Sonntag, 20. April 2014

Das Rudel und die Rudelführer

Hundeartige unterscheiden sich in ihrem Sozialleben vielfach grundlegend von den Menschen. Auf den ersten Blick kann man diese Unterschiede nur schwer erkennen, wenn man jedoch einen zweiten Blick wagt, wird man durchaus Unterschiede feststellen. Hierarchien bei Primaten (wie dem Menschen) basieren häufig auf der Durchsetzungsfähigkeit einzelner Individuen und sind ein charakteristisches Merkmal im Sozialverhalten. Vielfach nehmen die stärksten Individuen, die sich auch im Kampf durchsetzen können, die höchsten Rangstellungen ein. Durchsetzungsstarke Tiere beider Geschlechter haben die meisten Nachkommen, weil sie sich auch den besten Zugang zu wichtigen Ressourcen wie zum Beispiel Futter sichern können. Sozialer Aufstieg, Position und Status sind wichtige Bestandteile der sozialen Grundstruktur von Affen und Menschen – genauso wie die Tatsache, dass die Mitglieder einer Gruppe, einer sozialen Gemeinschaft unter Primaten nicht zwingend miteinander verwandt sind. Durch Ab- und Zuwanderung wird die genetische Vielfalt erhalten, die für den Erhalt einer Art unerlässlich ist.

