Samstag, 28. Dezember 2013

Ein bisschen erschrecken schadet doch nicht – Oder: Die Suche nach dem Tal der Deppen…

Eigentlich ist Klartexthund ja im Urlaub. Aber es gibt Geschichten, die muss man erzählen, solange sie noch frisch sind – damit man dazu noch die emotionale Nähe hat…
 
Heute Vormittag. Ich gönne mir ein Frühstück auswärts in einem Restaurant in der Stadt. Zwischen Weihnachten und dem Jahreswechsel ist es dort erwartungsgemäß recht voll. Da kommt ein Paar mit einem kleinen Hund herein, den ich als Westie identifiziere. Sie setzen sich an den Tisch direkt neben mir. Der Hund legt sich unter den Stuhl seines Frauchens und drückt sich an deren Beine. Er zeigt deutliches Stressverhalten. Er hechelt stark, sabbert dabei und klemmt die Rute fast schon in den Körper. Eine Kellnerin kommt vorbei, beladen mit gebrauchtem Geschirr und Besteck. Fast direkt am Tisch des Hundes und seiner Besitzer fällt etwas vom Besteck scheppernd auf den Boden, fast erwischt eine Gabel den Hund. Die Besitzer ignorieren den Hund…
Gestresster Hund wird ignoriert
Das Restaurant wird immer voller. Menschen drängen an den Tischen vorbei, einige bleiben vor den Tischen stehen um nach einem Platz zu suchen, andere ziehen ihre schweren Winterjacken aus – einmal jemand so, dass der umherschleudernde Ärmel den Hund fast im Gesicht trifft. Dann scheppert es wieder irgendwo im Raum, weil jemand eine Tasse vom Tisch fallen lässt, woanders erneut eine Gabel zu Boden knallt. Ich beobachte den Hund und stelle eine Geräuschempfindlichkeit fest. Bei jedem lauteren Geräusch zuckt er zusammen und presst sich immer stärker an Frauchen, die ihn aber konsequent ignoriert. Schon nach zwei bis drei Minuten ist der Hund kurz davor, panisch zu werden – seine Augen sind starr und weit geöffnet. Er fängt an zu wimmern. Und – Frauchen reagiert plötzlich. Sie ruckt einmal an der Leine und zischt ein „Still“ in Richtung des Hundes. Da reicht es mir. Zwar habe ich mir vorgenommen, so gut es geht nicht den Schlaumeier raushängen zu lassen und nicht jeden immer und überall von meinem Umgang mit Hunden überzeugen zu wollen. Aber das hier war zu viel. Ich ärgere mich sogar, dass ich erst nach einigen Minuten eingegriffen habe. Ich frage also die Hundebesitzer, ob sie nicht bemerken würden, dass ihr Hund gerade Höllenqualen leiden würde und bitte sie, den Hund auf den Arm zu nehmen und mit mir vor die Tür zu gehen – was dem Mann gefällt. Er ist Raucher.
Selbst verschuldete Geräuschempfindlichkeit
Draußen erfahre ich, dass sie den Hund bewusst mitgenommen haben, damit er die Angst vor Geräuschen verliere – laut ihrer Hundetrainerin sollen sie den Hund gezielt solchen Situationen aussetzen. Er soll sich daran gewöhnen, wenn er Angst hat, soll er konsequent ignoriert werden und wenn er jammert oder laut wird, soll er konsequent zurechtgewiesen werden. Als ich diese Worte höre, kommt in mir ein Verdacht auf. Ich fragte die Besitzer, ob der Hund vielleicht an anderer Stelle schon einmal ein „Fehlverhalten“ gezeigt hätte und ob sie ihn dann auch immer zurechtgewiesen hätten. „Natürlich“, sagte die Frau. „Er hat an der Leine immer andere Hunde angekläfft. Unsere Trainerin hat uns dann geraten, ihm immer ein Schlüsselbund vor die Nase zu werfen, wenn er das macht. Das hat wunderbar geklappt“. Meine Frage darauf: „Und? Lassen Sie mich raten. Jetzt geht er ruhig an anderen Hunden vorbei. Zieht er dabei auch die Rute ein und schaut unsicher zu Ihnen?“
„Ja, genau“, antwortet die Frau, „woher wissen sie das? Sind sie so eine Art Hundeflüsterer?“
„Nein“, antworte ich, „ ganz bestimmt nicht. Als Kind wurde mir schon beigebracht: Wer flüstert, der lügt…“
Hund muss nicht wieder ins Restaurant
Nun gut, nach diesem kurzen Gespräch konnte ich die Menschen sachlich davon überzeugen, den Hund nicht wieder in das Restaurant zu schleppen. Dann habe ich Ihnen noch einige Tipps bezüglich des Tröstens von Hunden gegeben, ihnen eine Visitenkarte überreicht und ihnen eine kostenlose Beratung angeboten. Ich weiß, wirtschaftlich dumm, vielleicht auch nicht fair den Wettbewerbern gegenüber. Ist mir aber schnurzegal – der kleine Hund tut mir einfach leid. Ich hoffe, sie melden sich…
Was mich aber mehr als wütend macht sind die Ratschläge dieser „Hundetrainerin“. Was hier nämlich mit dem Hund geschehen war, lag auf der Hand. Eine Leinenaggression des Hundes gegen Artgenossen wurde einfach mit Schreckreizen schnell „wegtrainiert“. Was eine Geräuschempfindlichkeit zur Folge hatte, die in einer starken Furcht gegenüber sämtlichen, auch alltäglichen Schreckreizen gipfelte. Und wenn sich der Hund fürchtet, „darf“ er nicht einmal getröstet werden – sondern soll ignoriert werden. Weil trösten angeblich die Furcht verschlimmert. Dass das Unfug ist, kann man hier nachlesen:
Das Tal der Deppen
Es ist wirklich unglaublich, mit welchem Blödsinn Hunde konfrontiert werden, welche „Erziehung“ sie über sich ergehen lassen müssen. Und komm mir keiner mit dem Spruch, dass „ein kleines bisschen erschrecken doch nicht schadet“. Jedem, der das in dem Zusammenhang mit diesem vollkommen verängstigten kleinen Westie sagt, dem wünsche ich, dass er dieses Traumata mal selbst erlebt. Am liebsten würde ich alle, die solch einen Käse verbal verbreiten mal in ein Tal beamen. Ein Tal, wenige Meter breit, mit hohen, steilen Seitenwänden. Und von diesen Seitenwänden fallen immer mal wieder dicke Steinbrocken ins Tal – ganz unkalkulierbar, plötzlich – aber oft. Sie fallen auf jeden, der durch das Tal wandert. Und diejenigen, die ich dorthin beame, müssen immer wieder durch das Tal laufen. Wenn sie das eine Ende erreicht haben, müssen sie wieder zurück –jeden Tag. Natürlich werden sie sich vor jedem Gang fürchten. Aber trösten darf sie keiner…
Und nicht nur die „Bisschen-erschrecken-Schwätzer“ wünsche ich in dieses Tal der Deppen. Alle Hundetrainer, die so etwas raten wie die vorher genannte Hundetrainerin, wünsche ich auch in das Tal. Was allerdings zur Folge hätte, dass ein Großteil der deutschen Hundetrainer auf einen Schlag verschwunden wäre…
In diesem Sinne. Ich wünsche einen guten Rutsch ins Jahr 2014! Aber Vorsicht! Nicht dass jemand im falschen Tal landet ;-)
(c) Fotolia
 

Freitag, 13. Dezember 2013

Silvester - Hunde trösten erlaubt und wichtig!

