Freitag, 18. August 2017

Hund, Leine, Fahrrad und Geschwindigkeit. Gute Beschäftigung oder dumme Idee?

Da war sie wieder. Diese Szene die ich schon „ich weiß nicht wie oft“ gesehen habe. Und über die ich mich jedes Mal nicht nur ärgere. Nein, sie macht mich wütend – zum einen, weil dort ein Hund definitiv schlecht behandelt wird. Und zum anderen, weil ich mich über die eigentlich unglaubliche geistige Fehlleistung des Hundehalters aufrege.


In der Leine hängend vorbeigerauscht
Um welche Szene es geht? Nun, wenn ein Fahrrad im wahrsten Sinne des Wortes an einem vorbeirauscht – mit einem Hund, wieder im exakten Sinne des Wortes, röchelnd in der Leine und im Halsband hängend. Einer Leine und einem Halsband, die in diesem Fall eins waren. Es war eine so genannte „Retrieverleine“. Ein im Grunde recht dünnes Seil, welches mit seiner Schlaufe dem Hund schnell angelegt und abgenommen werden kann. Der Sinn kommt aus dem Jagdwesen – für den normalen Hund beim Gassigang ist der Sinn recht fragwürdig. Und ich klicke den Karabiner der Hundeleine genauso schnell an die Öse eines Geschirrs, wie Retrieverleinen-Hundehalter dieses Seil über den Kopf des Hundes streifen.
Ein Lebewesen, kein Anhänger

Aber davon mal abgesehen mag ich es grundsätzlich nicht, wenn Hunde in hohem Tempo mit Leine an einem Fahrrad mitlaufen müssen. An Halsband oder der noch schlimmeren Seilleine ist es noch eine Stufe schlimmer, weil alle auftretenden Kräfte und Belastungen konzentriert an einer Stelle des empfindlichen Halses wirken. Aber auch am Geschirr ist es nicht in Ordnung. Warum? Eigentlich sollte diese Frage ein vernunftbegabtes Lebewesen, wie der Mensch es ja sein will, nicht stellen. Trotzdem möchte ich es einmal aus meiner Sicht kurz erläutern: Ein Hund ist ja nun mal keine Maschine, kein Anhänger, der auf Rädern rollt. Unzählige körperliche Reaktionen können ihn blitzartig dazu zwingen, sofort mit dem Laufen aufzuhören.
Verletzungen, Anhalteweg usw.
Er kann in irgendetwas hineintreten, was eine Verletzung hervorruft und sehr schmerzhaft sein kann. Er kann Bänderrisse erhalten, er kann sich etwas brechen, er kann hinfallen und mitgeschleift werden, er kann Herzprobleme, Atemprobleme, Unwohlsein, Magenschmerzen, Muskelschmerzen, Sehnen- und Bänderprobleme und und und bekommen. Viele Hunde laufen dann weiter, unterdrücken die Schmerzen. Andere machen sich direkt bemerkbar, aber bis der Radfahrer es bemerkt kann schon eine Zeit und vor allem eine Wegstrecke vergangen sein. Wie gesagt, ein Hund ist kein Anhänger, sondern ein Lebewesen. Ihn in hohem Tempo angebunden (!) am Fahrrad laufen zu lassen, ist für mich in jedem Fall dazu geeignet, mich wütend werden zu lassen und mich über die Kurzsichtigkeit in einfachen Logikfragen des Menschen zu wundern. Oder kurz gesagt über die menschliche Blödheit zu wundern. Achja, den Stressfaktor, der auf diese Hunde wirkt, lasse ich hier mal unerwähnt – obwohl er im Grunde sehr wichtig wäre und auf sehr vielen Ebenen das Hundeverhalten beeinflusst. Darüber aber später mal mehr. Hier erstmal der Hinweis, dass Hunde am Fahrrad, angebunden und mit hoher Geschwindigkeit, keine übermäßig intelligente Idee ist. Und mit diesem Lassoseil, oder auch Retrieverleine genannt, erst recht nicht. Ich werde mir mal ein echtes Lasso zulegen und diesen Radfahrer bei nächster Gelegenheit von seinem Fahrrad holen. Bei voller Geschwindigkeit. Dumme Idee, weil er sich verletzen könnte? Klar. Aber ich bin ja auch ein Mensch. Und Menschen haben dumme Ideen…

