Donnerstag, 17. November 2016

Wenn der Hund sich nicht anfassen lässt. Eine Frage der „Rudelführung“?


Ich versuche immer mein Wissen und meinen Horizont zu erweitern. Im beruflichen Bereich, im „Hundebereich“, bilde ich mich vielfältig weiter, auch mittels seriöser Fachzeitschriften. Publikumsmagazine gehören aber weniger dazu. In den letzten Jahren habe ich gelernt, darin kaum noch zu lesen. Einfach aus dem Grund, weil ich mich zu oft ärgern musste. Meine Zeit ist mir zu schade, sie damit zu verbringen…
Nun gut, heute machte ich den Fehler und blätterte im Supermarkt doch in einem solchen Publikumsmagazin für Hunde. Und – Ihr werdet es Euch denken können. Ich hatte das Heft gerade aufgeschlagen und das Ärgern ging schon wieder los.
Steinzeittipps – Satire oder ernst gemeint?

In einem Artikel wurde darüber berichtet, wie man es erreicht, dass der Hund daheim nicht der Chef wird. Als ich den Artikel überflog dachte ich im ersten Moment, dass es sich um eine Satire handeln würde und bald die Aufklärung käme, wie es richtig gemeint sei. Dort wurde in schönstem Steinzeitwissen propagiert, dass der Mensch immer vor dem Hund essen müsste, der Hund nie vor dem Menschen laufe dürfe, der Mensch immer als erster durch Türen gehen etc. Weil der Hund sonst daheim die Rudelführung übernehmen würde. Unglaublich, ein Hundemagazin verbreitet solch einen Unsinn im Jahre 2017 als ernsthafte Tipps…
Herausragender Unfug
Ich möchte jetzt nicht auf alle unsinnigen Tipps eingehen. Aber einer stach selbst aus dem Unfug noch heraus.
Dort wurde behauptet, dass sich ein Hund zu jederzeit an jedem Ort von Menschen belästigen lassen müsse. Sich überall anfassen lassen. Und er nicht das Recht hätte, seinen Missmut darüber auszudrücken. Ein Hund, der sich nicht anfassen lassen wolle, wäre grundsätzlich dominant und wolle die Führungsrolle im „Rudel“ übernehmen. Nur der „Alpha“ dürfe belästigen.
Gesundheitliche Gründe pauschal verschwiegen
Was bitte ist mit Hunden, die ein körperliches Problem haben? Die Schmerzen aufgrund muskulärer Erkrankungen haben? Die Gelenk- oder Rückenprobleme haben? Die vielleicht schlechte Erfahrungen mit menschlichen Berührungen haben? Die geschlagen wurden? Die vielleicht an einer Kette oder mit Leinenruck drangsaliert wurden und im Halsbereich empfindlich sind? Was ist mit Hunden, die Augenprobleme haben und die Annäherung von der menschlichen Hand nicht richtig interpretieren können? Was ist mit Hunden, die Probleme mit den Analdrüsen haben und sich nicht im Bereich des Hinterteils anfassen lassen wollen? Was ist mit…? Ich könnte die Fragen, warum Hunde sich nicht anfassen lassen wollen noch sehr lange weiterführen. Aber das würde dann zu lang.
Sensibles Berührungstraining notwendig
Natürlich kann und sollte man mit einem sensiblen Training daran arbeiten, dass Hunde sich berühren lassen – was immer wichtig sein kann.
Es ist aber mehr als unsinnig, in einer Publikumszeitung pauschal zu behaupten, dass ein Hund, der sich nicht anfassen lassen möchte, ein Rudelführer sein möchte. Es gibt 1000 Gründe, warum ein Hund sich gegen menschliche Berührungen ausspricht. Dass er die Menschheit unterdrücken möchte, ist davon wohl der letzte. Der Allerletzte…