Mein Hund Puzzel liegt auf seiner Fensterbank und geht seinem Job nach. Unser Haus bewachen und mich benachrichtigen, wenn draußen etwas vor sich geht, was uns bedrohen könnte. Plötzlich, ein lauter Knall. So laut, dass die Scheiben vibrieren. Ich erschrecke mich und schaue zu Puzzel in Richtung Fensterbank. Er liegt ruhig, aber sein Blick und seine Ohren sind auf einen Punkt draußen gerichtet. Noch bevor ich aufstehen kann um in meiner Besorgnis nachzusehen, was passiert ist, sehe ich, wie seine Ohren sich etwas abdrehen, er nichts mehr fixiert und seinen Kopf entspannt absenkt. Das beruhigt mich, Puzzel hatte etwas wahrgenommen, kontrolliert, was es war und blieb völlig ruhig – was auch mich beruhigte. Sein Verhalten und seine Stimmung übertrug sich direkt auf mich. Meine „Angst“, bzw. das bedrohliche Gefühl verschwand. Trotzdem stand ich auf um nachzusehen. Irgendetwas war von einem LKW gefallen, die Menschen waren gerade dabei wieder aufzuladen. Puzzel hatte aber erkannt, dass die Situation keinen Einfluss auf unsere Sicherheit hatte, entspannte und bevor ich nachgesehen hatte entspannte ich durch sein Verhalten.
Andere Situation. Es ist Abend, ich hatte einen stressigen Tag. Zudem muss ich mich innerlich noch auf einen Termin am nächsten Tag mit unangenehmen Menschen vorbereiten. Ich habe zwar keine direkte Angst davor, aber ein schlechtes Gefühl. Ich sitze auf dem Sofa, mit diesem schlechten Gefühl. Puzzel liegt und hebt den Kopf – er kennt mich so lange und so gut, dass er mich besser einschätzen kann, als ich es selbst kann. Er steht auf, kommt zu mir, setzt sich und drückt seinen Körper an meine Beine und legt seinen Kopf auf mein Knie. Was ich natürlich mit einer ausgiebigen Knuddelattacke beantworte. Wonach das schlechte Gefühl fast verschwunden war. Dank Puzzels Trost und seiner sozialen Unterstützung für mich…
Warum ich das erzähle? Nun, wie Puzzel in den beiden Situationen mit mir umging war letztlich ein Beispiel dafür, wie Hundehalter mit der Silvesterknallerei umgehen können. Leider ist das alle Jahre wieder ein Thema. Soll man den Hund ignorieren oder trösten, wenn er sich vor der Knallerei fürchtet? Und so, wie es beim Thema Hund immer ist, gibt es dort unterschiedliche Sichtweisen – was ich in dem Punkt nicht wirklich verstehe. Wenn man in einer Situation ist, wo sich ein  Lebewesen fürchtet. Ein Lebewesen auch noch, zu dem ich eine enge Beziehung habe. Wenn mir dort meine Intuition nicht sagt, was ich zu tun habe, dann bin ich wahrscheinlich schon so verwirrt von den Unmengen unterschiedlicher und komplexer Informationen im Hundebereich, dass mein Bauchfühl nicht mehr richtig funktioniert…
Ich möchte hier gar nicht zu tief auf das Thema eingehen, mit Fremdworten um mich schmeißen. Eins sollte man aber klarstellen, weil die Fachwortkleinigkeitskrämer überall lauern. Zwischen Angst und Furcht gibt es einen Unterschied. Angst für sich genommen ist nicht greifbar, man hat z. B. Angst, wenn man sich im Dunkeln bewegt. Furcht ist dagegen ein Gefühl, das durch eine konkrete, reale Bedrohung ausgelöst wird. Allerdings sind die Übergänge oft fließend und Furcht wird auch Realangst genannt. Daher möchte ich hier im weiteren Verlauf den Begriff Angst bevorzugen.

Aber zurück zur Hundeangst und dem verwirrten Bauchgefühl der Hundehalter. Dem Gefühl möchte ich mit einigen Informationen auf die Sprünge helfen.
Angst ist ein unangenehmes Gefühl. Die Natur möchte uns damit mitteilen, dass wir etwas an unserem Aufenthaltsort und unserem Verhalten ändern sollten, um sicher zu sein. Angst ist also ein unangenehmes Gefühl. Gesteuert wird dieses Gefühl von diversen Hormonen im Körper, die das Stresssystem regeln.
Zuwendung von Sozialpartnern und Körperkontakt senken Blutdruck und Atemfrequenz durch Hormone, die den Stresshormonen entgegenwirken. Diese Zuwendung beschreibt man mit trösten und das daraus resultierende Gefühl ist gut. Man empfindet Trost, man fühlt Trost. Einfach ausgedrückt: Trösten fördert ein gutes Gefühl. Und gute Gefühle verdrängen die schlechten Gefühle. Mit Trost kann ich also Angst bekämpfen, verdrängen. Wenn man das Wort Trost als zu vermenschlichend ansieht, kann man es gern durch soziale Unterstützung ersetzen. Und die wird bei allen sozialen Lebewesen gezeigt – ob Mensch, Hund, Wolf oder Maus…
Also, soziale Unterstützung ist gut, wichtig und richtig. Ignoriere ich einen Hund wenn er Angst hat, verhalte ich mich schlicht nicht sozial.
Erwähnen sollte man noch, dass die oft genannte Ansicht, dass man durch die Zuwendung das „Verhalten“ Angst fördern und noch schlimmer machen könnte, in allen Belangen als unkorrekt bezeichnet werden kann. Angst ist kein Verhalten, sondern ein Gefühl – ein schlechtes Gefühl. Das kann man nicht mit einem guten Gefühl verstärken, sondern damit bekämpfen. Verstärken kann man mit Zuwendung, mit etwas Positivem ein Verhalten, kein schlechtes Gefühl.
Allerdings, da kommen wir auf Puzzel und mich am Anfang zurück. Es kann natürlich auch sein, dass ein Hund gar keine Angst vor der Knallerei hat. Dass er nur wissen möchte, ob sie bedrohlich ist. So wie ich wissen wollte, ob unser Haus irgendwie in Gefahr ist. Wenn der Hund eine enge Bindung an seinen Halter hat, wird er sich an diesem orientieren – wenn der Halter ruhig und entspannt bei einer Knallerei bleibt vermittelt er dem Hund, dass keine Gefahr droht. So wie Puzzel mir durch seine Ruhe vermittelt hat, dass er draußen keine Bedrohung erkennen konnte. Genauso kann der Hundehalter seinem Hund durch Ruhe und Besonnenheit vermitteln, dass die Knallerei nichts ist, was das Leben bedroht. Wenn der Hund also „fragt“, was das ist, kann man ihn ganz ruhig und kurz ansprechen (z. B. „alles in Ordnung“) und einer normalen Tätigkeit weiter nachgehen – die Knallerei ignorieren. Nicht den Hund.
Hat ein Hund aber schon Angst oder zeigt deutliche Anzeichen, dass ihm unwohl ist – dann bitte trösten, soziale Unterstützung bieten. Diese aber dann auch nicht so, dass sie dem Hund noch mehr Angst macht. Reden Sie nicht wie eine Maschinenpistole auf den Hund ein, sondern vermitteln ihm wieder Ruhe und Souveränität. Kommt der Hund zu Ihnen und sucht Körperkontakt, dann gewähren sie ihm diesen. Streicheln Sie ihn und sprechen ab und zu beruhigende Worte. Allerdings sollten Sie ihrem Hund auch keinen Körperkontakt aufzwingen – wenn er sich zum Beispiel unter dem Sofa verkrochen hat. Reden Sie nicht auf ihn ein, er solle hervorkommen. Ziehen sie ihn vor allem nicht hervor! Wenn er sich dort relativ sicher fühlt, lassen sie ihn dort, verlassen ihn aber nicht. Nehmen Sie sich ein Kissen, eine Decke und setzen sich auf den Boden. Vielleicht kommt er ja selbst hervor…
Wie sie letztlich individuell mit Ihrem Hund umgehen, überlassen Sie ruhig ihrem Bauchgefühl. Sie können das, glauben Sie mir. Denken Sie an die vorher genannten Hinweise, bleiben Sie selbst ruhig und trösten den Hund bitte, wenn er Angst hat. Das verstärkt, verdammt nochmal, nicht die Angst ;-)  
 
Mit diesen Worten verabschiedet sich Klartexthund für dieses Jahr. Ich wünsche den Lesern ein schönes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2014! 
…2014 erscheint übrigens ein neues Buch, das ich mit Kathrin Schar zusammen geschrieben habe. Nur mal so am Rande erwähnt ;-)

http://www.amazon.de/Hunde-halten-mit-Bauchgef%C3%BChl-intuitiven/dp/3840420318/ref=pd_sim_b_7
 

 

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Aggressive Hunde: Dominanz oder Arthrose?