Samstag, 12. August 2017

Ein Hund ist kein Wolf? Ein Hund ist nicht einmal ein Hund…

Klar, es gibt Rasseeigenschaften, die bei den Individuen einer Rasse gleich, bzw. ähnlich sind. Die machen bei jedem Individuum aber nur einen Teil seines Wesens aus. Bei Hunden sind so viele Eigenschaften ihrer wilden Vorfahren verstärkt und / oder gehemmt worden, dass ein Überblick schwerfällt.


Eigenschaften unterschiedlich verstärkt
Vor allem, weil nicht alle Eigenschaften bei jeder Rasse gleich verstärkt wurden. Jagdverhalten wurde bei einigen Rasen bis ins Uferlose verstärkt, bei anderen abgeschwächt. So ist es mit vielen Verhaltensweisen. Und dann wurden Hunde mit so unterschiedlich verstärkten Verhaltensmustern gekreuzt, haben sich selbst vermischt und es geht immer so weiter – neue Rassen, die „Familientauglich“ sein sollen etc. Wir Menschen haben so viel am Verhalten des Wolfes herumgepfuscht, soviel davon vermischt, dass es im Grunde falsch ist, von DEM Hund zu sprechen.
Forschungen an DEM Hund?
Zwar forscht man sich im Moment im wahrsten Sinne des Wortes „den Wolf“ um den Hund zu verstehen. Das ist menschlich, wir brauchen Erklärungen, wir Kategorisieren unsere Umwelt. Das ist eine unserer Strategien, mit der Welt klarzukommen. Vielleicht ist das aber speziell auf den Hund bezogen die völlig falsche Strategie, um ihn zu verstehen. Es kann ihn, wie gesagt nämlich nicht geben. DEN Hund, DAS Hundeverhalten. Klar, wie auch schon erwähnt gibt es Rasseeigenschaften und einige „Grundmuster“ die in der Tierfamilie und speziell im Wolf begründet liegen. Aber durch unser Dauerrumpfuschen an den angeborenen Verhaltensweisen, ist die individuelle Bandbreite beim Hund dermaßen groß, wie bei wohl keiner anderen Tierart. Auch nicht beim Menschen. DER Hund existiert einfach nicht.
Pauschale Wahrheiten hinterfragen
Wir sollten daher vielleicht dazu übergehen, pauschale Einordnungen von Hunden, sowie pauschale Methoden und „Wahrheiten“ kritisch zu hinterfragen. Und uns auf etwas anderes konzentrieren. Auf den individuellen Hund. Wie wir das machen sollen? Individuell natürlich, nicht pauschal 😉

Hundesymposium


Ein sehr gutes Programm in diesem Jahr. Wirklich empfehlenswert. Ich versuche auch, zumindest einen Tag dort zu sein. Vielleicht eine gute Gelegenheit, "alte Bekannte" zu treffen 😊
http://www.animal-learn.de/symposium.html