Dienstag, 8. November 2016

Vom Glück des angeleinten Hundes


In meinem inzwischen recht langen Berufsleben bei der Arbeit mit Menschen und Hunden hat sich folgendes immer wieder bestätigt. Man sollte nie pauschal denken, an keine Methoden glauben und sich vor allem in Hund UND Mensch hineinversetzen können. Und mit Übersicht quer denken…
So war es z. B. bei einem Fall, der eigentlich schon einige Jahre zurückliegt, der jedoch in meinen Augen sehr schön zeigt, was ich mit den vorher gesagten Worten meine.
Hund kann sich draußen nicht lösen
Eine Hundehalterin kontaktierte mich, weil ihr Hund sich auf dem Gassigang nicht löste, sondern sein Geschäft immer nur daheim, in der Wohnung erledigte. Also begleitete ich die Dame und ihren Hund, einen Beaglemix, bei einem Spaziergang. Der Hund lief dabei frei, war jedoch sehr angespannt, bewegte sich, mit recht aufrechtem und steifem Gang, ca. drei bis vier Meter vor dem Frauchen.
Der Hund lief also ohne Leine. War vermeintlich im Freilauf. Das Frauchen hatte den Hund gut trainiert, einen sicheren Rückruf mit der Pfeife etabliert. So schilderte sie es mir zumindest. Und sie verachtete alles, was mit Gewalt und Schreckreizen bei der Hundeausbildung zu tun hat. Sie hatte den Rückruf, nach ihren Worten positiv aufgebaut – Pfeifen, Leckerchen. Bis der Hund verstanden hatte, dass es ein Leckerchen gibt, wenn er zum Frauchen kommt. So weit, so gut.
Angespannter Freilauf
Zurück zum Gassigang. Wie gesagt, lief der Hund einige Meter vor seinem Frauchen, war aber auch sehr angespannt. Im Laufe des Spaziergangs, war eines, neben dem angespannten Hund, sehr auffällig. Immer, wenn der Hund etwas weiter voranlief, als den vom Frauchen geduldeten Abstand, nutzte sie den Rückruf per Pfeife. Worauf der Hund auch direkt zurückkam, sich sein Leckerchen abholte und dann wieder innerhalb des tolerierten Abstands vor Frauchen herlief. Bis er wieder etwas zu weit war…
Das passierte nicht übermäßig häufig, der Hund hatte den vermeintlich korrekten Abstand sehr gut im Gefühl. Aber während des ca. 30 minütigen Spaziergangs wurde er ca. 5 Mal zurückgerufen. Der Hund lief vermeintlich frei, war aber ständig in der Anspannung, dass er zurückgerufen werden würde und zum Frauchen laufen musste.
Signal anders verknüpft als gewollt
Wie gesagt, im Grunde bin ich ein Freund des Rückrufs über Pfeife. Aber auf eine gewisse Entfernung und auch nur selten benutzt – damit sich das Signal nicht abnutzt und außerdem positiv belegt bleibt. In diesem Fall, so nah beim Hund und sehr oft getätigt, war es ein Schreckreiz, ein unangenehmes Abbruchsignal. Ein Signal, auf das der Hund ständig wartete, wenn er ohne Leine lief. Die Anspannung wurde immer nur kurz unterbrochen, wenn der Pfiff ertönte und er sich sein Leckerchen holte. Daraufhin begann direkt wieder die Anspannung. Es war zwar von der Besitzerin gut gemeint, sie dachte, sie hätte dem Hund gewaltfrei, positiv verstärkt, den „Freilauf“ beigebracht. In Wahrheit aber war der Gassigang für den Hund eine stressreiche Geschichte unter Daueranspannung. Und diese Art der dauerhaften Anspannung ist für den Körper sehr  anstrengend – und natürlich auch für die Psyche. Ein weiterer Nebeneffekt ist in diesem Zustand der Anspannung, dass das Verdauungssystem nicht „arbeitet“. Diese Anspannung ist von der Natur eingerichtet, dass man sich verteidigen oder flüchten kann. Da kann sich das System nicht auch noch um die Verdauung kümmern. Alles geht eben nicht…
Hund durch Unfall verloren
Ein weiterer interessanter Fakt dieses Falles war, dass das Frauchen vor einiger Zeit einen anderen Hund durch einen Unfall verloren hatte. Der Hund war weggelaufen und überfahren worden. Vor den Augen das Frauchens, welches ihn nicht zurückrufen konnte. Darum hatte sie den Freilauf mit dem Beaglemix besonders geübt – bis zu dem Zustand, den ich bei meinem Besuch vorfand. Hund durfte vier Meter vorlaufen. Und wurde bei kleinstem Verdacht von zu viel Abstand zurückgepfiffen. Frauchen war ständig in Angst, dass der Hund weglaufen könne und wieder etwas Schreckliches passieren würde. So marschierten also ein hochgradig angespanntes Frauchen und ein hochgradig angespannter Hund durch die Gegend.
Wie es die Gesellschaft verlangt
Für Außenstehende sah im Grunde aber alles so aus, wie es die Gesellschaft verlangt. Gut hörender Hund darf frei laufen und hört gut auf Frauchen. Dabei gingen dort zwei höchst angespannte Lebewesen, eines in Angst, dass der Hund weglaufen könne und etwas Schreckliches passiert. Und eines in Angst davor, den unangenehmen Pfeifton um die Ohren gehauen zu bekommen, wenn er nicht nah genug beim Frauchen war. Ein typischer Fall von Schein und Sein…
Unwohlsein beim Gassigang
Keiner fühlte sich beim Gassigang wohl. Deswegen änderte ich diesen radikal. Der Hund wurde angeleint, um endlich frei zu sein. Denn sobald er spürte, dass der Verschluss der Leine an seinem Geschirr befestigt wurde, entspannte er sichtlich. Er wusste genau, dass kein Schreckreiz über die Pfeife kommt, wenn er angeleint ist – und Frauchen war auch viel entspannter, weil sie sich mit Leine sicher war, dass der Hund nicht weglaufen kann. Beide waren blitzartig entspannt, der stress wie weggeblasen und der der schädliche Dauerstress war nicht mehr zu spüren.
Lange Leine statt Unwohlsein