Wenn man tatsächlich mit Menschen und ihren Hunden arbeitet, sammeln sich automatisch Daten an, die den Erfahrungsschatz vergrößern und die man durchaus statistisch verwenden kann – die aber auch Augen und Horizonte öffnen können. So habe ich einmal die Daten zusammengestellt, die mir oft im Zusammenhang mit Hunden und Aggressionen begegnen. Die Fälle, die ich ausgewertet habe, stellten sich folgendermaßen dar: Es ging um Hunde, die aggressives Verhalten (statistisch hier inklusive Drohverhalten wie knurren, obwohl fachlich nicht korrekt als Aggression anzusehen)gegen den Besitzer und Menschen zeigten. Da ich bei einem solchen Verhalten immer zuerst den Tierarztbesuch empfehle, ergeben sich bei Hunden mit dem benannten Verhalten folgende statistische Daten: Hunde, die bei mir vorgestellt wurden und aggressives Verhalten zeigten (wie vorher beschrieben und dem Tierarzt vorgestellt wurden), hatten zu 63 % (!) gesundheitliche Probleme. Es handelte sich dort in erster Linie um Erkrankungen des Bewegungsapparates wie ED, HD oder diverse Arthrosen und Rückenprobleme. Aber auch schmerzhafte Ekzeme der Haut sowie organische Erkrankungen, die den Körper belasten und somit die Reizschwelle heruntersetzen, traten im Zusammenhang mit aggressivem Verhalten auf.
Dies sind zwar keine wissenschaftlichen Daten, sondern reine Statistiken meiner Arbeit. Allerdings zeigen für mich diese Daten auf, dass ein deutlicher Zusammenhang zwischen aggressivem Verhalten und schmerzhaften, bzw. belastenden Erkrankungen oder Verletzungen besteht. Eigentlich keine Sensation – ist bei Menschen ja nicht anders. Nur bei Hunden wird das meiner Meinung nach nicht genug beachtet. Noch schlimmer ist innerhalb dieser Statistik, dass von diesen 63 % der Hunde mit Erkrankungen, vor meinem Hinweis nur ca. ein Drittel schon einmal beim Tierarzt vorgestellt wurde. Die anderen zwei Drittel wurden aber direkt trainiert und dabei mehrheitlich wegen vermeintlicher Dominanzprobleme. Was heißt, Hunde mit Schmerzen, die einfach nur in Ruhe gelassen werden möchten, wurden von irgendwelchen rudelführenden Deppen noch mit Leinenruck, Rappelbüchsen, Nierenzwickern oder ähnlichem Unfug behandelt, um ihnen die Dominanz auszutreiben und ihnen zu zeigen, wer der Boss ist. Zwei Drittel der nachgewiesen durch Krankheit aggressiven Hunde, wurden unterdrückt und aversiv behandelt…
Mir sind diese Erfahrungswerte natürlich bekannt – es ist aber erstaunlich, dass die Erfahrungswerte in Prozentzahlen ausgedrückt auch auf mich einen noch größeren Eindruck machen. Darum möchte ich die Zahlen hier veröffentlichen, damit vielleicht einige Hundehalter, die ein vermeintliches Aggressionsproblem haben, auch mal andere Möglichkeiten für das Verhalten in Betracht ziehen, als dieses überflüssige Dominanz- und Rudelführergerede.  
(c) Fotolia
 

Montag, 25. November 2013

Hundeprofi versagt als Rudelführer

Nieselregen, nasse Wege, Pfützen. Unser Gassigang im Wald ist nicht wirklich schön heute. Aber wir müssen da durch… Puzzel und ich nehmen es auch hin wie es ist. Nur Koka, die eigentlich das beste „Outdoorfell“ hat, das man sich vorstellen kann, möchte sich nicht mit den äußeren Umständen anfreunden. Regen von oben ist ja noch okay, aber dieser Matschweg, den Herrchen heute ausgesucht hat, geht bei ihren Prinzessinnenpfoten gar nicht. Also driftet sie langsam vom Weg ab, mitten in den Wald hinein, einem laubbedeckten Rehpfad folgend – in direkter Richtung zu unserem Auto. Nur eben diagonal und nicht im Rechteck dem eigentlich Weg folgend. Puzzel und ich folgen ihr. Der Weg ist dank des Laubs zwar angenehmer unter den Füßen, allerdings müssen wir einige Hindernisse (umgefallene Bäume, enges Strauchwerk) überwinden bis wir zielgenau am Fahrzeug landen. Koka hat uns sicher manövriert, einen neuen, uns vorher völlig unbekannten Weg gefunden, bzw. angelegt. Und sie hat von sich aus die Führung übernommen – und wir sind ihr gefolgt. Unfassbar. Ich als „Hundeprofi“ (mir fällt gerade in dem Zusammenhang kein besseres Wort ein ;-) ) gebe die Führung in Kokas Pfoten. Ich versage vollkommen als „Rudelführer“ …
Vermutlich wird sie jetzt zu einem dominanten Monster mutieren. Muss mir schon einmal ein Training überlegen, um das Schlimmste zu verhindern.
 
 

Freitag, 15. November 2013

Der perfekte Hund

Mein „Seminarhund“ Karl-Otto ist der fast perfekte Hund, praktisch die „Eier legende Wollmilchsau“. Er lässt alles (wirklich alles) über sich ergehen, bellt nicht, jagt nicht, bleibt dort sitzen, wo man ihn absetzt, zieht nicht an der Leine und kommt nicht auf die Idee selbstständig irgendeinen Unfug zu veranstalten. Seine Pflege ist überschaubar, er ist gesundheitlich stabil – nur Feuchtigkeit mag er nicht. Er ist stubenrein, braucht wenig bis gar keinen Auslauf bzw. frische Luft. Menschliche „Erziehungsfehler“ steckt er kommentarlos weg und beantwortet einen „robusten“ Umgang mit ihm niemals mit Aggression. Er ist verträglich mit Hunden, Katzen, Vögeln – eigentlich allen Lebewesen. Und er strebt garantiert nicht nach der Rudelführerrolle – menschliche Rudelführer können sich aber an ihm austoben. Leinenruck etc. lassen ihn vollkommen kalt…
 Gut, als Wachhund taugt er nicht, da er sehr ruhig ist und es ihn nicht stört, wenn Fremde in sein Revier eindringen. Es gibt aber Geschwister von ihm, die mittels Bewegungssender Eindringlinge erkennen und dann bellen – und auf Knopfdruck wieder damit aufhören.  Natürlich kann man Karl-Otto auch zum Joggen mitnehmen, er tut sich nur mit dem selbstlaufen schwer – schwer vom Gewicht ist er aber nicht, weshalb man ihn beim Joggen ggf. auch tragen kann. Kurzum, Karl-Otto, oder besser noch sein sensorisch bellender Bruder, sind DIE Hunde für Hundebesitzer, die den perfekt funktionierenden Hund suchen.
 

Sonntag, 10. November 2013

Sind Hunde Demokraten, Diktatoren oder…?

Die Sprüche, mit denen man in der Hundewelt – oder besser in der Welt der Hundebesitzer - konfrontiert wird, kann man manchmal schon als absurd bezeichnen. Ein klassisches Beispiel für diese Kategorie der Sprüche ist mit Sicherheit die Aussage, dass Hunde keine Demokraten sind. Betrachtet man diesen Spruch ganz nüchtern, so entspricht er sicherlich der Wahrheit. Ich habe zumindest noch keinen Hund gesehen, der einen Umschlag in eine Wahlurne wirft oder seine Pfote bei einer Abstimmung im Parlament hebt. Die Demokratie ist ein Modell, das Menschen entworfen haben, um einigermaßen friedlich miteinander zu leben. Aber Menschen haben noch andere Modelle, wie sie zusammenleben. Diktaturen und Monarchien zum Beispiel. Ist ein Mensch nun kein Anhänger der Demokratie, wo die Mehrheit einer Bevölkerung über wichtige Entscheidungen abstimmt, dann ist er vielleicht Anhänger eines diktatorischen Systems, wo nur wenige die Entscheidungen für alle treffen, meist werden diese Entscheidungen mit Druck und/oder Gewalt durchgesetzt. Wenn Hunde also nach unserem Spruch keine Demokraten sind, dann können sie also nur Diktatur- oder Monarchieanhänger sein. Gut, schließen wir Monarchien einmal aus – ein Hund mit Krone und Zepter sieht irgendwie lächerlich aus. Bleibt also die Diktatur. Hunde sind somit keine Demokraten sondern Freunde der Diktatur. So interpretiere ich persönlich den Spruch „Hunde sind keine Demokraten…“
 
Aber mögen Hunde Diktaturen wirklich?
Gibt es in allen Hunderudeln, Hundegruppen ein totalitäres System, wo ein oder zwei Individuen alle Entscheidungen für die Anderen treffen und diese Entscheidungen notfalls mit Gewalt und Schmerz durchsetzen? Und müssen diese Diktatoren immer damit rechnen, durch Gewalt gestürzt zu werden? Nein, natürlich nicht. Das ist ein Märchen, welches immer noch in den Köpfen der Menschen herumgeistert. Wenn man, wie ich, seit langer Zeit die verschiedensten Hundegruppen beobachtet, kann man getrost sagen, dass Hunde mit Sicherheit nicht in demokratischen Dimensionen leben, aber die totalitären Gruppenstrukturen, wie sie immer noch von vielen „Hundeexperten“ propagiert werden, gibt es in der echten Hundewelt auch nicht. Eine Gruppe, ein Rudel von ursprünglichen Wildhunden wie z. B. Wölfen ist eigentlich nichts weiter als ein Familienverband. Hier wird keiner verprügelt oder gebissen, wenn er zu lange allein weg war oder sich allein entfernt. Das ist auch gar nicht nötig. Sind die Eltern souveräne Anführer, wird ihnen auch so gefolgt – sichern sie doch durch ihre souveräne Art das Überleben. Lauten und brutalen Diktatoren wird nicht gefolgt – da verschwindet man lieber und geht seiner eigenen Wege. Und ähnlich ist es auch bei „unnatürlich“ durch Menschenhand zusammengestellten Gruppen von Hunden. Auch hier ist meist der- oder diejenige das Individuum dem gefolgt wird, welches ruhig und  gelassen ist – eines, das vertrauenswürdig ist und an dem man sich orientieren kann. Brutalen „Machotypen“ wird in der Regel nicht vertraut und auch nicht gefolgt… Hunde sind also keine Demokraten und sie mögen aber auch keine Diktaturen. Ja, was sind sie denn dann? Ganz einfach – Hunde… Und Hunde brauchen keine Modelle wie Demokratien oder Diktaturen für ihr Zusammenleben. Sie sind anpassungsfähig und passen sich der jeweiligen Situation und den Lebensumständen an. Dabei ist es egal, ob sich ihr Herrchen für einen Demokraten oder Diktator hält.
 
