Dienstag, 27. September 2016

Fridos Weg


Sein Name war Fridolin, genannt Frido. Er war ein großer Mischlingshund, vermutlich irgendetwas zwischen Schäferhund und Collie. Doch das war seiner Besitzerin egal, sie liebte ihn, pflegte ihn – und trainierte mit ihm, unabhängig von seiner Rasse, seiner Größe oder seiner Geschichte. Es ist noch nicht lange her, da traf ich seine Besitzerin ohne Frido. Auf meine Frage, wie es Frido geht, stockte sie und erzählte mir sichtlich betroffen, dass Frido gestorben sei. Er ist im Alter von 14 Jahren friedlich eingeschlafen. Wörtlich berichtete sie mir: „Es ist so traurig, dass er gestorben ist. Wir waren auf einem so guten Weg und fast am Ziel.“
Mit 14 fast am Ziel des Trainings
Fast am Ziel? Bei einem 14jährigen Hund? Was meinte sie damit? Nun, ich habe Frido und sein Frauchen vor ca. 10 Jahren kennengelernt. Sie lebten mit Ihrer Familie (zu der noch Frauchens Mann, zwei Kinder und ein weiterer Hund gehörten) sehr abgelegen auf dem Land. Frauchen hatte mich gerufen, weil sie ein Problem mit Frido hatte. Er bellte beim Spaziergang andere Hunde an. Wenn sie mal einem begegneten. Man sollte nämlich wissen, dass mit abgelegen auf dem Land wohnen wirklich abgelegen gemeint ist. Ein einzeln liegender Bauernhof im landwirtschaftlich geprägten Umfeld. Hundebegegnungen beim Gassigang waren äußerst selten, maximal zwei bis drei im Monat. Diese seltenen Begegnungen gestalteten sich dann so, dass Frido kurzfristig in Richtung des Eindringlings knurrte und bellte, sich direkt nach dem Passieren aber auch schnell wieder beruhigte. Zwei bis dreimal im Monat ca. ein bis zwei Minuten ein etwas „unangenehmes“ Verhalten von Frido. Was Frauchen allerdings peinlich war, weshalb sie verschiedene Hundetrainer beauftrage, mit ihr an diesem Problem zu arbeiten. Sie lernte, wie man mit Hunden trainiert, fuhr mit Frido an verschiedene Orte, wo man mehr Hunde trifft. Sie übte und trainierte, das Üben wurde für sie zum Projekt, teilweise zum Lebensinhalt.
Fast perfektes Hundeleben
Frido führte in seinem ländlichen Heim im Grunde ein fast perfektes Hundeleben, kam oft raus, hatte regelmäßigen Kontakt mit Artgenossen – seinem Mitbewohner-Hund und auch mit Kumpeln aus der Umgebung, die er ab und zu treffen konnte. Mit Artgenossen an sich hatte er also kein Problem, vor allem nicht mit bekannten Hunden. Die „Probleme“ hatte er nur mit fremden Hunden, die sich selten mit ihren Besitzern in seinem Revier verirrten.