Seit dem Zeitpunkt wird der Hund beim normalen Spaziergang, mehrmals täglich, mit einer langen Leine geführt. Eine Leine, die ihm genügend Bewegungsfreiheit rund um Frauchen ermöglicht, ihn nicht einengt. Und Frauchen hat gelernt, den Hund an der Leine frei sein zu lassen. Ihn mal den Weg vorgeben lassen, zu erkennen, wie und wohin er sich bewegen möchte, ihn lange und ausführlich schnüffeln und forschen zu lassen. Frauchen stört den Hund an der Leine nicht. Die beiden sind inzwischen „frei zu zweit“, sie sind nicht angespannt, genießen jeden Gassigang, auf den sie sich freuen.
Und! Das ursprüngliche Problem, weswegen ich gerufen wurde, löste sich im wahrsten Sinne von allein. Der entspannte Hund an der Leine erledigte sein Geschäft wieder draußen statt in der Wohnung.
Rappeldose oder Pfeife
Allerdings war es mir auch wichtig, dem Hund genügend Gelegenheit zu geben, mal zu rennen und ohne Leine zu laufen. Das ermöglichen wir ihm heute entweder in abgesichertem Gelände, oder in ausgewählten Gegenden draußen, die übersichtlich und weit weg von Straßenverkehr sind. Zudem haben wir ein neues Rückrufsignal etabliert, weil die Pfeife zu stark als Schreckreiz unangenehm verknüpft war. Da der Hund auf das Rappeln seiner Leckerlidose sehr aufmerksam und angenehm reagierte, haben wir eben diese Rappeldose neben dem Wortsignal „Hier“ als positiv aufgebautes Rückrufsignal etabliert. Welches nur selten, aber zuverlässig genutzt wurde. Und bis heute gut funktioniert.
In diesem Fall also ein klares „Nein“ zur Pfeife und ein klares „Ja“ zu Rappeldose. Weil völlig anders eingesetzt als üblich – und individuell zugeschnitten.
Individuell einschätzen
Dieses Beispiel zeigt in meinen Augen sehr gut, dass man Mensch/Hundgespanne, Situationen, Hundeausbildung etc. immer vollkommen individuell für Mensch und individuell für den Hund einschätzen muss. Oft auch individuell für mehrere Familienmitglieder, mehrere Hunde. Ich habe inzwischen so viele „Fälle“ rund um Hunde und Hundehalter betreuen dürfen, dass ich sehr genau weiß, wie unsinnig pauschale Methoden, Tipps und Sprüche rund um das Thema sind. Unsinnig und auch unseriös.
Kein echtes Problem der Hundeerziehung
Das Problem zwischen Mensch und Hund war in diesem Fall relativ schnell individuell gelöst. Alles war und ist auch heute noch gut. Ein entspanntes Paar, wunderbar zu sehen. Allerdings verstehen das viele Menschen nicht. Viele quatschen die Hundehalterin insofern voll, dass sie doch ihren Hund auf dem normalen Gassigang mal von der Leine lassen solle, das hätte alles etwas mit Autorität, Bindung und Führung zu tun. Nein, das hat etwas mit den ganz eigenen Persönlichkeiten und Geschichten der Akteure zu tun. Die den besten Weg für ihr Zusammenleben finden müssen. Ohne pauschale Tipps und Schlaumeiereien…
Das Problem liegt an anderer Stelle
Wie man trotz Gerede und Erwartungen von außen trotzdem entspannt bleibt, Selbstzweifel ausräumt und letztlich den Blick auf sich und seinen Hund schärft, fällt eher in den Bereich der Humanpsychologie und hat weniger mit dem Hund zu tun.
Der Hund und das Zusammenleben mit dem Hund ist von seiner Besitzerin akzeptiert und gut so, wie es ist. Aber wie geht man mit der menschlichen Umwelt um, die einen in ein pauschales Gesellschaftskorsett in Sachen Hund zwängen will? Das ist die wahre Herausforderung. Nicht der Hund.