Habe ich eingangs gesagt, dass der Spruch der Wahrheit entspricht, habe ich die Tatsache zu Grunde gelegt, dass Hunde so etwas wie Demokratie nicht kennen und nicht verstehen können. Trotzdem halte ich den Spruch für einen der gefährlichsten und unsinnigsten überhaupt. In seiner Aussage zwar richtig, muss dieser Spruch aber immer wieder als Rechtfertigung herhalten, wenn ein Hundebesitzer, der in der Menschenwelt oft nichts zu sagen hat, in der Hundewelt den Diktator herauskehrt und mit diesem Spruch Gewalt gegen Tiere rechtfertigt…
 
Um es noch einmal klar zu sagen: Natürlich sind Hunde keine Demokraten, die über Mehrheitsentscheidung den Tagesablauf definieren. Hunde brauchen durchaus eine klare Struktur in ihrem Leben. Was sie aber gar nicht brauchen, das sind Diktatoren und Diktaturen. Sie brauchen Besitzer, die ihnen Sicherheit, Geborgenheit und Souveränität vermitteln.
 
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Zeichnung (c) Zapf - aus dem Buch "Wer ist hier der Schlaumeier", Thomas Riepe, Mariposa Verlag

Mittwoch, 6. November 2013

Entspannung in der Hundeerziehung. Können uns Indiens Hunde dabei helfen?

Indien ist ein Land, das man nur schwer beschreiben kann. Zu mannigfaltig sind die Menschen und die Umstände, unter denen sie leben. Auf den ersten Blick findet sich dort eigentlich nichts, was dem Mitteleuropäer in irgendeiner Form vertraut vorkommen könnte. Vielleicht noch die Ankunft am Flughafen und das typische Flair, welches alle Flughäfen der Welt gemeinsam haben. Wenn man allerdings die Kofferbänder, den Zoll und das Flughafengebäude hinter sich gelassen hat, betritt man im wahrsten Sinne des Wortes eine fremde Welt. Eine fremde Welt, in der jedem geraten sein sollte, sich kein Auto ohne einheimischen Fahrer zu mieten. Der Straßenverkehr gestaltet sich, zumindest aus der Sicht eines Europäers, der es gewohnt ist sich an Regeln im Straßenverkehr zu halten, äußert befremdlich. Die einzigen Regeln, an die sich gehalten wird, ist der Linksverkehr und dass man andere Verkehrsteilnehmer durch lautes betätigen der Hupe warnt, wenn man irgendein (in meinen Augen) waghalsiges Fahrmanöver unternimmt. Sei es das Schneiden eines LKW im Kreisverkehr und gleichzeitiges Abdrängen einer Motorrikscha. Oder die Abkürzung über die Bankette, direkt hinter dem Obststand her und kurz vor dem Eselkarren wieder auf die Straße. Verkehrsteilnehmer verlassen sich im Straßenverkehr anscheinend mehr auf ihre Hupe und die Chaostheorie, als auf Verkehrsregeln. 
Indien ist anders
Diese für uns doch, sagen wir „gewöhnungsbedürftigen“ Verkehrsverhältnisse sind dort übrigens nicht nur in Millionenmetropolen wir Delhi anzutreffen. In praktisch jeder Siedlung wird sich so fortbewegt, dass immer der schnellere und dreistere zuerst sein Ziel erreicht…
Aber ich möchte mich nicht zulange mit den indischen Straßenverhältnissen beschäftigen. Sie sind hier nicht das eigentliche Thema, zeigen aber dennoch beispielhaft, dass man mit Indien ein Land betritt, welches anders ist. Nicht nur der Straßenverkehr – die gesamte Kultur, der Umgang der Menschen untereinander, der Umgang mit Tieren, das tägliche Verhalten ist anders. Das ist nicht wertend gemeint, Indien oder Inder sind nicht besser oder schlechter als das, was uns vertraut ist. Nur anders.
Die Menschen und die Kultur erschienen mir also bei meinem Indienaufenthalt im Oktober 2011 „anders“. Aber die Menschen und das so vielfältige und interessante Land an sich waren nicht der Grund, warum ich Indien besuchte.
Wie sollte es anders sein, mein Augenmerk liegt bei Reisen in andere Kulturen immer auf den Hunden der Länder. In Indien wollte ich im Besonderen etwas über die Beziehung zwischen Menschen und Hunden erfahren, um mich einer speziellen Frage anzunähern: Welche Form des Zusammenlebens zwischen Mensch und Hund bereitet die geringsten Probleme. Wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass das Empfinden, was ein Problem ist, subjektiv zu sehen ist.
Verschiedene Arten von Hunden
Obwohl Indien, wie eingangs erwähnt, „anders“ ist als Europa, eignet es sich nach meiner Meinung perfekt, um etwas über Hunde und deren Bedeutung für Menschen im Allgemeinen zu erfahren. Um das zu verstehen, sollten wir uns zunächst einmal anschauen, welche „Hundearten“ es dort gibt. Und damit meine ich nicht, welche Rassen es dort gibt, sondern jeweils die Art und Weise, wie die Hunde dort leben. Die erste „Art“ oder Gruppe, die man in Indien findet sind die Haushunde, wie man sie auch bei uns findet. Diese leben sehr eng bei Ihren Familien und werden, weil es in der Hektik der Indischen Umwelt und des Straßenverkehrs für diese Hunde nicht anders möglich ist, an Leinen geführt. In den meisten Fällen sind es Rassehunde, häufig englische Rassen, wohl in der gemeinsamen Geschichte Indiens und Englands begründet. Aber auch alle anderen Rassehunde, die sich die Menschen so „erdacht“ haben, kann man in Indien finden. So werden die Grundstücke von reichen Menschen oft von Dobermännern und Rottweilern bewacht, während die jungen Mädchen der Großstädte auch schon einmal einen Zwergspitz in Ihrer Handtasche herumtragen. Obwohl der Spitz in der Tasche und der Dobermann auf dem Villengrundstück auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben, zähle ich sie hier doch einmal zu der Gruppe der Haushunde. Weil diese Hunde auch in Indien mit einem Leben konfrontiert sind, welches sehr eingeschränkt und von vorgegebenen Regeln gekennzeichnet ist. Sehr häufig werden diese „Haushunde“ auch in irgendeiner Form trainiert, sie werden erzogen. Behalten wir also die Hundeart „Haushund“ als einen Teil der Indischen Hundewelt im Hinterkopf. Und merken uns, dass diese Hunde meist erzogen werden.
Straßenhunde und Bauernhunde
Eine weitere „Art“ Hunde, denen man in Indien praktisch an jeder Ecke begegnet, sind die Straßenhunde. Und gerade diese Hunde machen Indien besonders interessant. Die indischen Straßenhunde sind nicht einfach nur verwilderte Haushunde wie z. B. in den Süd- oder Osteuropäischen Ländern. Nein, obwohl sich heute auch moderne Rassen mit den Straßenhunden vermischen, sind indische Straßenhunde zum großen Teil noch ursprüngliche Hunde, Nachfahren von Hunden, die seit vielen tausenden von Jahren nah beim Menschen leben, auch mitten unter den Menschen, ohne jedoch jemals gezielt selektiert bzw. gezüchtet worden zu sein. Und diese Hunde leben seit eh und je zwischen den Menschen, ohne jedoch bestimmten Menschen zugeordnet zu werden. Natürliche Selektion und Anpassung erlauben ihnen das Überleben.
Die dritte „Hundeart“ Indiens könnte man unter den Begriffen „Bauernhunde“, bzw. „Laden- oder Hofhunde“ zusammenfassen. Gemeint sind damit die Hunde, die direkt einer Familie, einem Bauernhof oder etwa einem Laden oder Geschäft zuzuordnen sind. Die dort ihr Zuhause haben, die dort gefüttert werden und dort mehr oder weniger eng mit „ihren“ Menschen zusammenleben. Diese Hunde sind oft durch ein Halsband gekennzeichnet, werden aber nie an einer Leine geführt und genießen keinerlei gezielte Ausbildung oder Erziehung.
In Indien kann man also, grob gekennzeichnet, drei Arten von Hunden, bzw. Hundeleben feststellen. Erzogene Haushunde, freie Straßenhunde und unerzogene Hofhunde.
"Dicker" Haushund (c) T. Riepe
 
