Freitag, 12. Oktober 2012

Fremde Hunde als Trainingspartner?

http://canisund.blogspot.de/2012/10/fremde-hunde-als-trainingspartner.html

Der Blog Klartexthund wurde mit dem BLOG des Magazins CANISUND verschmolzen. Neue Artikel werden aus organisatorischen Gründen nur noch dort veröffentlicht. Die dortigen Artikel werden in der Tradition von KLARTEXTHUND fortgeführt.

Donnerstag, 6. September 2012

Pause KLARTEXTHUND – Trotzdem sollten „rudelführende Hundeeinschüchterer“ nicht aufatmen…

KLARTEXTHUND geht für einige Wochen in Urlaub. Darum möchte ich mich an dieser Stelle einmal bei allen regelmäßigen Lesern und bei den mitwirkenden Gastautoren bedanken. Dieser BLOG ist inzwischen ein sehr öffentlichkeitswirksames Medium, um wichtige Themen rund um Mensch und Hund im Klartext anzusprechen. Ich weiß natürlich, dass es immer unterschiedliche Sichtweisen zu diversen Themen gibt und ich die (Hunde)Welt nicht nur nach meinen Vorstellungen des Umgangs mit dem Lebewesen und Partner Hund gestalten kann und darf. Ich weiß leider auch, dass ich nicht jedem Hund helfen kann. Umso wichtiger ist es, mit KLARTEXTHUND dazu beitragen, einzelnen Hunden zu helfen, einzelne Hundehalter zum Nachdenken anzuregen und das in möglichst großer Zahl.

Zum Nachdenken anregen wird auch weiterhin das vornehmliche Ziel dieses BLOGS bleiben. Es werden auch in Zukunft unangenehme und unpopuläre Aussagen im KLARTEXT formuliert. Allerdings wird es Neuerungen im BLOG geben – ab Herbst wird der BLOG über eine neuen Onlinepräsenz des Magazins CANISUND ergänzt, was den Vorteil bringt, dass wir ein noch spannenderes Gesamtpaket rund um die Hunde präsentieren können. Hundehalter, die bereit sind nachzudenken und vielen Sichtweisen offen gegenüber stehen, können sich ab Herbst auf viele neue Anregungen und Gedanken rund um den Hund freuen. Und alle „Rudelführer“, die Hunde über Einschüchterung, Verängstigung, Schmerz und Meideverhalten „erziehen“, muss ich leider enttäuschen. Die giftigen Wattebäusche in deren Richtung fliegen weiter. Zumindest das bin ich jedem Hund schuldig, auch wenn ich leider nicht jedem wirklich helfen kann…

Donnerstag, 30. August 2012

Gastartikel: Führt Kontrollverlust bei Hunden zu Kontrollzwang?


Heute möchte ich Ihnen einmal einen sehr lesenswerten Gastartikel von Ute Rott präsentieren. Er ist zwar etwas länger, aber es lohnt sich, ihn bis zum Ende zu lesen – versprochen J


Führt Kontrollverlust bei Hunden zu Kontrollzwang? 

Kontrolle ist etwas, das jedes Lebenwesen braucht, um überleben zu können. Von klein auf lehren wir unsere Kinder viele Dinge genau zu kontrollieren, damit sie heil durchs Leben kommen Zum Beispiel ist es ganz klar, daß man nur über eine befahrene Straße geht, wenn dies gefahrlos möglich ist. Ebenso steckt man nicht einfach alles in den Mund, es könnte ja giftig sein. Messer und Scheren werden Kindern erst dann anvertraut, wenn die Eltern sicher sind, daß sie vernünftig damit umgehen und auch dann bleiben sie dabei und kontrollieren, daß nichts passiert. Auch Vorsicht gegenüber Fremden - in vernünftigem Ausmaß - sollen Kinder lernen und nicht mit jedem mitlaufen, der Gummibärchen dabei hat. 

Menschen kontrollieren ihre Umgebung ständig, ohne sich dessen bewußt zu sein. Wenn wir in eine neue Umgebung kommen, bleiben wir erstmal stehen und werfen einen Blick in die Runde. Nur wenn wir sicher sind, daß alles ok ist, gehen wir weiter und betreten das Haus, den Raum, den Platz. Allein in eine fremde Stadt oder ein fremdes Land zu fahren, ist für uns nie besonders angenehm, besser wäre es, es ist jemand dabei, der sich auskennt. Einen guten Autofahrer macht aus, daß er regelmäßig in den Spiegeln den Verkehr überprüft, um so die Kontrolle zu behalten. 

Warum ist das so? Sind wir alle Kontrollfanatiker, die dringend mal in Therapie müßten? Solange sich das in Grenzen hält wie oben beschrieben und es sich um einfache, größtenteils unbewußt ablaufende Aktionen handelt, ist es das sicher nicht mehr und nicht weniger als die notwendige, teilweise sogar überlebensnotwendige Überprüfung meiner Umwelt. Wer zu einer vernünftigen Kontrolle seiner Umwelt nicht in der Lage ist und viel zu sorglos durchs Leben wandert, muß schon ein großes Glückskind sein, um zu überleben, denn wer auf der Autobahn spazierengeht, jedem Menschen vertraut, der etwas von ihm will, Alkohol und Drogen in Unmengen konsumiert, ohne an die Folgen zu denken, der wird früher oder später durch seinen Leichtsinn geschädigt werden. Wir müssen also lernen, mit den Gefahren, die auf der Welt vorhanden sind, umzugehen und sie zu kontrollieren, dann kann man auch mal ein, zwei Glas Wein trinken, ohne gleich Leberzirrhose zu bekommen, man kann Straßen überqueren, ohne überfahren zu werden, und man lernt, Menschen richtig einzuschätzen. Alle Erfahrungen, die wir machen, egal ob gute oder schlechte, bereichern unser Leben und bringen uns vorwärts. 

In ihrem sehr lesenswerten Buch "Wer denken will, muß fühlen." geht Elisabeth Beck auf das Grundbedürfnismodell von Epstein / Grawe ein. Die wichtigsten Grundbedürfnisse sind demnach
- Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle

- Lustgewinn / Unlustvermeidung

- Bindungsbedürfnis

-Selbstwerterhöhung.

Der Psychologe Seymor Epstein hat sich Anfang der 1990er Jahre mit der Frage beschäftigt, ob es für Menschen auch psychische Grundbedürfnisse gibt, Klaus Grawe hat Anfang der 2000er Jahre in Anlehnung an diese Erkenntnisse die o.gen. Grundbedürfnisse als Modell entwickelt. Elisabeth Beck schreibt dazu (S. 78) : "Alle Grundlagen dieses Modells wurden jedoch an Tieren fast noch intensiver erforscht als an Menschen - höchste Zeit also, es auch zum Nutzen der Tiere einzusetzen". 

Um in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben, muß ein Lebewesen - egal ob Tier oder Mensch - eine gewisse Kontrolle behalten können. Denn gerade in schwierigen Momenten des Lebens kann es das Leben kosten, wenn man den Notausgang nicht kennt. Die Tatsache: "ich bin hier zwar fremd, aber ich habe mein Handy dabei und kann im Notfall meine Freunde anrufen, damit sie mich abholen" reicht als Kontrolle in der Regel aus. 

Wie verhält sich das jetzt mit Hunden? Oft genug hört man von Hunden, die ständig ihre Menschen kontrollieren, sie keinen Moment aus den Augen lassen, immer dabei sein müssen, niemanden an sie hinlassen, teilweise nicht mal den Partner oder die Kinder. Ist das normal? Sind diese Hunde krank? Warum machen das einige und andere nicht? Es lohnt sich, dem nachzugehen und dieses Problem zu untersuchen, da die Ursachen zum großen Teil darin begründet liegen, wie heutzutage Hunde "erzogen" werden. 

Hunde sind sehr neugierige Tiere, wie Menschen auch, nur wird ihnen das häufig negativ ausgelegt Ich nenne dieses Verhalten deshalb lieber "Erkundungsfreude". Damit wird es positiv belegt und es trifft auch besser den Kern. Die meisten Hunde in meiner Hundeschule kommen freudig auf den Platz und müssen dringend erkunden, was seit dem letzten Mal hier passiert ist. Wer war da? Hat jemand Leckerchen vergessen? Steht das Plantschbecken rum? Und diese Erkundungsrunde macht Spaß. Hunde, die das nicht machen, sind immer Hunde, denen verboten wurde, von sich aus etwas zu erkunden. Sie machen einen verunsicherten Eindruck, wirken oft scheu und ängstlich, und haben nicht wirklich viel Spaß am Leben, keine Freude daran, etwas zu erkunden, keine Neugier, also keine "Gier auf Neues". 

