Donnerstag, 17. November 2016

Wenn der Hund sich nicht anfassen lässt. Eine Frage der „Rudelführung“?


Ich versuche immer mein Wissen und meinen Horizont zu erweitern. Im beruflichen Bereich, im „Hundebereich“, bilde ich mich vielfältig weiter, auch mittels seriöser Fachzeitschriften. Publikumsmagazine gehören aber weniger dazu. In den letzten Jahren habe ich gelernt, darin kaum noch zu lesen. Einfach aus dem Grund, weil ich mich zu oft ärgern musste. Meine Zeit ist mir zu schade, sie damit zu verbringen…
Nun gut, heute machte ich den Fehler und blätterte im Supermarkt doch in einem solchen Publikumsmagazin für Hunde. Und – Ihr werdet es Euch denken können. Ich hatte das Heft gerade aufgeschlagen und das Ärgern ging schon wieder los.
Steinzeittipps – Satire oder ernst gemeint?

In einem Artikel wurde darüber berichtet, wie man es erreicht, dass der Hund daheim nicht der Chef wird. Als ich den Artikel überflog dachte ich im ersten Moment, dass es sich um eine Satire handeln würde und bald die Aufklärung käme, wie es richtig gemeint sei. Dort wurde in schönstem Steinzeitwissen propagiert, dass der Mensch immer vor dem Hund essen müsste, der Hund nie vor dem Menschen laufe dürfe, der Mensch immer als erster durch Türen gehen etc. Weil der Hund sonst daheim die Rudelführung übernehmen würde. Unglaublich, ein Hundemagazin verbreitet solch einen Unsinn im Jahre 2017 als ernsthafte Tipps…
Herausragender Unfug
Ich möchte jetzt nicht auf alle unsinnigen Tipps eingehen. Aber einer stach selbst aus dem Unfug noch heraus.
Dort wurde behauptet, dass sich ein Hund zu jederzeit an jedem Ort von Menschen belästigen lassen müsse. Sich überall anfassen lassen. Und er nicht das Recht hätte, seinen Missmut darüber auszudrücken. Ein Hund, der sich nicht anfassen lassen wolle, wäre grundsätzlich dominant und wolle die Führungsrolle im „Rudel“ übernehmen. Nur der „Alpha“ dürfe belästigen.
Gesundheitliche Gründe pauschal verschwiegen
Was bitte ist mit Hunden, die ein körperliches Problem haben? Die Schmerzen aufgrund muskulärer Erkrankungen haben? Die Gelenk- oder Rückenprobleme haben? Die vielleicht schlechte Erfahrungen mit menschlichen Berührungen haben? Die geschlagen wurden? Die vielleicht an einer Kette oder mit Leinenruck drangsaliert wurden und im Halsbereich empfindlich sind? Was ist mit Hunden, die Augenprobleme haben und die Annäherung von der menschlichen Hand nicht richtig interpretieren können? Was ist mit Hunden, die Probleme mit den Analdrüsen haben und sich nicht im Bereich des Hinterteils anfassen lassen wollen? Was ist mit…? Ich könnte die Fragen, warum Hunde sich nicht anfassen lassen wollen noch sehr lange weiterführen. Aber das würde dann zu lang.
Sensibles Berührungstraining notwendig
Natürlich kann und sollte man mit einem sensiblen Training daran arbeiten, dass Hunde sich berühren lassen – was immer wichtig sein kann.
Es ist aber mehr als unsinnig, in einer Publikumszeitung pauschal zu behaupten, dass ein Hund, der sich nicht anfassen lassen möchte, ein Rudelführer sein möchte. Es gibt 1000 Gründe, warum ein Hund sich gegen menschliche Berührungen ausspricht. Dass er die Menschheit unterdrücken möchte, ist davon wohl der letzte. Der Allerletzte…