Training als Hobby des Frauchens
Zu seinem angenehmen Leben mit regelmäßigen Artgenossenkontakten und ausführlichen Spaziergängen gesellten sich weitere hundliche Annehmlichkeiten wie ein ständig zugänglicher, großer Garten und ein freundliches Heim mit freundlichen Menschen, die ihre Tiere liebten. Ein wunderbares Hundeleben – eigentlich. Wenn Frauchen nur nicht davon besessen gewesen wäre, dass Fridos Verhalten bei den seltenen Hundebegegnungen ein Problem sein würde. Kein Problem für ihn – diese insgesamt vielleicht fünf, sechs Minuten im Monat hatten keinerlei weitere Auswirkung auf ihn. Aber Frauchen hatte den Gedanken, sich dadurch vor anderen Menschen zu blamieren. Sie wollte Frido ein anderes Verhalten beibringen. Also fuhr sie von Hundeschule zu Hundeschule, brachte Frido immer wieder in diese Begegnungssituation, schleppte ihn in Städte und übte und übte. Mit unterschiedlichen Methoden, mal freundlich – weil das nicht schnell genug ging auch mit unfreundlichen Konsequenzen für Frido. Weil dadurch aus dem eigentlich freundlichen Hund ein nervöser Hund mit aggressiven Tendenzen wurde kehrte sei wieder zur Belohnung zurück. Und wieder – Sie werden es sich denken können. Ein ständiges hin und her. Ein ständiges üben und trainieren. Und nichts half wirklich – warum, darüber kann ich nur spekulieren, weil ich den Fall nur aus Erzählungen von Fridos Frauchen kannte. Ich selbst hatte ein kostenintensives Training mit den Beiden vor vielen Jahren abgelehnt, weil ich kein ernsthaftes Problem sah – zu dem Zeitpunkt. Anscheinend hatte sich im Laufe des obsessiven Trainings über Jahre vieles zum Schlechteren Verändert. Und in den letzten Monaten vor seinem Tod wohl doch wieder etwas besser entwickelt – möglicherweise auch dem Alter geschuldet. Ein Gedanke, der Frauchen überhaupt nicht kam.  Sie bemerkte, dass sie auf einem guten Weg war – bei einem alten Hund. Und jetzt war sie traurig, weil sie den guten Weg nicht bis zum Ende gehen konnte. Weil Frido vorher aufgegeben hatte.
Trauriges Frauchen
Was mich dabei nachdenklich machte war die Tatsache, dass anscheinend nicht der Tod von Frido der Hauptgrund für die Traurigkeit der Besitzerin war, sondern die Tatsache, dass der Trainingsweg nicht bis zum Ende gegangen werden konnte.
Verschwendete Lebenszeit?
Frido hatte ein schönes Leben, ein schönes Umfeld und Menschen, die ihn liebten. Doch sehr viel seiner schönen Zeit wurde mit Training „verschwendet“, welches 10 Jahre lang zu keinem wirklich greifbaren Ergebnis führte. Ich hatte das Gefühl, dass Frauchen gefallen an der Tätigkeit des Trainierens gefunden hatte, es ihr Hobby wurde. Ob Frido das Hobby teilte, ist eine andere Frage. Er musste es mitmachen. Jetzt ist er tot und für mich bleiben nur Fragen: Ein Hundeleben ist leider sehr kurz im Verhältnis zu einem Menschenleben. Sollte man die gemeinsame Zeit nicht so nutzen, dass alle beteiligten es genießen? Und das gemeinsame Leben nicht auf einem Weg verlieren, den nur der Mensch gehen möchte?
Jetzt ist Frido gegangen. Sein Lebensweg ist zu Ende, er hat sich verabschiedet. Die verlorene Zeit bringt niemand zurück…

Der Artikel wurde ursprünglich in der Reihe "Abschied für immer" in der Fabelschmiede.de veröffentlicht

