Körpersprache ist kein Wörterbuch

Körpersprache ist kein Wörterbuch

Warum vereinfachte Social-Media-Analysen von Hunden in die Irre führen – und gefährlich werden können

Wer heute durch soziale Medien scrollt, stößt unweigerlich auf kurze Videos von Hunden, versehen mit scheinbar eindeutigen Deutungen: Die hochgetragene Rute wird zur „Dominanz“, das Lecken der Lefzen zur „Freundlichkeit“, ein Gähnen zur „Entspannung“. Die Botschaft ist immer dieselbe: Hundekommunikation sei einfach. Man müsse nur die richtigen Zeichen kennen, dann lasse sich jeder Hund zuverlässig lesen.

Diese Vorstellung ist verführerisch. Sie gibt Sicherheit, reduziert Komplexität und passt perfekt in das Format von fünfzehn Sekunden Aufmerksamkeit. Fachlich jedoch ist sie kaum haltbar.

Denn Körpersprache funktioniert nicht wie ein Wörterbuch. Sie besteht nicht aus einzelnen Vokabeln mit fester Bedeutung, sondern aus Bewegungsmustern, Spannungszuständen, Übergängen und Beziehungen. Ein Hund „spricht“ nicht in isolierten Zeichen, sondern in ganzen Sätzen – und diese Sätze erschließen sich nur aus dem Zusammenhang.

Nimmt man erneut das vielzitierte Lefzenlecken: In der Verhaltensforschung wird dieses Signal seit Jahrzehnten als mögliches Stress- oder Beschwichtigungssignal beschrieben, gleichzeitig tritt es aber auch in Erwartungssituationen auf, bei Schmerzen, bei Unsicherheit, in sozialen Konflikten oder schlicht bei trockenen Schleimhäuten. Turid Rugaas, die den Begriff der „Calming Signals“ geprägt hat, weist selbst darauf hin, dass kein einzelnes Signal für sich genommen zuverlässig interpretierbar ist, sondern immer im Zusammenspiel mit Körperhaltung, Muskeltonus, Bewegungsrichtung, Blickverhalten und Situation gesehen werden muss (Rugaas, 1997).

Was in sozialen Medien jedoch geschieht, ist das Gegenteil: Ein komplexes Kommunikationssystem wird auf Etiketten reduziert. Aus Verhalten wird Charakter, aus Reaktion wird Absicht, aus Biologie wird Moral.

Besonders problematisch ist, dass diese Videos fast immer einen extrem verkürzten Ausschnitt zeigen. Zehn Sekunden eines Hundes, herausgelöst aus einer Interaktion, ohne Vorgeschichte, ohne Kontext, ohne Information über seine Lernerfahrung, seine Sozialisation oder seinen Gesundheitszustand. Doch genau dort liegt der Schlüssel zum Verständnis. Ein Hund, der heute den Kopf abwendet, kann gestern gelernt haben, dass Fixieren bestraft wird. Ein Hund, der regungslos wirkt, kann innerlich hochgradig gestresst sein. Ein Hund, der steif wirkt, kann Schmerzen haben.

Die Forschung zu Stress- und Aggressionsverhalten zeigt seit Langem, dass körperliche Beschwerden das Ausdrucksverhalten massiv verändern können. Studien von Mills, Landsberg und anderen belegen, dass chronische Schmerzen die Reizschwelle senken und Warnsignale verkürzen oder verändern können (Mills et al., 2020). Der Hund wirkt dann „unberechenbar“, ist in Wahrheit aber körperlich überfordert.

Gleichzeitig wissen wir aus der Lernpsychologie, dass Hunde ihr Ausdrucksverhalten anpassen. Knurren, Zähnezeigen oder Ausweichen werden häufig bewusst oder unbewusst durch Menschen sanktioniert. Der Hund lernt: Kommunikation lohnt sich nicht. Die Eskalationsstufen verkürzen sich. Das Risiko steigt. Auch das ist gut dokumentiert (Overall, 2013).

