Mittwoch, 18. Juni 2014

Grenzen, Grenzen, Grenzen

Wenn man sich mit Hundehaltung und Hundeerziehung beschäftigt, hört man immer wieder folgende Schlagworte: „Hunde brauchen grenzen“. Fast inflationär werden diese Worte eingesetzt. Mir stellt sich dabei immer eine Frage: Welche Grenzen meint man eigentlich damit? Welche Grenzen möchte der Hund eigentlich überschreiten? Was sind Grenzen überhaupt? Die Schlagworte sind schnell ausgesprochen, doch bei näherer Betrachtung werden einige Fragen aufgeworfen.
Wenn ich irgendwo die Frage danach stelle, welche Grenzen ein Hund denn eigentlich überschreiten möchte, fallen die Antworten darauf meist recht sparsam aus. Viele, die den Hund als grenzüberschreitendes Raubtier sehen, kennen die angepriesenen Grenzen nicht einmal.
Nun gut, aber was sind denn nun diese Grenzen, die ein Hund angeblich überschreiten möchte? Und wenn er sie überschreitet, wird er dann grundsätzlich zum gefährlichen, aggressiven Monster, wie es viele Hundeexperten immer noch behaupten? Mitnichten. Es mag vielen vielleicht schwer fallen, folgendes zu glauben. Aber von ihrem grundsätzlichen Wesen her sind Hunde eigentlich viel mehr darauf erpicht, Konflikte zu vermeiden. Und Grenzen überschreiten beinhaltet automatisch Konflikte…
(c) Fotolia
Am Ende des Textes werden wir sehen, was Grenzen eigentlich sind und welche Grenzen Hunde überhaupt überschreiten wollen.
Um das etwas zu verdeutlichen, möchte ich zunächst einmal auf das angeborene Sozialverhalten von Hunden eingehen, bevor am Ende darauf eingegangen wird, welche Grenzen Hunde überhaupt überschreiten wollen. Wenn sie denn wollen…
Sozial anpassungsfähige Lebewesen
Der Hund ist von Natur aus sozial anpassungsfähig, was sich in seiner evolutionären Vergangenheit begründet. Das Wildtier Wolf, von dem alle heutigen Haushunde abstammen, ist ein soziales Lebewesen. Allerdings wird von vielen Menschen das Verhalten von Wölfen innerhalb ihrer natürlichen, sozialen Gruppen völlig falsch interpretiert. Es wird immer wieder behauptet, dass Wölfe strenge Rangordnungen in Rudeln etablieren würden und dass diese Rangordnungen durch Kämpfe und aggressive Auseinandersetzungen immer wieder in Frage gestellt und gefestigt werden müssten. Das stimmt nicht. Heute weiß man recht genau, dass dies ein falsches Bild des wölfischen Sozialverhaltens ist. Die Irrtümer basieren vermutlich darauf, dass man früher Wolfsverhalten an Tieren studiert hat, die auf engem Raum in Gehegen lebten, sich nicht aus dem Weg gehen konnten und die in wild zusammengewürfelten Gruppen leben mussten. In Gruppen mit nicht miteinander verwandten Individuen. Auf engstem Raum, ohne Ausweichmöglichkeiten und mit fremden Individuen, die möglicherweise nicht zum eigenen Charakter passen. Man kann sich das so vorstellen, als ob man die gesamte Bandbreite des menschlichen Sozialverhaltens daran festmachen würde, wie sich gefangene Menschen auf engstem Raum verhalten…
Familie oder hierarchische Gruppe?