Dienstag, 20. September 2016

Wenn der traumatisierte Hund endlich stört


Der Hund, den meine Kunden aus dem Tierschutz übernommen hatten, hatte eine furchtbare Vergangenheit. Er war in einem Rudel gehalten worden und dort der Prügelknabe für die anderen Hunde. Das hatte übrigens nichts mit irgendwelchen Rangordnungen zu tun, die in „Rudelhaltung“ angeblich automatisch vorkommen. Und einer eben das „Omegatier“ sein muss. Nein, das hatte damit zu tun, dass die Tiere dort auf engstem Raum gehalten wurden, keine Ausweichmöglichkeiten voneinander hatten und sich gegenseitig auf die Nerven gingen. Als reine Beschäftigung und zur Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins bilden sich bei solchen Haltungsbedingungen oft Grüppchen, die einzelne, schwache und wehrlose Tiere tyrannisieren. Wie gesagt, dass liegt an einer zu engen Haltung von vielen Hunden, die sich mit nichts anderem als dem sozialen Geplänkel beschäftigen können. Und die ihr eigenes Selbstbewusstsein aufpolieren, indem sie ihre gesamte Energie gegen andere richten. Weil ihnen andere, das Selbstbewusstsein fördernde Beschäftigungen verwehrt bleiben. So etwas habe ich übrigens nur bei „gefangenen“ Hundegruppen beobachten können. Frei und selbstbestimmt lebende Hunde gehen so nicht miteinander um. Eben weil sie Freiräume haben, sich aus dem Weg gehen können und auch sporadische Gruppenbildungen jederzeit verlassen können.
Keine Möglichkeit der Gegenwehr
Diese Möglichkeit hatte mein Kundenhund nicht. Er wurde über Monate von den anderen Hunden, mit denen er auf engem Raum leben musste, böse zusammengebissen. Das hatte nichts mit „das machen die unter sich aus“ zu tun. Diese Haltung war schlichte Tierquälerei und der Hund wurde durch die ständige Unterdrückung und die Bisse der anderen Hunde traumatisiert. Er war nicht in der Lage sich zu wehren, konnte keine Strategien mehr zur Problemlösung entwickeln. Er wurde handlungsunfähig und ergab sich in sein Schicksal.
Unfähig selbstständig zu handeln
Das Trauma wirkte soweit nach, dass der Hund bei seinen späteren Besitzern bei jeder Begegnung mit einem Hund einfror, sich nicht mehr bewegen konnte, in jeder Form handlungsunfähig war.
Neues Selbstbewusstsein
Mit dem Aufbau von Selbstvertrauen über geeignete Beschäftigung mit Erfolgserlebnissen, mit Entspannungsprogrammen und dem etablieren eines hundgerechten Alltags und Umfelds, konnten wir nach vielen Wochen diese Handlungsunfähigkeit durchbrechen. Es war ein tolles Gefühl, als der Hund endlich bei einer Hundebegegnung den anderen Hund anbellte. Als er endlich wieder handlungsfähig war, eine Strategie hatte dem möglichen „Feind“ mitzuteilen, dass er nicht willenlos sei. Ich habe mich selten so über einen Hund gefreut, der einen anderen anbellt.
Endlich handlungsfähig = unerzogen?
Aber genau in dem Moment, als der Hund zum ersten Mal selbstständig handelnd einen anderen Hund anbellte, ließen vorbeigehende Passanten ihre Kommentare ab. Irgendwas von unerzogen, „nicht benehmen können“ etc. hörte ich da. Menschen sind immer mit schnellen, pauschalen Urteilen bei der Hand, wenn sie Hundeverhalten beurteilen. Bellen darf ein Hund nur auf Kommando – macht er es vermeintlich unerwünscht, benimmt er sich nicht, ist unerzogen etc. Dabei gibt es so viele Gründe für das Verhalten eines Hundes. Pauschale, mit simpelsten Vorurteilen behaftete Verhaltenseinschätzungen sind da fehl am Platze. Ob vom Passanten, Hundehalter oder auch Hundeprofi. Beim Profi sogar noch mehr. Hundeprofis, die pauschal von „nicht benehmen können“, „Grenzen setzen“ oder „mangelnder Führung“ reden, sind mir noch suspekter, bzw. unsympathischer als normale Passanten. Denn ein Profi sollte zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass nicht jeder bellende Hund pauschal unerzogen ist. Und vielleicht eine Geschichte hat…

Raus aus dem Schneckenhaus
Aber zurück zum traumatisierten Hund, bei dem ich froh war, dass er sich von seinem Schneckenhaus verabschiedete und wieder handlungsfähig wurde. Ja klar, ich höre schon wieder die Zweifler, die als Bedenkenträger die Befürchtung äußern, dass der Hund, nachdem er gelernt hatte wieder selbstständig zu handeln und sich durch bellen Hunde vom Hals halten zu können, sich nun zum Pöbler entwickeln könne. Nun, einmal davon abgesehen, dass die Gefahr geringer ist, als man glauben mag. Nicht alles, was ein Hund macht, nimmt überhand, wenn wir Menschen es nicht „in Grenzen“ halten. Wenn man trotzdem Anzeichen erkennt, dass der Hund die neu erworbene Handlungsfähigkeit übertreibt, kann man durch gezieltes Training das Verhalten z. B. umleiten. Das ist an dieser Stelle aber nicht das Thema. Wichtiger ist, dass man Hundeverhalten nicht pauschal beurteilt und auch Faktoren bedenkt, die einem nicht immer direkt in den Sinn kommen.
Endlich stört der Hund
Ein traumatisierter Hund ist vielleicht ruhig und „stört“ nicht. Aber bei allem was man über Traumata bei Säugetieren im Allgemeinen weiß, ist sein Allgemeinbefinden nicht gut. Er fühlt sich bescheiden.
Ich freue mich dann immer, wenn er nicht mehr ruhig ist und endlich stört. Dann fühlt er sich nämlich besser. Und das zählt für mich mehr als pauschal quatschende Passanten…