Unterschiedliches Leben
Lassen sie uns kurz auf das Leben der einzelnen Arten eingehen. Die Haushunde leben eigentlich nicht wesentlich anders, als die „modernen“ Haushunde bei uns. Sie dürfen nicht frei über ihr Leben entscheiden, ihnen werden die meisten Handlungen, die sie gerne machen würden, untersagt und sie dürfen nur das machen, was ihnen explizit erlaubt wird – und das ist nicht immer das, was der Tierart Hund entspricht. Die Hunde werden also so „ausgebildet“, dass sie funktionieren und sich „fehlerfrei“ in der menschlichen Gesellschaft bewegen sollen. Natürlich an einer Leine, weil man ihnen nicht beibringen kann, sich im Fahrzeugchaos zu bewegen…
Sich fehlerfrei in der menschlichen Gesellschaft und in der menschlichen Umgebung bewegen können Straßenhunde alle. Könnten sie dies nicht, würden sie nicht lange überleben. Straßenhunde sind freundlich bis distanziert zu Menschen, sie meiden die direkte Konfrontation, den Konflikt mit dem Menschen fast vollständig – bewegen sich aber sehr geschickt zwischen diesen. Und sie bewegen sich sogar recht geschickt im Straßenverkehr. Natürlich werden Hunde überfahren, aber wenn man die Anzahl von Fahrzeugen und Hunden in Indiens Städten und Orten bedenkt, ist das Verhältnis von Unfällen sicher geringer, als es man glauben möchte. Ich wollte einmal eine Straße in Delhi überqueren, was mir nicht gelang, weil ich einfach nicht den Mut hatte, mich zwischen diesem Chaos an Fahrzeugen und Menschen hindurchzuschlängeln. Während ich also auf eine Lücke im Chaos wartete, überquerten einheimische Menschen und Straßenhunde die Straße so, als wäre dort kein Verkehr…
Echte Straßenhunde bewegen sich souverän in der menschlichen Umgebung und werden nicht erzogen…
Indischer Bauernhund (c) T. Riepe
„Bauernhunde“ (zur Vereinfachung fasse ich die Hof-, Laden- und Bauernhunde einmal unter diesem Begriff zusammen) werden zwar auch nicht gezielt erzogen oder ausgebildet, lernen aber aufgrund der Hunden angeborenen sozialen Fähigkeiten und ihrer Anpassungsfähigkeit, welche Regeln man im Zusammenleben mit Menschen beachten sollte, um ein entspanntes Leben zu führen. Die Bauern geben, meist ohne darüber nachzudenken, gewisse Regeln vor, an die sich die Hunde halten. Z. B., dass gewisse Räume nicht betreten werden und man den Menschen keine Nahrung aus den Händen stiehlt. Das war es aber auch schon. Über fast alle anderen Dinge des Lebens entscheiden die Hunde selbst, sie beobachten viel und lernen dadurch, was gefährlich ist und was nicht. Sie erkennen wie und wo sie ihren Vorteil finden und wie man ohne große Probleme durch das Leben kommt. Eine echte Erziehung genießen sie nicht…
Dicke Haushunde, gesunde Bauernhunde
Wenn man von diesen drei Hundegruppen der indischen Gesellschaft spricht sollte man die gesundheitlichen Aspekte der einzelnen Tiere nicht außer Acht lassen. Natürlich fallen da meine Beobachtungen und Recherchen in gewisser Weise pauschal aus, da man nicht jedes einzelne Individuum für sich betrachten kann. Was jedoch auffällt, ist, dass Haushunde durchaus medizinische Betreuung genießen und auch auf „Hundefutter“ zurückgegriffen wird. Die Hunde jedoch sehr oft relativ dick sind – eine Folge des tristen Lebens an kurzer Leine und nur kurzen Gassigängen. Und der Tatsache geschuldet, dass Haushunde, die mit durchgefüttert werden meist bei Menschen leben, die mehr Geld verdienen als der durchschnittliche Inder und es besonders „gut“ mit den Tieren meinen. Gutes Futter und gutes Training. Und dicke Hunde als Ergebnis, mit allen bekannten gesundheitlichen Folgen.
Echte Straßenhunde hingegen brauchen sich um ihre Figur keine Sorgen zu machen – im Gegenteil natürlich. Ihr Futter besteht im Prinzip aus den Resten und dem Müll der menschlichen Gesellschaft. Wenn man sich in Indien die Müllberge anschaut, ist Nahrung an sich für die Hunde sogar vorhanden. Allerdings lässt natürlich die Qualität zu wünschen übrig, Krankheitserreger werden sozusagen gleichzeitig mit aufgesammelt. Außerdem ist der Konkurrenzdruck unter den Hunden recht groß, so dass viele Tiere stetig einem hohen Stresslevel ausgesetzt sind. Räude und Hauterkrankungen, sowie Erkrankungen am Bewegungsapparat sind bei Straßenhunden weit verbreitet und für jeden ersichtlich.
Interessant zu beobachten ist die Tatsache, dass Bauernhunde, die häufig direkten Kontakt zu Straßenhunden haben, selten an z. B. Räude oder Hauterkrankungen leiden. Einfach, weil diese Hunde meist besser durch die direkten Reste des Essens, was ihre Besitzer zu sich nehmen, genährt sind und weniger Stress haben. Räudemilben haben bei einem gesunden, normal genährten Organismus schlechtere Karten. Insgesamt schnitten die Bauernhunde bei der Betrachtung des gesundheitlichen Gesamteindrucks am besten ab.
Bei der Gesundheit liegen indische Bauernhunde also vor Haushunden und Straßenhunden – es gibt allerdings einen Punkt, bei dem Bauernhunde deutlich hinter den anderen Gruppen liegen. Bei den Problemen, die sie den Menschen bereiten.
Indische Straßenhunde (c) T. Riepe
Wenige Probleme mit dem Verhalten der Straßenhunde
Eines meiner Hauptanliegen in Indien war, einmal ganz unvoreingenommen für mich herauszufinden, zu welchen Problemen es zwischen Menschen und Hunden kommen kann, wenn man ein mit Menschen und Hunden „überbevölkertes“ Land wie Indien betrachtet. Dazu habe ich Menschen befragt. Haushundebesitzer, Menschen auf der Straße ohne direkten Hundebezug, Bauern und Ladenbesitzer mit Hunden usw. Oft konnte ich ein gewisses Unverständnis bis hin zu starken Zweifeln an meinem Verstand erkennen. Für so viel Interesse an Hunden bringen viele Inder nur ein untergeordnetes Verständnis auf. Trotzdem waren die meisten Befragten gern bereit, mir Auskunft zu geben. Mit dem Ergebnis, letztlich eine Aussage bezüglich der Hunde in Indien treffen zu können. Natürlich waren meine Befragungen willkürlich und keinen wissenschaftlichen Standards untergeordnet. Aber in meinen Augen durchaus aussagekräftig. So zeigte sich deutlich, dass Probleme zwischen Menschen und Hunden speziell einer Hundegruppe zugeordnet werden konnte: Den Haushunden. Berichte über Beißunfälle oder Beschwerden über das Hundeverhalten an sich kamen hauptsächlich von den Menschen, die einen Haushund besitzen. So wurde häufig über Probleme der Leinenführigkeit, über Leinenaggressionen gegenüber anderen Hunden, aber auch „dreistes Verhalten“ (wie anspringen, fordern etc.) im Haus und im täglichen Leben berichtet. Interessant ist dabei die Betrachtung, dass diese Hunde in über der Hälfte der berichteten Fälle von Trainern erzogen wurden. Zumindest nach Aussage ihrer Besitzer…
Probleme mit Straßenhunden und Menschen waren laut Aussagen der meisten Inder als eher gering anzusehen. Menschen wie Hunde halten im Allgemeinen einen gewissen respektvollen Abstand zueinander, man lebt nebeneinander her. Probleme gibt es, nach den Aussagen, die mir gegenüber getroffen wurden, in erster Linie dann, wenn diese Hunde etwas „stibitzen“, sich blitzschnell Nahrung z. B. aus Geschäftsauslagen stehlen. Zu Beißunfällen kommt es in der Regel nur, wenn Tollwut mit im Spiel ist. Verhaltensbedingt sind Konflikte zwischen Straßenhunden und Menschen eigentlich als eher selten anzusehen – zumindest äußerte dies niemand mir gegenüber.
Noch weniger Probleme hatten die Menschen mit ihren „Bauernhunden“. Ernsthafte Probleme oder Auseinandersetzungen kommen zwischen diesen Hunden und Menschen anscheinend nicht vor, bzw. nicht oft vor. Auf mein penetrantes Nachfragen und meine Suche nach irgendwelchen Problemen reagierten viele Inder durchaus genervt, weil ihnen anscheinend wirklich nichts einfiel.
Als vorläufiges Fazit meiner Reise zu den indischen Hunden, kann ich also festhalten, dass relativ frei lebende, kaum erzogene Hunde, den Menschen praktisch keine Probleme bereiten und je mehr die Hunde ausgebildet und erzogen werden, die Probleme auch vielfältiger werden.
Erziehung
Mit der Veröffentlichung dieser Zeilen möchte ich natürlich nicht behaupten, dass Hunde nicht erzogen werden müssen und sich dadurch alle Probleme in Luft auflösen. Das wäre sträflich falsch. Wie schon eingangs erwähnt ist Indien „anders“ und nicht wirklich mit Europa, bzw. Mitteleuropa im Speziellen zu vergleichen. In unserer absolut geordneten Welt geht es nicht mehr ohne gewisse Regeln im Umgang mit dem Hund. Eine gewisse Grunderziehung für Hunde in unseren Gesellschaften ist daher meiner Meinung nach unerlässlich. Allerdings sollte man es auch nicht übertreiben. Hunde haben so viele Fähigkeiten, sei es im sozialen Kontext oder sei es die Anpassungsfähigkeit an sich. Und diese Fähigkeiten sind der Hauptgrund, warum Menschen und Hunde überhaupt zusammen existieren können. Und Erziehung hat einen wesentlich geringeren Anteil an dem Verhältnis zum Hund, als wir gerne in unserer menschlichen Selbstüberschätzung zugeben… Also, natürlich müssen Hunde bei uns erzogen werden, wir dürfen es aber nicht übertreiben und auch mal Vertrauen in die Fähigkeiten der Hunde haben. In Fähigkeiten, die Hunde im Straßenverkehr von Delhi überleben lassen, wo ich mit meinen Fähigkeiten weit überfordert bin…
Vielleicht nehmen wir uns ein Beispiel am Verhältnis der indischen Bauern zu ihren Hunden. Die meisten von uns können ihren Hunden natürlich solch ein Leben nicht bieten. Aber wir können sicher versuchen, ein solches Leben zu „simulieren“, ohne dem Hunde jede Kleinigkeit an- oder abzuerziehen. Vielleicht einfach mal wieder dazu überzugehen, Hund einfach Hunde sein zu lassen…