Dienstag, 8. November 2016

Vom Glück des angeleinten Hundes


In meinem inzwischen recht langen Berufsleben bei der Arbeit mit Menschen und Hunden hat sich folgendes immer wieder bestätigt. Man sollte nie pauschal denken, an keine Methoden glauben und sich vor allem in Hund UND Mensch hineinversetzen können. Und mit Übersicht quer denken…
So war es z. B. bei einem Fall, der eigentlich schon einige Jahre zurückliegt, der jedoch in meinen Augen sehr schön zeigt, was ich mit den vorher gesagten Worten meine.
Hund kann sich draußen nicht lösen
Eine Hundehalterin kontaktierte mich, weil ihr Hund sich auf dem Gassigang nicht löste, sondern sein Geschäft immer nur daheim, in der Wohnung erledigte. Also begleitete ich die Dame und ihren Hund, einen Beaglemix, bei einem Spaziergang. Der Hund lief dabei frei, war jedoch sehr angespannt, bewegte sich, mit recht aufrechtem und steifem Gang, ca. drei bis vier Meter vor dem Frauchen.
Der Hund lief also ohne Leine. War vermeintlich im Freilauf. Das Frauchen hatte den Hund gut trainiert, einen sicheren Rückruf mit der Pfeife etabliert. So schilderte sie es mir zumindest. Und sie verachtete alles, was mit Gewalt und Schreckreizen bei der Hundeausbildung zu tun hat. Sie hatte den Rückruf, nach ihren Worten positiv aufgebaut – Pfeifen, Leckerchen. Bis der Hund verstanden hatte, dass es ein Leckerchen gibt, wenn er zum Frauchen kommt. So weit, so gut.
Angespannter Freilauf
Zurück zum Gassigang. Wie gesagt, lief der Hund einige Meter vor seinem Frauchen, war aber auch sehr angespannt. Im Laufe des Spaziergangs, war eines, neben dem angespannten Hund, sehr auffällig. Immer, wenn der Hund etwas weiter voranlief, als den vom Frauchen geduldeten Abstand, nutzte sie den Rückruf per Pfeife. Worauf der Hund auch direkt zurückkam, sich sein Leckerchen abholte und dann wieder innerhalb des tolerierten Abstands vor Frauchen herlief. Bis er wieder etwas zu weit war…
Das passierte nicht übermäßig häufig, der Hund hatte den vermeintlich korrekten Abstand sehr gut im Gefühl. Aber während des ca. 30 minütigen Spaziergangs wurde er ca. 5 Mal zurückgerufen. Der Hund lief vermeintlich frei, war aber ständig in der Anspannung, dass er zurückgerufen werden würde und zum Frauchen laufen musste.
Signal anders verknüpft als gewollt
Wie gesagt, im Grunde bin ich ein Freund des Rückrufs über Pfeife. Aber auf eine gewisse Entfernung und auch nur selten benutzt – damit sich das Signal nicht abnutzt und außerdem positiv belegt bleibt. In diesem Fall, so nah beim Hund und sehr oft getätigt, war es ein Schreckreiz, ein unangenehmes Abbruchsignal. Ein Signal, auf das der Hund ständig wartete, wenn er ohne Leine lief. Die Anspannung wurde immer nur kurz unterbrochen, wenn der Pfiff ertönte und er sich sein Leckerchen holte. Daraufhin begann direkt wieder die Anspannung. Es war zwar von der Besitzerin gut gemeint, sie dachte, sie hätte dem Hund gewaltfrei, positiv verstärkt, den „Freilauf“ beigebracht. In Wahrheit aber war der Gassigang für den Hund eine stressreiche Geschichte unter Daueranspannung. Und diese Art der dauerhaften Anspannung ist für den Körper sehr  anstrengend – und natürlich auch für die Psyche. Ein weiterer Nebeneffekt ist in diesem Zustand der Anspannung, dass das Verdauungssystem nicht „arbeitet“. Diese Anspannung ist von der Natur eingerichtet, dass man sich verteidigen oder flüchten kann. Da kann sich das System nicht auch noch um die Verdauung kümmern. Alles geht eben nicht…
Hund durch Unfall verloren
Ein weiterer interessanter Fakt dieses Falles war, dass das Frauchen vor einiger Zeit einen anderen Hund durch einen Unfall verloren hatte. Der Hund war weggelaufen und überfahren worden. Vor den Augen das Frauchens, welches ihn nicht zurückrufen konnte. Darum hatte sie den Freilauf mit dem Beaglemix besonders geübt – bis zu dem Zustand, den ich bei meinem Besuch vorfand. Hund durfte vier Meter vorlaufen. Und wurde bei kleinstem Verdacht von zu viel Abstand zurückgepfiffen. Frauchen war ständig in Angst, dass der Hund weglaufen könne und wieder etwas Schreckliches passieren würde. So marschierten also ein hochgradig angespanntes Frauchen und ein hochgradig angespannter Hund durch die Gegend.
Wie es die Gesellschaft verlangt
Für Außenstehende sah im Grunde aber alles so aus, wie es die Gesellschaft verlangt. Gut hörender Hund darf frei laufen und hört gut auf Frauchen. Dabei gingen dort zwei höchst angespannte Lebewesen, eines in Angst, dass der Hund weglaufen könne und etwas Schreckliches passiert. Und eines in Angst davor, den unangenehmen Pfeifton um die Ohren gehauen zu bekommen, wenn er nicht nah genug beim Frauchen war. Ein typischer Fall von Schein und Sein…
Unwohlsein beim Gassigang
Keiner fühlte sich beim Gassigang wohl. Deswegen änderte ich diesen radikal. Der Hund wurde angeleint, um endlich frei zu sein. Denn sobald er spürte, dass der Verschluss der Leine an seinem Geschirr befestigt wurde, entspannte er sichtlich. Er wusste genau, dass kein Schreckreiz über die Pfeife kommt, wenn er angeleint ist – und Frauchen war auch viel entspannter, weil sie sich mit Leine sicher war, dass der Hund nicht weglaufen kann. Beide waren blitzartig entspannt, der stress wie weggeblasen und der der schädliche Dauerstress war nicht mehr zu spüren.
Lange Leine statt Unwohlsein