Nehmen wir an, ein Mensch kommt mit seinem Hund in einen großen Raum, der beiden fremd ist. Der Mensch bleibt am Eingang stehen und wirft einen Blick in die Runde. Vielleicht sieht er jemanden, den er kennt und geht sofort zu ihm hin. Der Blick in die Runde hat ihm genügt, um sein Kontrollbedürfnis zu befriedigen. Der Bekannte ist obendrein ein "Beleg" für die friedliche Situation, er kann also ohne weiteres hingehen und sich dazusetzen. Für den Hund sieht das ganz anders aus. Hunde erfassen zwar ebenso wie wir neue Situationen und Umgebungen mit allen Sinnen, den gründlichsten Aufschluss geben ihnen aber nicht die Augen sondern die Nase. Und deshalb reicht es ihnen nicht, wenn sie sich umsehen. Sie müssen den Raum mit der Nase erkunden. Üblicherweise ist das aber nicht erlaubt, denn aus welchem Grund auch immer denken Menschen nicht freundlich über Hundenasen, die auf Erkundung sind. Könnte es nicht sein, der Hund pinkelt irgendwo hin, wenn er was interessantes riecht? Könnte es nicht sein, er belästigt jemanden? Oder jemand fürchtet sich vor Hunden. Und überhaupt sind die meisten Menschen der Meinung, es reicht, wenn der Mensch weiß, was er tut, der Hund hat ihm blind zu vertrauen.  

Ach, wirklich? Als sozial hochentwickelte Landraubtiere haben Hunde wie Menschen ein sehr starkes Bedürfnis, ihre Umgebung daraufhin zu kontrollieren, ob sie ungefährlich ist, Beute oder Feinde verbirgt, man sich hier wohlfühlen kann oder sich lieber entfernt, sie haben also das gleiche Streben nach Lustgewinn, bzw. Unlustvermeidung wie Menschen. Wie kann aber ein Mensch, der sich mit seinem Hauptsinn "Sehvermögen" überwiegend orientiert und zum Teil ganz andere Bedürfnisse und Vorstellungen von einem angenehmen Leben hat wie ein Hund, verlangen, daß sein Hund ihm immer und unter allen Umständen vertraut, wenn er ihm nicht mal ein wichtiges Bedürfnis, nämlich das nach Orientierung und Kontrolle zugesteht? Der Mensch in unserem Beispiel vertraut seinem Hund in keinster Weise, sonst käme er ja nicht auf die Idee, sein Hund könnte rumpinkeln, anderer belästigen oder in Angst versetzen. 

Viele Hundebesitzer und Hundetrainer glauben, daß sie sehr wohl in der Lage sind, hundliche Bedürfnisse richtig einzuschätzen und diesen auch gerecht zu werden. Das stimmt in vielen Fällen sogar, aber spätestens bei folgenden Fragen hört es für die meisten auf: darf ein Hund sich paaren und wenn ja mit wem? Wann und wie oft bekommt er was zu fressen? Darf er einfach so durch die Gegend laufen, und das auch noch wann und so lange es ihm gefällt? Darf Hund sich in Aas oder Exkrementen wälzen und dann im Wohnzimmer auf die Couch hopsen, um ein Nickerchen zu nehmen? Es gäbe noch viele andere Punkte, bei denen sich Mensch und Hund nicht unbedingt einig sind, aber Menschen bestehen darauf, alles so zu machen und zu kontrollieren (!), daß es ihren Vorstellungen gerecht wird.

Damit hier keine Missverständnisse entstehen: ich bin durchaus der Meinung, daß Hunde zwar soviel Freilauf wie möglich haben sollten, aber auch hier in der uckermärkischen Einsamkeit öffnen wir nicht einfach die Tür und schicken die Hunde hinaus. Ebenso gibt es ein von den Hunden durchaus unerwünschtes Duschbad, falls sie sich mal wieder mit Waschbärkacke parfümiert haben. Aber wenn unsere Hunde der Meinung sind, daß wir nicht umkehren, bevor wir den See erreicht haben, weil es nämlich wieder mal hoch an der Zeit für ein schönes Bad ist, dann lassen wir uns schon mal überreden. Und wer kontrolliert dann wen? Ich ganz sicher nicht meine Hunde. Dafür komme ich zu einem nicht eingeplanten Bad und die Hunde hatten mit ihrer Entscheidung natürlich recht. 

Wer seinen Hund allerdings dazu erzieht immer und unter allen Umständen die Kontrolle abzugeben und alle Entscheidungen seinem Menschen zu überlassen, der muß mit üblen Folgen rechnen. Eine dieser Folgen kann Trennungsangst sein. Denn wer nie für sich selber sorgen und entscheiden darf, gerät natürlich leicht in Panik, wenn die Person verschwindet, die das für ihn erledigt. Und ist es nicht nachvollziehbar und logisch, daß ich permanent aufpassen muß, daß mir dieser Mensch ja nicht aus den Augen kommt? Was tue ich, wenn er weg ist? Wer passt dann auf mich auf? Wer trifft dann die Entscheidungen für mich? Wer kümmert sich, wenn ich in Gefahr bin? Ein Hund, der nichts entscheiden darf, der nie selber etwas erkunden darf, der aus Erkundungen nichts lernen kann, dem alles abgenommen wird, der immer und überall - in der Regel durch Kommandos - unselbständig sein muß, wird dann ausschließlich und immer das kontrollieren, was ihm noch bleibt: den Menschen, der ihm die Kontrolle über seine Umwelt abgenommen hat.  

Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen ihren Hunden so etwas antun. Einer ist sicher übertriebene Fürsorglichkeit. Der Hund einer Bekannten durfte sich nicht mal selber kratzen: "das macht Frauchen doch für dich". Ja, und was ist, wenn sie nicht da ist? Ein anderer ist ein übertriebenes menschliches Kontrollbedürfnis, das leider durch viele Trainer auch noch gefüttert wird: wenn du deinen Hund nicht immer im Griff hast (sprich 100%ige Kontrolle), dann...." und es folgen die schlimmsten Szenarien von gebissenen Kindern, über Hundebeissereien, angeblichen Rangordnungsprobleme bis zu durch den Hund verursachten Autounfällen und was dergleichen Unfug mehr ist. Wenn von Hunden so eine permanente Gefahr ausginge, die man nur durch 100% Kontrolle in den Griff kriegen kann, dann sollte man sich schon fragen, wie das eigentlich seit Tausenden von Jahren mit Hunden und Menschen gut gehen kann. Glaubt irgendjemand ernsthaft, daß 100%ige Kontrolle eines anderen Lebewesens tatsächlich möglich ist? Wir sind ja kaum in der Lage unsere Computer und andere Technik, also von uns selbst erzeugte und programmierte Gegenstände zu kontrollieren. Wie soll das dann bei einem denkenden und fühlenden, intelligenten Lebewesen möglich sein? Und weil wir das wissen, fangen Menschen an, die Hunde unglaublich unter Druck zu setzen, damit der gar nicht erst auf die Idee kommt, eigene Gedanken und Ideen zu entwickeln. So muß der Hund beispielsweise immer und permanent "Platz" machen, wenn man irgendwo im Restaurant sitzt. Wehe, er steht auf, dann geht sofort die Welt unter. Oder er muß beim Spaziergang immer an der Leine laufen und da natürlich "bei Fuß". Nur ab und zu wird ihm erlaubt, zu schnüffeln, zu pinkeln oder zu kacken. Der Hund ist also vollkommen dem Willen und den Entscheidungen seines Menschen ausgeliefert und bewegt sich nur noch als Marionette durchs Leben. 

Zum Abschluss eine hoffentlich abschreckende Anekdote: Ich hatte auf einer Hundeveranstaltung in Berlin einen Stand und verkaufte dort auch Zubehör, unter anderem Holzspielzeug. Mutter und Tochter mit einer sehr netten, aber auch sehr schüchternen Staffhündin kamen vorbei und interessierten sich dafür. Für solche Fälle habe ich immer meine eigenen Spielsachen dabei, damit man das einfach mal testen kann. Die Hündin ging - große Überraschung - voller Interesse mit der Nase hin, sie wurde aber sofort am Halsband mit einem sicher schmerzhaften Ruck zurückgezogen mit der unfreundlichen Bemerkung "pass auf!" Ja, was hatte sie wohl gerade gemacht? Sie setzte sich  steif und starr hin, sah nur noch gerade aus und man konnte regelrecht sehen, wie sie dachte: nur nix falsch machen und durchhalten, alles geht vorüber. Glauben Sie ernsthaft, daß die beiden Frauen und ihre Hündin an dem Spielzeug Spaß hatten? Daß sie ihrem netten, verschüchterten Mädchen begreiflich machen konnten, daß das hier "Spiel und Spaß" bedeutet? Wohl kaum. 

In diesem Sinne: Wenn ich meinen Hund Hund sein lassen möchte, bedeutet das auch, daß ich ihm sein Bedürfnis nach Kontrolle zugestehe. Egal ob es sich um Holzspielzeug oder die Hinterlassenschaft des Nachbarhundes dauert, Hunde kontrollieren bevorzugt mit der Nase und darin sind sie uns gnadenlos überlegen. Kontrolle behalten heißt auch, daß mein Hund mal sagt: das mach ich nicht. Und ganz ehrlich: meistens haben die Hunde mit solchen Entscheidungen Recht.

 

Ute Rott

Freitag, 24. August 2012

Gastartikel: Neue Erfindung als Lösung von „Jagdproblemen“ beim Hund?