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Unerzogener Hund oder unsensible Menschen?


Der Hundehalter hat sich mit der Körpersprache seines Hundes beschäftigt, hat ihm beigebracht, auf Signal ein Ersatzverhalten zu zeigen. Er hat sich mit dem Wesen seines Hundes beschäftigt, weiß, wie er in welchen Situationen reagiert, wie er seinem Hund helfen kann, wenn dieser verunsichert ist.
Doch dann passiert immer wieder das Gleiche. Der Hundehalter und sein Hund begegnen Menschen, die in Sekundenschnelle vieles einfach wieder ruinieren. Wenn man zum Beispiel einen unsicheren Hund hat, der aus verschiedenen möglichen Gründen unsicher ist und sich schnell bedroht fühlt. Das kann rassebeding angeboren sein, das kann durch schlechte Erfahrungen erworben sein – egal. Wenn ein Hund so ist, kann es für ihn ein Grauen sein, wenn Menschen sich über ihn beugen, ihn anstarren und /oder ihn vollquatschen. Und ggf. noch die Hand nach ihm ausstrecken. Dann fühlt er sich möglicherweise bedroht. Trotz langem Trainings, trotzdem, dass er mühsam erlernt hat, solche Situationen zu ertragen und ggf. auch mit der Hilfe von Konditionierungen sogar als positiv zu empfinden. Das Empfinden kann schnell kippen, weil das Anstarren, Vorbeugen und Vollquatschen vom Hund im Grunde immer als bedrohlich angesehen wird. Ist er sensibel, wie gesagt angeboren oder erlernt, kann trotz aller Bemühungen die Interpretation als Bedrohung durch einen Fremden schnell in ein Abwehrverhalten umschlagen. In den meisten Fällen äussert sich dies durch knurren oder bellen.

Man stelle sich also die Situation vor: Sensibler Hund trifft auf dem Gassigang einen Menschen, der es eigentlich nett meint. Er beugt sich vor, schaut den Hund an und redet mit ihm. Der Hund knurrt und kläfft los. Wie oft hört man dann, wie unerzogen doch der Hund sei. Wer dort dann pauschal von unerzogen redet, weiß doch garnichts davon, wie sehr sich der Hundehalter bemüht hat, welche Geschichte der Hund hat, warum er so sensibel ist.
Die Menschen die den Hund so ansprechen, meinen es in den meisten Fällen auch gar nicht böse – im Gegenteil, sie wissen oft nur nicht, was ihr Verhalten und ihre Körpersprache für den Hund bedeutet.
Was in solchen Situationen zu tun ist? Dafür gibt es keine Gebrauchsanleitung. Wichtig ist, dass man den Hund nicht in der für ihn bedrohlichen Situation lässt oder gar versucht, ihn irgendwie vom Bellen abzubringen. In meinen Augen wäre es gut dem Menschen ruhig zu sagen, dass sich der Hund bedroht fühlt, z. B. aufgrund seiner Geschichte. Und dass er sich bitte vom Hund abwenden möge. Dann ganz in Ruhe weitergehen. Und, ganz wichtig, gar nicht hinhören, wenn irgendjemand im Umfeld etwas von „unerzogener Hund“ redet. Auch wenn es schwer fällt…

Montag, 3. Oktober 2016

Lange Spaziergänge um den Welpen auszulasten?


Leider höre ich es von Hundehaltern so, oder so ähnlich, immer wieder. Der Welpe, irgendwo zwischen der 10. und 16. Lebenswoche, wäre nicht ausgelastet, wäre aufmüpfig und würde „Grenzen austesten“. Es würden lange Spaziergänge mit ihm unternommen, immer länger und länger, aber der Welpe wäre damit nicht auszulasten und nicht müde zu bekommen…
Genau das ist der Fehler. Das kleine, unausgereifte Welpengehirn ist gar nicht in der Lage, die vielen Eindrücke und Reize eines langen Spazierganges zu verarbeiten. Er ist nicht unterfordert und kommt deswegen nicht zur Ruhe – er ist überfordert und kommt nicht zur Ruhe, weil das Gehirn mit der Verarbeitung der Umwelteindrücke nicht nachkommt. Die körperliche Überforderung von dem unfertigen Welpenkörper an dieser Stelle mal außen vor.
Natürlich muss der Welpe mit Umwelteindrücken, Außenreizen konfrontiert werden, damit sein unausgereiftes Gehirn sich anpassen und reifen kann. Aber nicht auf einmal, sondern behutsam Stück für Stück.
Mal einige kleine Faustregeln zum Spaziergang mit dem Welpen (mit Spaziergang ist dabei nicht das Rausbringen zum Lösen in den Garten oder vor die Tür gemeint, welches regelmäßig erfolgen sollte. Ein Spaziergang führt weg vom Haus, vom Kernbereich des Welpenlebens):
Spaziergänge sind bei Welpen nicht dazu da, den Welpen auszulasten – es geht dabei darum, ihn langsam (!) an Außenreize zu gewöhnen.
Pro Lebensmonat sollte die Zeit eines Spazierganges mit ca. 5 Minuten multipliziert werden. Mit zwei Monaten also ca. 10 Minuten, mit drei Monaten ca. 15 Minuten pro Spaziergang usw.
Ein dauerhaft aufgedrehter Welpe ist nicht unausgelastet. Meist ist er überfordert und kommt deshalb nicht zur Ruhe. (medizinische Aspekte hier auch mal außen vor, die man auch immer abklären lassen sollte).