Sonntag, 23. Juli 2017

Hundewissen kindgerecht


Es gibt einige Merkmale in der menschlichen Psyche, die typisch für die Spezies Mensch sind. Ein wichtiges Merkmal ist die Tatsache, dass Menschen den Erläuterungen, die sie zum ersten Mal zu einem Sachverhalt hören, viel Wahrheitsgehalt unterstellen. Es ist nicht die Faktenlage an sich, sondern die erstgehörte Erklärung, die bei Menschen zu einer festen Meinungsbildung beitragen. Das ist bei Erwachsenen so, aber speziell bei Kindern, die „Erstinformationen“ förmlich wie ein Schwamm aufsaugen. Darum ist es ungemein wichtig, dass Kindern auch über Hunde sachlich und fachlich wertvolle Informationen übermittelt werden. Denn leider ist es unter Erwachsenen, die vermeintliches Wissen über Hunde verbreiten oft so, dass sie das vorher genannte Phänomen in ihrer Kindheit erlebt haben. „Hunde müssen wissen, wer der Boss ist“, „sie machen alles unter sich aus“ etc. hat leider viele „Hundeexperten“ geprägt. Dass sich die wissenschaftlichen Informationen und Sichtweisen heute in sehr vielen Punkten völlig anders darstellen, erreicht sie nicht. Sie verbreiten ihre Ansichten weiter…
Pfötchen und Familie
…Oft leider auch an Kinder, diese „informationssaugenden Schwämme“ 😊 Es gibt aber inzwischen diverse Versuche und Projekte, den Kindern aktuelles und sachliches Wissen zu vermitteln. So gibt es seit einiger Zeit das Buch „Pfötchen und Familie“ vom Berufsverband der Hundepsychologen, welches Eltern und Kindern den Einstieg in ein gemeinsames Leben mit dem Hund fachlich und Unterhaltsam näherbringt.
Herr Lupus
Dann gibt es noch den „Herr Lupus“ Dreiteiler von Jutta Neuschäfer. In dem liebevoll geschriebenen und illustrierten Dreiteiler wird den kindlichen Lesern aus der Sicht des Straßenhundes „Herr Lupus“ die Hundewelt erläutert.
Über diese Bücher habe ich bereits berichtet und kann sie Eltern und Kindern nach wie vor ans Herz legen.
Für verschiedene Altersstufen
Zu diesen Projekten gesellt sich jetzt allerdings ein weiteres Buchprojekt, welches ich ebenfalls nur unterstützen kann und hoffe, dass es weite Verbreitung findet – damit Kinder die Möglichkeit haben, eine gute und differenzierte Wissensbasis über Hunde zu erlangen. Es handelt sich dabei um die Buchreihe
„VersteHen, StaUnen, TraiNieren, EntDecken“ von Aurea Verebes, Maria Rehberger und Andreas Baier, die im jungen Canimos Verlag erschienen ist.
https://www.canimos.de/shop/

Bei dieser dreiteiligen Buchreihe ist die Besonderheit, das sich jeder Band an einen anderen Altersstufenbereich wendet. Band 1 an Kinder zwischen 3 und 6, Band 2 an Kinder zwischen 7 und 11, sowie Band 3, wo Kinder ab 12 angesprochen werden. In allen drei Büchern wird anschaulich und spielerisch etwas zur Körpersprache des Hundes, zu Trainings, Spielen und zum allgemeinen Verständnis für Hunde vermittelt. Nur eben immer altersgerecht und verständlich für die Kinder der jeweiligen Altersgruppen. Schöne, einfach verständliche Illustrationen unterlegen die Wissensvermittlung im ersten Band für den kleinen Nachwuchs, um in den nächsten beiden Bänden um detailliertere Illustrationen, Fotos und Erläuterungen ergänzt und weiter fortgeführt zu werden. Die wirklich mit viel Liebe und Detailgenauigkeit gestalteten Bücher werden mit kleinen Aufgaben aufgefrischt und insgesamt so interessant gehalten, dass ich davon überzeugt bin, dass Kinder gern „bei der Stange“ bleiben und das jeweilige Buch ihrer Altersklasse lieben werden. Und natürlich darauf warten, älter zu werden, um den nächsten Band zu bekommen, der ihr Wissen vertieft 😊
Insgesamt ein empfehlenswertes Projekt für Kinder und Eltern. Aber auch für andere Erwachsene, die keine Kinder haben oder deren Kinder schon den Altersklassen entwachsen sind. Das differenziert und sachlich vermittelte Wissen ist für jede Altersklasse wichtig…