Der heutige Gastartikel von Alexandra Rosterg setzt sich mit einer neuen Erfindung im Bereich „Hundeerziehung“ auseinander:
 

Warum man einmal in sich gehen sollte und reflektieren sollte bevor man sich womöglich zum Kauf einer neu angepriesenen Erziehungshilfe für den Hund hinreißen lässt. 

Vor einigen Tagen erhielt ich ein Email von einer Bekannten. Im Anhang befand sich ein Artikel, der in einer renommierten Tageszeitung aus Süddeutschland veröffentlicht wurde. In diesem Artikel geht es um ein Hilfsmittel, was den Hund in einer Notsituation, so der Erfinder, vom Jagen abhalten soll. 

Bei der Erfindung handelt es sich um eine Art Halsband mit integrierter Feder, was dem Hund vor dem Spaziergang angelegt wird und in dem sich ein Stofftunnel befindet. Will nun der Vierbeiner, wie es auf dem Verkaufsvideo auf der Internetseite des Anbieters zu sehen ist, z.B. einem Jogger hinterherjagen, nachdem sein Adrenalinspiegel durch verbale Anfeuerung und Stöckchen werfen so richtig auf Touren gebracht wurde, wird per Knopfdruck auf eine Fernbedienung die Feder am Halsband ausgelöst und der Stofftunnel stülpt sich über den Kopf des Hundes.  

Meine Bekannte fragte mich in diesem Mail:“Was ich denn davon halten würde?“  

Meine kurze und knappe Antwort fiel wie folgt aus:“Gar nichts.“ 

Und das „gar nichts“ möchte ich wie folgt begründen: 

Das ein solches Hilfsmittel einem Hund nichts ausmachen würde, so wird diese jedenfalls vom Erfinder ausgeführt, ist schon bemerkenswert, denn wenn dies wirklich so wäre, dann würde sich der Hund bei der Jagd von so etwas sicherlich nicht stoppen lassen, denn Jagdverhalten zählt zu den instinktiv, genetisch fixierten Verhaltensweisen. Da dies aber der Fall zu sein scheint, macht es dem Hund sehr wohl etwas aus, denn der Hund bekommt Angst oder wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie auf einmal und unerwartet im Dunkeln stehen würden? Angst erzeugt Stress. Stress führt wiederum zu einer Schärfung der Sinne und geschärfte Sinne begünstigen Stress. Ein endloser Kreislauf beginnt. Keine schöne Vorstellung einem uns anvertrauten Lebewesen so etwas "an-zu-tun". 

Aber das ist noch lange nicht alles: Der Hund wird auch in eine Erwartungsunsicherheit gebracht, denn er weiß nicht wann und warum ihm die Haube über den Kopf gestülpt wird. Hierzu können Sie ein Experiment an sich selbst testen, aber bitte ohne, dass ein Hund anwesend ist: Bitten Sie einen Freund Sie zu erschrecken, z.B. durch das Aneinanderschlagen von zwei Topfdeckeln, wenn sie damit absolut nicht rechnen. Dieses Experiment sollte einige Stunden oder einige Tage andauern und der Schreckreiz sollte in diesem Zeitraum mehrfach ausgelöst werden - ohne dass Sie wissen, wann dies sein wird. Der eigentliche Reiz wird letztendlich nicht so schlimm zu ertragen sein, wie die aufreibende Warterei auf ihn. Man sehnt den Reiz schon förmlich herbei mit dem Wunschgedanken, womöglich danach wieder eine Weile Ruhe zu haben, dem aber nicht so ist, da er kurz nach dem Auftreten erneut ausgelöst wird und dann wieder über Stunden gar nicht. Wenn Sie darüber nachdenken, erzeugt dies sicherlich kein sehr angenehmes Gefühl in Ihnen. 

Ein weiterer Aspekt ist der, dass Hunde über gedankliche Verknüpfungen lernen. Was ist, wenn der Hund, in genau dem Moment, in dem sich der Stofftunnel über seinen Kopf stülpt, zu einem kleinen Kind, einem Jogger oder einem anderen Hund schaut - und den Strafreiz, wobei es sich hier handelt, damit verbindet? Er kann Ängste, womöglich auch durch die Angst ausgelöste Aggressionen, gegen das entwickeln, was er gerade sah. 

Oft treten auch Probleme bei der Technik auf. Nicht selten sind schon solche Hilfsmittel durch andere Frequenzen ausgelöst worden oder haben durch die Wetterlage erst gar nicht oder nur verzögert ausgelöst. Hat man auf die Fernbedienung gedrückt und es tut sich nichts, kommt man (vorausgesetzt der Hund hätte überhaupt verstanden, für was er eigentlich bestraft werden soll), in den Bereich der variablen Bestätigung, was das unerwünschte Verhalten sogar noch verstärkt. Der Hund lernt somit, dass er das Verhalten nur immer wieder zeigen muss, bis er schließlich wieder Erfolg hat, sprich das Ausbleiben des Strafreizes und die erfolgreiche Durchführung des Jagdverhaltens. 

Manche Vierbeiner kann man auf diese Art und Weise so sehr verunsichern, dass sie in die sogenannte Hilflosigkeit fallen. Diese Hunde zeigen dann kaum noch Aktionen oder bieten keine Handlungen mehr an, da sie in ständiger Angst vor dem nicht berechenbaren Strafreiz leben. Ein trauriger Gedanke, so ein Dasein fristen zu müssen ...... . 

Für mich ist es ethisch intolerabel ein uns anvertrautes Lebewesen wie den Hund für instinktiv, genetisch fixiertes Verhalten zu bestrafen und man sollte sich vor dem Einsatz eines solchen Ausrüstungsgegenstandes immer noch mal folgenden Spruch ins Gedächtnis rufen: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu.“  

Ein gut durchdachtes und klar aufgebautes Anti-Jagd Training, eine sinnvolle Beschäftigung, wie z.B. Nasenarbeit,  für den  Hund sowie Einfühlungsvermögen und Verständnis von Seiten des Halters führen sicherlich, auf lange Sicht hingesehen, zu einem nachhaltigeren Erfolg.  

Darüber hinaus sollte ein jagdlich motivierter Hund, der an der Schleppleine geführt wird,  immer ein gut sitzendes Brustgeschirr tragen, um, sollte der Hund mal in die Schleppleine laufen, Verletzungen , beispielsweise an der Halswirbelsäule, zu vermeiden. Natürlich obliegt es dem Halter, wenn der Hund beim Spaziergang an einer Schleppleine gehen muss, die Umwelt sowie den Hund sorgfältig zu beobachten und somit agieren zu können statt nur noch reagieren zu können (ein wichtiger Baustein eines erfolgreichen Anti-Jagd Trainings). Aber als oberstes Gebot gilt es Renn- und Hetzspiele, dazu gehören auch Ballspiele oder das Werfen eines Balles und das Hinterherjagen hinter diesem, zu unterlassen.

Mittwoch, 22. August 2012

Danke an alle Freunde des Hundetalk


Heute bekam ich die Nachricht, dass sich die 2. Sendung von „Riepes Hundetalk“ innerhalb von 2 Wochen nach der TV-Erstausstrahlung an die Spitze der meistgesehenen Sendungen aller Zeiten der Mediathek des Senders gesetzt hat. Das ist ein sehr schöner Erfolg, der mich natürlich sehr freut. Es freut mich aber noch mehr, wie viel positives Feedback ich in den letzten zwei Wochen zu der Sendung, vor allem in privaten Emails, bekommen habe. In vielen Zuschriften wird erwähnt, dass das einfache, und auch nicht einmal neue Konzept eines informativen Gesprächs, den Reiz der Sendung ausmacht. Viele Schreiber fühlen sich ruhig, sachlich und, wie der fast einhellige Tenor ist, auch verständlich ohne ablenkende Aktion und Hektik informiert. Und, was mich auch besonders freut ist die Tatsache, dass die meisten Zuschriften von „normalen“ Hundehaltern kommen, die sich nicht 24 Stunden des Tages mit Hundethemen beschäftigen oder über diese streiten. Sondern solche Hundehalter sind, die mit ihrem vierbeinigen Freund zusammenleben möchten ohne dafür irgendwelchen religionsgleichen Philosophien nachzueifern. Von eben diesen Hundehaltern kommen die meisten Zuschriften, die sich erleichtert zeigen, dass eben doch nicht alles so kompliziert zu sein scheint, wie es überall propagiert wird. Der Erfolg der Sendung, die eigentlich als Test geplant war, gibt meiner Hoffnung recht, dass man auch mit einfachen Formaten mit sachlich vermittelten Inhalten ein breites Publikum erreichen kann. Man muss es nur wagen und nicht immer nur effekthaschende Sendungen produzieren, die Probleme und Problemhunde zeigen. Man kann auch mal zeigen, wie man Probleme im Vorfeld verhindern kann.
Bei allen Verfassern der netten Feedbacks möchte ich mich hier bedanken und natürlich auch bei allen, die dazu beigetragen haben, die Sendung auf Platz 1 beim Sender zu bringen.
Und ich kann versprechen, es wird weitergehen. In diesem Jahr ist noch eine Sendung geplant. Und für 2013 habe ich Themen für zumindest 3 weitere Episoden im Kopf…

Montag, 6. August 2012

Hundetalk 2 mit Maria Hense


Wer die Sendung im Fernsehen verfolgen möchte, kann das auf NRWISION im Kabelnetz in NRW zu folgenden Zeiten (oder im Liverstream auf nrwision.de):
Erstausstrahlung:
Dienstag, 7.8.2012 um 22:05 Uhr

Wiederholungen:
 Mittwoch, 8.8.12 um 8:05 Uhr und um 13:15 Uhr
Donnerstag, 9.8.12 um 23:50 Uhr
Freitag, 10.8.12 um 8:05 Uhr und um 13:15 Uhr
Samstag 11.8.12 um 18:20 Uhr
Sonntag, 12.8.12 um 13:40 Uhr

Samstag, 4. August 2012

Wie wäre es einfach mal mit Mitgefühl?

