ABU Info 24 - 1/2000 Rebhühner




Kleine Pause

Klartext Hund macht Pause. Wegen vieler Projekte, die im Moment meine Aufmerksamkeit benötigen, mache ich eine kleine Pause bis Anfang nächs...