Das Halsband stiehlt dem Geschirr die Punkte


Ob man einen Hund am Geschirr oder Halsband führt, ist eine Frage, die oft in medizinisch-religiöse Philosophierangeleien führt. Eine medizinische Studie erschlägt die andere, soziale Wahrheitsblasen und Echoräume verhärten die Standpunkte. Das hat mit Gruppenzugehörigkeitsgefühlen und Gruppenmeinungen zu tun, so dass Meinungen schonmal echoraumkonform angepasst werden.
Ernstzunehmende Fakten, und erst recht anderslautende Meinungen als die im persönlichen Echoraum, werden schnell „abgebügelt“. Das läuft immer und überall, in allen Bereichen und in alle Richtungen. Das ist ganz normal für Menschen, sie wollen sich an etwas orientieren, Wahrheiten finden und sich zu Gruppen zugehörig fühlen. Das ist ein sozialer Kit, der den sozialen Menschen ausmacht. In der heutigen Zeit des Überangebots an sozialen Kontakten und Informationen wird es aber schwierig, den Überblick zu behalten und Informationen zu bewerten um sich eine Meinung daraus zu bilden. Da fällt es leichter, Gruppenmeinungen, Wahrheitsblasen und Echoräumen unreflektiert zu vertrauen. Es ist daher heute wichtiger denn je, dass man skeptisch bleibt und den Mut hat, auch mal anders zu denken als das Umfeld.
Diskussion andere Aspekte hinzufügen
Ich persönlich bin speziell in dem Fall der Frage ob Halsband oder Geschirr immer sehr skeptisch, ob die Diskussion darüber überhaupt in einer zielführenden Weise geführt wird. Natürlich sind medizinische Standpunkte und Studien dazu wichtig. Allerdings werden diese Studien in Betrachtungen und Kontextblindheit, sowie Kontextverschiebungen so sehr durch den Wolf gedreht, dass sie wiederum in jedem Echoraum eine andere Wahrheit verkörpern.
Ich persönlich habe das Geschirr schon immer aus einem komplett anderen Blickwinkel betrachtet. Vermutlich, weil meine erste Ausbildung vor gefühlt 100 Jahren im technischen Bereich war.
Kompetenzverteilung

Klar, wie gesagt sind medizinische Studien zu dem Thema wichtig. Aber die werden meist von Medizinern durchgeführt. Aber bei der Wirkung von Halsband oder Geschirr auf den Körper kommen noch andere Aspekte zum Tragen. Vor allem rein technische. Und Mediziner sind Mediziner und keine Techniker. Das Wissen einzelner Individuen oder einzelner Berufsgruppen ist begrenzt. Deshalb haben Menschen seit es geordnete Zivilisationen gibt, spezifische Fachkompetenzen entwickelt. Es gibt landwirtschaftliche Spezialisten, medizinische, handwerkliche, technische… Natürlich kann es Schnittmengen geben, aber manchmal sollte man durchaus mal andere Fachkompetenzen in Studien oder Überlegungen einbeziehen.
Mir fehlt bei der Diskussion um Geschirr vs. Halsband oft der klare technische Aspekt. In der Technik wird man immer, wenn die gleiche Last auf einen Körper wirkt, die Lastverteilung statt der Punktlast wählen. Einfach, weil die Last, verteilt auf mehrere Stellen, wesentlich weniger stark auf den Körper einwirkt. Wenn ein Hund an der Leine zieht, bei Verwendung eines Halsbands, dann wirkt die gesamte Zuglast genau an einem Punkt. An der Unterseite des Halses. Das ist reine Physik und auch nicht interpretierbar.
Lastenverteilung
Nutzt man jetzt ein Geschirr, wird die Last in jedem Fall verteilt – meist auf 2 bis 4 Punkte. Wie genau, liegt an der Bauart des Geschirrs. Es wirken also bei dem vorgenannten Hund nur 25 bis 50% der Zuglast auf die einzelnen Punkte, die zudem über den Körper verteilt sind. Das ist immer noch viel, weshalb man durch Training und / oder Management verhindern sollte, dass Hunde zu arg und zu oft ziehen. Wenn der Hund aber zieht oder unglücklich in die Leine rennt, ist die Wirkung durch eine Lastverteilung in jedem Fall weniger belastend für den Körper, als eine Punktbelastung.
Geschirr nicht belastend nutzen
Man muss an dieser Stelle allerdings erwähnen, dass das für Zugbelastungen von schräg hinten gilt. Dann wird bei praktisch allen gängigen Führgeschirren die Last verteilt. Hebe ich einen Hund allerdings senkrecht mit Leine und Geschirr hoch, wirkt die Lastenverteilung nicht. Im Gegenteil, ich habe eine Punktbelastung im Brustbereich, die direkt auf die Wirbelsäule wirkt. Ein Geschirr macht technisch gesehen nur dann Sinn, wenn tatsächlich die Last verteilt wird. Und somit auf die Punkte betrachtet weniger Belastung entsteht.
Die Lastenverteilung des Fakirs
Ein schönes Beispiel zum Verständnis der Punktlast und der Lastenverteilung ist der Fakir, der sich auf ein Nagelbrett legt. Wenn er z. B. 80 kg wiegt und sich auf 200 Nägel legt, wirken jeweils nur 0,4 kg auf die einzelnen Punkte des Körpers – was dieser kurzfristig verkraften kann. Würde er sich aber auf einen einzelnen Nagel stellen, würden die vollen 80 kg auf den einen Punkt wirken. Eine sofort schädliche Belastung für den Körper…
Erziehungsgeschirre wirken belastend
Als wichtige Information und Ergänzung muss man erwähnen, dass so genannte „Erziehungsgeschirre“ anders wirken, als Führgeschirre. Bei diesen wird über Umlenkungen mittels Schlaufen die Last nach dem Prinzip des Flaschenzugs noch verstärkt. Und das an besonders empfindlichen Stellen.
Reduzierte Belastung
Abschließend möchte ich festhallten, dass Führgeschirre in jedem Fall Lasten verteilen und die punktuelle Belastung reduzieren. Ein rein physikalischer Fakt, der bei der Diskussion nicht vergessen werden sollte.