Samstag, 1. Oktober 2016

Der Jäger erscheint zur Märchenstunde im Kindergarten

Wenn der Mensch sich das erste Mal mit einem Thema beschäftigt, neigt er dazu, diese erste Information als wahr anzusehen. Selbst wenn diese vermeintliche Wahrheit später von Fakten widerlegt wird, fällt es dem Menschen extrem schwer, eine andere Sichtweise zu etablieren. Das ist bekannt. Sicher kann man erwachsenen Menschen, die in der Lage sind reflektiert zu denken, anhand von Fakten andere Sichtweisen näherbringen. Wie gesagt, wenn sie fähig sind, reflektiert und abstrakt zu denken. Wie sich in Europa gerade besonders zeigt, können das nicht alle Menschen – viele können augenscheinlich nicht einmal denken. Aber das ist ein anderes Thema.

Kinder glauben, was man ihnen sagt

Es ist also bekannt, dass Menschen, auch erwachsene Menschen, „ersten Informationen“ zu einem Thema sehr viel Bedeutung zukommen lassen. Wenn das beim Erwachsenen so ist, wie ist es dann beim Kind? Nun, natürlich wesentlich stärker ausgeprägt. Kinder saugen Informationen praktisch auf, sind aber nicht in der Lage, diese differenziert zu beurteilen. Wenn Eltern oder andere Personen, die in den Augen der Kinder vertrauenswürdig auftreten, Informationen liefern, dann werden diese als korrekt angesehen. Viel einprägender als bei Erwachsenen.

Jäger im Kindergarten

Beim Gespräch mit Bekannten bekam ich jetzt mit, dass im Kindergarten „Naturaufklärung“ durch einen Jäger durchgeführt wurde. Und das Kind seither überzeugt sei, dass Jäger Füchse erschießen müssten, weil diese angeblich sonst viel zu viele würden. Und dadurch andere Tiere ausgerottet würden. Außerdem müsste man sie schießen, weil sie Tollwut übertragen würden.

Fragliche Wahrheiten werden Kindern übermittelt

Das sind Aussagen, über die erwachsene Menschen diskutieren und debattieren können. Aber sie Kindern einfach so als Wahrheit zu verkaufen ist in meinen Augen arg bedenklich.
Erst einmal deuten sämtliche Untersuchungen und Studien der letzten Jahrzehnte (!) eindeutig darauf hin, dass Füchse sich aufgrund diverser natürlicher Mechanismen nicht über ein gewisses Maß hinaus vermehren. Überpopulationen, die andere Tierarten ursächlich gefährden, sind eher unwahrscheinlich. Sicher können z. B. Rebhühner durch ständig fortschreitenden Lebensraumverlust selten werden. Um die Rebhühner zu schützen muss man aber keine Füchse schießen. Die bedienen sich nämlich vornehmlich von der Nahrung in ihrem Revier, die ausreichend vorhanden ist. Seltenen Tieren stellen sie nicht aufwändig nach. In erster Linie ernähren sich Füchse von Mäusen, Regenwürmern und auch Beeren. Man muss den Hühnervögeln wieder zu Lebensraum verhelfen, um ihnen insgesamt zu helfen. Nicht den unschuldigen Fuchs verteufeln.


Jägerlatein und Tollwut

Also, dass Füchse sich unkontrolliert vermehren ist nach Faktenlage sehr unwahrscheinlich, genauso, wie die Tatsache, dass sie andere Arten ausrotten.
Vollkommer Unsinn ist die Geschichte mit der Tollwut. Man hat früher versucht, die Tollwut auszurotten, indem man Füchse radikal in großer Zahl erlegte. Das hat nachweislich nicht funktioniert. Die Tollwut ist inzwischen in Deutschland aber dennoch ausgerottet. Das hat man dadurch erreicht, dass man die Fuchsbestände durch auslegen von Impfködern immunisiert hat. Nicht der Abschuss der Füchse hat die Tollwut erfolgreich bekämpft, sondern die Impfungen.