Freitag, 5. August 2016

Wer den perfekten Hund hat, werfe das erste Leckerchen


Kürzlich wurde irgendwie und irgendwo über die vermeintlich perfekten Hunde von Hundetrainern diskutiert. Beziehungsweise über die Häme, die einem Hundetrainer teilweise entgegenschlug, weil ihm sein Hund entlaufen war. Das wirkte insgesamt für mich sehr befremdlich, weil meine Gedanken bei so etwas immer direkt beim Hund sind – und auch beim Hundehalter, der in diesem Fall zufällig ein Trainer ist. Man muss mit dem Trainer ja nicht einer Meinung in Hundefragen sein, das kann man aber anders artikulieren und diskutieren. Hier hoffe ich, dass der Hund schnell und wohlauf gefunden wird. Punkt.
Aber mal zurück zu der Frage, ob Hundetrainer generell perfekte Hunde haben sollten. Nun, das ist eine interessante Frage, vor allem weil sie mich nicht wirklich betrifft. Zum einen, weil ich kein Hundetrainer, sondern Hundepsychologe bin ;-)
Die perfekten Hunde – aus ihrer Sicht
Aber auch, weil ich perfekte Hunde habe. Naja, das denken die Hunde zumindest. Da ist zum einen meine Samojedin Koka, die es perfekt beherrscht, das, was ich sage, zu ignorieren. Samojeden sind nicht mit einem eng gefassten Zuchtziel selektiert worden. Sie lebten und leben bei dem Rentierzüchtervolk der Samojeden in der sibirischen Taiga. Ohne enges Zuchtziel leben die Hunde dort sehr selbstständig und tragen das bis in die moderne Welt hinein.
Die Mittelkralle der Samojeden
Man könnte es so zusammenfassen und erklären: Es  gibt Hunderassen, die vom Grundcharakter so selektiert wurden, dass sie auf „Kommando“ einen Abhang hinunter springen würden. Ein Samojede würde in solch einer Situation die Mittelkralle in Richtung des Kommandogebers recken und diesem mit verärgerten Blicken deutlich mitteilen, dass er selbst springen solle. Samojeden sind, vermenschlichend und verhaltensbiologisch komplett falsch ausgedrückt, einfach „Dickköppe“. Selbstständig und zu nichts zu zwingen. Und komm mir auch keiner damit, dass man nach behavioristischer Lerntheorie jeden Hund zu jedem Verhalten konditionieren könne. Wer das sagt, hat noch nie einen Samojeden gekannt. Es sind fast immer freundliche Hunde, die man aber schlicht nicht zu allem überreden kann. So ist meine Koka also eine perfekte Samojedin, aber bestimmt kein perfekt „funktionierender“ Hund, der heute von der Gesellschaft verlangt wird. Die Freundlichkeit gegenüber Menschen ist bei ihr stark ausgeprägt, gegenüber Hunden ist ihre Freundlichkeit sehr selektiv. Und wenn sie einen nicht mag, dann bekommt das auch jeder mit – im weiten, hörbaren Umfeld. Und wenn ein Samojede der Meinung ist, sich für einen Ausflug länger zu verabschieden, dann macht ein Samojede das. Aber keine Sorge, pünktlich zum Abendessen ist er wieder daheim ;-)