Seit dem Zeitpunkt wird der Hund beim normalen Spaziergang, mehrmals täglich, mit einer langen Leine geführt. Eine Leine, die ihm genügend Bewegungsfreiheit rund um Frauchen ermöglicht, ihn nicht einengt. Und Frauchen hat gelernt, den Hund an der Leine frei sein zu lassen. Ihn mal den Weg vorgeben lassen, zu erkennen, wie und wohin er sich bewegen möchte, ihn lange und ausführlich schnüffeln und forschen zu lassen. Frauchen stört den Hund an der Leine nicht. Die beiden sind inzwischen „frei zu zweit“, sie sind nicht angespannt, genießen jeden Gassigang, auf den sie sich freuen.
Und! Das ursprüngliche Problem, weswegen ich gerufen wurde, löste sich im wahrsten Sinne von allein. Der entspannte Hund an der Leine erledigte sein Geschäft wieder draußen statt in der Wohnung.
Rappeldose oder Pfeife
Allerdings war es mir auch wichtig, dem Hund genügend Gelegenheit zu geben, mal zu rennen und ohne Leine zu laufen. Das ermöglichen wir ihm heute entweder in abgesichertem Gelände, oder in ausgewählten Gegenden draußen, die übersichtlich und weit weg von Straßenverkehr sind. Zudem haben wir ein neues Rückrufsignal etabliert, weil die Pfeife zu stark als Schreckreiz unangenehm verknüpft war. Da der Hund auf das Rappeln seiner Leckerlidose sehr aufmerksam und angenehm reagierte, haben wir eben diese Rappeldose neben dem Wortsignal „Hier“ als positiv aufgebautes Rückrufsignal etabliert. Welches nur selten, aber zuverlässig genutzt wurde. Und bis heute gut funktioniert.
In diesem Fall also ein klares „Nein“ zur Pfeife und ein klares „Ja“ zu Rappeldose. Weil völlig anders eingesetzt als üblich – und individuell zugeschnitten.
Individuell einschätzen
Dieses Beispiel zeigt in meinen Augen sehr gut, dass man Mensch/Hundgespanne, Situationen, Hundeausbildung etc. immer vollkommen individuell für Mensch und individuell für den Hund einschätzen muss. Oft auch individuell für mehrere Familienmitglieder, mehrere Hunde. Ich habe inzwischen so viele „Fälle“ rund um Hunde und Hundehalter betreuen dürfen, dass ich sehr genau weiß, wie unsinnig pauschale Methoden, Tipps und Sprüche rund um das Thema sind. Unsinnig und auch unseriös.
Kein echtes Problem der Hundeerziehung
Das Problem zwischen Mensch und Hund war in diesem Fall relativ schnell individuell gelöst. Alles war und ist auch heute noch gut. Ein entspanntes Paar, wunderbar zu sehen. Allerdings verstehen das viele Menschen nicht. Viele quatschen die Hundehalterin insofern voll, dass sie doch ihren Hund auf dem normalen Gassigang mal von der Leine lassen solle, das hätte alles etwas mit Autorität, Bindung und Führung zu tun. Nein, das hat etwas mit den ganz eigenen Persönlichkeiten und Geschichten der Akteure zu tun. Die den besten Weg für ihr Zusammenleben finden müssen. Ohne pauschale Tipps und Schlaumeiereien…
Das Problem liegt an anderer Stelle
Wie man trotz Gerede und Erwartungen von außen trotzdem entspannt bleibt, Selbstzweifel ausräumt und letztlich den Blick auf sich und seinen Hund schärft, fällt eher in den Bereich der Humanpsychologie und hat weniger mit dem Hund zu tun.
Der Hund und das Zusammenleben mit dem Hund ist von seiner Besitzerin akzeptiert und gut so, wie es ist. Aber wie geht man mit der menschlichen Umwelt um, die einen in ein pauschales Gesellschaftskorsett in Sachen Hund zwängen will? Das ist die wahre Herausforderung. Nicht der Hund.

Wenn der unfaire Hundetrainer einer rektalen Öffnung ähnelt

Der Haushund stammt von einem Raubtier ab, welches darauf angewiesen ist, seine Nahrung durch jagen zu erlangen. Dadurch hat sich evolut...