Mensch hat eine andere Grundstruktur im sozialen Zusammenleben
Im Gegensatz zu vielen Primatengruppen, die von sozialem Aufstieg und Machtansprüchen gekennzeichnet sind, verhalten sich Hundeartige innerhalb ihrer sozialen Gefüge wesentlich weniger von diesen Strukturen geleitet als mancher vermutet. Insbesondere das soziale Grundgerüst der Wölfe, den alleinigen Vorfahren unserer Haushunde, unterscheidet sich deutlich von den Primaten und somit auch vom Menschen, denn sie leben in der Regel in überschaubaren Familienverbänden, die aus Elterntieren, Welpen und manchmal Nachwuchs aus dem vergangenen Jahr bestehen. Die Tiere sind also eng miteinander verwandt. Zwar gibt es gelegentlich auch Ausnahmen von dieser Regel und es wandern fremde Wölfe in das Rudel ein oder es befinden sich in seltenen Fällen zwei unterschiedliche Paare, die für Fortpflanzung sorgen, innerhalb der Gruppe, aber das ist wirklich selten. Im Regelfall besteht ein Wolfsrudel nur aus Eltern und unterschiedlich altem eigenen Nachwuchs.
Wolfrudel werden immer von Eltern „geführt“ – erwachsener Nachwuchs wandert ab
Die Führung dieser Familien obliegt natürlich den Elterntieren, der eigene Nachwuchs wird nicht versuchen, durch Kampf die Position der Eltern einzunehmen und sich dann ggf. mit einem Teil von ihnen zu verpaaren. Wenn die jungen Wölfe geschlechtsreif werden, verlassen sie meist die Familie und suchen sich einen neuen Partner/ eine neue Partnerin, um dann ein eigenes Rudel zu gründen. Der große Unterschied zu hierarchisch strukturierten Menschengruppen besteht also darin, dass sich Wolfsrudel meist aus eng miteinander verwandten Tieren zusammensetzen, deren Führung automatisch durch die Eltern-Kind-Konstellation bedingt ist. Der früher in Bezug auf Hundeartige falsch benutze Begriff „Alpha“ bezeichnet bei dieser Tierfamilie also nichts weiter als die Elterntiere. Eine Führungsposition, die durch Kampf, Stärke und Raffinesse erobert wurde, wie bei Menschen zum Beispiel im Berufsleben oder in der Staatsführung üblich, gibt es im Grundmodell der wölfischen bzw. hündischen Sozialstruktur im Normalfall nicht. Zwar bestehen Wolfseltern auch auf Einhaltung gewisser Regeln innerhalb der Familie, die deren Überleben sichern und sicher gibt es hier und da mal Auseinandersetzungen, wenn man sich nicht einig ist, wem zum Beispiel eine Ressource wie Futter zusteht. Ein ständiger Kampf und ein ständiges Sichern der „Alphaposition“ ist bei Wölfen aber nicht zu beobachten.
Strenge Hierarchien nur bei unnatürlicher Haltung im Gehege
Anders verhält es sich nur, wenn die normalen Regularien durch menschliche Einflüsse außer Kraft gesetzt werden. Dies ist zum Beispiel bei Gehegewölfen der Fall, die nicht unbedingt miteinander verwandt sind und auf sehr begrenztem Raum zusammengesetzt, manchmal regelrecht zusammengepfercht werden. Hier kann es tatsächlich zu (erheblichen) Spannungen und zu starren hierarchischen Strukturen kommen – bedingt durch ein absolut unnatürliches soziales Gefüge, wie es in freier Wildbahn niemals vorkommen würde und das absolut nicht dem sozialen Grundmuster von Wölfen entspricht.
Haushunde sind keine Wölfe mehr
Doch was ist nun mit unseren Haushunden? Durch die Domestikation verändert, sind sie keine Wölfe mehr und manch einer glaubt, ihre Lebensbedingungen seien durchaus mit der Haltung von Gehegewölfen zu vergleichen. Könnte es deshalb nicht sein, dass sich bei ihnen eine soziale Rangordnung ausbildet, die von Alphastatus, Machtstreben und Unterordnung geprägt ist? Die Antwort ist ganz klar nein, denn man kann Haushunde auf keinen Fall mit Gehegewölfen vergleichen – zumindest nicht, wenn sie in einem Umfeld gehalten werden, welches von einem Mindestmaß an Verantwortung des Hundehalters zeugt, denn Gehegewölfe leben den ganzen Tag in einem für mehrere Individuen sehr begrenzten Raum und haben kaum die Gelegenheit, sich mit Außenreizen zu beschäftigen.
Gehegewölfe streiten aus Mangel an Beschäftigung und Reizen
Sie sind keinen Territoriumseindringlingen ausgesetzt, die es zu verscheuchen oder deren Marken es wahrzunehmen und zu überdecken gilt. Es gibt keine Feinde, mit denen sie sich auseinandersetzen müssten, sei es in Form von Kampf, Flucht oder sogar friedlicher Co-Existenz. Es fehlt das große Territorium, das täglich neu entdeckt werden muss, das man schützen und erforschen muss und vor allem fehlt die lebenswichtige Aufgabe der Nahrungsbeschaffung. Die einzig nennenswerte Variable, mit der sich ein Wolf in Gehegehaltung beschäftigen kann, sind die „Mithäftlinge“. Um es platt auszudrücken, beschäftigen sich Gehegewölfe aus Mangel an anderen Aufgaben übermäßig mit dem sozialen Status, mit der Struktur des Rudels und so kommt es hier zu starken Rangkämpfen und Auseinandersetzungen. Strukturen und soziale Aspekte, die in der freien Wildbahn nicht vorkommen und auch bei der Haltung von Haushunden nicht vorkommen sollten.
Haltung von Haushunden sollte anders als Gehegehaltung von Wölfen sein
