Samstag, 7. Juni 2014

Hunde, Peinlichkeiten, vermenschlichen

Im „Zeit-Wissen Magazin Nr. 3 / 2014“ ist ein interessanter Artikel zu finden. Es geht darum, ob Tieren etwas peinlich sein kann. Ich finde den Artikel in der Hinsicht interessant, weil man ja immer wieder hört, viele Menschen würden Hunde zu stark vermenschlichen. Und in typisch deutscher Schwarzmalerei wird dieses „Vermenschlichen“ gern als der Untergang der westlichen Hemisphäre herangezogen, wenn es um Probleme zwischen Menschen und Hunden geht. Aber diese Schwarzmalerei ist ein anderes Thema – dieses immer mit dem Schlimmsten jonglieren, um gewisse Meinungen durchzudrücken.
Sich seiner selbst bewusst?
Aber zurück zum Zeit-Artikel. Anschaulich wird dort erklärt, dass von vielen heute immer noch davon ausgegangen wird, dass die meisten Tiere kein Bewusstsein für das eigene „Ich“ haben, was ja die Voraussetzung dafür wäre, Peinlichkeiten zu empfinden – man müsst ja praktisch von außen auf sich selbst schauen und sein eigenes Verhalten bewerten. Einigen Tieren wie Schimpansen spricht man diese Fähigkeit zu, weil sie sich in einem Spiegel erkennen. Hunde erkennen sich nicht in einem Spiegel – aber ist das ein Beweis dafür, dass sie sich ihrer selbst nicht bewusst sind? Nun, ich halte es für äußerst fragwürdig, die Selbstwahrnehmung eines Lebewesens an einem speziellen Test festzumachen. Für mich persönlich steht außer Frage, dass Hunde ein Gefühl für sich selbst haben. 
Markieren Hunde ihren eigenen Urin?
Ein starkes Indiz dafür liefert eigentlich jeder Hund, jeden Tag. Gehen sie einmal einen Weg in die gleiche Richtung zurück, aus der Sie gekommen sind. Markiert ihr Hund dann über seine eigenen Markierungen, die er vor kurzer Zeit abgesetzt hat? Selten? Na klar, er weiß ja, dass die Markierung von ihm ist und er sie erst kürzlich gesetzt hat. Über jede Markierung eines fremden Hundes, die sehr frisch ist, würden doch sehr viele Hunde „drübermarkieren“. Das Erkennen der eigenen Markierung kann doch nur erfolgen, wenn sich der Hund seiner selbst bewusst ist. Wenn er das nicht wäre, würde er Hundeurin riechen und einfach drübermachen…
Diesen Spiegeltest als Beweis für ein „Ich-Bewusstsein“ halte ich insgesamt für fragwürdig. Ein Hund braucht zum Erkennen immer mehr Informationen als nur ein zweidimensionales Bild. Um daraus alle Informationen zum Erkennen eines Individuums ableiten zu können, sind seine Augen zu unscharf. Zudem ist er als Nasentier stark auf den Geruch als Infoquelle angewiesen, mit wem er es zu tun hat. Darum kann ein Hund ein Spiegelbild vermutlich nicht einmal als Hund erkennen, geschweige denn, als sich selbst.
Schmerz empfinden ja, Peinlichkeiten nein?
Wie gesagt, ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Hunde sich ihrer selbst bewusst sind. Aber da sich die Wissenschaft früher darin einig war, dass Tiere kein Gefühl für sich selbst hätten, gestehen wir ihnen komplexe Empfindungen wie „etwas peinlich sein“ nicht zu. Klar, wir gestehen ihnen zu, dass sie Schmerz empfinden und auch Freude. Peinlichkeit, so wird in dem Artikel erläutert, scheint aber mehr zu sein als ein schneller Gedanke: „Jetzt haben andere gesehen, dass ICH was Blödes gemacht habe“. Das wäre nicht nur ICH-Bewusstsein, sondern zusätzlich würde es sich um ein Hineinversetzen in den Blickwinkel anderer handeln. Soweit der Zeit-Artikel bis zu der Stelle.
Vermenschlichen
Genau diese Sichtweise der Menschen auf Tiere führt oft dazu, dass man von „vermenschlichen“ spricht, wenn man Tieren, und in unserem Fall Hunden, komplexe und abstrakte Emotionsleistungen zuspricht.
(c) Fotolia
Von Peinlichkeiten, Trauer oder schlechtem Gewissen im Zusammenhang mit Hunden zu sprechen, wird oft mit dem Vorwurf des Vermenschlichens begegnet.
Peinlichkeit empfinden ein evolutionärer Vorteil…
Doch der gut recherchierte Zeit-Wissen-Artikel fährt mit einer interessanten Theorie fort. Dort wird dann der bekannte und anerkannte amerikanische Evolutionsbiologe Marc Bekoff mit folgenden Worten zitiert: „Ich halte es für wahrscheinlich, dass zumindest soziale Tiere so etwas wie Peinlichkeit kennen“. Er argumentiert damit, dass z. B. ein Löwe, der unbedacht gegen einen Baum rennt, den Gruppenmitgliedern signalisiert, dass es ihm peinlich ist und es sich um ein Missgeschick handelt. Um von den anderen Gruppenmitgliedern nicht für verrückt oder schwach gehalten zu werden. Was unter Löwen schwerwiegende Folgen haben könnte.
Peinlichkeit als evolutionäre Notwendigkeit sozial lebender Tiere? Eine Theorie, klar. Aber ich stimme mit der Autorin des zitierten Artikels überein: Es ist eine plausible Theorie, die Marc Bekoff aufstellt. Normverstöße, Peinlichkeiten haben ggf. negative Konsequenzen für mich. Darum ist das Individuum bei sozialen Lebewesen im evolutionären Vorteil, das so etwas erkennt und auch zu vermeiden versucht. 
Starre Denkmuster der Hundeszene
Der Artikel hat mich zum Nachdenken angeregt. Nicht darüber, welche Emotionen Hunde haben oder ob sie ein ICH-Bewusstsein haben. Natürlich haben sie das, da bin ich mir sicher – nicht nur aus dem Grund, dass Hunde ihre eigenen Markierungen nicht markieren.
Nachdenken musste ich darüber, wie leicht mit dem Wort „vermenschlichen“ heute oft um sich geworfen wird, in sehr engen Denkmustern. Ein anderer Blickwinkel, mal an die Logik der Evolution gedacht, den Mut haben, abstrakt zu denken. Das würde ich mir von der eingefahrenen Szene der Menschen rund um Hunde wünschen…

Hund, Leine, Fahrrad und Geschwindigkeit. Gute Beschäftigung oder dumme Idee?

Da war sie wieder. Diese Szene die ich schon „ich weiß nicht wie oft“ gesehen habe. Und über die ich mich jedes Mal nicht nur ärgere. Nein, ...