Sonntag, 2. Juli 2017

Wenn der unfaire Hundetrainer einer rektalen Öffnung ähnelt


Der Haushund stammt von einem Raubtier ab, welches darauf angewiesen ist, seine Nahrung durch jagen zu erlangen. Dadurch hat sich evolutionär ein Jagdverhalten entwickelt. Ein Jagdverhalten, welches durch bestimmte Außenreize aktiviert werden kann. Schnelle Bewegungen sind einer dieser Reize. Die Wahrnehmung dieser Reize könnte bedeuten, dass sich ein potentielles Beutetier schnell entfernen möchte. Darum erregt ein solcher Reiz die Aufmerksamkeit eines Raubtieres, oder wie man heute eher sagt, eines Beutegreifers. In der Natur wird der Reiz blitzschnell vom Beutegreifer geprüft. Ist es vielleicht nur ein wehendes Blatt oder ähnliches, was man nicht fressen, bzw. jagen kann? Oder ist das Beutetier zu klein, zu groß oder zu weit weg um eine kräftezehrende Jagd zu rechtfertigen? In Bruchteilen von Sekunden wird von „wilden“ Lebewesen, die auf die Jagd angewiesen sind entschieden, ob nach der Wahrnehmung des auslösenden Reizes das Jagdverhalten gezeigt wird. Wichtig ist in dem Zusammenhang übrigens zu wissen, dass die Ausübung des Jagdverhaltens kein Bedürfnis ist, sondern nur ein Mittel um an Nahrung zu gelangen. Um das Nahrungsbedürfnis zu befriedigen.
Reiz löst Verhalten aus
Bei jagenden Wildtieren und auch bei den Urahnen der Haushunde gibt es also auslösende Reize, die das Jagdverhalten auslösen, bzw. auslösen können. Ob letztlich gejagt wird oder nicht, entscheidet sich danach, wie niedrig die sogenannte Reizschwelle ist. Wie schnell ein Tier also bereit ist, bzw. motiviert werden kann, dieses Verhalten abzurufen. Diese Reizschwelle ist beim Wildtier relativ hoch angesetzt. Das Jagdverhalten wird also nicht so schnell gezeigt, wenn eine erfolgreiche Jagd nicht wahrscheinlich ist.
Reizschwelle herabgesetzt
Beim Haushund, der kein Wildtier mehr ist, wurde bei einigen Rassen durch Zucht und Selektion diese Reizschwelle stark herabgesetzt. Um Menschen als Jagdhelfer zu dienen, um Wild schnell aufzuscheuchen und nicht abzuwägen, wurden Hunde gezüchtet, die schnell und schneller auf Bewegungsreize reagieren – die eine sehr niedrige Reizschwelle haben. Das Jagdverhalten wird sehr schnell bei entsprechenden Reizen gezeigt. Diese Reizschwelle ist bei vielen Jagdhunden stark herabgesetzt, aber auch bei diversen Hütehunderassen, die schnell reagieren müssen, wenn sich ein zu hütendes Nutztier entfernen möchte. Das hat übrigens weniger mit dem Hüten und dem „Aufpassen“ auf seine Herdenmitglieder zu tun. Es handelt sich da um ein abgewandeltes, ein degeneriertes Jagdverhalten. Aber auch bei diesen Hunden wurde die Reizschwelle auf Bewegungsreize zu reagieren, durch Zuchtauswahl sehr stark herabgesetzt.
Falsche Beschäftigung verschlimmert das Problem
Für die Nutzung des Hundes als Jagdgehilfe oder Hütehund kann diese herabgesetzte Reizschwelle von Vorteil sein, weil er das vom Menschen (!) verlangte Verhalten schnell abrufen kann. Wenn der Hund das Verhalten allerdings zu oft zeigen muss und zudem keinen Ausgleich im Leben zu dem Verhalten hat – das Abrufen des Jagdverhaltens also mehr oder weniger seine einzige Lebensfreude ist - dann kann die niedrige Reizschwelle auch Probleme verursachen. Wenn z. B solche „Arbeitshunderassen“, die durch Zucht sehr stark und schnell auf bewegliche Reize reagieren, noch zusätzlich mit ständigem Werfen von Bällchen o. ä. „beschäftigt“ werden. Durch diese ständige Konfrontation mit dem auslösenden Reiz wird die ohnehin schon niedrige Reizschwelle immer weiter herabgesetzt. Und es kann passieren, dass der Hund die Kontrolle über sich und sein Verhalten nach Wahrnehmung eines schnellen Reizes verliert. Von leichter Überreaktion bei der Sichtung einer Fliege bis zu völligem Ausrasten im Straßenverkehr sind mögliche Folgen einer unkontrollierten und dauerhaften Herabsetzung durch „falsche“ Beschäftigung – vor allem bei Hunden, deren Schwelle durch Zucht schon angeboren niedrig ist.
Mensch ist für das Hundeverhalten verantwortlich
Wenn ein Hund also Fahrräder jagt, an Straßen jedes Auto anbellt – dann macht er das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht, weil er seine Besitzer ärgern möchte oder irgendeine Führung oder Chefrolle gegenüber seinen Menschen übernehmen möchte. Er ist auch kein „Arschloch“ oder verdient andere menschliche Beleidigungswörter. Er ist ein Hund, der von Menschen zu dem Verhalten praktisch genötigt wird. Durch Zucht und falsche Beschäftigung. Der Hund zeigt zwar das Verhalten, welches dem Menschen situativ nicht in den Kram passt. Aber er macht das nicht bewusst, weil er böse ist. Die wahren Verursacher des Hundeverhaltens sind die Menschen.
Unfaire Korrektur