Vorsicht wenn der Jäger zur Aufklärung kommt

Man sieht, die Aussagen des Jägers, dass Füchse geschossen werden müssten, sind zumindest hochgradig diskussionswürdig.
Diese aber als Wahrheit in einem Kindergarten zu verbreiten ist in meinen Augen höchst bedenklich. Gerade bei Kindern, die wie oben beschrieben solche Aussagen sehr, sehr ernst nehmen. Es scheint, als sollten die Kinder dafür herhalten, Ideologien zu bewahren oder auch zu verbreiten.
Naturaufklärung für Kinder ist sehr gut. Aber bitte neutral und faktisch gut unterfüttert. Kinder für den Ideologietransfer zu benutzen, ist für mich nicht tolerierbar. Eltern sollten sehr genau hinschauen, wenn Kinder ihnen erzählen, dass ein Jäger in den Kindergarten oder die Schule kommt…


Dienstag, 27. September 2016

Fridos Weg


Sein Name war Fridolin, genannt Frido. Er war ein großer Mischlingshund, vermutlich irgendetwas zwischen Schäferhund und Collie. Doch das war seiner Besitzerin egal, sie liebte ihn, pflegte ihn – und trainierte mit ihm, unabhängig von seiner Rasse, seiner Größe oder seiner Geschichte. Es ist noch nicht lange her, da traf ich seine Besitzerin ohne Frido. Auf meine Frage, wie es Frido geht, stockte sie und erzählte mir sichtlich betroffen, dass Frido gestorben sei. Er ist im Alter von 14 Jahren friedlich eingeschlafen. Wörtlich berichtete sie mir: „Es ist so traurig, dass er gestorben ist. Wir waren auf einem so guten Weg und fast am Ziel.“
Mit 14 fast am Ziel des Trainings
Fast am Ziel? Bei einem 14jährigen Hund? Was meinte sie damit? Nun, ich habe Frido und sein Frauchen vor ca. 10 Jahren kennengelernt. Sie lebten mit Ihrer Familie (zu der noch Frauchens Mann, zwei Kinder und ein weiterer Hund gehörten) sehr abgelegen auf dem Land. Frauchen hatte mich gerufen, weil sie ein Problem mit Frido hatte. Er bellte beim Spaziergang andere Hunde an. Wenn sie mal einem begegneten. Man sollte nämlich wissen, dass mit abgelegen auf dem Land wohnen wirklich abgelegen gemeint ist. Ein einzeln liegender Bauernhof im landwirtschaftlich geprägten Umfeld. Hundebegegnungen beim Gassigang waren äußerst selten, maximal zwei bis drei im Monat. Diese seltenen Begegnungen gestalteten sich dann so, dass Frido kurzfristig in Richtung des Eindringlings knurrte und bellte, sich direkt nach dem Passieren aber auch schnell wieder beruhigte. Zwei bis dreimal im Monat ca. ein bis zwei Minuten ein etwas „unangenehmes“ Verhalten von Frido. Was Frauchen allerdings peinlich war, weshalb sie verschiedene Hundetrainer beauftrage, mit ihr an diesem Problem zu arbeiten. Sie lernte, wie man mit Hunden trainiert, fuhr mit Frido an verschiedene Orte, wo man mehr Hunde trifft. Sie übte und trainierte, das Üben wurde für sie zum Projekt, teilweise zum Lebensinhalt.
Fast perfektes Hundeleben
Frido führte in seinem ländlichen Heim im Grunde ein fast perfektes Hundeleben, kam oft raus, hatte regelmäßigen Kontakt mit Artgenossen – seinem Mitbewohner-Hund und auch mit Kumpeln aus der Umgebung, die er ab und zu treffen konnte. Mit Artgenossen an sich hatte er also kein Problem, vor allem nicht mit bekannten Hunden. Die „Probleme“ hatte er nur mit fremden Hunden, die sich selten mit ihren Besitzern in seinem Revier verirrten.

