„Leinenimpuls“ – Ist das schon Gewalt?

Stellen Sie sich einmal vor, jemand „schlägt“ Ihnen relativ leicht auf den Oberarm. Und zwar so, dass es nicht direkt einen starken Schmerz auslöst. So etwas  stört niemanden wirklich. Wird dieser leichte Schlag jedoch in kurzen Abständen auf die gleiche Stelle wiederholt, kann man deutlich spüren, wie die leichten Schläge mehr und mehr „nerven“, man merkt eine gewisse Wut in sich aufsteigen und nach einer gewissen Zeit fühlen sich die leichten Schläge plötzlich nicht mehr harmlos an. Je häufiger die gleiche Stelle getroffen wird, desto unangenehmer wird das Empfinden dieses Reizes, bis man deutliche Schmerzen spürt. Die Schläge werden einzeln vom Gehirn als harmlos interpretiert, aber mehrere „harmlose Reize“ werden plötzlich als Gefahr angesehen und der Körper reagiert so, wie er bei einem starken, die Gesundheit bedrohenden und stark schmerzenden, einzelnen Reiz reagieren würde.

Schmerzforschung
Aus der humanen Schmerzforschung ist nach heutigem Wissen bekannt, dass länger andauernde oder in kurzen Abständen wiederholte Schmerzreize zu einer gesteigerten Schmerzempfindlichkeit führen. Was sogar zu einer Verselbständigung der Schmerzen führen kann, zur so genannten Gedächtnisspur des Schmerzes (lt. Grunst, PK Neurologie, 3.A. & online). Das heißt, dass ein Individuum, welches mit Schmerzreizen in kurzen Abständen konfrontiert wird, auch Schmerz spüren kann, wenn gar kein Schmerzreiz vorliegt. Menschliche Schmerzpatienten werden wissen, worüber ich hier schreibe…
Aufgrund der Anatomie und der weitgehenden Ähnlichkeiten der Nervensysteme von Mensch und Hund ist davon auszugehen, dass Schmerz und Schmerzreize beim Hund genauso wirken, wie beim Menschen.
Steter Tropfen...
Zurück zum Oberarm. Unsere Schmerzempfindlichkeit steigt also, je häufiger uns in geringem Abstand dorthin geschlagen wird – wenn auch nur leicht. Wir werden wütend und fahren unsere körperlichen Abwehrmechanismen hoch, um uns von diesem Störreiz, der zunehmend gefährlich werden kann, zu befreien. Warum auch der leichte Schmerzreiz durch wiederholung gefährlich werden kann, erklärt sich eigentlich von selbst, wenn man an den Wassertropfen denkt, der einzeln einem Felsen nicht gefährlich werden kann. Stetes tropfen kann einen Felsen aber aushöhlen. Nun ist unser Körper aber kein Felsen, sondern ein lebender Organismus, der sich gegen das Aushöhlen wehrt.
Genauso wehrt sich natürlich auch der Körper des Hundes gegen das „Aushöhlen durch steten Tropfen“. Oder besser gesagt gegen viele „kleine“ Schmerzreize. Und wie können die ausgelöst werden? Klar, z. B. durch dauerndes, sich wiederholendes Rucken und Zupfen an der Leine. Auch hier steigt mit jedem „Zupfer“ die Schmerzempfindlichkeit – so lange, bis der Körper seine Abwehrmechanismen hochfährt, so wie bei einem einzelnen starken Schmerzreiz. Welche Konsequenzen ein Schmerz oder die Anwendung von Schmerz in der Hundeerziehung auf die Psyche und eine damit verbundene Gefährlichkeit hat, möchte ich an dieser Stelle nicht erneut gesondert erläutern. Genaue Angaben dazu finden Sie in diesem BLOG in folgendem Artikel:
Wenn also bei einem Hundetraining mit so genannten „Leinenimpulsen“ gearbeitet wird, bei denen der Hund durch Leinerucken, oder auch „nur“ wiederholtem „Leinezupfen“ z. B. dazu gebracht werden soll, dem Besitzer Aufmerksamkeit zu schenken um etwa die Leinenführigkeit zu erlernen, werden die „Impulse“ in Summe genau so schmerzhaft sein wie ein einzelner, starker Schmerzreiz. Über den starken Leinenruck möchte ich mich an dieser Stelle auch nicht extra äußern, dessen schmerzhafte Wirkung und zudem Bedrohung für die Gesundheit des Hundes (Wirbelsäulenverletzungen etc.) kann eigentlich kein ernstzunehmender Mensch abstreiten. Mit dem moralischen Aspekt muss jeder selbst umgehen.
Bereits Gewalt?
Aber weg vom eindeutig schmerzverursachenden Leinenruck, zurück zum wiederkehrenden „Leinenimpuls“. Ist diese Methode bereits Gewalt? In meinen Augen ganz klar. Sie verursacht eindeutig Schmerzen und Unwohlsein beim Hund, mit allen bekannten Nebenwirkungen wie gesteigerter Aggressivität und verschlechterter Lebensqualität im Allgemeinen. Hunde erziehen mit Leinenimpuls? Klare Gewalt, wenn auch für viele auf den ersten Blick nicht ersichtlich…
Vielleicht werden diese Zeilen auch von Hundehaltern gelesen, die die Methode „Leinenimpuls“ bei Ihrem Hund anwenden und diese nie als Gewalt angesehen haben, weil sie die einzelnen „Impulse“ ja in Ihren Augen gar nicht „so hart“ ausführen und glauben, dass sie damit den Hund nur „aufmerksam“ machen. Ich würde mich freuen, wenn in den Fällen das eigene Handeln hinterfragt würde, aufgrund der möglicherweise neuen Informationen.

Nachtrag vom Autor am 28.06.2011:
Es versteht sich von selbst, dass es noch viele weitere Aspekte gibt, die gegen die Anwendung von "Leinenimpulsen" in der Hundeerziehung sprechen. Hier möchte ich aber vorrangig erläutern, dass diese "Methode" ernsthaft schmerzverusachend wirkt. Eine Tatsache, der sich viele Hundehalter nicht bewusst sind...

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