Wenn man dieses, durch den Menschen hervorgerufene Verhalten mit unfreundlichen Methoden „korrigiert“, ist das meiner Meinung nach dem Lebewesen Hund gegenüber mehr als unfair. Es gibt Menschen, die Hunde, die sich nicht so verhalten wie der Mensch es möchte, als Arschlochhund bezeichnen. In diesem Fall der unfairen Behandlung trifft die Beleidigung mit der rektalen Öffnungsbezeichnung wohl eher auf den Menschen zu. Ganz speziell auf den Hundetrainer, der einen Hund unfair trainiert.
Faire Alternativen möglich
Fairer und auch nachhaltig erfolgsversprechender wäre es, insgesamt im Umfeld Stressoren zu reduzieren. Weil zu viel und zu häufiger Stress reizbar macht und auch insgesamt sämtliche Reizschwellen herabsetzt. Dann muss man die Beschäftigung des Hundes ändern. Kein Bällchen werfen mehr und eine gesunde Mischung aus Bewegung und sehr viel Ruhe finden. Wenn man diese Grundlagen geschaffen und eine Weile durchexerziert hat, kann man gezielt am Problem arbeiten. Hier sollte man das Verhalten umleiten, ein Ersatzverhalten nach Wahrnehmung des auslösenden Reizes fördern. Ein Ersatzverhalten welches zu dem eigentlichen Bedürfnis, zu Nahrung führen kann und darf. Womit das Ersatzverhalten interessanter wird und bei konsequentem Üben immer häufiger gezeigt wird. Wenn man dem durch Menschen verursachten Problem so begegnen würde, wäre das aus meiner Sicht eine faire Möglichkeit.
„Grenzen setzen“ verkauft sich besser als Problemanalyse
Obwohl man heute sehr viel über das Hundeverhalten und dessen Ursachen weiß. Über Stress, auslösende Reize, zuchtbedingte Degenerationen, hormonelle Störungen, schmerzbedingtes Verhalten usw. gibt es immer noch diese Hundeexperten, die komplett unfair handeln. Die alle möglichen Ursachen nicht beachten und immer vermitteln möchten, dass man allen Hunden nur klare Grenzen setzen muss und schon würden sie „funktionieren“. Was nicht mal im Ansatz etwas mit dem Hund und der niedrigen Reizschwelle zu tun hat. „Bösen“ Hunden Grenzen setzen verkauft sich einfach besser. Einfache, schnelle Lösungen verkaufen sich immer. Problemen auf den Grund gehen ist umständlich. Aber fairer…