Das natürliche wölfische Sozialverhalten ist ganz anders. In Freiheit leben keine fremden Individuen in großen Gruppen zusammen. Ein Wolfsrudel ist eine Familie. Zwar werden diese Familien jeweils von einzelnen, sich fremden Rüden und Weibchen gegründet. Danach bleiben diese Paarungen jedoch in der Regel ihr Leben lang zusammen und bekommen einmal im Jahr Nachwuchs. Dieser Nachwuchs bleibt ca. ein bis zwei Jahre bei den Eltern, bevor er abwandert um sich eigene Partner zu suchen, um eine eigene Familien zu gründen. Oft ist es dann so, dass junge, fast erwachsene Wölfe, die wenige Monate vor der Abwanderung stehen, noch Babysitter für ihre kleinen Geschwister spielen. Während die Eltern Nahrung beschaffen. So formt sich das angeborene soziale Verhalten noch in besonderer Weise. Wolfswelpen lernen nicht nur den Umgang untereinander, der soziale Kontakt zu mehreren älteren Artgenossen ist eine weitere Lebensschule. Insgesamt muss man aber heute deutlich sagen, dass Wölfe keine Rudel aus sich grundsätzlich fremden Individuen bilden und innerhalb der sozialen Gemeinschaft, der Familie, keine Rangstreitigkeiten, keine Ernstkämpfe um Status etc. durchgeführt werden. Den Eltern wird automatisch vertraut und gefolgt. Und kein Welpe möchte z .B. seinen eigenen Vater verdrängen, um dann mit der eigenen Mutter das Rudel anzuführen und innerhalb des Familienrudels zum „Rudelführer“ aufsteigen. Das hat evolutionsbiologische Gründe, weil bei einem solchen Szenario die genetische Vielfalt zu gering bleiben würde, was insgesamt den Fortbestand der Art Wolf gefährden würde. Kurz gesagt: Das streng hierarchische Bild, welches wir von Wolfsrudeln haben basiert auf einer Reihe von Fehlinterpretationen und Missverständnissen.
„Gefängnisleben“ verfälscht Normalverhalten
Doch was ist mit Hunden? Zu Recht wird jetzt sicher mancher denken, dass Hunde doch keine Wölfe sind. Das stimmt natürlich. Hunde sind domestizierte Wölfe, das heißt, sie haben sich (oder sie wurden) an den „Lebensraum beim Menschen“ angepasst. Ihre sozialen Fähigkeiten haben sie beim Domestizierungsprozess aber nicht verloren. Im Gegenteil. Ihre Fähigkeit, sich sozial anzupassen ist in der Nähe von Menschen sogar noch wichtiger als unter Artgenossen. Nur so schaffen es Hunde, seit vielen tausenden von Jahren mit uns klarzukommen. Hunde sind also, wie der Wolf, immer noch sozial anpassungsfähige Lebewesen, die in einer sozialen Gruppe eher um Harmonie als um Konflikte und Rangordnungsstreitigkeiten bemüht sind. Wölfe wie Hunde sind eigentlich Meister im vermeiden von Konflikten. Wenn man an dieser Stelle Bilder von kämpfenden Hunden auf Spielwiesen vor Augen hat, oder Mehrhundehalter sagen, dass ihre Hunde ständig aneinandergeraten, muss man wieder zur vorher genannten Wolfsforschung zurückblicken. Als ich davon sprach, dass eingesperrte Wölfe in willkürlichen Gruppen auf engstem Raum kein normales Sozialverhalten zeigen, so kann man das auch auf die Hundebeispiele übertragen. Wenn man z. B. mit sehr vielen Hunden auf engem Raum lebt, sich diese nicht aus dem Weg gehen können – dann ist es wieder so, als würde man Gefängnisinsassen als Beispiel für die gesamte menschliche Gesellschaft heranziehen.
(c) Fotolia
Damit man mich nicht falsch versteht. Selbstverständlich ist eine Mehrhundehaltung möglich und kann auch gut sein. Die Individuen müssen aber genügend Freiraum voneinander haben, sich jederzeit großräumig aus dem Weg gehen können und auch mal einzeln ausgeführt und/oder beschäftigt werden. Sonst kommt es zum „Lagerkoller“ und sozialen Auseinandersetzungen, die nicht dem natürlichen Verhalten von Hunden entsprechen.