Training als Hobby des Frauchens
Zu seinem angenehmen Leben mit regelmäßigen Artgenossenkontakten und ausführlichen Spaziergängen gesellten sich weitere hundliche Annehmlichkeiten wie ein ständig zugänglicher, großer Garten und ein freundliches Heim mit freundlichen Menschen, die ihre Tiere liebten. Ein wunderbares Hundeleben – eigentlich. Wenn Frauchen nur nicht davon besessen gewesen wäre, dass Fridos Verhalten bei den seltenen Hundebegegnungen ein Problem sein würde. Kein Problem für ihn – diese insgesamt vielleicht fünf, sechs Minuten im Monat hatten keinerlei weitere Auswirkung auf ihn. Aber Frauchen hatte den Gedanken, sich dadurch vor anderen Menschen zu blamieren. Sie wollte Frido ein anderes Verhalten beibringen. Also fuhr sie von Hundeschule zu Hundeschule, brachte Frido immer wieder in diese Begegnungssituation, schleppte ihn in Städte und übte und übte. Mit unterschiedlichen Methoden, mal freundlich – weil das nicht schnell genug ging auch mit unfreundlichen Konsequenzen für Frido. Weil dadurch aus dem eigentlich freundlichen Hund ein nervöser Hund mit aggressiven Tendenzen wurde kehrte sei wieder zur Belohnung zurück. Und wieder – Sie werden es sich denken können. Ein ständiges hin und her. Ein ständiges üben und trainieren. Und nichts half wirklich – warum, darüber kann ich nur spekulieren, weil ich den Fall nur aus Erzählungen von Fridos Frauchen kannte. Ich selbst hatte ein kostenintensives Training mit den Beiden vor vielen Jahren abgelehnt, weil ich kein ernsthaftes Problem sah – zu dem Zeitpunkt. Anscheinend hatte sich im Laufe des obsessiven Trainings über Jahre vieles zum Schlechteren Verändert. Und in den letzten Monaten vor seinem Tod wohl doch wieder etwas besser entwickelt – möglicherweise auch dem Alter geschuldet. Ein Gedanke, der Frauchen überhaupt nicht kam.  Sie bemerkte, dass sie auf einem guten Weg war – bei einem alten Hund. Und jetzt war sie traurig, weil sie den guten Weg nicht bis zum Ende gehen konnte. Weil Frido vorher aufgegeben hatte.
Trauriges Frauchen
Was mich dabei nachdenklich machte war die Tatsache, dass anscheinend nicht der Tod von Frido der Hauptgrund für die Traurigkeit der Besitzerin war, sondern die Tatsache, dass der Trainingsweg nicht bis zum Ende gegangen werden konnte.
Verschwendete Lebenszeit?
Frido hatte ein schönes Leben, ein schönes Umfeld und Menschen, die ihn liebten. Doch sehr viel seiner schönen Zeit wurde mit Training „verschwendet“, welches 10 Jahre lang zu keinem wirklich greifbaren Ergebnis führte. Ich hatte das Gefühl, dass Frauchen gefallen an der Tätigkeit des Trainierens gefunden hatte, es ihr Hobby wurde. Ob Frido das Hobby teilte, ist eine andere Frage. Er musste es mitmachen. Jetzt ist er tot und für mich bleiben nur Fragen: Ein Hundeleben ist leider sehr kurz im Verhältnis zu einem Menschenleben. Sollte man die gemeinsame Zeit nicht so nutzen, dass alle beteiligten es genießen? Und das gemeinsame Leben nicht auf einem Weg verlieren, den nur der Mensch gehen möchte?
Jetzt ist Frido gegangen. Sein Lebensweg ist zu Ende, er hat sich verabschiedet. Die verlorene Zeit bringt niemand zurück…

Der Artikel wurde ursprünglich in der Reihe "Abschied für immer" in der Fabelschmiede.de veröffentlicht