Mittwoch, 21. Juni 2017

Das Spiel mit der Angst – Populismus in der Hundehalterwelt


Bei der Beurteilung von Hundeverhalten sollte man es vermeiden, pauschal zu urteilen oder zu bewerten. Wenn ein Hund Menschen oder Artgenossen gegenüber z. B. gesteigerte Aggressionen zeigt, kann das sehr viele unterschiedliche Ursachen haben. Schmerzhafte Vorgänge im Körper können ihn reizbarer machen, er kann berührungsempfindlicher werden. Werden seine Schmerzen und Warnsignale ignoriert, kann er ggf. „Maßnahmen“ ergreifen, um in Ruhe gelassen zu werden. Hunde können hormonelle Probleme haben, die dieses Verhalten hervorrufen oder es kann als Nebenwirkung durch Medikamente verursacht werden. Weiter kommen z. B. aggressive Ausbildungsmethoden infrage, die mit Schmerz oder Frustration verbunden sind, was ähnliche Folgen und Auswirkungen auf das Verhalten haben kann, wie Krankheiten. Es gibt auch Hunde, die durch Traumata egal welcher Art verängstigt sind und in gesteigerter Aggression eine Strategie entwickelt haben, ihren Ängsten zu begegnen. Es kann natürlich auch sein, dass ein Hund gelernt hat, dass er ein Ziel durch forsches Auftreten eher erreicht, als wenn er immer „kuscht“. Wobei das nach meiner persönlichen Erfahrung weit seltener vorkommt, als man allgemein glaubt. Hunde sind als ehemalige Raubtiere, für die der Erhalt der Gesundheit existentiell wichtig ist, eher auf Konfliktvermeidung aus. Was Lerneffekte in die Richtung stark beeinflusst.
Viele mögliche Gründe für Verhalten
Es gibt also viele Möglichkeiten, warum ein Hund ein bestimmtes Verhalten zeigt. Zum übersteigerten Aggressionsverhalten habe ich einige Beispiele aufgeführt, aber längst nicht alle Möglichkeiten. Die Beispiele sollten aber ausreichen um aufzuzeigen, dass man für ein Verhalten keinen pauschalen Grund nennen sollte.
Pauschale Aussage über Hunde in Tierheimen
Genau das wird aber im Zusammenhang mit dem Hundeverhalten sehr häufig gemacht. Zum Beispiel habe ich mich schon im Januar darüber aufgeregt und auch dazu geäußert, dass im Bezug auf Tierheimhunde und Aggressionen eine pauschale Behauptung aufgestellt wurde. Dort wurde sinngemäß postuliert, dass Hunde, die mit Aggressionsproblemen im Tierheim abgegeben werden, durch zu wenig Führungsqualitäten der Besitzer dort landen würden. Dass den Hunden keine Grenzen aufgezeigt würden usw. - pauschal behauptet. Ohne jegliche Form von seriöser Statistik unterlegt. Wie sollte das auch gehen? Wenn ein Hundehalter einen übersteigert aggressiven Hund abgebt – will man ihn dann befragen, ob er nicht genügend Führungsqualitäten hatte? Oder ob er regelmäßig Tierärzte oder Physiotherapeuten mit seinem Hund aufgesucht hat? Ob er der Aggression in allen Facetten auf den Grund gegangen ist oder es auch nur wollte? Das wird natürlich schwer. Zuverlässige, differenzierte und wahrheitsgemäße Daten über die Gründe einer Hundeabgabe sind schwer zu erfassen.