Eher zufällig stoße ich auf einen Artikel, der sich mit dem Jubiläum eines Freizeitparks im Sauerland beschäftigt (http://www.wa.de/nachrichten/nordrhein-westfalen/freizeitpark-fort-bringt-rodeo-tierschuetzer-barrikaden-2443413.html).
Ich möchte hier gar nicht direkt darauf eingehen, was ein Rodeo ist, was genau den Tieren dabei unangenehm ist und warum sie sich praktisch immer so verhalten, wie es zum Programm einer solchen Veranstaltung passt. Das stört mich alles gewaltig, aber hier möchte ich einmal den Titel dieses BLOG-Posts als grundsätzliche Frage stellen – Eine Frage, die ich allerdings nicht beantworten möchte. Ich möchte nur den Leser dieser Zeilen ermutigen, die Frage für sich selbst zu beantworten – und vielleicht etwas zum Nachdenken anregen.
In dem erwähnten Artikel wird der zuständige Amtstierarzt folgendermaßen zitiert: „Es stellt sich für mich so dar, als würden die Tiere nicht sonderlich darunter leiden“.
Nicht sonderlich leiden? Wenn die Tiere also nicht sonderlich leiden, gibt der Tierarzt also zu, dass sie leiden – wenn auch nicht sonderlich. Was immer das heißen mag. Es wird also bewusst in Kauf genommen, dass Tiere leiden. Nur zur Belustigung, zur Unterhaltung von Menschen. Was bilden wir Menschen uns eigentlich ein, dass wir Tiere für solche Aktionen missbrauchen? Ob es Rodeos, Stierkämpfe oder diese schwachsinnige Stierhatz in Pamplona sind. Wie wäre es mal mit Mitgefühl für die Tiere, mit Säugetieren, die nachweislich biologisch dem Menschen so nahe sind, dass man davon ausgehen muss, dass sie im Prinzip wie Menschen empfinden. Sie fürchten sich, sie haben Angst, sie empfinden Schmerz, Panik, Wut, Frust – alles was wir auch empfinden. Gefühle und Emotionen, die wir auch empfinden würden, wenn wir ganz allein (!) einem Mob von klatschenden und anfeuernden Menschen ausgesetzt würden, während uns Leid zugefügt wird. Wenn auch kein „sonderliches“ Leid…
„Das stimmt ja“, wird sich vielleicht mancher fragen. Aber was haben Pferde und Stiere in einem Hundeblog zu suchen? Nun, mein Mitleid für andere Lebewesen macht natürlich bei Hunden nicht halt. Allerdings ist es bestimmt nicht so, dass Hunde immer ein besseres Leben führen würden, als Pferde, Stiere und andere, zur puren Menschenunterhaltung missbrauchten Tiere. Auch Hunde müssen für diverse, nennen wir es mal „Dinge“ herhalten, die in erster Linie der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienen.
Zwar behaupten viele Deutsche, dass der Umgang mit Tieren in ihrer Gesellschaft sehr hohen moralischen Ansprüchen, die das Wohl der Tiere betreffen, genügen. Wenn ich als Mitglied dieser Gesellschaft allerdings meine individuellen moralischen Ansprüche heranziehe und die Moral der Gesellschaft, hier bezogen auf Tiere, ethisch betrachte, kann ich nur noch wenig von hohen moralischen Ansprüchen erkennen. Ich möchte jetzt gar nicht auf Massentierhaltung, Tiertransporte oder grausame und wissenschaftlich völlig unbegründete Formen der Tierversuche und der Jagd (z. B. Baujagd mit Hunden, erschlagen von Fuchswelpen vor den Augen der Mutter etc.) eingehen. Mein Thema sind die Hunde und wenn ich die moralischen Grundsätze näher betrachte, die bei der Hundeerziehung zum Tragen kommen, läuft mir ein kalter Schauer den Rücken herunter. Tatsächlich sehe ich die Grundlage vieler Probleme in der uralten Sozialgemeinschaft zwischen Mensch und Hund beim Menschen und seiner Einstellung gegenüber anderen Lebewesen, die recht egozentrisch sein kann und schnell vergisst, dass wir es mit denkenden und fühlenden Mitgeschöpfen zu tun haben, die ein Recht darauf haben, in ihrer Andersartigkeit respektiert und mit ihren Bedürfnissen ernst genommen zu werden.
Wenn Sie mir nun gedanklich wiedersprechen und anführen, dass die meisten Halter doch vieles für ihre Hunde tun, mit ihnen zum Sport fahren, das beste Futter kaufen, sich um ihre Gesundheit bemühen usw., dann würde ich entgegnen, dass es dabei häufig aber gar nicht darum geht, wirklich die Bedürfnisse des Tieres zu erfüllen, sondern eher, die eigenen. Es fängt schon bei dem Wunsch an, einen Hund zu halten: ICH möchte einen Hund und ICH möchte, dass der Hund die und die Eigenschaft hat und so und so aussieht. Dann möchte ICH, dass der Hund dieses oder jenes lernt, ICH möchte, dass der Hund so oder so erzogen wird usw. und um MICH gut zu fühlen, kaufe ich dem Hund teures Futter, schöne Accessoires und gehe mit ihm zum Hundesport, weil MIR das Spaß macht und damit ICH kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn er zum Beispiel stundenlang alleine bleiben und/ oder ohne Artgenossen allein leben muss usw.
Sie sehen also, es werden viele Bedürfnisse befriedigt – unter ganz vielen ICH-Bedürfnissen des Menschen auch die Grundbedürfnisse des Hundes nach Nahrung und Bewegung. Aber obwohl der Mensch die Grundbedürfnisse des Hundes befriedigt, befriedigt er durch den Hund eine ganze Reihe von Luxusbedürfnissen bezogen auf sich selbst.
Und, um wieder auf den Anfang zurückzukommen. Der Mensch befriedigt seine Bedürfnisse gegenüber dem Hund auch durchaus darüber, dass er leiden in Kauf nimmt.  Anders kann ich mir nicht erklären, warum einige Hunderassen gezüchtet werden, die schon als körperliche Wracks auf die Welt kommen. Oder warum es Hundesportarten geben muss, die mit übertriebenem Leistungsgedanken des Menschen Hunde zu Höchstleistungen animieren. Oder wo der wirkliche Sinn darin zu sehen ist, dass es immer noch „leinenruckende Rudelführerfetischisten“ gibt, die dem Hund durch brutale Unterdrückung zeigen müssen, „wer der Boss ist“. Obwohl das nicht im Geringsten dem natürlichen Sozialverhalten von Hunden entspricht. Aber es „ funktioniert“ – Unterdrückung und Verunsicherung funktionieren oft schnell. Allerdings mit gravierendenden Nebenwirkungen wie Aggressionen oder „gebrochenen Hunden“.
Womit sich der Kreis dieser Zeilen schließen soll. Bevor Hunde „gebrochen“ werden, bevor man sie „krank“ züchtet oder den menschlichen Leistungsgedanken im Sport an und mit Ihnen auslebt. Wie wäre es da mal mit Mitgefühl, mit einem Hineinversetzten in Lebewesen. In Lebewesen, die so empfinden und fühlen wie wir selbst. Diese Lebewesen sollte wir durch unser Mitgefühl vor Leid bewahren und es ihnen nicht aus egoistischen Gründen aufbürden. Auch wenn wir das Leid als „nicht sonderlich“ empfinden…

Donnerstag, 26. Juli 2012

Müssen Hunde alles machen, was Menschen von ihnen verlangen? Klartext Hund "reloaded" Teil 1


In diesem BLOG gibt es Artikel, die mir persönlich wichtig sind, die aber nicht so viel Beachtung finden wie andere. Darum möchte ich in gewissen Abständen die Artikel, die mir besonders wichtig sind, die aber mehr Beachtung finden könnten, erneut einstellen. Mit den Hunden, die alles machen müssen, weil sie sonst ungehorsame Welteroberer werden, fange ich an J 

Und wenn es noch so idiotisch ist. Muss der Hund alles machen, was der Mensch von ihm verlangt? 