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Stolz auf Koka und alle Hunde

Gerade mit Koka in der Stadt unterwegs gewesen. In einiger Entfernung kommt uns eine Frau mit ihrem Kind entgegen, einem kleinen Jungen mit einem Roller. Als der Junge uns erblickt, gibt er mit seinem Roller Gas und kommt frontal auf uns zu. Ich sage noch „langsam“ und trete mit Koka zur Seite in eine Wiese. Doch blitzschnell ist der Junge da, stoppt ca. 2 m vor uns, lässt den Roller laut scheppernd fallen und rennt mit ausgestreckter Hand auf Koka zu, um sie zu streicheln. Mein ruhig gesprochener Protest kommt bei ihm nicht an. Und nachdem er seinen polternden Roller verlassen hat und in unsere Richtung rannte, fiel er auch noch über seine eigenen Beinchen um plumpste Koka direkt vor die Nase und fing direkt wie eine Sirene an zu weinen… Ihm war nichts passiert und ich meckerte ihn auch nicht aus – Kinder sind nun einmal so und müssen irgendwie auch so sein. Es wäre da vielmehr der Job der Mutter gewesen, eine solche Situation zu verhindern…

In der ganzen Situation war ich aber sehr stolz auf Koka. Da kommt frontal ein Mensch auf sie zu, lässt scheppernd einen Roller fallen, kommt schnell mit ausgestreckter Hand auf sie zu, fällt fast auf sie und trötet dann auch noch los. Und was macht sie? Schaut verwundert in Richtung des trötenden kleinen Actiondarstellers, dann zu Herrchen – ein Gähnen als Übersprungshandlung. Das war es, sie entspannte direkt…
Was aber wäre gewesen, wenn es nicht Koka gewesen wäre, die speziell Menschen gegenüber eine unglaubliche Toleranzschwelle hat?   (wenn uns ein Hund so überfallen hätte, hätte sie anders reagiert ;-) )
Was wäre gewesen, wenn ein unsicherer Hund, der ggf. schon viel Leid durch Menschhände erfahren hat, an Ihrer Stelle gewesen wäre? Was wäre, wenn es ein Hund gewesen wäre, der durch übertriebene und aktionsreiche Beschäftigung eine insgesamt herabgesetzte Toleranzschwelle gehabt hätte? Dann wäre es eine durchaus mögliche Reaktion gewesen, dass der Hund sich von dem Jungen wirklich angegriffen gefühlt hätte. Und um, seiner Ansicht nach, sein Leben zu schützen, hätte er vielleicht zur Abwehr gebissen. Und wem hätte man die Schuld gegeben? Natürlich dem „bösen“ Hund…
Ich habe nach der Situation der Mutter und ihrem Sohnemann (der das Sirenengeheul inzwischen abgestellt hatte) sachlich vermittelt, dass Hunde empfindende Lebewesen sind, die Abwehrmechanismen haben, die auch einmal Reflexartig gezeigt werden können. Ohne „schuldig“ oder „böse“ zu sein. Ich habe den beiden dann erklärt, dass man immer erst nachfragen soll, wenn man einen Hund streicheln möchte, nicht böse sein, wenn der Besitzer nein sagt (der Hund kann ja auch alt sein, Berührungsschmerzen haben etc.).  Und ich habe ihnen erklärt, wie man, wenn der Besitzer es zulässt und der Hund keine Stresssymptome zeigt, streichelt. Gut, war schon ein freundlich gehaltener, kleiner Privatvortrag J
Übrigens. Mein Stolz auf Koka lässt sich eigentlich auf praktisch alle Hunde übertragen. Solch ein Vorfall passiert sicher am Tag tausendfach allein in Deutschland. Und wenn man dagegen stellt, wie oft tatsächlich mal gebissen wird, muss man eines feststellen: Insgesamt sind Hunde uns Menschen gegenüber eine unglaublich freundliche und tolerante Art. Ein Gedanke und zusätzlich ein statistischer Fakt, den sich viele mal in einer ruhigen Sekunde durch den Kopf gehen lassen sollten…
 
 