Perfekt für mich
Also, meine Samojedin Koka ist sicher der Meinung, dass sie perfekt ist. Und da ich selbstständige Lebewesen mag, ist sie auch für mich perfekt. Zudem achte ich darauf, dass sie niemanden belästigt und / oder gefährdet. Was dann andere über ihre vermeintliche notwendige Perfektion in unserer heutigen Zeit denken, ist mir relativ wurscht.
Die Tinnituströte
Achja, und dann habe ich noch Regaliz. Die Rasse ist nicht wirklich bekannt, es ist aber zu vermuten, dass er zu diesen kleinen, lebenden Alarmanlagen spanischer Fincas gehört. Laut Gentest war in grauer Vorzeit irgendwie auch einmal ein Zwergpudel beteiligt. Allerdings ist die einzige Gemeinsamkeit mit dieser Hunderasse das „Zwerg“. Und auch Regaliz ist seiner persönlichen Meinung nach perfekt. Er versucht immer seinem Umfeld in lautesten Tönen mitzuteilen, wenn irgendetwas, aus seiner Sicht nicht in Ordnung ist. Wenn er sich bei mir auf dem Sofa aalt und im Nachbarort ein Hund vor die Tür tritt, bellt er in höchsten Tönen los, um den Feind vorzuwarnen, nicht in unsere Nähe zu kommen. Das kommt meist so plötzlich und in wirklich so hohen Tönen, dass mir noch Minuten später die Ohren klingeln. Ich habe beim VDH schon einen Antrag gestellt, ihn als eigene Rasse eintragen zu lassen. Als Tinituströte. Und diesem Namen wird er perfekt gerecht…
Perfekte Samojedin, perfekte Alarmanlage
Wie man also sieht, sind meine Hunde perfekt. Koka ist perfekt darin – eine Samojedin zu sein…
Und Regaliz (Regi) ist die perfekte Alarmanlage mit Tinnitusgarantie. Das mag nicht für jedermann der Vorstellung eines perfekten Hundes entsprechen. Aber, wie gesagt, das juckt mich nicht – ich habe dafür zu sorgen, dass sich meine Hunde wohlfühlen und dass sie niemanden belästigen oder gefährden. Wenn ich es allen Menschen gerecht machen wollte, würde ich vermutlich eines Tages psychologischen Beistand benötigen.
Meine Hunde halten sich selbst für perfekt, für mich sind sie perfekt weil sie genau so, wie sie sind, zu mir passen. Und das Tinnituströten des Zwergs ist nur punktuell, so dass er damit nicht die „erlaubten 30 Minuten pro Tag“ überschreitet ;-)
Wenn die perfekten Leckerchen fliegen
Im Grunde alles perfekt, wenn man geschwätzige Perfektionisten nicht zu ernst nimmt, und sein Leben und das Leben seiner Vierbeiner so gestaltet, dass sich alle so wohl wie möglich fühlen.
Und wer den vollkommen perfekten Hund hat, der nicht bellt, der nicht Jagd, der gar keine Individualität hat. Der werfe das erste Leckerchen. Ich bin mir sicher, dass viele unperfekte Hunde diese perfekt schnappen würden…

