Mittwoch, 13. April 2011

Stachelhalsband und Co. – Auswirkungen auf das Hundeverhalten und rechtliche Konsequenzen

Die Erziehung eines Hundes über Schmerz und Gewalt kann gravierende Auswirkungen auf das Verhalten und die Lebensqualität des Hundes haben, sowie rechtliche Konsequenzen für den Hundehalter bzw. Hundeausbilder, nach sich ziehen. Diese Konsequenzen möchte ich hier, in kompakter Form, aufzeigen. Unter Punkt 1 die möglichen Auswirkungen auf das Verhalten und die Psyche des Hundes. Punkt 2 wird Ihnen eine Auswahl an Hilfsmitteln und Methoden darstellen, die Schmerz und Leid für Hunde bedeuten und somit in Deutschland verboten sind. Im 3. Punkt werden die rechtlichen Aspekte erläutert.

Punkt 1 – Auswirkungen auf das Hundeverhalten
Schmerz wird im Säugetiergehirn in einem Gehirnbereich verarbeitet, der Amygdala genannt wird. Dieser Teil des Gehirns steuert ebenfalls die Aggression. Schmerz und Aggression liegen also nah beieinander und bedingen sich gegenseitig. Das hat den evolutionären Grund, dass sich Säugetiere, die Schmerzen empfinden, die ggf. durch den Angriff eines anderen Lebewesens hervorgerufen werden, verteidigen können. Und dies mit der notwendigen Aggressivität. Fügt man einem Hund also Schmerzen zu, wird dieser Reiz sämtliche Schutzmechanismen des Individuums aktivieren  - auch die Bereitschaft zu aggressivem Verhalten, zur Selbsterhaltung. Dem Reiz „Schmerz“ folgt also die Motivation (der Trieb) zur Selbsterhaltung. Unterdrückt ein Mensch jetzt durch noch mehr Schmerz und Unterdrückung diesen Trieb, kann dies zu einer Frustration führen, weil der Trieb auf den Reiz nicht ausgelebt werden kann. Aufgestaute Frustrationen können dann zu Aggressionen führen – die sich auch plötzlich entladen. „Der hat aus heiterem Himmel zugebissen“, sind die Worte, die man immer wieder hört. Forscht man dann etwas weiter, erfährt man häufig, dass solche „plötzlichen Beißer“ mit Stachelhalsbändern und ähnlichem geführt wurden…
Diese aufgestaute Frustration hat übrigens nichts mit einem „Triebstau“ zu tun – den gibt es nämlich nicht. Um einen Trieb/eine Motivation zu „aktivieren“ bedarf es immer eines auslösenden Reizes. Erst wenn der Trieb ausgelöst wurde, kann Frustration aufkommen, wenn er dann unterdrückt wird. Wird ein Trieb erst gar nicht durch einen Reiz ausgelöst, kann er sich auch nicht aufstauen.
Durch die Anwendung von Schmerzverursachenden Hilfsmitteln in der Hundeerziehung erreicht man daher vielleicht „Erfolge“, dass der Hund unterdrückt wird und aus Angst vor negativen Konsequenzen „funktioniert“. Aufgestaute Frustration, die Verarbeitung von Schmerz und die Bildung von Aggression in direktem Zusammenhang im gleichen Gehirnareal, können einen Hund allerdings zu einer Zeitbombe machen, die unkontrolliert mit starker Aggression explodiert.
Jemand, der seinen Hund also mit schmerzverursachenden Hilfsmitteln oder Methoden ausbildet, handelt nicht nur moralisch, dem Lebewesen Hund gegenüber, sehr fragwürdig. Es besteht durch diese Art der Hundeerziehung auch eine reale Gefahr für das Wohl der Mitmenschen.

Punkt 2 – Schmerzverursachende Hilfsmittel...
…sind das Stachelhalsband, das Elektroreizgerät („Teletakt“), Würgehalsbänder, aber auch Erfindungen der neueren Zeit wie so genannte „Erziehungsgeschirre“, die mit dünnen Riemen unter den Achseln der Hunde Arterien und Nerven einklemmen, oder „Gentle Leader“, Kopfhalfter, die mit starkem Druck auf den Hinterkopf und die Schnauze geradezu Foltermittel sind. Man kann sich merken, dass jedes Hilfsmittel, welches eine mechanische Funktion hat, nur über Schmerz funktioniert.
Keine speziellen Hilfsmittel, aber doch schmerzverursachende Methoden in der Hundeerzeihung sind z. B. der Leinenruck (von einigen „Hundetrainern“ heute auch harmloser Leinenimpuls oder Leinenkorrektur genannt) und natürlich jede Form von Schlägen etc.