Keine Differenzierung
Trotzdem wird von Hundeexperten pauschal behauptet, dass aggressive Hunde aufgrund schlechter Führungsqualitäten im Tierheim landen, weil der Mensch sich nicht traut einen Konflikt mit seinem Hund auszutragen. Ungeachtet dessen, dass die Aussagen zu Konflikten in der Hundeerziehung pauschal von humanpädagogischen Ansätzen der Konfliktforschung geprägt sind, ohne Hunde und Menschen zu differenzieren. Abgesehen davon muss man auch die klare Feststellung treffen, dass man Hundeverhalten nicht so pauschal und undifferenziert nur auf diese Führungsebene beschränken sollte. Und den Menschen eine Angst impliziert, durch zu freundlichen Umgang mit dem Hund automatisch gefährliche Lebewesen zu produzieren. Was, wie gesagt bei sachlicher Betrachtung (und unter Hinzuziehung aller möglichen Faktoren für das Hundeverhalten) kompletter Unsinn ist.
Spiel mit der Angst der Hundehalter
Diese von Hundeexperten pauschal getätigten, faktisch nicht gestützten Aussagen um dem Hundehalter Angst zu machen, begegnen einem leider immer wieder. Über die Gründe kann man spekulieren. Mögliche Gründe wären, dass solche Hundeexperten ihre Philosophien zu dem Thema vermarkten möchten. Oder sie es einfach nicht besser wissen und sich innerhalb ihres Echoraumes nicht trauen, selbstständig und weniger pauschal zu denken.
Ähnlichkeiten mit politischem Populismus
Dieses Spiel mit den Ängsten der Hundehalter erinnert mich leider stark an politischen Populismus. Im Grunde ist das psychologisch gesehen auch nichts anderes. Mit einfachen, pauschalen Botschaften mit den Emotionen der Menschen spielen um eigene Vorteile daraus zu ziehen. Der Begriff Populismus passt da in meinen Augen durchaus zu dem Pauschalgerede in der Hundeerziehung.
Nicht auf das Spiel einlassen
Hundehalter sollten sich nicht verängstigen lassen. Wenn man immer eine gute Portion Skepsis behält und bereit ist, den Hund und sein Verhalten in allen möglichen Facetten zu sehen, zu akzeptieren und zu differenzieren, sollte man gegen den Hundeszenenpopulismus gewappnet sein. Und die Fähigkeit Populismus nicht aufzusitzen kann im Leben hilfreich sein. Nicht nur in der Hundehalterwelt…

Hund, Leine, Fahrrad und Geschwindigkeit. Gute Beschäftigung oder dumme Idee?

Da war sie wieder. Diese Szene die ich schon „ich weiß nicht wie oft“ gesehen habe. Und über die ich mich jedes Mal nicht nur ärgere. Nein, ...