Donnerstag, 4. August 2016

Vorsicht! Wenn sich der Hund streckt, ist er dominant…


Au Mann, mal wieder so etwas, wo ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll. Ich halte es ja seit geraumer Zeit so, dass ich den Verbreitern und Erfindern von Thesen, die der gesunde Menschenverstand und jegliche Plausibilitätsüberprüfung als Blödsinn entlarven, keine Plattform zu geben. Doch einige ihrer Thesen sind so abstrus, dass man sie durchaus der Lächerlichkeit preisgeben sollte. Um Hundehalter zum selbstständigen Nachdenken zu animieren.
So behauptet irgendwo einer der Experten mit gepachtetem und unantastbarem Wahrheitsmonopol, dass Hunde, die sich nach dem Aufstehen recken und strecken, dominant seien. Das Recken eine Dominanzgeste sei.
Himmelherrgott! Was für ein Blödsinn. Die fast schon besessene Suche nach Hinweisen, dass Hunde die Menschheit unterwerfen möchten, nimmt ja schon biblische Ausmaße an.
Der plausible Grund des Streckens
„Das Strecken und Dehnen der Glieder beendet zum einen den "Ruhemodus" der Muskeln, die nun nach einer Phase der Entspannung wieder besser durchblutet und unter Spannung gebracht werden. So gelangen sie in einen aktiven und einsatzfähigen Zustand. Zum anderen wirkt das Dehnen einer Verkürzung der Muskeln und der Gelenkkapseln entgegen.“ (Zitat Dr. Simon, Hamburger Abendblatt vom 15.8.11, Artikel „Warum streckt man nach dem Aufwachen die Glieder?“)
Zu viele „Gläubige“
Recken und Strecken bringt den Hund nach einer Ruhephase schlicht wieder in die körperliche Bereitschaft, sich zu bewegen – so die plausibelste und durchaus belegbare Begründung. Dass es irgendetwas mit vermeintlicher „Dominanz“ zu tun hat ist nicht nur wenig plausibel. Es ist Kontextbezogen auch nicht nachweisbar. Kurz: Unfug…
Das traurigste an dem Märchen dieses Hundeexperten ist für mich nicht mal der Hundeexperte an sich. Merkwürdige Menschen gibt es nun einmal.
Das traurigste ist, wie viele Menschen solchen „Experten“ unreflektiert glauben und am Ende ihren Hunden noch das Strecken und Dehnen verbieten. Als wenn Hunde nicht schon genug Blödsinn ertragen müssten…

Dienstag, 2. August 2016

Von Krauses, Tierschutzuschis, Dogdominas und Resterampenmachos



Irgendwie hört man ja immer wieder von zwei „Lagern“, wenn es um Hundeerziehung geht. Nun, ehrlich gesagt findet man tatsächlich höchst unterschiedliche Sichtweisen, wenn es um den Umgang mit Hunden geht. Allerdings von nur zwei Lagern zu sprechen ist mir persönlich zu pauschal.

Pauschales Lagerdenken

Aber davon mal abgesehen, ist dieses Lagerbeschwören, vor allem in Internetdiskussionen, manchmal recht merkwürdig. Wie gesagt, ich denke, dass von zwei Lagern zu sprechen viel zu einfach ist. Trotzdem gibt es natürlich Gemeinsamkeiten von Menschengruppen, die sich von anderen unterscheiden. Interessant ist immer wieder, dass Menschen, die Ihren Hund nicht mit gern unangenehmen Dingen konfrontieren möchten, auch mal als Wattebäusche, Gutmenschen oder Grünschleifen abgestempelt werden - selbst, wenn man die grüne Schleife noch als "Band der Sympathie" einer Bank im Gedächtnis hat. Und nicht weiß, was mit Grünschleifen gemeint ist. Wenn man als Hundetrainer unfreundliche Dinge gegenüber Hunden ablehnt, wird man auch gern als Krause gemobbt. Und wenn man sich um Tiere aus dem Tierschutz kümmert, schallt einem oft die „Tierschutzuschi“ um die Ohren. Pauschal…

Hardliner? Einfallslos!

Die so betitelten wehren sich dann oft mit ausschweifenden Diskussionen oder nennen diejenigen, die Wattebausch rufen, Tierquäler oder Hardliner. 
Wie einfallslos :-)

Hinter Tierschutzuschi oder Krause steckt ja wenigstens etwas Kreativität. Aber Hardliner? Langweilig…

Dabei liefern doch auch diejenigen, die andere verbal mit Krausezynismus niedermobben möchten, so herrliche Vorlagen für eigene Spitznamen. Zum Beispiel die Dogdominas. Dogdominas? Kennt ihr nicht? Doch kennt ihr.

Die stechenden Augen der Domina

Ab und zu begegnen mir weibliche Hundehalter, die mir, sofern sie mich nicht kennen, folgende Frage stellen: „Nach welcher Methode bilden sie denn Hunde aus?“

Wenn ich dann nur mit „fair“ antworte, verändert sich bei diesem speziellen Typ Hundehalterin direkt die Mimik. Man merkt förmlich, wie das Wort „fair“ einen Denkprozess bei der Dame auslöst, ihr Gehirn Gedanken an Wattebäusche und diese grünen Bankbänder vor ihr inneres Auge liefert. Ihre Stirn runzelt sich, die Augen rücken enger aneinander und werden schmaler – während sie ihren Nacken anhebt, das Kinn dabei senkt und mich etwas schief anschaut. Das Ganze gepaart mit einem Vortrag über irgendwelche Grenzen und Rudelführungen. Ohne, dass ich mehr gesagt hätte, als „fair“.