Straßenhunde bilden keine Rudel
Schaut man sich zum Beispiel Hunde an, die relativ frei leben können (z. B. Straßenhunde in Afrika), unterscheidet sich das Sozialverhalten deutlich von dem der Hunde, die auf engstem Raum leben und keine sozialen Freiräume haben. Relativ frei lebende Hunde zeigen im Prinzip genau das Gleiche Sozialverhalten wie Wölfe. Ohne große Streitigkeiten mit Artgenossen – auch aus dem Grund, dass frei lebende Hunde meist allein leben und der falsche „Rudeleindruck“ daher kommt, wenn man mehrere Straßenhunde z. B. an einer Futterquelle (Müllplatz etc.) beobachtet. Das Leben an sich gestalten die meisten Straßenhunde aber solitär. Wenn (selten) Gruppen entstehen, bestehen sie aus sich bekannten, oft verwandten Individuen, die sich trennen oder aus dem Weg gehen, wenn es nicht mehr passen sollte. Und nicht um starr fixierte Hierarchien, die durch ständige Kämpfe aufrecht erhalten werden müssen.
Rangordnungen und Grenzen
Zwar sind innerhalb der sozialen Gruppen von Hunden und Wölfen Rangordnungen längst nicht so bedeutend, wie in der Hundeerziehung immer wieder suggeriert wird. Allerdings werden im Umgang mit Artgenossen durchaus Grenzen gezogen und gesetzt. Dieses Verhalten ist allerdings immer nur im direkten sozialen Umgang von Individuen miteinander zu beobachten. Das heißt, wenn es z. B. direkte Konflikte bezüglich Nahrungsressourcen gibt oder wenn es im Spiel zu robust wird – immer dann wenn ein Verhalten zu aufdringlich oder unverschämt wird. Dann wird meist rituell, mit Körpersprache und Drohungen, aufgezeigt, wo Grenzen des Verhaltens sind. Nur sehr selten wird ein aufdringliches oder unverschämtes Verhalten mit Schmerzen oder ernsthaften Kämpfen abgebrochen. Unerwünschtes Verhalten wird in den meisten Fällen dadurch unterbunden, dass nicht darauf eingegangen wird – dass es keinerlei Erfolg hat. Übertragen auf die Hundeerziehung könnte man sagen, dass man einen Hund, der bettelt um etwas zu erreichen oder zu bekommen, einfach nicht das gewünschte Ziel erreichen lässt. Also einfach nichts geben, wenn er unverschämt am Tisch bettelt. Wird er doch zu aufdringlich, kann man ihn durchaus auch mal wegschieben und kurz und klar sagen, dass man das nicht möchte. Damit ist die Grenze in dem sozialen Kontext gesetzt.
Grenzen nur im direkten sozialen Kontext
Also, Grenzen werden im sozialen Grundrepertoire des Hundes nur im direkten sozialen Kontext gesetzt. Rangordnungs- und Statusverhalten ist bei Hunden eigentlich eher als untergeordnet anzusehen. Wir sollten deshalb von Grenzen setzen auch nur im direkten sozialen Kontext sprechen – wenn Hunde eben im sozialen Umgang mit uns über ein Ziel hinausschießen. Aber das ist im Allgemeinen recht selten und kann dadurch eingegrenzt werden, indem der Hund schlicht nichts dadurch erreicht. Man kann auch mal deutlich „nein“ sagen, oder dem Hund ein Alternativverhalten (z. B. „Sitz“) antrainieren, dass er auf Signal zeigen kann und das dann belohnt wird. So lernt er, dass sich ein anderes Verhalten als das vorher gezeigte „unerwünschte Verhalten“ eher lohnt…
Da Grenzen setzen also nur ein relativ selten gezeigtes Sozialverhalten von Hunden ist, sollten wir Menschen auch nicht unser Zusammenleben mit dem Hund durch übertriebenes „Grenzen setzen“ belasten. Das widerspricht dem angeborenen Sozialverhalten von Hunden. Wenn wir gegen das natürliche Verhalten von Hunden arbeiten, alles verbieten und begrenzen, dann frustriert das den Hund und stresst ihn. Und dauerhafter Stress ist einer der Hauptgründe für unerwünschtes Verhalten (größere Aggressionsbereitschaft, niedrige Toleranzschwellen etc.). Übrigens: Nur ein ausgeglichener Hund, ein Hund der genügend ausgleichende Hormone gegen Stresshormone bilden kann, kann auch ein ausgeglichenes Verhalten zeigen.