Und dennoch vermitteln viele Social-Media-Analysen genau das Gegenteil: dass ein ruhiger Hund ein entspannter Hund sei. Dass ein Hund ohne Drohsignale ein „braver“ Hund sei. Dass man anhand einzelner Gesten innere Zustände sicher erkennen könne.

Diese Scheinsicherheit ist vielleicht der gefährlichste Aspekt. Sie erzeugt Kompetenzgefühle ohne Kompetenzgrundlage. Menschen glauben, Hunde „lesen“ zu können – und übersehen gerade jene feinen, leisen Anzeichen, die auf Überforderung, Angst oder Schmerz hindeuten: minimale Muskelanspannung, veränderter Atemrhythmus, reduzierte Bewegungsamplitude, eingefrorene Mimik. Phänomene, die in der Stressforschung als „Freeze“ oder „Shutdown“ beschrieben werden (Moberg & Mench, 2000).

Noch problematischer wird es, wenn Körpersprache moralisch aufgeladen wird. Wenn aus einer angespannten Haltung „Respektlosigkeit“ wird, aus Meideverhalten „Manipulation“, aus Unsicherheit „Dominanz“. Solche Begriffe stammen nicht aus der Ethologie, sondern aus menschlichen Macht- und Beziehungsvorstellungen. In der modernen Verhaltensbiologie gelten sie als unbrauchbar, weil sie innere Motive unterstellen, die weder messbar noch notwendig sind, um Verhalten zu erklären (Bradshaw, 2011).

Für den Hund jedoch haben diese Zuschreibungen reale Folgen. Wer glaubt, sein Hund wolle „die Kontrolle übernehmen“, greift eher zu Zwang. Wer Angst als Trotz interpretiert, erhöht den Druck. Wer Stress als Ungehorsam deutet, übersieht Hilferufe.

So entsteht ein Kreislauf: Kommunikation wird unterdrückt, Spannung steigt, Eskalation wird wahrscheinlicher – und am Ende heißt es, der Hund habe „ohne Vorwarnung“ gebissen.

Dabei hat er meist sehr wohl gewarnt. Nur nicht in der vereinfachten Sprache, die Social Media verspricht.

Seriöse Verhaltensanalyse ist langsam. Sie ist unspektakulär. Sie stellt Fragen, statt Antworten zu verkaufen. Sie betrachtet den Hund als Individuum mit Geschichte, Nervensystem, Körper und Beziehungserfahrungen. Sie akzeptiert, dass Unsicherheit Teil der Arbeit ist.

Soziale Medien hingegen leben von Klarheit, Zuspitzung und schnellen Urteilen. Von Eindeutigkeit in einer Welt, die biologisch nie eindeutig ist.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Konflikt: Hunde kommunizieren komplex. Plattformen belohnen Vereinfachung.

Wer Hunde wirklich verstehen will, muss bereit sein, diese Spannung auszuhalten.

Körpersprache ist kein Wörterbuch. Sie ist eine Geschichte. Und jede Geschichte beginnt lange vor dem Moment, den die Kamera zeigt.


Quellen & weiterführende Literatur

Fachbücher / Grundlagen

  • Rugaas, T. (1997): On Talking Terms with Dogs: Calming Signals.

  • Overall, K. (2013): Manual of Clinical Behavioral Medicine for Dogs and Cats. Elsevier.

  • Bradshaw, J. (2011): Dog Sense – How the New Science of Dog Behavior Can Make You a Better Friend to Your Pet.

  • Miklósi, Á. (2007): Dog Behaviour, Evolution, and Cognition. Oxford University Press.

Wissenschaftliche Arbeiten

  • Mills, D. S. et al. (2020): Pain and problem behavior in dogs – A clinical perspective. Journal of Veterinary Behavior.

  • Moberg, G. P., & Mench, J. A. (2000): The Biology of Animal Stress. CABI Publishing.

  • Shepherd, K. (2009): Development of behavior, social behavior and communication in dogs. Journal of Veterinary Behavior.

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