Kobras und Frauenfeindlichkeit

Der Blick einer Kobra, die kurz davor ist, sich ihre Beute zu schnappen. Gepaart mit der Rechtfertigung für unangenehme Dinge gegenüber Hunden. Wie der Blick einer Domina, kurz bevor sie die Peitsche schwingt (wenn sich jetzt jemand fragt, woher ich diesen Blick kenne. Ich kenne ihn nicht – ich stelle ihn mir so vor :-) ). Eine Dogdomina eben. Festgefahren in Dogmen und auf Schlüsselwörter ihr gesamtes Potenzial an Vorurteilen abrufend.

Und, damit mir keiner mit Frauenfeindlichkeit kommt. Natürlich gibt es die gleichen Typen auch unter Männern. Da würde ich diejenigen, die sofort eine grüne Wattebauschallergie bekommen, nur wenn jemand seinen Hund fair behandeln möchte, allerdings eher ins aussterbende Lager der Machos einreihen. Aber da Machos im gesellschaftlichen Kontext heute eher auf die Resterampe geworfen werden, haben sie wohl nur noch als vermeintliches Alphatier bei Hunden etwas zu melden – bevor sie im echten Leben den unterwürfigen Omegakollegen spielen.

Sonntag, 3. Juli 2016

Der Mensch, die Hundeerziehung und die einfachen Lösungen



Zitat „Psychologie Heute, Juli 2016, Seite 21:

-           - Sie neigen dazu, sich auf die erstbesten Informationen zu stürzen und ein schnelles Urteil zu fällen, selbst, wenn sie relativ wenig wissen.

-           - Wenn sie einmal zu einem Ergebnis oder Urteil gekommen sind, halten sie daran fest, selbst, wenn dies bedeutet, neue oder bessere Informationen zu ignorieren


Gemeint sind damit Menschen, die mit den vielfältigen Informationen und Unsicherheiten unserer Zeit überfordert sind und nach einfachen Lösungen suchen.

Einfacher Umgang mit dem Hund

Einfacher Umgang mit dem Hund. Dafür stehe ich. Eigentlich. Doch das sollte man nicht falsch verstehen. Ich sehe den Hund als hochkomplexes und nicht einfach gestricktes Lebewesen an. Wenn wir dieses hochkomplexe Lebewesen auch nicht  immer verstehen können, können wir sein Verhalten dennoch manchmal einfach akzeptieren. Uns im Zusammenleben so arrangieren, dass für alle Beteiligten das Beste dabei herauskommt. Dazu gehört wie gesagt auch, das Zusammenleben nicht unnötig zu verkomplizieren. Wenn niemand dabei Schaden nimmt.

Unter einfachem Umgang mit dem Hund verstehe ich aber nicht, bei Problemverhalten auf einfache Lösungen zu setzen. Man kann mit einfachen Lösungen Probleme auch verstärken oder weitere kreieren.

Einfache Lösungen

Aber die Sache mit den einfachen Lösungen ist so eine menschliche Eigenart. Das Leben ist mit undurchsichtigen, komplexen und widersprüchlichen Situationen und Sachverhalten gespickt. Habe ich morgen noch einen Job? Wie kann man die Terrorgefahr lösen? Bedroht uns die Umweltzerstörung? Macht uns Pflanzenschutzmittel krank? Wird die lokale Politik endlich eine Umgehungsstraße um unseren Ort finden oder uns vor vermeintlicher „Überfremdung“ schützen?

Viele Fragen beschäftigen uns. Und in dem Dschungel aus Fragen und Unsicherheiten suchen Menschen nach Antworten. Nach raschen Antworten, um die Unsicherheiten vermeintlich schnell zu überwinden. Doch diese tatsächlich einfachen Lösungen gibt es nicht. Die Suche nach der schnellen Überwindung aller Unsicherheiten überfordert viele Menschen heute daher.