Um ausgeglichen zu sein braucht ein Hund Freiheiten
Wichtig für einen ausgeglichenen Hormonhaushalt sind auch Freiheiten, die man dem Hund gewähren sollte. Hunde sollten sich aussuchen dürfen, wo sie in der Wohnung liegen, wo sie sich aufhalten. Dann sollten sie manchmal auch selbstständig Aufgaben lösen dürfen (z. B. Nahrung suchen, erschnüffeln, zerlegen) und allein Gärten oder eingezäunte Grundstücke erkunden, ohne dass der Besitzer ständig hinter dem Hund steht. Nur so lernt der Hund, ausgeglichen zu sein und auch mit Situationen umzugehen, die ihm fremd sind. Wenn man einem Hund also Freiheiten erlaubt, einige wenige Grenzen freundlich im direkten sozialen Kontext setzt und alltägliche „Signale“ (z. B. für einen Rückruf oder ein Ersatzverhalten wie „Sitz“) einübt, reicht das im Allgemeinen für ein harmonisches Leben mit einem Hund (siehe Tipps). Natürlich muss man das immer individuell sehen, die Vergangenheit eines Lebewesens spielt in sein Verhalten mit hinein, zudem gibt es Unterschiede zwischen den Rassen etc. Grundlegend kann man aber sagen, dass man mit einer gesunden Mischung aus Grenzen und Freiheiten die wenigsten Probleme mit Hunden bekommt. Denken Sie also immer daran, wenn Sie mit Hunden umgehen. Hunde sind sozial sehr anpassungsfähig, sie streben nicht nach Aufstieg in imaginären Rangordnungen mit dem Menschen und werden auch nicht gefährlich, wenn man sie nicht ständig unterdrückt. Im Gegenteil, Frust, Stress und daraus resultierendes, unerwünschtes Verhalten lassen sich am besten dadurch vermeiden, wenn man das natürliche Leben von Hunden, so gut es in unserer Umwelt geht, berücksichtigt und simuliert. Hunde sind im Grunde anpassungsfähige, freundliche Lebewesen, die einem Konflikt lieber aus dem Weg gehen. Wenn wir ihnen die Möglichkeit dazu geben und sie nicht in irgendwelche Konfliktsituationen hineinzwingen, die ihrem eigentlichen Naturell nicht entsprechen.

TIPPS: 
Strukturiertes, sicheres Leben:
Wichtiger als Grenzen setzen sind klare Strukturen im Hundeleben
-          Geregelter Tagesablauf mit regelmäßigen Gassizeiten, Streicheleinheiten, Fütterungszeiten, Ruhephasen, Beschäftigungszeiten. Das schafft Routine und somit Sicherheit, was einen Hund entspannt. Und Entspannung verhindert Stress, Frust und Aggressionen.
-          Ruhe und Gelassenheit im Umfeld des Hundes. Keine dauernden Streitereien der Menschen untereinander, Rückzugsmöglichkeiten um sich vor spielenden Kindern „in Sicherheit“ bringen zu können. Hund nicht ständig menschlicher Hektik aussetzen.