Punkt 3 – Rechtliche Auswirkungen
Nach den Vorgaben des Tierschutzgesetzes (TierSchG) ist der Einsatz von mit Schmerzen verbundenen Erziehungsmethoden oder -mitteln untersagt. So ist es gemäß § 3 Nr. 5 TierSchG verboten, ein Tier auszubilden oder zu trainieren, sofern damit erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind. Ferner ist es nach § 3 Nr. 11 TierSchG verboten, ein Gerät zu verwenden, das durch direkte Stromeinwirkung das artgemäße Verhalten eines Tieres, insbesondere seine Bewegung, erheblich einschränkt oder es zur Bewegung zwingt und dem Tier dadurch nicht unerhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügt, soweit dies nicht nach bundes- oder landesrechtlichen Vorschriften zulässig ist. 
                     
Danach ist die Verwendung von Stachel- und Würgehalsbändern als Disziplinierungsmittel ebenso unzulässig (vgl. Kluge-Ort/Reckewell, Tierschutzgesetz, § 3 Rn 51) wie der Einsatz von Elektroreizgeräten, wobei es bei letzteren nichtmals auf die konkrete Verwendung eines solchen Geräts im Einzelfall, sondern nur darauf ankommt, ob es von seiner Bauart und Funktionsweise her (abstrakt) geeignet ist, dem Tier nicht unerhebliche Schmerzen zuzufügen (BVerwG, NJW 2006, 2134). Sogar die Verwendung von Attrappen dieser Elektroreizgeräte ist verboten, falls bei dem Tier zuvor ein echtes Gerät eingesetzt wurde (Lortz/Metzger, Tierschutzgesetz,    § 3 Rn 41 mwN). Wirksame bundes- oder landesrechtliche Ausnahmen von diesen zwingenden gesetzlichen Vorgaben gibt es nicht, so dass jedwede Hundeausbildung verboten ist, die zu erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden beim Tier führt.

Verstöße gegen die vorgenannten Vorschriften können gem. § 18 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 4 TierSchG mit Geldbußen bis zu 25.000,00 EUR geahndet werden. Darüber hinaus können die für den Vollzug des TierSchG zuständigen Veterinärämter die Anwendung unzulässiger Ausbildungsmethoden gem. § 16a TierSchG untersagen und auch noch weitergehende Anordnungen treffen, sofern gegen eine entsprechende Verfügung verstoßen wird. 

Wenn Sie jemanden beobachten, der diese verbotenen Hilfsmittel und Erziehungsmethoden einsetzt, sollten Sie sich nicht scheuen, diese Fälle zur Anzeige zu bringen. Anzeigen müssen bei den zuständigen Veterinärämtern erstattet werden. Die Veterinärämter sind verpflichtet, diesen Anzeigen ordnungsgemäß nachzugehen.

Quelle: Berufsverband der Hundepsychologen, Gelbe Karte ©2011

Hinweis in eigener Sache:
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Kommentare:

  1. Hallo,

    solche Artikel brauchen wir...Du hast das sehr schön ausgeführt.

    Ich fertige Halsbänder und Co. für Hunde, weil mir wichtig ist, daß ein Halsband oder ein Geschirr für den Hund angenehm zu tragen ist und ihn nicht in seiner Bewegung einschränkt.

    Als ich das letztens auf dem Flohmarkt einer Kundin erklärte, ging gerade ein Goldie mit "Korallenhalsband" vorbei...grausam...!

    Liebe Grüße

    BETTY
    www.betty-dogsfashion.de

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  2. zu diesem Thema ist auch das interessant:
    http://knol.google.com/k/halsband-oder-geschirr

    ich lehne schon jahrelang nicht nur schmerzverursachende Hilfsmittel wie oben beschrieben, sondern auch jegliche Art von Halsbändern ab.

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  3. ... und dann, wenn gar nichts mehr funktioniert ....quälendes Dressurmittel weg - Hund auch ..... dann erst kommt für manche Hundehalter der Weg zurück zur "sanften Tour" wie z.B. Klicker ---- wenn's nicht schon zu spät ist.
    Das haben sich unsere besten und treuesten Freunde wirklich nicht verdient ....

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  4. Kerstin von "Hunde unterwegs"11. Juli 2011 um 08:20

    Zu spät den Weg der gewaltfreien Erziehung einzuschlagen ist es nie!!!!!

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  5. Zwei Ergänzungen, wenn ich darf:

    1. Die Amygdala ist ein entwicklungsgeschichtlich sehr altes Hirnareal, das reflektorisch arbeitet. Jedwede Verbindung zu jüngeren Hirnarealen wird umgangen, so dass die Reaktion komplett unkontrollierbar und unmittelbar erfolgen kann, was dem unmittelbaren Überleben dient. Eine verstandesmäßige Kontrolle der Funktion der Amygdala ist keinem Lebewesen möglich, auch nicht einem Menschen! Ich finde, dieser Aspekt ist für Laien auf diesem Gebiet im Text nicht deutlich genug heraus gekommen.

    2. Die Anzeigen, über die Thomas unter Punkt 3 spricht, sollten immer erstattet werden, wo auch immer man Verstöße feststellt, denn nur so ermöglicht man der Justiz Präzedenzurteile zu fällen und somit das zur Zeit noch sehr theoretische TierschG mit juristischem Leben zu erfüllen.

    Henry Wollentin

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