Dienstag, 20. September 2016

Wenn der traumatisierte Hund endlich stört


Der Hund, den meine Kunden aus dem Tierschutz übernommen hatten, hatte eine furchtbare Vergangenheit. Er war in einem Rudel gehalten worden und dort der Prügelknabe für die anderen Hunde. Das hatte übrigens nichts mit irgendwelchen Rangordnungen zu tun, die in „Rudelhaltung“ angeblich automatisch vorkommen. Und einer eben das „Omegatier“ sein muss. Nein, das hatte damit zu tun, dass die Tiere dort auf engstem Raum gehalten wurden, keine Ausweichmöglichkeiten voneinander hatten und sich gegenseitig auf die Nerven gingen. Als reine Beschäftigung und zur Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins bilden sich bei solchen Haltungsbedingungen oft Grüppchen, die einzelne, schwache und wehrlose Tiere tyrannisieren. Wie gesagt, dass liegt an einer zu engen Haltung von vielen Hunden, die sich mit nichts anderem als dem sozialen Geplänkel beschäftigen können. Und die ihr eigenes Selbstbewusstsein aufpolieren, indem sie ihre gesamte Energie gegen andere richten. Weil ihnen andere, das Selbstbewusstsein fördernde Beschäftigungen verwehrt bleiben. So etwas habe ich übrigens nur bei „gefangenen“ Hundegruppen beobachten können. Frei und selbstbestimmt lebende Hunde gehen so nicht miteinander um. Eben weil sie Freiräume haben, sich aus dem Weg gehen können und auch sporadische Gruppenbildungen jederzeit verlassen können.
Keine Möglichkeit der Gegenwehr
Diese Möglichkeit hatte mein Kundenhund nicht. Er wurde über Monate von den anderen Hunden, mit denen er auf engem Raum leben musste, böse zusammengebissen. Das hatte nichts mit „das machen die unter sich aus“ zu tun. Diese Haltung war schlichte Tierquälerei und der Hund wurde durch die ständige Unterdrückung und die Bisse der anderen Hunde traumatisiert. Er war nicht in der Lage sich zu wehren, konnte keine Strategien mehr zur Problemlösung entwickeln. Er wurde handlungsunfähig und ergab sich in sein Schicksal.
Unfähig selbstständig zu handeln
Das Trauma wirkte soweit nach, dass der Hund bei seinen späteren Besitzern bei jeder Begegnung mit einem Hund einfror, sich nicht mehr bewegen konnte, in jeder Form handlungsunfähig war.
Neues Selbstbewusstsein
Mit dem Aufbau von Selbstvertrauen über geeignete Beschäftigung mit Erfolgserlebnissen, mit Entspannungsprogrammen und dem etablieren eines hundgerechten Alltags und Umfelds, konnten wir nach vielen Wochen diese Handlungsunfähigkeit durchbrechen. Es war ein tolles Gefühl, als der Hund endlich bei einer Hundebegegnung den anderen Hund anbellte. Als er endlich wieder handlungsfähig war, eine Strategie hatte dem möglichen „Feind“ mitzuteilen, dass er nicht willenlos sei. Ich habe mich selten so über einen Hund gefreut, der einen anderen anbellt.
Endlich handlungsfähig = unerzogen?
Aber genau in dem Moment, als der Hund zum ersten Mal selbstständig handelnd einen anderen Hund anbellte, ließen vorbeigehende Passanten ihre Kommentare ab. Irgendwas von unerzogen, „nicht benehmen können“ etc. hörte ich da. Menschen sind immer mit schnellen, pauschalen Urteilen bei der Hand, wenn sie Hundeverhalten beurteilen. Bellen darf ein Hund nur auf Kommando – macht er es vermeintlich unerwünscht, benimmt er sich nicht, ist unerzogen etc. Dabei gibt es so viele Gründe für das Verhalten eines Hundes. Pauschale, mit simpelsten Vorurteilen behaftete Verhaltenseinschätzungen sind da fehl am Platze. Ob vom Passanten, Hundehalter oder auch Hundeprofi. Beim Profi sogar noch mehr. Hundeprofis, die pauschal von „nicht benehmen können“, „Grenzen setzen“ oder „mangelnder Führung“ reden, sind mir noch suspekter, bzw. unsympathischer als normale Passanten. Denn ein Profi sollte zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass nicht jeder bellende Hund pauschal unerzogen ist. Und vielleicht eine Geschichte hat…

Raus aus dem Schneckenhaus
Aber zurück zum traumatisierten Hund, bei dem ich froh war, dass er sich von seinem Schneckenhaus verabschiedete und wieder handlungsfähig wurde. Ja klar, ich höre schon wieder die Zweifler, die als Bedenkenträger die Befürchtung äußern, dass der Hund, nachdem er gelernt hatte wieder selbstständig zu handeln und sich durch bellen Hunde vom Hals halten zu können, sich nun zum Pöbler entwickeln könne. Nun, einmal davon abgesehen, dass die Gefahr geringer ist, als man glauben mag. Nicht alles, was ein Hund macht, nimmt überhand, wenn wir Menschen es nicht „in Grenzen“ halten. Wenn man trotzdem Anzeichen erkennt, dass der Hund die neu erworbene Handlungsfähigkeit übertreibt, kann man durch gezieltes Training das Verhalten z. B. umleiten. Das ist an dieser Stelle aber nicht das Thema. Wichtiger ist, dass man Hundeverhalten nicht pauschal beurteilt und auch Faktoren bedenkt, die einem nicht immer direkt in den Sinn kommen.
Endlich stört der Hund
Ein traumatisierter Hund ist vielleicht ruhig und „stört“ nicht. Aber bei allem was man über Traumata bei Säugetieren im Allgemeinen weiß, ist sein Allgemeinbefinden nicht gut. Er fühlt sich bescheiden.
Ich freue mich dann immer, wenn er nicht mehr ruhig ist und endlich stört. Dann fühlt er sich nämlich besser. Und das zählt für mich mehr als pauschal quatschende Passanten…