Freiheiten:
-          Gönnen Sie dem Hund freie Liegeplatzwahl an verschiedenen Plätzen in der Wohnung
-          Beim Gassigang muss der Hund überall so lange und so oft schnüffeln und markieren können, wie er möchte
-          Optimal ist ein großer Garten, in dem der Hund mal Zeit ohne Menschen verbringt – dort Gerüche von fremden Katzen und Vöglen erkunden kann, auch mal wachen kann etc. Wer keinen Garten hat, kann vielleicht mal bei Bekannten fragen, ob der Hund ab und an deren Garten erkunden darf oder man sucht sich andere, eingezäunte, sichere Gelände, die der Hund mal frei erkunden darf (natürlich soll der Mensch in der Nähe bleiben, aber nicht dauerhaft nah beim Hund)
-          Regelmäßig Kauspielzeug (Pappkisten mit Leckerchen, Kong etc.) bearbeiten und zerlegen lassen
-          Suchspiele durchführen („Nasenarbeit“)
-          Usw.
Denken sie immer daran, nur wenn ein Hund manchmal freie Entscheidungen treffen darf, entwickelt sich sein Gehirn normal, nur dann bildet sein Körper genügend Hormone, die Stresshormonen entgegenwirken und ihn zu einem ausgeglichenen Lebewesen machen. Und ein ausgeglichener Hund zeigt sehr viel seltener unerwünschtes Verhalten, als ein dauerhaft gestresster und frustrierter Hund.

Samstag, 7. Juni 2014

Hunde, Peinlichkeiten, vermenschlichen

Im „Zeit-Wissen Magazin Nr. 3 / 2014“ ist ein interessanter Artikel zu finden. Es geht darum, ob Tieren etwas peinlich sein kann. Ich finde den Artikel in der Hinsicht interessant, weil man ja immer wieder hört, viele Menschen würden Hunde zu stark vermenschlichen. Und in typisch deutscher Schwarzmalerei wird dieses „Vermenschlichen“ gern als der Untergang der westlichen Hemisphäre herangezogen, wenn es um Probleme zwischen Menschen und Hunden geht. Aber diese Schwarzmalerei ist ein anderes Thema – dieses immer mit dem Schlimmsten jonglieren, um gewisse Meinungen durchzudrücken.
Sich seiner selbst bewusst?
Aber zurück zum Zeit-Artikel. Anschaulich wird dort erklärt, dass von vielen heute immer noch davon ausgegangen wird, dass die meisten Tiere kein Bewusstsein für das eigene „Ich“ haben, was ja die Voraussetzung dafür wäre, Peinlichkeiten zu empfinden – man müsst ja praktisch von außen auf sich selbst schauen und sein eigenes Verhalten bewerten. Einigen Tieren wie Schimpansen spricht man diese Fähigkeit zu, weil sie sich in einem Spiegel erkennen. Hunde erkennen sich nicht in einem Spiegel – aber ist das ein Beweis dafür, dass sie sich ihrer selbst nicht bewusst sind? Nun, ich halte es für äußerst fragwürdig, die Selbstwahrnehmung eines Lebewesens an einem speziellen Test festzumachen. Für mich persönlich steht außer Frage, dass Hunde ein Gefühl für sich selbst haben. 
Markieren Hunde ihren eigenen Urin?
Ein starkes Indiz dafür liefert eigentlich jeder Hund, jeden Tag. Gehen sie einmal einen Weg in die gleiche Richtung zurück, aus der Sie gekommen sind. Markiert ihr Hund dann über seine eigenen Markierungen, die er vor kurzer Zeit abgesetzt hat? Selten? Na klar, er weiß ja, dass die Markierung von ihm ist und er sie erst kürzlich gesetzt hat. Über jede Markierung eines fremden Hundes, die sehr frisch ist, würden doch sehr viele Hunde „drübermarkieren“. Das Erkennen der eigenen Markierung kann doch nur erfolgen, wenn sich der Hund seiner selbst bewusst ist. Wenn er das nicht wäre, würde er Hundeurin riechen und einfach drübermachen…
Diesen Spiegeltest als Beweis für ein „Ich-Bewusstsein“ halte ich insgesamt für fragwürdig. Ein Hund braucht zum Erkennen immer mehr Informationen als nur ein zweidimensionales Bild. Um daraus alle Informationen zum Erkennen eines Individuums ableiten zu können, sind seine Augen zu unscharf. Zudem ist er als Nasentier stark auf den Geruch als Infoquelle angewiesen, mit wem er es zu tun hat. Darum kann ein Hund ein Spiegelbild vermutlich nicht einmal als Hund erkennen, geschweige denn, als sich selbst.