Begebenheit vor einem Supermarkt. Ein größerer Mischling ist vor dem Geschäft angebunden (was auch nicht gut ist, aber hier nicht das Thema). Da kommt eine junge Frau vorbei. Sie schiebt einen Kinderwagen und führt gleichzeitig einen jungen Beagle, nach meiner Einschätzung vielleicht um die acht Monate alt. Als die Frau mit Kind und Beagle den angebundenen Hund passiert, beginnt der angebundene Hund zu bellen und dem jungen Beagle offensiv zu drohen. Darauf folgte ein sehr vernünftiges Verhalten des Beagle. Er wendete den Blick vom großen Mischling ab und zog an seiner Leine in eine Richtung, die von der Gefahrenquelle weg deutete. Wirklich ein sehr vernünftiges und logisch nachvollziehbares Verhalten des kleinen Hundes. Aber, was machte die Frau? Sie stoppte direkt vor dem angebundenen Mischling, brüllte ihrem Hund ein „SITZ“ um die Ohren und ruckte, als der Hund sich trotzdem fortbewegen wollte, dermaßen an der Leine, dass das Tier regelrecht durch die Gegend flog. Der Hund war so verunsichert und verängstigt, dass er überhaupt keine Idee mehr hatte, wie er mit der Situation umgehen sollte. Neben ihm der Hund, der ihm deutlich mitteilte, dass er ihn mindestens „verprügeln“ werde, wenn er nicht weitergeht. Er würde ja gerne weitergehen, was aber durch das Frauchen verhindert wurde, die ihn mit groben Misshandlungen (man muss das an dieser Stelle im Klartext so nennen) daran hinderte. Nun begann der verängstigte Beagle erst recht zu ziehen, sein Ziel war nur wegzukommen, raus aus dieser Situation. Aber Frauchen ruckte noch einmal und brüllte „SIIIITZ!“. Klar, natürlich ging ich sofort zu der Frau und fragte sie höflich, warum Sie denn ihren Hund so behandele (ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich, wenn ich solche Menschen freundlich anspreche, größere Chancen habe, dem Hund zu helfen. Würde ich sie so anbrüllen wie sie ihren Hund, würde sie mit großer Wahrscheinlichkeit direkt „dicht“ machen). Ihre Antwort: „Das muss so sein, der muss in jeder Situation machen, was ich von ihm verlange! Der darf nicht ziehen!“ Nachdem ich die Frau dazu bewegen konnte, uns (vor allem den verstörten Beagle) aus der Sichtweite des bellenden Mischlings zu bringen, versuchte ich ihr zu erläutern, was sie ihrem Hund mit ihren Handlungen antat. Höflich und sachlich, wohlbemerkt. Aber meine Ausführungen prallten an ihr ab. Ihre Hundetrainerin in ihrer Hundeschule hatte ihr das so vermittelt und die Aussagen waren ihr heilig. Ich konnte die Frau nicht erreichen. Sie war und ist der Meinung, dass ein Hund, vollkommen egal in welcher Situation, das machen muss, was ein Mensch ihm sagt. Und ihn dazu zwingen, wenn er „nicht hört“ – notfalls mit Leinenruck oder ähnlichem. Leider musste ich Sie und den Hund ziehen lassen, ohne dem Tier helfen zu können…


Tödlicher Gehorsam

Diese unglaublich sture Haltung der Frau, dass ihr Hund alles zu machen hätte, was sie von ihm verlangt, erinnerte mich an einen Fall, der einer Kundin von mir vor einigen Jahren passiert war. Diese war bis zu einem schicksalhaften Tag auch der Meinung, dass Hunde menschlichen Anweisungen blind zu folgen hätten. Sie war zudem ein sehr engagiertes Mitglied in einem Rassehundeverein und betrieb mit großem Engagement divers Hundesportarten, die vernehmlich auf eben diesen „Kadavergehorsam“ abzielten.

Es kam also so, dass diese Dame mit Ihrem Hund vor Ihrer Haustür war und der Hund aus irgendeinem Grund die Straßenseite wechselte. Die Besitzerin brüllte dann den Hund an, er solle zu ihr kommen und nicht auf der anderen Straßenseite verweilen. Eigentlich war der Hund so „erzogen“, dass er immer jedem „Befehl“ folgte. Er wurde so erzogen, dass beim Nichtbefolgen eine unangenehme Konsequenz wartete. Doch diesmal zögerte der Hund, wodurch das Frauchen ihren Blick wütend auf den Hund konzentrierte und noch nachdrücklicher ein „HIER“ brüllte. Aus Angst vor der gewohnten Züchtigung bei „Ungehorsam“ lief er los – direkt in das Auto, dessen Herannahen er durchaus bemerkt hatte, Frauchen aber nicht. Er wurde vom Fahrzeug erfasst und starb auf dem Weg zum Tierarzt…

Wie gesagt, diese Geschichte wurde mir von einer Kundin erzählt, die seither ihre Ansichten zur Hundeerziehung grundsätzlich geändert hat und sich immer noch Vorwürfe macht, dass der Hund ein solches Ende fand. Man sollte dabei auch beachten, dass der Hund nicht nur ein schreckliches Ende hatte, der Hund hatte zudem ein schreckliches Leben, geprägt von Unterdrückung und Gewalt.

Diese Beispiele verdeutlichen eigentlich recht klar, wie kurzsichtig es ist, von einem Hund absoluten Gehorsam in jeder Situation zu verlangen. Der Beagle, der vorbildlich versucht, eine angespannte Situation mit einem Artgenossen zu entspannen und der Hund, der es vorzieht, vor ein Auto zu laufen, anstatt eine Anweisung seiner Diktatorin zu missachten.

Unterschätzte Intelligenz der Hunde

Für mich machen die geschilderten Ereignisse deutlich, dass wir Menschen eigentlich sehr wenig über Hunde wissen und ihre Intelligenz oft maßlos unterschätzen. Zum einen muss man an dieser Stelle anmerken, dass Hunde keine reinen von Instinkten gesteuerten Roboter sind. Es sind hochentwickelte Säugetiere die in der Lage sind für sich selbst und auch für ihr Umfeld vernünftige Entscheidungen zu treffen. Hunde können abstrakt denken, zwar nicht in dem Umfang wie Menschen (dafür haben sie andere Gehirnleistungen, die wir nicht in dem Umfang beherrschen wie sie), aber sie könne abstrakt vorausschauen und vorausplanen, im Bewusstsein der Konsequenz ihrer folgenden Handlungen. Kurz gesagt, ein junger, normal entwickelter Beagle ist nicht so blöd, sich ernsthaft mit einem stärkeren Hund auseinanderzusetzen. Und kein Hund so blöd, bewusst vor ein Auto zu laufen. Es sei denn, ein blöder Mensch zwingt ihn dazu.

Und für alle, die an dieser Stelle die alten Argumente bringen, dass ein Hund, der nicht immer das macht, was von ihm verlangt wird, sich zum Boss aufschwingen würde, zwei Hinweise. Hinweis 1: Wer das sagt hat vielleicht eine Ahnung davon, wie man ein Lebewesen unterdrückt, damit es ein Roboter wird. Er hat aber nicht den Hauch einer Ahnung vom Hundeverhalten.

Hinweis 2: Hier wird das Thema noch einmal ausführlicher behandelt: http://klartexthund.blogspot.com/2011/05/hundeerziehung-laut-bild-zeitung-bitte.html

Weil es in der deutschsprachigen Hundeszene einfach so ist, dass viele Artikel und Aussagen pauschal zitiert und interpretiert werden, möchte ich hier eines klar anmerken: Ich sage nicht, dass Hunde nicht erzogen werden dürfen und machen sollen, was sie wollen . Natürlich muss ein Hundehalter seinen Hund soweit unter Kontrolle haben, dass dieser keine anderen Menschen, Hunde oder sonstige Lebewesen gefährdet oder belästigt. Möglichkeiten wie man das macht, gibt es so viele wie Hunde – man muss das immer individuell sehen.

Grenzen ja, Kadavergehorsam nein

Natürlich muss ein Hund Grenzen kennen und man muss ihm auch ein Signal geben können, dass er eine Handlung abbricht. Wenn man allerdings blinden Kadavergehorsam von einem Hund verlangt, wenn er immer und in jeder Situation das tun muss, was man von ihm verlangt, ohne dass er selbst denken darf, dann stimmt etwas nicht. Und wenn ein Mensch ernsthaft glaubt, ein Hund würde die Welt dominieren und gefährlich werden, wenn er mal nicht seinen Anweisungen folgt, dann sollte der Mensch ernsthaft überlegen, ob er als Hundehalter geeignet ist.

Mittwoch, 25. Juli 2012

„Hundeexperten“ – Wer macht eigentlich was?

In der Menschenszene rund um die Hunde wird immer nach Profis gesucht, die praktisch alles von Hunden wissen. Um dem Hundehalter die Orientierung etwas zu erleichtern, möchte ich einmal erläutern, was die eigentlichen(!) Aufgaben von Hundetrainern und Hundepsychologen sind.

