Donnerstag, 6. November 2014

Gefährliches Monster? Überhund? Oder einfach nur Hund? Der American Staffordshire Terrier

Wenn man etwas über den American Staffordshire Terrier schreiben möchte, begibt man sich auf dünnes Eis. Dieses Eis ist nicht dünn, weil man vielleicht die Rache dieser „vermeintlich doch so gefährlichen“ Hunde fürchten muss. Nein, eher muss man die Reaktionen fürchten, die von menschlichen Gegnern oder auch Liebhabern dieser Rasse kommen können. Doch dazu später mehr. Zunächst etwas über die Hunde dieser Rasse, die mir in der Praxis begegnet sind. Doch dabei fällt es mir relativ schwer, eine auch nur annähernd allgemeingültige Aussage zu treffen. Mir sind dort nämlich American Staffordshire Terrier begegnet, die faul und träge waren, aber sicher ebenso viele, die als typische Terrier hochaktiv waren und ein gesundes Maß an Auslastung benötigten. Dann gab es sensible, dauerbeschwichtigende Vertreter und es gab selbstbewusste, die mit häufigem Imponiergehabe der Umwelt klar vermitteln wollten, dass sie sich nicht unterkriegen lassen. Es gab mutige, feige, schnell lernende, begriffsstutzige. Einige lebten mit Katzen zusammen und mochten keine Hunde, andere jagten mit Leidenschaft Katzen und begrüßten alle Hunde freundlich, ja fast schon enthusiastisch. Also, ganz ehrlich, ich habe bei meiner Arbeit noch keine zwei Vertreter der Rasse American Staffordshire Terrier gefunden, die sich so ähnelten, wie man es von Vertretern einer Rasse vermuten mag.  

AmStaffs aus dem Tierschutz 

(c) Fotolia
Das liegt sicher auch darin begründet, dass Der AmStaff in meiner Heimat, NRW, durch Verbot nicht mehr als Welpe zu seinen Besitzern kommt und die Tiere, die mit ihren Besitzern bei mir vorstellig wurden (übrigens allesamt mit mehr oder weniger „kleinen“ Problemen wie z. B. Unsauberkeit, Angst vor Lärm o. ä.), ihre Hunde immer aus dem Tierschutz übernommen hatten. Und alle diese Hunde hatten somit eine Vorgeschichte, die man in den wenigsten Fällen genauer kennt. Darum weiß man nicht, wie die Tiere geprägt wurden, welchen Kontakt sie zu Menschen, zu anderen Tieren, zu Artgenossen und ihrer Umwelt insgesamt hatten. Waren sie umsorgter Welpe oder „Massenprodukt“? All diese Dinge, die einen wichtigen Einfluss für die Beurteilung eines Hundes haben, liegen meist völlig im Dunkeln. Das macht die Grundeinschätzung natürlich schwer. Hat ein AmStaff z. B. schlechte Erfahrungen mit Hunden oder Menschen gemacht, kann darin natürlich eine gesteigerte Aggressivität diesen Lebewesen gegenüber begründet sein. Aber das ist nicht nur beim AmStaff so – auch ein Pudel, der schlecht behandelt wurde oder negative Situationen erlebt hat, versucht diese Behandlung oder die negativen Situationen in Zukunft zu vermeiden – und dies möglicherweise durch Aggressivität. Angriff als Verteidigung…

Doch wie gesagt, in meiner täglichen Praxis konnte ich bislang nicht feststellen, dass sich AmStaffs grundsätzlich aggressiver verhalten als andere Rassen. Viele von ihnen haben eben nur eine Geschichte hinter sich, die trauriger ist als die von manch anderem Hund. Doch auch diese Hunde werden langsam weniger, zumindest bei uns in NRW, weil hier die „Alten“ naturbedingt immer weniger werden und Zucht und Verkauf von Welpen ja verboten ist. Für mich nicht ganz nachvollziehbar – in meinen Augen ist der AmStaff ein Tier mit vielen Eigenschaften und Facetten, aber bestimmt kein grundsätzlich „gefährlicher Hund“, wie in einigen Bundesländern in der Landeshundeverordnung festgehalten. American Staffordshire Terrier sind keine gefährlichen Hunde, sie sind einfach nur Hunde. Und sicher kann ein Hund gefährlich sein – wenn der Mensch ihn gefährlich „macht“ und für seine Zwecke missbraucht. 

Kräftiger Hund 

Allerdings, und damit komme ich zurück zum Anfang, muss man ganz klar berücksichtigen, dass ein AmStaff ein für seine Größe überaus kräftiger Hund ist (ein Whippet ist in etwa gleich groß, wiegt aber die Hälfte…), der, außer Kontrolle geraten, sicher einen großen Schaden anrichten kann. Darum darf man solch kräftige Hunde nicht unterschätzen, vor allem, wenn man seine Geschichte nicht kennt und nicht weiß, welche negativ prägenden Ereignisse sein Verhalten beeinflussen können. Wie gesagt, das gilt für jeden anderen Hund des Kalibers auch – allerdings ist es nun einmal Fakt, dass AmStaffs in mehr Fällen eine negative Erfahrung gemacht haben als vielleicht Wolfsspitze. Zumindest die, die früher von solchen Menschen gehalten wurden, die die Hunde als Statussymbole oder gar als Waffe in einem bestimmten Milieu missbraucht haben. Heute halten solche Menschen aufgrund von Verboten und Auflagen keine American Staffordshire Terrier mehr. Aber das heißt nicht, dass diese Leute keine Hunde mehr halten. Leider müssen jetzt andere Rassen, ohne große Auflagen, aber auch als Statussymbole oder Waffen missbraucht, mit ihren zwielichtigen Besitzern durch die Rotlichtviertel der Städte patrouillieren. 

Engagierte Halter 

AmStaffs hingegen, die man heute noch sieht, sind jetzt meist im Besitz von engagierten Tierfreunden, die sich diesen Hunden aus Tierliebe oder aus großer Verbundenheit mit speziell dieser Rasse widmen. Allerdings sieht man sich hier auch manchmal mit dem Phänomen konfrontiert, dass dieses Engagement sehr extrem ist und der AmStaff von einigen Rasseliebhabern als eine Art „Überhund“ dargestellt und keinerlei Diskussion zugelassen wird. „Arme AmStaffs“, kommt mir da manchmal der Gedanke, „in einem Hundeleben von einer extremen Haltung ins gegenteilige Extrem geraten“.

Mein persönliches Verhältnis zu American Staffordshire Terriern ist übrigens komplett neutral. Ein AmStaff ist ein Hund. Und ich liebe alle Hunde…

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