Freitag, 15. Juni 2012

Trainieren, dominieren oder einfach zusammen leben?

Kurz vor dem Wochenende hatte ich ein Telefonat mit einer potentiellen Kundin, die mit wenigen Worten das Dilemma rund um die Hundeerziehung in unseren Breiten ausdrückte.
Die Dame steht kurz vor ihrem Rentenbeginn und möchte sich jetzt, wo sie mehr Zeit hat, ihren Lebenswunsch erfüllen. Einen Hund. Sie war in ihrem Elternhaus mit Hunden aufgewachsen, konnte aber aus beruflichen Gründen bis heute keinem Hund ein Heim geben. Jetzt ist es also so weit, Sie möchte einem Hund aus dem Tierschutz eine Chance geben. So hat sich die Dame in den letzten Wochen und Monaten intensiv mit Fachliteratur, Internetforen und diversen Hundetrainern auseinandergesetzt. Sie möchte alles richtig machen, bei dem Hund, der bei ihr einziehen soll. Aber auch der Umwelt gegenüber. So rief sie heute bei mir an und schilderte mir, dass sie in dem Wust an Informationen und Diskussionen, die sie im Internet gefunden habe, aber auch durch die Meinungen verschiedener Hundeschulenbetreiber etc. in und bei ihrem Wohnort, völlig verunsichert sei. Einige würden ihr zu sehr viel Training mit dem Hund raten (pauschal, der Hund ist noch nicht da – ja nicht einmal ausgesucht), andere würden auf irgendwelchen Rangordnungen herumreiten, wo der Mensch den Hund dominieren müsse…
Sie sagte, dass sie in der Zeit der Vorbereitung auf einen Hund und der intensiven Recherche den Eindruck bekommen habe, als gebe es nur zwei Möglichkeiten, trotz aller Informationsfülle, in der Hundeerziehung abzeichnen. Ein Leben mit einem Hund würde fast ausschließlich aus trainieren bestehen, oder, als zweite Möglichkeit könne man den Hund dominieren und ihm praktisch nichts erlauben – wodurch er „funktioniere“ würde. Ich zitiere hier eine engagierte Dame und gebe kein persönliches Statement ab. Aber irgendwie war dieser Anruf, mit dieser Suche nach Hilfe, sehr bezeichnend.
Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten fragte die Dame nach: „Wenn ich jetzt einen Hund habe, muss ich dann ständig mit ihm trainieren? Oder muss ich ihn einfach den ganzen Tag unterdrücken, dominieren? Und darf ich auch mal einfach nur mit ihm leben? Wie sieht der Alltag mit einem Hund aus?“
Meine Antwort war kurz und bündig, und ich konnte durch das Telefon den Stein fallen hören, der die Dame erleichterte. Wir werden jetzt zusammen einen Hund für sie finden und dann individuell entscheiden, was im Detail zu tun ist. Aber garantiert wird sich ihr Leben, und das des Hundes, nicht ausschließlich um trainieren drehen, und schon gar nicht um dominieren…

Kommentare:

  1. Zusammen leben ! Einer ist für den anderen da! Eine Pfote wäscht die andere ! Den Artikel finden wir SUPER! Wenn man das Netz durchforstet , könnte man wirklich meinen das Leben mit einem Hund besteht NUR aus trainieren. :) Training gehört zu einem angenehmen miteinander dazu, ist aber längst nicht ALLES! Lieben Gruß von der Rotweindogge

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  2. Ich kann es gut verstehen, warum die Frau den Eindruck hat. Mir kommt es auch so vor, als sei alles so unentspannt, wenn es um die Hundehaltung geht. Wie macht man es richtig - was ist falsch - so viele gegenteilige Meinungen und jeder besteht felsenfest auf seinem Standpunkt, ohne irgendeinen Spielraum für Abweichungen einzuräumen. Im Internet kommt das alles noch einmal verstärkt 'rüber.
    Aber auch im Alltag muss man sich auf alles gefasst machen, von Komplimenten bis zu Zurechtweisungen oder vereinzelt gar Beschimpfungen ist alles möglich.

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  3. Hm- ich weiß, der Vergleich mit der Kindererziehung ist nicht immer so ganz zu ziehen, hier aber finde ich sind doch viele Parallelen: Wenn ich ein Kind habe, lebe ich mit ihm- aber leben mit einem Kind heißt auch, es auf die Umwelt und die Gesellschaft vorzubereiten- es zu erziehen- fürs Leben zu trainieren, zur fördern...
    So ist das für mich auch mit dem Hund- wir leben zusammen eine enge Gemeinschaft. Ich sorge für ihn und helfe ihm, sich in der/meiner Welt zurechtzufinden. Ich trenne Leben nicht von Training, im Training finden wir zueinander und kommunizieren immer besser miteinander, bauen eine gemeinsame Welt - miteinander! Ich trainiere ja auch nicht von oben herab, das was ich! mir! So vorstelle, sondern ich arbeite an dem, was der Hund vorgibt. Um ihn "trainieren" zu können, muss ich ihn beobachten, kennen und lesen lernen...
    Was ich mir nicht vorstellen könnte, wäre ein so einfach da-seiender, nebenher-lebender Hund, wie ich es oft sehe, wenn ich unterwegs bin...
    Da laufen die Leute und der Hund- nebeneinander, aber nicht miteinander. Der Hund geht seinen Interessen nach, der Mensch den seinen...dann geht es wieder heim und dort ist es dann genau so. Das wäre mir zu wenig.

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  4. Zusammenleben mit ein bischen Training. Ich habe letztens mit Kunden erst eine Übung gemacht, und zwar sollten sie ihren Hund Sitz machen lassen und ohne ihn zu beachten, zackigen Schrittes von ihm weggehen, ihn nicht anschauen usw., dann aber überschwenglich belohnen wenn er die Entscheidung fällt, zu ihnen zu kommen. Das war den Kunden suspekt, da der Hund hier eine eigene Entscheidung fällen konnte und nicht auf irgendein Signal warten musste, aber trotzdem belohnt wurde.

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  5. Hallo!
    Nun, ich sehe es so: Wenn ich mit einem anderen Lebewesen, egal ob Mensch oder Hund, zusammenlebe, stehe ich in Betziehung mit ihm. Ein Basis für jegliche Beziehung ist Kommunikation. d.h. immer wieder Informationen über Dinge auszutauschen, Rückmeldung zu Verhaltem zu geben usw.
    Wer das als reiner "Training" bezeichnet oder Kommunikation darauf beschränkt, beraubt sich selbst wichtiger Erfahrungen mit seinem Hund, nämlich ihm als Kommunikationspartner zu erleben, der seinem Menschen ebenfalls täglich Rückmeldung gibt durch sein Verhalten.
    Tägliche Kommunikation ist nun einmal ständige Auseinandersetzung mit dem anderen - aber das hat man als Mensch auch mit Kindern, mit seinem Partner usw.
    Dieses beim Hund als gewinnbringend anzusehen, nicht als belastend, ist meiner Meinung nach die erfrischendere Perspektive :)
    Viele Grüße!

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