Um es direkt vorwegzunehmen, weil ich genau weiß, wie innerhalb dieser Menschenszene um die Hunde alles „bis zum abwinken“ diskutiert wird: Dies soll keine Wertung sein, wer „besser oder schlechter“ ist, im Gegenteil sogar. Ich würde mir vielmehr wünschen, dass Hundepsychologen  und Hundetrainer, auch unter Einbeziehung von Tierärzten, viel öfter Zusammenarbeiten und sich ergänzen… 

Gut, das vorweg. Aber nun zu den eigentlichen Fragen:  

1. Was sind Hundepsychologen?

2. Was unterscheidet Hundepsychologen von Hundetrainern? 

Diese Fragen an sich sind schon erstaunlich genug. Bezogen auf Menschen wird der Unterschied zwischen Trainern und Psychologen selten hinterfragt…

Leider hat es sich aber so eingebürgert, dass jeder, der mit Hunden arbeitet, zunächst als Hundetrainer betitelt wird – ob er möchte oder nicht. Viele Menschen sehen einen Hundetrainer als einen „Allroundprofi“ rund um Hunde an. Eine Tatsache, die viele Hundetrainer leider maßlos überfordert. Man stelle sich vor, es müsste Allroundprofis für Menschen geben. Sie stellen sich gerade die Frage, was das sein sollte, ein Allroundprofi für Menschen? Vielleicht Ihr Hausarzt, der morgens eine psychotherapeutische Sitzung mit Ihnen durchführt, Ihnen mittags ein ausgewogenes 4-Gänge Menü kocht, Sie am Nachmittag massiert und Ihnen am Abend beibringt, wie man Schach spielt? Sicher mag es Menschen geben, die all diese Dinge beherrschen, aber Spezialisten in den Bereichen beschäftigen sich mit jedem Teilbereich natürlich intensiver – was das spezielle Wissen, aber auch die Übung und auch die Erfahrungen im Spezialgebiet vervielfacht.

Damit einzelne Personen oder Berufsgruppen nicht überfordert werden, macht es natürlich auch im Hundebereich Sinn, Spezialisten in diversen Teilbereichen zu etablieren. So ist es sinnvoll, auch eine klare Grenze zwischen Hundepsychologen und Hundetrainern zu ziehen.

An dieser Stelle möchte ich jetzt keine Abendfüllende Abhandlung über die Unterschiede niederschreiben, damit am Ende wieder die Verwirrung siegt J 

Ein grundsätzliches Verständnis für die Unterschiede können aber vielleicht die folgenden Beispiele liefern: 

1. Ein Humanpsychologe stellt bei einem Menschen fest, dass dieser durch andauernden Druck (die Gründe seien an dieser Stelle einmal nicht genannt) dauerhaft angespannt ist, was dem Wohlbefinden und auch der körperlichen Gesundheit schadet. Der Psychologe ordnet zur Behandlung diverse verhaltenstherapeutische Maßnahmen (Gesprächstherapie, Entspannungstechniken etc.) an, aber auch entspannende sportliche Tätigkeiten gehören dazu. Z. B. soll der Patient gezielt und regelmäßig schwimmen gehen, um unter anderem durch die Bewegung Hormone zu aktivieren, die zu Entspannung und Wohlbefinden führen. Jetzt kann der Patient aber nicht schwimmen. Jemand muss ihm das Schwimmen noch beibringen. Das macht im Humanbereich nicht der Psychologe. Dafür gibt es Schwimmlehrer – Schwimmtrainer. 

Auf Hunde könnte man diesen Fall ungefähr so übertragen: Der Hundepsychologe stellt fest, dass ein Hund hormonell unausgeglichen und angespannt ist. Nun wirken auf den Hund natürliche Beschäftigungen, die dem Hundenaturell entsprechen, ausgleichend und in Summe entspannend auf den Hormonhaushalt. Der Hundepsychologe empfiehlt in dem Fall nun Nasenarbeit wie z. B. Mantrailing für den Hund. Jetzt weiß der Hundehalter aber nicht, wie man dieses Mantrailing durchführt. Und dafür gibt es Trainer. 

Ein Hundepsychologe ist also dazu da, dem Hundebesitzer beratend zu vermitteln, wie er dem Hund helfen kann, wenn dieser (der Hund!) aus psychischen Gründen eine verminderte Lebensqualität hat. Das Hauptaugenmerk des Hundepsychologen liegt also auf der psychischen Gesundheit des Hundes.

Benötigen Hund und Hundehalter für die Hilfe bestimmte Fertigkeiten, die Sie nicht allein nach Anweisung des Hundepsychologen ausführen können, werden ihnen diese durch einen Trainer beigebracht.  

Hundetrainer bringen also Hund und Hundehalter etwas bei, üben es gemeinsam mit Ihnen ein. Das kann, wie im vorher genannten Fall, zum Wohl des Hundes sein… 

… es muss aber nicht immer dem Wohl des Hundes dienen. Viele Hundetrainer bringen Hunden auch Dinge bei, die nicht das Geringste mit dem Wohl der Hunde zu tun haben.  

Dazu ein weiteres Beispiel:

2. Vor einiger Zeit beobachtete ich einen Hundehalter mit seinem Hund und einem Hundetrainer vor einem Supermarkt. Dem Hund wurde beigebracht, wie er sich zu verhalten hat, wenn sein Besitzer im Supermarkt ist. Das Ganze wurde recht sensibel und mit positiver Verstärkung aufgebaut – und es „funktionierte“ auch. Der Hund wartete ruhig auf seinen Besitzer. Doch man konnte ihm an seiner Körpersprache deutlich ansehen, dass er sich nicht wohl fühlte, als er allein warten musste. Zudem wurde er von fremden Menschen angesprochen, was er als Bedrohung ansah, vor der er zusätzlich nicht flüchten konnte. Kurzum, dem Hund wurde vom Trainer etwas beigebracht, was nicht zum Wohl des Hundes war und seine Lebensqualität beeinträchtigte. Ein Hundepsychologe müsste in diesem Fall so handeln, dem Besitzer auszureden, den Hund vor dem Supermarkt „zu parken“. Und Alternativen aufzeigen – z. B. wie man den Hund in seinem vertrauten Heim für die Zeit eines Einkaufs allein lassen kann. 

Diese Beispiele zeigen eigentlich recht anschaulich, was ein Hundepsychologe macht:

Er sorgt dafür, dass ein psychisch belaststeter Hund mehr Lebensqualität bekommt. Bei Ihm steht das Wohl des Hundes im Vordergrund. 

Ein Hundetrainer bringt einem Hund bei, und auch seinem Besitzer, wie sich der Hund auf Wunsch des Besitzers oder anderer Menschen verhalten soll. Dieses Verhalten wird eingeübt und trainiert. 

Wichtig!

Die vorher skizzierten Erläuterungen bedeuten nicht, dass Hundetrainer nie das Wohl des Hundes im Blick haben. Es soll nur aufzeigen, dass man es bei Hundetrainern und Hundepsychologen mit unterschiedlichen Berufsbildern zu tun hat. Wichtiger als die Unterschiede herauszuarbeiten ist allerdings, dass Hundepsychologen und Hundetrainer zusammenarbeiten, damit der Psychologe immer jemanden an der Hand hat, der dem Nichtschwimmer das Schwimmen beibringt. Und der Trainer weiß, was und warum er mit „Problemhunden“ trainieren soll und kann.

Es ist auch nichts dagegen zu sagen, wenn Hundepsychologen gleichzeitig als Hundetrainer arbeiten und umgekehrt – wenn die Qualifikationen stimmen und es sich zeitlich kombinieren lässt. Aber ein Hundepsychologe ist nicht automatisch ein Hundetrainer und ein Hundetrainer nicht automatisch ein Hundepsychologe – den allwissenden Hundeprofi oder Hundeflüsterer gibt es nämlich nicht.