Sonntag, 20. Oktober 2013

Gute Rudelführer schnüffeln auch am Hintern

Wie sagt ein Berliner Witzbold immer? Kein Scherz…
Genau das muss ich auch sagen, wenn ich von der folgenden Geschichte berichte. Ein Kunde rief mich an, schilderte mir, ohne dass ich zumindest „guten Tag“ sagen konnte, direkt das „Problem“ mit seinem Hund. In seinen Augen sei dieser zu dominant, würde die Rangordnungen nicht akzeptieren usw. Im weiteren Gespräch, bzw. in seinem weiteren Monolog konnte ich genau heraushören, dass der Hundehalter ein glühender Fan einer aus dem TV bekannten Rudelführertheorie war. Seiner Ansicht nach musste der Hund genau wissen, wer das Sagen hat, weil er sonst ein gemeingefährliches Monster würde. Übrigens, der Hund war ein Beagle…
Auf jeden Fall hatte er alle möglichen Tipps und Ratschläge von Hundeschulen und auch seinem TV-Idol umgesetzt, um der Rudelführer zu werden. Hund durfte nicht als erster durch die Tür, wenn Hund eine Sekunde zu lang selbstständig an einer Ecke schnüffelte wurde er „korrigiert“ usw. All das Zeug, was immer noch durch viele Köpfe geistert. Trotzdem „funktionierte“ der Hund nicht. „Im Gegenteil“, sagte der Kunde, „er wird immer dominanter und beginnt zu knurren, wenn ich ihn anfassen möchte“…
Ich hätte ihm jetzt einen Vortrag halten können, warum es im Prinzip logisch war, dass sein Hund ihn anknurrte. Vereinbarte aber einen Termin bei Ihm, um mir auch in Ruhe überlegen zu können, wie ich diese fast schon religiös anmutenden Rudelführergedanken im Kopf des Halters zumindest etwas ins Wanken bringen könnte. Ich entschloss mich, diese Gedanken gar nicht zu bekämpfen, sondern zu bestätigen – bis ins Absurde.
So ging ich gut vorbereitet zu dem Kundentermin. Dabei hatte ich meinen Stoffhund Karl-Otto, der sonst bei Seminaren etc. immer für die Stachelhalsbanddemo herhalten muss. Beim Hundehalter und seinem Beagle daheim hörte ich mir erneut die Theorien zur angeblich gestörten Hierarchie in Ruhe an. Der Mann dachte nicht im Entferntesten daran, dass der Hund aus reinem Selbstschutz knurrte, weil Herrchen ihn immer mit unangenehmem Unfug konfrontierte, wenn er sich näherte.
„Was können wir denn jetzt gegen diese ausufernde Dominanz meines Hundes unternehmen?“ Fragte schließlich der verhinderte Rudelführer.
„Nun“, sagte ich, „Sie haben ja schon alle relevanten Rudelführermethoden angewendet. Aber eine, die Wichtigste, haben Sie anscheinend vergessen oder es hat Ihnen noch niemand gesagt oder im TV vorgeführt. Aber sicher haben sie es schon häufig gesehen, wie Hunde das untereinander machen. Das Schnüffeln am Hintern. Das ist ein ganz wichtiges Dominanzmerkmal – und zwar nicht das Schnüffeln an sich, sondern wie man es macht.“
Der Hundebesitzer schaute mich mit großen Augen an, um zu wissen, wie man richtig und dominant am Hintern schnüffelt. Jetzt kam Stoffhund Karl-Otto zum Einsatz. Ich hatte ihm mit einem Edding einen Anus auf das Stofffell gemalt und instruierte den Hundebesitzer nun, das Schnüffeln in einer Spiralbewegung von außen nach innen durchzuführen – was er erst einmal an Karl-Otto üben solle, bevor er es bei seinem echten Hund umsetzt. Und – kein Scherz! Er nahm sich Karl-Otto und befolgte meine Anweisung – er wollte doch ein guter, ein perfekter Rudelführer sein. Und wenn Hunde das untereinander doch auch machen…
Als er dann sagte, das ist nicht so schwer, ich mache gleich bei meinem echten Hund weiter wurde mir etwas mulmig. Ich hielt ihn ab und klärte auf, dass ich ihn vorgeführt hatte, um ihm diese angeblichen Rudelführermethoden einmal drastisch vor Augen zu führen. Nach einem klärenden Gespräch über Hunde an sich und zwei weiteren Terminen, bei dem ich ihm gezeigt hatte, wie das Zusammenleben zwischen Mensch und Hund auch funktionieren kann, habe ich jetzt keinen Kontakt mehr zum Kunden. Zumindest nach den zwei Gesprächen und dem drastischen "vor Augen führen" schien beim Hundehalter mehr angekommen zu sein als beim einfachen "predigen". Allerdings ist der Rudel-Macho-Weltherrschaftsgedanke bei ihm sehr tief verankert. Zumindest ein wenig mehr Verständnis für seinen Hund konnte ich entfachen, da bin ich sicher. Das ist manchmal das beste, was man für einen Hund herausholen kann.
Es war aber insgesamt schon eine besondere Kundenbegegnung – Wenn ein erwachsener Mensch einem Stoffhund an der mit einem Edding aufgemalten Poperze schnüffelt. Nur um ein guter Rudelführer zu sein ;-)
Cartoon (c) Fotolia

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Traurigkeit und Glück in Hundeaugen

Amerika ist ein großes Land und man würde einen ebenso großen Fehler machen, wenn man dieses Land pauschal betrachten würde. Hunde z. B. werden dort sehr unterschiedlich gehalten, betrachtet und behandelt. Während Hunde auf dem Land oft noch echte Hunde sein dürfen, die weder Leine noch Erziehung kennen und sich Ihren Tag gern auch mal selbst gestalten dürfen, werden Sie in den Großstädten komplett anders behandelt. Bei einem Ney York Aufenthalt in der letzen Woche durfte ich zwei Dinge feststellen: Erst einmal ist New York, bei aller Dekadenz die sie auch ausstrahlt, eine faszinierende und tolle Stadt, die ihresgleichen sucht. Immer eine Reise Wert…

Was mir auffiel war die Tatsache, dass die dort von uns gesehenen Hunde zu ca. 50 % Stachelhalsbänder oder ähnliche Foltermittel trugen. Darüber hinaus wurde auch bei den Hunden, die kein Foltermittel trugen, häufig mit der Leine am Halsband geruckt.  Augenscheinlich „funktioniert“ das dort auch, zugegeben konnte ich keine (!) Leinenpöbeleien oder Leinenzerrer entdecken. Allerdings musste ich Hunde sehen, die ein unglaublich hohes Repertoire an Stresssymptomen zeigten und fast ausnahmslos diesen leeren, ängstlichen Blick hatten – den Blick, den traurige Lebewesen zeigen. Mehrheitlich sah ich also funktionierende aber traurige, gestresste Hunde. Mehrheitlich, persönlich beobachtet – nicht pauschal betrachtet. Sicher gab es auch Hunde, die „normal“ und „zufrieden“ neben ihren Besitzern hertrotteten. Bei den Gesichteten aber eine absolute Minderheit…
So aufregend die Stadt ist, so schön ein Aufenthalt in Amerika immer wieder ist. Die traurigen Hundeaugen belasten mich persönlich. Umso schöner der Empfang daheim von vier Augen, die alles andere als traurig waren, als ich zurückkehrte. Puzzel und Koka hatten dieses Blitzen in den Augen, das man hat, wenn die Endorphine den Körper fluten, wenn man glücklich ist. Schon schön, wenn es Lebewesen gibt, die sich so freuen können, wenn man zurückkommt. Sicher freuen sich auch Menschen auf mich – aber so unmissverständlich zeigen es nur Hunde.
Dieses Glück in den Augen meiner Hunde, welches ich in den Augen der Hunde New Yorks mehrheitlich vermisst habe, das macht wiederum mich glücklich. Das sind diese Gänsehautmomente…
Puzzel und Koka sind keine „perfekt“ funktionierenden Hunde (obwohl sie bei einem „Profi“ leben). Aber sie können glücklich sein und dürfen das auch zeigen. Das ist mir viel wichtiger…
 
 
PS - Natürlich sollte man hier erwähnen, dass es auch bei uns (zu)viele dieser traurigen Hunde gibt. Allerdings sind es dort definitiv mehr...Mehr anzeigen

Montag, 30. September 2013

Hahnverordnung fällig?

Beim Weg mit dem Auto zu einem unserer Gassireviere kamen wir heute an einem einsamen Haus am Waldrand vorbei, wo die Hühner auf der Straße standen (machen die dort immer, ist ganz normal). Um dort nicht übernachten zu müssen, steige ich aus um die Hühner sanft zu überreden die Fahrbahn zu räumen. Plötzlich kommt der dazugehörige Hahn und attackiert mich J Kein Weltuntergang, wenn so ein Hahn ins Hosenbein zwickt. Oder doch? Ist er eine Gefahr für die Menschheit? Am besten, ich zeige den Hühnerhalter an, er hätte einen wesensauffälligen Hahn. Dann darf er nur noch an der Flatterleine raus und bekommt einen Schnabelkorb. Wenn er davon befreit werden soll, muss er zum Wesenstest –weil er seinen Job hervorragend ausgeführt hat…

Gut, der Hahn und ich haben uns auf eine Kompromisslösung geeinigt. Ich bin ins Auto gestiegen und er hat die Hühner von der Straße getrieben. So waren alle beteiligten zufrieden – bis auf Puzzel und Koka, die alles aus dem Auto beobachtet hatten. Und sich fragten, warum Herrchen die leckeren Hühner einfach so laufen lässt. Man kann es nicht allen recht machen…

Dienstag, 24. September 2013

Hundeerziehung mit Markenzeichen – Eine Betrachtung der Methoden und Versprechungen

Wer heute als Hundetrainer etwas auf sich hält, erzieht und berät nicht einfach nur Hund und Halter, sondern entwickelt ein ganz eigenes, einmaliges, nie da gewesenes Konzept, eine Methode oder gar eine Philosophie. Wenn das einmalige Konzept dann noch als Marke eingetragen wird, verspricht man sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den „normalen“ Hundetrainern, der sich optisch und wirtschaftlich bemerkbar machen soll. Betrachtet man die wirtschaftliche Vermarktungsstrategie der unzähligen, einmaligen Konzepte und Methoden, kann man natürlich nichts dagegen einwenden. Der Markt hat den Bedarf, die verunsicherten Hundehalter suchen sich „Heilsbringer“, die ihnen schnelle und einfache Lösungen suggerieren. Wie gesagt, verkaufspsychologisch und von der Marketingseite her gesehen, ist das „abgrasen“ des Marktes rund um den Hund nicht zu beanstanden. Werbefachleute leisten hier gute Arbeit. Aber welche Folgen hat das für den Hund und seinen Halter? Sind wirklich alle Systeme so einmalig und wegweisend, wie das ihre Erfinder zu suggerieren versuchen? 

