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Körpersprache ist kein Wörterbuch

Körpersprache ist kein Wörterbuch Warum vereinfachte Social-Media-Analysen von Hunden in die Irre führen – und gefährlich werden können Wer heute durch soziale Medien scrollt, stößt unweigerlich auf kurze Videos von Hunden, versehen mit scheinbar eindeutigen Deutungen: Die hochgetragene Rute wird zur „Dominanz“, das Lecken der Lefzen zur „Freundlichkeit“, ein Gähnen zur „Entspannung“. Die Botschaft ist immer dieselbe: Hundekommunikation sei einfach. Man müsse nur die richtigen Zeichen kennen, dann lasse sich jeder Hund zuverlässig lesen. Diese Vorstellung ist verführerisch. Sie gibt Sicherheit, reduziert Komplexität und passt perfekt in das Format von fünfzehn Sekunden Aufmerksamkeit. Fachlich jedoch ist sie kaum haltbar. Denn Körpersprache funktioniert nicht wie ein Wörterbuch. Sie besteht nicht aus einzelnen Vokabeln mit fester Bedeutung, sondern aus Bewegungsmustern, Spannungszuständen, Übergängen und Beziehungen. Ein Hund „spricht“ nicht in isolierten Zeichen, sondern in ganzen Sät...

Wenn Berichterstattung Hunde gefährlich macht

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Warum gut gemeinte Schlagzeilen reale Schäden verursachen Es gibt in der deutschen Medienlandschaft ein vertrautes Muster. Nach einem schweren Beißvorfall erscheinen Artikel, die sich in Tonfall und Aufbau erstaunlich ähneln. Sie beginnen mit dem Ereignis, nennen Ort und beteiligte Personen, heben häufig früh die Rasse des Hundes hervor und enden mit der Versicherung, dass das Geschehen nicht vorhersehbar gewesen sei. Zwischen diesen Zeilen entsteht ein Bild, das beruhigen soll – und gleichzeitig verunsichert. Ein Wort taucht dabei immer wieder auf: plötzlich. Der Hund sei plötzlich aggressiv geworden. Plötzlich habe er zugeschnappt. Plötzlich habe sich sein Verhalten verändert. Diese Formulierungen finden sich regelmäßig in Berichten bei t-online , in Regionalzeitungen und auch in Artikeln großer Leitmedien wie Der Spiegel . Sie klingen harmlos, sind aber inhaltlich folgenreich. Denn sie verschleiern, was aus verhaltensbiologischer Sicht nahezu immer zutrifft: Aggression ist kei...

Weihnachten und die leise Kraft der Geduld

Eine Weihnachtsgeschichte über einen Hund, der Vertrauen wieder lernen durfte Es war ein kalter Dezembertag, kurz vor Weihnachten. Die Welt wirkte gedämpft, als hätte der Winter einen Schleier über alles gelegt. In der Luft lag bereits dieser besondere Geruch nach Frost und Erwartung, nach stiller Zeit. An genau so einem Tag begegnete mir Bart zum ersten Mal. Bart war ein Weimaraner – ein Hund, dessen Erscheinung Kraft, Eleganz und Wachsamkeit ausstrahlte. Silbergraues Fell, ein athletischer Körper, ein Blick, der eigentlich neugierig sein sollte. Doch was man sah, war vor allem Anspannung. Seine Augen suchten pausenlos die Umgebung ab, sein Körper war jederzeit bereit, zu reagieren. Nicht aus Stärke, sondern aus Angst. Weimaraner sind Jagdgebrauchshunde, gezüchtet für enge Zusammenarbeit mit dem Menschen. Sie sind sensibel, hoch aufmerksam, emotional stark gebunden und schnell in der Verarbeitung von Reizen. Diese Eigenschaften machen sie zu Hunden, die besonders verletzlich sind, wen...

Hör auf mit Rangordnung – fang an zu verstehen

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Seit Jahrzehnten hält sich im Hundetraining ein Mythos hartnäckig: Hunde würden versuchen,  die Führung zu übernehmen ,  dominant  zu werden oder sogar  den Menschen zu kontrollieren . Dieses Bild stammt aus einer Zeit, in der man das Verhalten von Hunden fast ausschließlich durch den Blick auf Wölfe erklären wollte – genauer gesagt: auf  gefangene, nicht miteinander verwandte Wölfe , die unter extrem unnatürlichen Bedingungen lebten. Heute wissen wir:  Dieses Dominanz- und Rangordnungskonzept ist wissenschaftlich widerlegt. 1. Hunde wollen keine Führungsposition gegenüber Menschen einnehmen Hunde sind keine strategisch denkenden Machtpolitiker. Sie planen nicht, ein Rudel zu übernehmen, Regeln aufzustellen oder Menschen zu dominieren. Was bestimmt das Verhalten von Hunden stattdessen? Selbstschutz : Hunde vermeiden Bedrohungen, Unsicherheit und Konflikte. Überleben und Komfort : Sie sichern Zugang zu Ressourcen (Nahrung, Sicherheit, Zugehörigkeit), aber ni...
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Polymorphismus im Dopamin-Transporter-Gen (SLC6A3) in der Hundezucht - das andere Leiden der Hunde... Menschen mögen Sport. Und sie haben sich für Sport diverse Sportgeräte kreiert. Wenn ein empfindungsfähiges Lebewesen wie ein Hund allerdings durch Zucht zum „Sportgerät“ degradiert wird, sollte man sich die Frage stellen, was das für den Hund, das empfindungsfähige Individuum, bedeutet. Die Zuchtpraktiken bei speziellen Hunderassen für spezielle Sportarten haben zu genetischen Veränderungen geführt, die das Verhalten und die Stressanfälligkeit dieser Hunde beeinflussen. Insbesondere wurde ein Polymorphismus im Dopamin-Transporter-Gen (SLC6A3) identifiziert, der mit Verhaltensauffälligkeiten wie unvorhersehbarer Aggression, Hyperaktivität und epileptischen Anfällen in Verbindung gebracht wird. Hunde mit diesem Polymorphismus zeigen erhöhte Aktivität sowohl in neuen als auch in vertrauten Umgebungen, was auf eine genetisch bedingte Herabsetzung der Reizschwelle hindeutet. Diese genetisc...