Man kann sich also zusammengefasst merken:

-       Ein Tierarzt ist für das körperliche Wohl eines Hundes zuständig

-       Ein Hundepsychologe ist für das psychische Wohl eines Hundes zuständig

-       Ein Hundetrainer ist ein Übungsleiter, der dem Hund und/oder dem Hundehalter etwas beibringt. Das kann dem körperlichen oder seelischen Wohl dienen – muss es aber nicht zwangsläufig

Freitag, 22. Juni 2012

Mach es noch einmal, Sam

Genau in dem Moment, als ich die Türklingel der Erdgeschosswohnung von Frau C. drückte, hörte ich das Bellen eines Hundes, der zur Tür raste. Doch plötzlich wurde es still. Dann vernahm ich die Stimme einer Frau, die dem Hund einen Befehl gab. „Ab in dein Körbchen“, rief die Frau und sofort nahm ich das Tapsen und Klackern der Hundepfoten mit ihren Krallen wahr. Es hörte sich so an, als ob der Hund tatsächlich die Anordnung seines Frauchens befolgen würde und ins Körbchen wanderte. Doch bald darauf ertönte das gleiche Bellen und ich hörte, wie der Hund erneut zur Tür stürmte. Abermals wurde er von seinem Frauchen, die inzwischen brüllte, auf seinen Platz geschickt. Der Ablauf wiederholte sich noch einige Male: Zurücktapsen, wieder losstürmen und „ab ins Körbchen“. Man sollte hier nicht unerwähnt lassen, dass sich diese Geschichte im Winter abspielte und es schneite. Ich stand immer noch vor der Tür, die nicht durch ein Vordach oder Ähnliches geschützt war. Die Schneeflocken konnten sich ungehindert auf mir niederlassen.
Nachdem das Spielchen im Innern des Hauses kein Ende zu nehmen schien, schellte ich erneut und rief Frau C. zu: „Lassen Sie mich bitte herein, das Hundeproblem können wir dann angehen – dafür bin ich doch da!“
Allerdings ging auch jetzt die Tür nicht sofort auf. Frau C. versuchte noch einmal, ihren Hund zu maßregeln, um ihn wohl in einen Raum zu sperren – jedenfalls hörte ich eine Tür ins Schloss fallen und danach klang das Bellen des Hundes irgendwie „dumpfer“. Endlich, nach einer subjektiv empfundenen Ewigkeit kam Frau C. zur Tür. Nachdem der Schneefall sich innerhalb dieser Ewigkeit auch merklich gesteigert hatte, konnte man auf meinem Kopf inzwischen eine geschlossene Schneedecke erkennen und meine Gesichtszüge ließen sicher keinen Zweifel daran, dass ich mit der Rolle als Schneemann nicht unbedingt glücklich war. Als Frau C. mich und das winterliche Wetter sah, entflog ihr nur eine kurze Feststellung: „Huch, es schneit ja!“
Nachdem ich mich in bester Hundemanier geschüttelt hatte, um den Schnee loszuwerden, konnte ich das Haus betreten und mich dem Problem der Dame widmen, welches sie mit ihrem Parson Russel Terrier Sam hatte. Doch eigentlich brauchte sie es nicht groß zu erläutern, während meines „Winterurlaubs“ vor ihrer Tür konnte ich mir akustisch ja bereits ein umfassendes Bild der Situation machen. Und richtig, das Problem bestand darin, dass Sam immer Theater an der Tür machte, wenn es schellte. Von Freunden und Bekannten hatte Frau C. nun den Rat bekommen, Sam in sein Körbchen zu schicken, sobald jemand an der Tür war. Im Körbchen, so die Bekannten, solle sie ihn dafür belohnen und ihm ein Leckerchen geben. Das mit dem Körbchen und dem Leckerchen funktionierte auch, aber sofort, nachdem sich Sam seine Belohnung im Körbchen abgeholt hatte, rannte er wieder zur Tür. Im Prinzip war die Herangehensweise, die Frau C. empfohlen worden war, nicht ganz falsch, die Umsetzung allerdings war vollkommen verfehlt. Sam hatte nicht gelernt, dass er nicht bellen soll, sondern nur, dass immer ein tolles Spiel begann, wenn es an der Tür schellte. Aus seiner Sicht war das so: Immer wenn es klingelt, muss ich zur Tür rennen und bellen, dann ruft Frauchen mich zum Körbchen und belohnt mich, und wenn ich das Ganze immer wieder mache, bekomme ich bei jedem „Vorbeischauen“ im Körbchen ein Leckerchen. Tolles Spiel, Frauchen hat da auch eine super Geduld und wiederholt es so lange, wie es mir Spaß macht.
Wenn man nicht möchte, dass Hunde bellend zur Tür laufen, gibt es mehrere Möglichkeiten, ihnen ein Alternativverhalten anzutrainieren. Solange sie ohne Gewalt auskommen, kann ich viele davon tolerieren und ein großer Teil führt ja auch zum Erfolg. Es ist jedoch wichtig, dass diese Trainingsarten konsequent und vor allem richtig ausgeführt werden. In Sams Fall hätte man ihm zunächst beibringen müssen, im Körbchen zu bleiben, bevor man ihn im „Ernstfall“ ins Körbchen schickt. Er muss wissen und verknüpfen können, dass er, wenn er ins Körbchen muss, auch dort zu bleiben hat. Klar muss er belohnt werden, sobald er sich auf seinem Platz befindet, aber danach muss direkt der zuvor gelernte Begriff „Bleib“ erklingen, der bei Ausführung wiederum eine Belohnung nach sich zieht. Wenn der Hund zuverlässig im Körbchen bleibt, geht man zur Tür und öffnet. Das „Bleib“ hebt man durch einen Aufhebungsbefehl, vielleicht ein „Okay“, wieder auf – welcher aber auch vorher separat trainiert werden muss.
Das ist nur eine Möglichkeit, mit einem Hund in der zuvor beschriebenen Situation umzugehen. Ich sage bewusst eine Möglichkeit, weil mir auch klar ist, dass Frau Schlau Meier, die gerade dieses Buch liest, sicher einen anderen Weg bevorzugt. Bei Sam und seinem Frauchen hat diese Methode gut gewirkt. Heute geht er sofort ins Körbchen, wenn es schellt. Frau C. wäre allerdings nie so weit gekommen, wenn sie auf den Rat ihrer Bekannten gehört hätte. Vermutlich wäre der eine oder andere Besucher vor ihrer Haustür erfroren … 
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Die Geschichte ist meinem Buch „Wer ist hier der Schlaumeier“ entnommen, welches am 22.6.2011 erschienen ist. Also heute „Geburtstag“ hat…
Es enthält noch viele Geschichten aus meinem Berufsalltag, die oft amüsant, teilweise traurig, aber immer skurril sind.
Zeichnung © Zapf

Sonntag, 17. Juni 2012

Kind und Welpe – Ist ein Vergleich der Empfindungen erlaubt?

Überdrehen beim Spiel

Ein Kind spielt und spielt und spielt – und überdreht dabei. Sein Körper zieht die Notbremse, das Kind fängt an zu weinen. Seine Mutter erkennt die Zeichen instinktiv, beruhigt das Kind und bringt es dazu, mit dem Spiel für eine Weile aufzuhören.
Ein Welpe spielt, wird von seinen Menschen bespielt bis er überdreht. Sein Mensch erkennt die Zeichen nicht und wirft den Ball und wirft und wirft…

Mobbing untereinander
Ein Kind wird von anderen Kindern auf dem Spielplatz fortwährend verunsichert und gemobbt. Die Mutter erkennt dies, greift ein und holt das Kind aus der belastenden Situation.
Ein Welpe wird in der Welpengruppe von anderen Hunden fortwährend verunsichert und gemobbt. Der Hundebesitzer ist verunsichert und weiß nicht, wie er reagieren soll. Der Hundetrainer, der die Welpengruppe leitet sagt nur lapidar: „Da muss er durch…“.

Kauen und Grenzen
Ein Kind ist im Zahnwechsel. Es hat Schmerzen und teilt dies seiner Mutter mit. Diese tröstet es und hilft vielleicht zusätzlich mit Mitteln, die die Schmerzen lindern.
Ein Welpe ist im Zahnwechsel und hat  Schmerzen. Er hat festgestellt, dass die Schmerzen weniger schlimm sind, wenn er auf etwas herumkaut. So nimmt er das Bein des Küchentischs und kaut daran, um den Schmerz erträglicher zu machen. Sein Besitzer kommt, sieht den kauenden Welpen und schubst ihn weg, brüllt ihn an oder „zwickt“ ihm gar in die Schulter. Irgendwelche Hundeexperten haben ihm gesagt, man müsse dem Hund Grenzen setzen, ihm zeigen, was erlaubt ist und was nicht.

Kann man Menschenkinder mit Welpen vergleichen?
Bei Menschenkindern wissen wir wohl instinktiv, was in ihnen vorgeht, wir können uns besser in sie hineinversetzen. Hineinversetzen und dadurch mitfühlen. Diese „Empathie“, funktioniert unter Menschen. In Hunde können wir uns anscheinend nur sehr viel schwerer hineinversetzen. Die Gefühle und Emotionen von Menschenkindern kann man bestimmt mit denen von Welpen vergleichen. Die Fähigkeiten der Empathie von erwachsenen Menschen gegenüber Menschenkindern und Welpen scheinen aber sehr unterschiedlich zu sein.
Übrigens, ich konnte bei Wild- und „frei“ lebenden Haushunden noch nie feststellen, dass Elterntiere Welpen für  das Kauen auf irgendetwas maßregelten. Im Gegenteil, meist schleppten sie Knochen oder Äste an, worauf die Welpen zur Kompensation ihrer Schmerzen herumkauen konnten und durften...



Anmerkung: Der Text wurde durch den Artikel einer Kollegin in einer Sonntagszeitung gleichen Datums motiviert.

Freitag, 15. Juni 2012

Trainieren, dominieren oder einfach zusammen leben?