Der Artikel in der „Psychologie Heute, Juli 2016, Seite 20 ff“ beschäftigt sich mit dem Thema. Das Zitat vom Anfang wird dort aufgeführt. Weiter wird dort erläutert, wie abträglich dieses Verhalten in vielen Situationen ist und dass dieses „erstbeste Informationen als Wahrheit ansehen und besessen daran festhalten“ negative Folgen haben kann. Es kann zu übereilten Entscheidungen führen, zu Fehlgewichtung von Informationen, man läuft Gefahr, manipuliert zu werden. Vorurteile haben einen guten Nährboden. Zudem sind diese überforderten und nach einfachen Lösungen und Wahrheiten suchenden Menschen empfänglich für autoritäre Ideologien. Sie folgen vermeintlichen Heilsbringern oft unreflektiert. In der Hundeszene findet man diese Heilsbringer an allen Ecken und Enden. Die mit den ultimativen Erziehungsmethoden, die Ernährungspäpstinnen und Päpste, die Beschäftigungsgurus…

Ursachen für Aggression nicht immer einfach

Auch bei der Informationsflut rund um den Hund sind viele Menschen inzwischen maßlos überfordert bei der Filterung eben dieser Informationen. Und auch hier wird nach schnellen, einfachen Wahrheiten und Lösungen gesucht. Was auch hier mit den Gefahren verbunden ist, manipuliert zu werden und empfänglich für autoritäre Ideologien zu werden. Zudem führen fehlgewichtete Informationen auch im Hundebereich zu übereilten Entscheidungen.

Als Beispiel kann man ein übersteigertes Aggressionsverhalten eines Hundes anführen. Wenn man ein solches Verhalten sachlich, in Ruhe und unter Einbeziehung vieler kontextbezogener Sachverhalte analysiert, ist die Problemanalyse ein hochkomplexes Thema.

Ich persönlich erstelle in meiner Praxis immer wieder Statistiken meiner Kundenfälle. Und daraus ergeben sich interessante Blickwinkel, vor allem zum Thema übersteigerte Aggression bei Hunden. 63% von aggressivem Verhalten sind demnach gesundheitsbedingt. Schmerzhafte muskuläre oder Gelenkerkrankungen, Entzündungen oder hormonelle Probleme wie z. B. eine Schilddrüsenunterfunktion sind häufige Ursachen. Und von den verbleibenden 37% der aggressiven Hunde, hatten wieder 85% eine unschöne Vergangenheit – in der sie überwiegend mit Strafen konfrontiert wurden.

Mangelnde Führung Grund für Aggression?

Wie man sieht, kann Aggression viele Ursachen haben. Hundeexperten, die das nicht berücksichtigen und immer das einfache Muster von mangelnder „Rudelführung“ etc. bemühen, machen sich das zuvor beschriebene zunutze. Die Unsicherheit vieler durch Informationsflut überforderter Menschen.

Aggressionsprobleme sollten aber mit viel Verstand, Wissen und Fingerspitzengefühl angegangen werden. Und nicht mit simplem Rangordnungsgerede…

Einfache Lösung für die einfachen Lösungen?

Mal abgesehen von Hundeproblemen und konkreter Problemlösungsorientierung. Wie können Menschen Unsicherheiten und Verwirrungen der heutigen Zeit überwinden, ohne Gefahr zu laufen, manipuliert zu werden und autoritären Ideologien nachzurennen?

Natürlich gibt es auch dafür keine einfache Lösung. Ein erster Schritt wäre es aber schon, manchmal das eigene Hirn zu benutzen, nicht nur vermeintlichen Wahrheiten hinterher zu hecheln. Über Konsequenzen des eigenen Handelns nachzudenken.  Zu lernen, Unsicherheiten mal auszuhalten. Die obsessive Suche nach den einfachen Lösungen macht das Leben nämlich am Ende  noch komplizierter, als es sein müsste. Wenn man einem aggressiven Hund z. B. mit eigener Aggression begegnet, werden die Probleme und die Gründe der Probleme nämlich nicht besser. Vielleicht unterdrückt, aber nicht besser.