Schmerz empfinden ja, Peinlichkeiten nein?
Wie gesagt, ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Hunde sich ihrer selbst bewusst sind. Aber da sich die Wissenschaft früher darin einig war, dass Tiere kein Gefühl für sich selbst hätten, gestehen wir ihnen komplexe Empfindungen wie „etwas peinlich sein“ nicht zu. Klar, wir gestehen ihnen zu, dass sie Schmerz empfinden und auch Freude. Peinlichkeit, so wird in dem Artikel erläutert, scheint aber mehr zu sein als ein schneller Gedanke: „Jetzt haben andere gesehen, dass ICH was Blödes gemacht habe“. Das wäre nicht nur ICH-Bewusstsein, sondern zusätzlich würde es sich um ein Hineinversetzen in den Blickwinkel anderer handeln. Soweit der Zeit-Artikel bis zu der Stelle.
Vermenschlichen
Genau diese Sichtweise der Menschen auf Tiere führt oft dazu, dass man von „vermenschlichen“ spricht, wenn man Tieren, und in unserem Fall Hunden, komplexe und abstrakte Emotionsleistungen zuspricht.
(c) Fotolia
Von Peinlichkeiten, Trauer oder schlechtem Gewissen im Zusammenhang mit Hunden zu sprechen, wird oft mit dem Vorwurf des Vermenschlichens begegnet.
Peinlichkeit empfinden ein evolutionärer Vorteil…
Doch der gut recherchierte Zeit-Wissen-Artikel fährt mit einer interessanten Theorie fort. Dort wird dann der bekannte und anerkannte amerikanische Evolutionsbiologe Marc Bekoff mit folgenden Worten zitiert: „Ich halte es für wahrscheinlich, dass zumindest soziale Tiere so etwas wie Peinlichkeit kennen“. Er argumentiert damit, dass z. B. ein Löwe, der unbedacht gegen einen Baum rennt, den Gruppenmitgliedern signalisiert, dass es ihm peinlich ist und es sich um ein Missgeschick handelt. Um von den anderen Gruppenmitgliedern nicht für verrückt oder schwach gehalten zu werden. Was unter Löwen schwerwiegende Folgen haben könnte.
Peinlichkeit als evolutionäre Notwendigkeit sozial lebender Tiere? Eine Theorie, klar. Aber ich stimme mit der Autorin des zitierten Artikels überein: Es ist eine plausible Theorie, die Marc Bekoff aufstellt. Normverstöße, Peinlichkeiten haben ggf. negative Konsequenzen für mich. Darum ist das Individuum bei sozialen Lebewesen im evolutionären Vorteil, das so etwas erkennt und auch zu vermeiden versucht. 
Starre Denkmuster der Hundeszene
Der Artikel hat mich zum Nachdenken angeregt. Nicht darüber, welche Emotionen Hunde haben oder ob sie ein ICH-Bewusstsein haben. Natürlich haben sie das, da bin ich mir sicher – nicht nur aus dem Grund, dass Hunde ihre eigenen Markierungen nicht markieren.
Nachdenken musste ich darüber, wie leicht mit dem Wort „vermenschlichen“ heute oft um sich geworfen wird, in sehr engen Denkmustern. Ein anderer Blickwinkel, mal an die Logik der Evolution gedacht, den Mut haben, abstrakt zu denken. Das würde ich mir von der eingefahrenen Szene der Menschen rund um Hunde wünschen…

Wenn der unfaire Hundetrainer einer rektalen Öffnung ähnelt

Der Haushund stammt von einem Raubtier ab, welches darauf angewiesen ist, seine Nahrung durch jagen zu erlangen. Dadurch hat sich evolut...