Kurz vor dem Wochenende hatte ich ein Telefonat mit einer potentiellen Kundin, die mit wenigen Worten das Dilemma rund um die Hundeerziehung in unseren Breiten ausdrückte.
Die Dame steht kurz vor ihrem Rentenbeginn und möchte sich jetzt, wo sie mehr Zeit hat, ihren Lebenswunsch erfüllen. Einen Hund. Sie war in ihrem Elternhaus mit Hunden aufgewachsen, konnte aber aus beruflichen Gründen bis heute keinem Hund ein Heim geben. Jetzt ist es also so weit, Sie möchte einem Hund aus dem Tierschutz eine Chance geben. So hat sich die Dame in den letzten Wochen und Monaten intensiv mit Fachliteratur, Internetforen und diversen Hundetrainern auseinandergesetzt. Sie möchte alles richtig machen, bei dem Hund, der bei ihr einziehen soll. Aber auch der Umwelt gegenüber. So rief sie heute bei mir an und schilderte mir, dass sie in dem Wust an Informationen und Diskussionen, die sie im Internet gefunden habe, aber auch durch die Meinungen verschiedener Hundeschulenbetreiber etc. in und bei ihrem Wohnort, völlig verunsichert sei. Einige würden ihr zu sehr viel Training mit dem Hund raten (pauschal, der Hund ist noch nicht da – ja nicht einmal ausgesucht), andere würden auf irgendwelchen Rangordnungen herumreiten, wo der Mensch den Hund dominieren müsse…
Sie sagte, dass sie in der Zeit der Vorbereitung auf einen Hund und der intensiven Recherche den Eindruck bekommen habe, als gebe es nur zwei Möglichkeiten, trotz aller Informationsfülle, in der Hundeerziehung abzeichnen. Ein Leben mit einem Hund würde fast ausschließlich aus trainieren bestehen, oder, als zweite Möglichkeit könne man den Hund dominieren und ihm praktisch nichts erlauben – wodurch er „funktioniere“ würde. Ich zitiere hier eine engagierte Dame und gebe kein persönliches Statement ab. Aber irgendwie war dieser Anruf, mit dieser Suche nach Hilfe, sehr bezeichnend.
Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten fragte die Dame nach: „Wenn ich jetzt einen Hund habe, muss ich dann ständig mit ihm trainieren? Oder muss ich ihn einfach den ganzen Tag unterdrücken, dominieren? Und darf ich auch mal einfach nur mit ihm leben? Wie sieht der Alltag mit einem Hund aus?“
Meine Antwort war kurz und bündig, und ich konnte durch das Telefon den Stein fallen hören, der die Dame erleichterte. Wir werden jetzt zusammen einen Hund für sie finden und dann individuell entscheiden, was im Detail zu tun ist. Aber garantiert wird sich ihr Leben, und das des Hundes, nicht ausschließlich um trainieren drehen, und schon gar nicht um dominieren…

Samstag, 2. Juni 2012

Glücksmomente und Wolftagebuch - zwei Buchtipps

Heute möchte ich einmal zwei Bücher vorstellen, die ich beide, jedes auf seine Art, für wichtig und deshalb empfehlenswert halte.


Glücksmomente

Zunächst möchte ich Ihnen das neue Buch von Jörg Tschentscher und Clarissa von Reinhardt vorstellen. Das Buch heißt „Glücksmomente“ und beschäftigt sich damit, wie und warum Glück empfunden wird. Und damit, wie Menschen Hunde glücklich machen – oder wie HundeMenschen glücklich machen, bzw., wie sich Hunde und Menschen gegenseitig Glück schenken J
Wie man sieht, spielt beim Thema Glück immer die Sichtweise und auch das Individuelle Empfinden eine Rolle.  Und genau das ist es, was die Autoren aufgreifen und geschickt vermitteln. Die Individualität des Glücksempfindens. Zwar werden auch die biochemischen Vorgänge im Körper von Mensch und Hund anschaulich und verständlich erläutert. Die Biologie des Glücks, die letztendlich dazu führt, dass man sich „wohl“ fühlt, dass man eine Lebensqualität hat, die das Leben lebenswert macht. Zusätzlich zur Biologie wird aber auch darauf eingegangen, welche Faktoren dazu führen, dass man sich wohl fühlt, welche individuellen Wahrnehmungen und Umstände zum Empfinden von Glück führen. Und das Hunde Glück genauso  empfinden können wie Menschen, daran kann und darf man heute keine Zweifel mehr haben. Wie auch Marc Bekoff im Vorwort eindringlich erläutert.
Dass Hunde Glück empfinden ist also keine Frage. Doch wie sie es empfinden, unterscheidet sich durchaus in einigen Bereichen vom Glücksempfinden des Menschen. Tschentscher und von Reinhardt arbeiten in Ihrem Buch diese Unterschiede aber vor allem auch die Gemeinsamkeiten so heraus, dass sich wirklich jeder ein Bild vom Empfinden der Hunde machen kann. Es wird herausgearbeitet, was Menschen tun können um Hunde glücklich zu machen, es wird aufgezeigt, dass es viele Irrtümer darüber gibt, was Hunden gefällt. Darüber hinaus wird aber auch der Tatsache Raum eingeräumt, was Hunde dazu beitragen, dass Menschen glücklich sind. Und, es wird anhand von schönen Beispielen gezeigt, wie Hunde und Menschen das gemeinsame Glück finden können.
Soviel zum Inhalt des Buches an sich. Doch lassen Sie mich kurz erläutern, warum ich gerade dieses Buch in der heutigen Zeit für so wichtig halte. In einer Zeit, wo täglich neue Hundebücher erscheinen, die sich fast ausnahmslos damit beschäftigen, Tipps und Ratschläge zu geben, wie man Hunde erziehen, „korrigieren“ oder sonst wie an die menschlichen Bedürfnisse anpasst und gefügig macht. In dieser Zeit ist es für mich persönlich besonders wichtig, hier ein Buch gefunden zu haben, welches dem Leser sehr viel Raum lässt, das eigene Glück zu finden, seinen Hund besser zu verstehen und somit beiden die Chance gibt, ihr gemeinsames Glück zu finden. Das Buch arbeitet nicht damit, wie heute oft üblich, zunächst alle anderen Hundeexperten schlecht zu machen. Zwar  wird sich klar gegen gewaltsame Einwirkungen jeglicher Art gegenüber Hunden ausgesprochen. Und auch an Beispielen dargelegt, warum Gewalt der größte Feind des Glücks ist. Dennoch ist das Buch keine Generalanleitung, kein Buch irgendeiner „Erziehungsrichtung“. Nein, wer es liest wird zum Nachdenken angeregt und motiviert, seine eigenen Gedanken so einzusetzen, dass das Leben glücklicher und auch entspannter wird. Für  Mensch und Hund.
Das Buch ist ein Lichtblick unter den Büchern, die zur Zeit rund um Hunde kursieren. Ein Lichtblick, den Sie sich gönnen sollten. Ich bin mir sicher, wenn Sie es gelesen haben, sehen sie die Welt etwas entspannter. Und Entspannung ist der Erste Schritt zum gemeinsamen Glück…
Glücksmomente
Jörg Tschentscher & Clarissa v. Reinhardt
animal learn Verlag
87 Seiten
ISBN: 978-3-936188-59-2
 Preis: €12,00 




Wolftagebuch

Das zweite Buch ist das „Wolftagebuch“ von Brian A. Connolly in einer Neuauflage beim Mariposa Verlag.
Das Buch empfinde ich deshalb als besonders wichtig, weil es Aufklärung im Bereich Natur (und hier im Speziellen über Wölfe) liefert, die anders angegangen wird als in den üblichen Naturbüchern. Es wird die Geschichte eines Jungen erzählt, der mit seiner Freundin und einem Indianer versucht, einen Wolf vor Wilderern zu beschützen. Die Geschichte liefert alles, was eine gute Geschichte braucht, damit sie speziell von Jugendlichen gelesen  – und auch verinnerlicht wird. Es wird ein Abenteuer geliefert, eine Liebesgeschichte, Romantik, Natur und der Kampf  von guten Menschen gegen böse. Aber mit viel Fachwissen und Erläuterungen rund um Wölfe und die Zusammenhänge in der Natur. Das Buch ist viel mehr, als ein Werk  nur um junge Menschen zu unterhalten. Es ist ein  informativer Roman, der für Jugendliche geschrieben wurde, aber letztlich auch Erwachsene erreichen kann und wird. Da bin ich mir sicher. Unterhaltung und Informationen in einem Buch. Ein Symbiose, die bei diesem Werk besonders gut gelingt. Deshalb lege ich es Ihnen auch besonders ans Herz. Schon aus dem Grund, weil ich der Meinung bin, dass Wissen rund um Wölfe sehr wichtig ist. Gerade, wo die Tiere wieder in Deutschland heimisch werden und vielfach noch Misstrauen und Unwissenheit herrscht. Mit diesem Buch kann sicher viel von der Unwissenheit und dem Misstrauen „überarbeitet“ werden. Damit die Wölfe bei uns ihr Glück finden und die Menschen mit Ihnen glücklich sind J

Wolftagebuch
Brian A. Connolly
Mariposa-Verlag, 2012
168 Seiten
ISBN 978-3927708648
Preis: 14,95 €












Trends rund um den Hund – Bedürfnisbefriedigung für Menschen

Der Mensch ist ein merkwürdiges Lebewesen. Er strebt immer danach, sich von anderen Menschen abzusetzen, ein einmaliges und besonderes E...