Haushunde sollten nicht nur damit beschäftigt sein, sich den ganzen Tag auf engstem Territorium mit sozialen Strukturen zu beschäftigen. Sie sollten, wie frei lebende Wölfe, diversen Aufgaben und Reizen ausgesetzt werden, damit sie nicht aus Langeweile zu Tyrannen werden. Dass man mich nicht falsch versteht – ich meine damit nicht, dass man Hunde, wie es heutzutage leider oft üblich ist, den ganzen Tag bespaßt und ihnen keine Ruhe mehr gönnt. Aber Hunde müssen raus, in ihrem Revier die Nachrichten lesen, die andere Hunde hinterlassen, müssen diversen Reizen ausgesetzt sein und sich auch als Jagdersatz körperlich austoben können. Wie das im Einzelnen aussieht, kommt auf die Rasse und das Individuum an – wichtig ist aber, dass Hunde nicht so reizarm leben wie Gehegewölfe und sich je nach Rasse über ihre Beschäftigung geistig und körperlich auslasten und dadurch nicht ihre kognitiven Fähigkeiten allein dazu nutzen, sich mit dem sozialen Status zu beschäftigen. Ein normal gehaltener Hund, der in seiner Haltungsumwelt ausreichend viel Abwechslung hat, ist also keinesfalls mit einem Gehegewolf zu vergleichen, der auf begrenztem Raum mit seinen Artgenossen gelangweilt vor sich hin vegetiert.
Wolfsrudel sind Familien
 (c) Fotolia
In diesem Zusammenhang möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass es einige Hundetrainer gibt, die behaupten, dass Hunde nicht raus müssten und man sie auch nur auf dem Grundstück oder im Haus halten könne – teilweise wird das von diesen Trainern sogar als „Disziplinierungsmaßnahme“ bezeichnet. Das ist natürlich vollkommener Unfug – ein Hund braucht die Möglichkeit  zum Erkunden um ein normales Verhalten zeigen zu können. Wird er nur auf engem Raum gehalten oder gar in einem Zwinger, kann er durch Stress, Langeweile und Verzweiflung Verhaltensweisen entwickeln, die  untypisch für seine Art sind. Genauso, wie sich der Gehegewolf untypisch für seine Art verhält, wenn er Rangordnungen all zu ernst nimmt.
Soziale Grundorganisation vom Haushund eher mit wildlebenden Wölfe zu vergleichen
Das Verhalten von Hunden ist also durch den Umstand, dass sie bei uns Menschen leben und durchaus in ihrem Bewegungsfreiraum eingeschränkt sind und ihre Nahrung nicht selbst erjagen trotzdem nicht mit dem Verhalten von in Gefangenschaft lebenden Wölfen zu vergleichen. Ihre sozialen Grundstrukturen und Bedürfnisse ähneln, will man diesen Vergleich überhaupt ziehen, eher dem Verhalten von frei lebenden Wölfen, die vielen Reizen, Aufgabenstellungen und Beschäftigungen ausgesetzt sind. Und die sozialen Grundstrukturen sind nicht auf einer totalitären, strengen Rangordnungen aufgebaut, in der ein Individuum immer aufsteigen möchte. Obgleich es natürlich Rangordnungen gibt. Diese sind aber bei weitem nicht so streng und absolut ausgeprägt, wie die Verfechter der aversiven Hundeausbildung dies immer wieder betonen – meist wohl eher als Rechtfertigung und Begründung, warum diese Menschen ihre Gewaltphantasien oder sozialen Defizite an wehrlosen Hunden auslassen…
Mensch als Rudelführer?
Aus den vorgenannten Gründen sollte man die Aussage „Du musst der Rudelführer sein“ sehr kritisch betrachten. Sicher sollte man derjenige sein, der weitgehend die Regeln des täglichen Zusammenlebens aufstellt, aber keinesfalls sollte man diese Rolle wie ein Diktator angehen, der davon ausgeht, dass er nur durch Härte verhindern kann, dass ein anderer seinen Platz einnimmt. Aufgrund seiner sozialen Grundstruktur möchte der Hund dies nämlich auch gar nicht zwangsläufig. Ganz im Gegenteil ist er eigentlich zufrieden, wenn er ein geruhsames Leben an der Seite seines Menschen führen kann, der für Grundressourcen wie Futter und Sicherheit sorgt.
Mensch hat andere soziale Grundordnung
Allerdings gibt es noch einen weiteren, sehr wichtigen Grund, warum ich als Mensch nicht der „Rudelführer“ des Hundes sein kann. Ganz einfach deshalb, weil ich kein Hund bin. Der Begriff „Rudel“ entstammt mit hoher Wahrscheinlichkeit der Jägersprache und ist nicht näher definiert, allerdings kann man ihn so weit eingrenzen, dass er von einer Gruppe von Säugetieren ausgeht, die einer Art angehören. So beschreibt der Brockhaus in einem Band den Begriff Rudel zum Beispiel als „eine Herde von Hirschen, Gämsen, Rehen oder Wölfen“. Innerhalb der Hundeszene spricht man von einem Rudel, wenn drei oder mehr verwandte Tiere dauerhaft zusammenleben, ähnlich dem Wolfsrudel – wenn hingegen nicht miteinander verwandte Tiere dauerhaft zusammenleben oder sich regelmäßig treffen (z. B. auf der Spielwiese) spricht man eher von einer Gruppe. Aber letztlich sind das Wortklaubereien, wichtig nehmen sollte man nur die Tatsache, dass ein echtes Rudel nur aus Individuen einer Art bestehen kann, weil nur Lebewesen einer Art mit den gleichen sozialen Grundstrukturen ausgestattet sind.

 

Quellen und weitere Literatur zu dem Thema:

Hundeartige: Das Nachschlagewerk der Wild- und Haushunde von Thomas Riepe von animal learn (1. August 2008)

Auf der Fährte der Wölfe von L. David Mech und Konrad Dietzfelbinger von Frederking u. Thaler (Dezember 1999) 

Der weisse Wolf. Mit einem Wolfsrudel unterwegs in der Arktis von L. David Mech von Weltbild Verlag Augsburg (1995)

TheWolf The Ecology and Behaviour of an Endangered Species by Mech, L.David ( Author ) ON Apr-30-1981, Paperback... von L.David Mech von University of Minnesota Press (30. April 1981)

Timberwolf Yukon & Co.: Elf Jahre Verhaltensbeobachtung an freilaufenden Wölfen von Günther Bloch von Kynos (Oktober 2002)

Herz, Hirn, Hund: Expertenmeinungen zur modernen Hundeerziehung von Thomas Riepe von animal learn (5. April 2012)

Aktuelle Informationen zu den Wölfen in Deutschland: www.wolfsregion-lausitz.de

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