Kindererziehung, Hundeerziehung? Meinungen, Motive und Lerntheorien...

Eine Mischung aus „Hundeszene“ und „Kindererziehung“ bewegt ja gerade die Gemüter. Ich möchte mich da eigentlich gar nicht an den Diskussionen beteiligen, vor allem, weil nur einer der beiden Bereiche in meinen Kompetenzbereich fällt 

 

Allerdings fällt mir bei der aktuellen Diskussion etwas auf, was ich eher im Hundereich ansiedeln möchte. Meine Gedanken dazu möchte ich einfach mal kurz niederschreiben. Auch, um meine eigenen Gedanken dazu zu ordnen.

 

Hetzer und sachliche Kritiker

 

Vorweg möchte ich klar erwähnen, dass die Fernsehsendung, die die Gemüter erregt, von einer sehr geschätzten Kollegin von mir präsentiert wurde. Die Kollegin ist da in meinen Augen sehr einfühlsam mit den Kindern und deren Familien umgegangen und hat dort versucht, mit einem so genannten Markertraining, bekannt aus der behavioristischen Lerntheorie und dem Tiertraining, Kinder emotional zu erreichen und die Lebensqualität der Kinder und der Eltern zu verbessern. Der Transfer aus dem Hundetraining ist sicher diskussionswürdig, wenn diese Diskussion sachlich geführt wird und nicht schon im Vorfeld nur von Emotionen geleitet wird. Wie gesagt, Kindererziehung ist nicht meine Kernkompetenz und ich möchte mich aus der Diskussion heraushalten.

 

Was mich aber sehr nachdenklich macht ist die verbissene Diskussion, die nach der Sendung entstanden ist. Die Kollegin wird aufs übelste beschimpft, sachliche Argumentationen sind zwar vorhanden, gehen aber in der emotionalen Empörungswut unter. Das ist schlimm und ein Charakterzug unserer Gesellschaft, der mich wirklich langsam ängstigt… Aber auch dies soziologisch zu beurteilen ist nicht meine Kernkompetenz. Aber mein moralischer Kompass lässt mich den Umgang mit der Kollegin von diesen Hetzern und unsachlichen Schwätzern verurteilen und energisch kritisieren.

 

Differenzierung?

 

Aber leider sehe ich auch, dass einigen Hundetrainer*innen, die ebenfalls in der Philosophie meiner Kollegin arbeiten und ihr den Rücken stärken möchten, die notwendige Differenzierung für einen konstruktiven Diskurs fehlt. Einige Kolleg*innen, die mir eigentlich in Fragen des Hundetrainings sehr nahe stehen, werden in diesem Diskurs leider auch zu persönlich gegenüber denen, die vielleicht auch konstruktive Kritik an dem TV-Format äußern. Es scheint da nur gut oder böse, schwarz oder weiß und eine Lagerbildung zu geben. Es wird mir von Seiten der Hundetrainer*innen viel zu oft gesagt, dass die Kritiker keine Ahnung haben, das Prinzip nicht verstanden haben usw. Mir wird da immer flau im Magen, wenn man anderen die Kompetenzen abspricht. Vielleicht sollte man sich da eher mal mit deren Motivationen beschäftigen. Um nicht falsch verstanden zu werden. Ich meine nicht, dass man sich mit Hetzern zu stark auseinandersetzen sollte. Wichtiger sind mir die sachlichen Kritiker und eine Auseinandersetzung mit diesen in einem differenzierten Diskurs.

 

Teufelswerk Konditionierung

 

Was mir ganz stark auffällt ist in dem Zusammenhang zum Beispiel die Sache mit der Konditionierung. Für viele im „positiven“ Hundetraining ist sie praktisch der Schlüssel zu allem Guten dieser Welt. 

 

Für andere hingegen ist Konditionierung ein Werk des Teufels an sich, wer das Wort in den Mund nimmt, wird vom Leibhaftigen selbst verflucht und will die Menschheit unterdrücken und dressieren.

 

Kann es bei den Vorzeichen überhaupt möglich sein, einen vernünftigen Diskurs zu führen? Und kann es vielleicht sein, dass diese beiden „Lager“ eine völlig andere Assoziation beim Klang dieses Wortes haben? Eine grundlegend andere Definition für den Begriff?

 

Lerntheorien nur Erklärungsversuche

 

Genau das ist der Knackpunkt. Zwar ist die Definition nicht grundlegend anders. Dennoch sind in der Definition Unterschiede zu finden, die für die jeweiligen Betrachter entscheidend für ihre Meinungsbildung sein können. Das liegt in erster Linie daran, dass es verschiedene (!) Lerntheorien gibt von denen jede für sich genommen einen anderen Erklärungsversuch des Lernens liefert. Im wissenschaftlichen Kontext gibt es da drei vorherrschende Lerntheorien, die inzwischen als anerkannt gelten. Und als wissenschaftlichen Konsens der verschiedenen Theorien sieht man es heute so, dass alle drei Theorien ihre Berechtigung haben und Lernen vermutlich eine Mischung aus allen diesen Theorien ist. Die wichtigsten beiden Theorien davon sind der so genannte Behaviorismus und der Kognitivismus. Die Konditionierung wird im Behaviorismus beschrieben und dort wird sie als Grundlage allen Lernens gesehen. Der Kognitivismus erkennt die Konditionierung auch an, hält jedoch das kognitive Lernen für insgesamt wichtiger als die Konditionierung. Das jetzt im Detail zu erklären würde an dieser Stelle recht lang werden. Ich möchte daher hier nur verdeutlichen, dass es zum Begriff „Konditionieren“ wissenschaftliche Diskurse gibt die sachlich betrachtet alle ihre Berechtigung haben.

 

DIE Lerntheorie?

 

Darum stößt es mir in der aktuellen, zu Anfang beschriebenen Diskussion etwas übel auf, wenn (wieder mal) von DER Lerntheorie gesprochen wird, wenn ein Diskurs über die Bedeutung der Konditionierung innerhalb verschiedener, wissenschaftlich anerkannter Lerntheorien, im Hundetrainerbereich nicht wirklich zugelassen wird.

 

Auch ich bin ein Verfechter der positiven Verstärkung (Behaviorismus) innerhalb der Hundeerziehung, weil ich überzeugt bin, dass sie einen fairen und freundlichen Umgang mit dem Hund ermöglicht. Mir ist es aber auch sehr wichtig, dem Hund kognitive Lernvorgänge zuzugestehen, die für die Gesamtentwicklung eines Säugetiers sehr wichtig sind.

 

Blick aus der Komfortzone

 

Ich würde mir also in der „positiven Hundeerziehungswelt“ wünschen, dass der Ansatz des kognitiven Lernens endlich auch einmal ernsthafte Beachtung finden würde. Ein differenzierter Umgang mit wissenschaftlichen Theorien würde in der Hundewelt sicher viele gute Gedankenansätze liefern.

 

Genauso wie in der Diskussion um die anfangs genannte Sendung. Ich würde mich wohler fühlen, wenn einige meiner Hundetrainer Kolleg*innen mal den Mut hätten, die Komfortzone der eigenen, lerntheoretischen Blase zu verlassen. Das würde verbissene und emotionale Diskussionen sicher entschärfen können 

Meistgelesen

Klartextquickie – Hunde bitte niemals auf den Boden drücken

Ein offenes Wort an den Kollegen Rütter…

Das Rudel und die Rudelführer

Wasserpistole im Hundetraining?

Wenn der unfaire Hundetrainer einer rektalen Öffnung ähnelt