Lange gemeinsame Geschichte ohne Ausbildungsmethoden 

Einige Schlagworte diverser Konzepte möchte ich für Euch gern einmal näher betrachten – ohne jedoch auf das Marketingkonzept näher einzugehen. Wichtig ist mir, diese Konzepte, bzw. deren zentralen Aussagen so zu untersuchen, dass Ihr Euch ein eigenes Bild machen könnt, welches sich rein auf den Hund bzw. dessen Bedürfnisse bezieht.

Zunächst sollte man bei diesem Thema ganz nüchtern betrachten, dass Hunde seit ca. 15.000 Jahren beim Menschen leben, erst ab den letzten ca. 150 Jahren gezielt und regelmäßig einige Hunderassen in speziellen Vereinen eine Art „Ausbildung“ erhielten, meist geprägt von Unterdrückung und Meideverhalten. Die ganz große Mehrheit der Hunde wurde bis vor wenigen Jahren überhaupt nicht ausgebildet. Die Menschheit ist also über 15.000 Jahre gut mit den Hunden ausgekommen, in der absolut überwiegenden Mehrheit komplett ohne Erziehung und Ausbildung. Nur mit von beiden Seiten verstandenen sozialen Regeln ohne Zwang. Erst seit ca. 10 - 15 Jahren haben die so genannten Industriestaaten die Hundeerziehung als Markt entdeckt, der ungeahnte finanzielle Reserven bereithält.

Doch zu konkreten Philosophien, Methoden bzw. Schlagworten. Immer wieder gern wird von so genannter „artgerechter Hundeerziehung, bzw. artgerechter Hundehaltung“ gesprochen. Doch schon da teilen sich die Geister gewaltig. Während der eine Hundeexperte als vollkommen artgerecht ansieht, dass Hunde von Natur aus in einem strikten hierarchischen System leben, welches sich durch Unterdrückung und Durchsetzungskraft auszeichnet, denken andere bei artgerecht daran, einen Hund über Motivation und Freude bei der Erziehung in das Schema zu pressen, welches die Gesellschaft verlangt. Dazu kann ich, nach meiner persönlichen Erfahrung und Meinung nur sagen, dass beides nicht richtig sein kann. Ganz einfach, weil es nicht möglich ist, einen Hund „artgerecht“ zu erziehen. Unter Hunden oder auch den wildlebenden Vorfahren der Hunde, den Wölfen, wird nicht erzogen. Erziehung, oder was wir darunter verstehen, ist, dass der Hund alles ausführt, was wir von ihm verlangen, und von Dingen, die er tun möchte, auf unseren Befehl ablässt. Das kommt in der Natur, bei der Art Canis aber nicht vor. Regeln gibt es nur im sozialen Kontext, im direkten Umgang miteinander. Kein Hund oder Wolf würde jemals einem anderen die Jagd verbieten, kein Hund der Welt würde jemals einem anderen Sitz oder Platz beibringen und bei nichtbefolgen der Befehle den anderen gar zurechtweisen oder züchtigen. Nein, wenn man von „artgerecht“ redet, müsste man dem Hund morgens die Tür öffnen und ihn den ganzen Tag allein streunen lassen, und, wenn der Hund dann mal daheim wäre, ausgiebigen sozialen Kontakt mit ihm pflegen. Streicheln, spielen, aber auch den sozialen Kontakt einmal abbrechen, wenn der Hund zu weit geht, zu aufdringlich oder robust wird. Wenn man sich einmal näher damit beschäftigt wird man herausfinden, dass 90 % aller Hunde der Welt so leben. Meist in Schwellenländern oder der dritten Welt. Ausnahmen bilden da in der Regel die nördlichen Industrieländer, die die Hunde mit übertriebener Erziehung „überschütten“, oder die Süd und osteuropäischen Länder, in denen Hunde nach unseren Moralvorstellungen nicht immer optimal behandelt werden. 

Artgerechte Hundeerziehung? 

Feststellen kann man an dieser Stelle, dass es eine artgerechte Hundeerzeihung aus den vorgenannten Gründen nicht geben kann. Wenn man also den Begriff „Artgerecht“ ernst nimmt, kann niemand behaupten, dass er einen Hund auch nur annähernd der Art entsprechend erzieht. Das geht schlicht nicht. Daher sollte man immer ganz genau nachfragen, wenn man einem Hundeexperten begegnet, der die „artgerechte Hundeerziehung“ übermäßig betont. Das Wort erzielt seine Wirkung beim Menschen, beim Kunden und ist eine sehr gutes Marketinginstrument. Artgerecht muss doch gut sein…

Artgerecht ist also nicht möglich. Was man aber erreichen kann, ist die Bedürfnisse des Hundes so gut es uns eben möglich ist, zu erfüllen. Aber auch da sind sich die Hundeexperten völlig uneins, welches denn Bedürfnisse sind, die man dem Hund unbedingt erfüllen sollte. So gibt es einige Experten, die den Hund in starren Rangordnungen festnageln und ihnen innerhalb dieser Rangstrukturen keinerlei Freiheiten einräumen – und wenn der Hund einmal etwas selbstständig entscheidet, ihn mit unangenehmen Mitteln davon abbringen. Dabei gibt es inzwischen sehr eindeutige Nachweise, dass es unter Hundeartigen zwar Rangstrukturen gibt, diese aber längst nicht so absolut gesehen werden, wie wir Menschen das gerne hätten. Viele Hundetrainer arbeiten nämlich mit der simplen Formel, dass man den Hund mit allen Mitteln unterdrücken müsse, damit dieser nicht die „Macht“ an sich reiße. Verhaltensbiologisch nicht haltbar, aber immer noch in aller Munde. Seid daher ganz aufmerksam, wenn ein Trainer Euch mit übertriebenem Rangordnungsgerede klar machen möchte, dass Hunde dann und wann mal härter angefasst werden müssen.

Hunde haben das Bedürfnis, in einer strukturierten Umwelt zu leben, die beim eigenen Handeln eine gewisse Sicherheit bietet. Hunde haben kein Bedürfnis absolut ständig nach der Macht zu streben.

Aber genau das ist das Argument der Philosophien, die „Artgerecht“ und „Rangordnung“ in einem Atemzug nennen. Der Hund könne also nur artgerecht leben, wenn er unterdrückt würde und nicht zu viele Freiheiten genießen würde. Das sind allerdings Aussagen, die sich nicht sachlich belegen lassen. Im Gegenteil, seriöse Forschung zeichnet heute ein ganz anderes Bild vom Sozialverhalten der Caniden. Aber trotzdem beruhen viele Methoden immer noch auf schlichter Einschüchterung und Verunsicherung der Hunde. Diese Methoden „funktionieren“ auch tatsächlich häufig schnell, haben aber einige gravierende Schwächen.  Einschüchterung, vor allem über Gewalt und Schmerz veranlassen einen Hund zwar, schnell das zu machen, was wir von ihm verlangen. Allerdings besteht dabei die begründete Gefahr von aufgestauten Frustrationen, die in Aggressionsentladungen gipfeln können.

Ist Gewaltfrei wirklich immer Gewaltfrei?

Weil sich bei den Bevölkerung aber immer ein gewisser Abwehrreflex beim Wort Schmerz und Gewalt regt, wird das Marketingschlagwort „Gewaltfrei“ heute sehr inflationär eingesetzt. Man sollte aber wissen, dass es auch eine mentale Gewalt gibt. Wenn ein Säugetier dauerhaft verunsichert wird (z. B. dauerhafte „Leinenimpulse“, die den Hund verunsichern und dazu bringen sollen, ständig auf den Besitzer zu achten) entwickelt es einen andauernden Stresszustand, der körperliche und seelische Krankheiten hervorrufen kann, unter denen ein Hund stark leidet. Methoden, die also mit Verunsicherung und Verängstigung arbeiten, haben nichts mit „gewaltfrei“ zu tun.

Die vorher genannten, durchaus kontroversen Methoden werden immer noch sehr häufig angewendet und viele Hundetrainer versprechen sich davon einen schnellen Erfolg, den Hund zu einem Roboter zu erziehen, der immer das macht, was man von ihm möchte. Aber die Methodenvielfalt wächst mit jedem Tag, warum es mir schier unmöglich ist einen annähernd vollständigen Überblick zu liefern. Aber nachfolgend möchte ich einige fast schon skurrile Dinge aufzählen, bei denen Ihr auch mal genauer hinschauen solltet, wenn Ihr damit konfrontiert werdet und die Anbieter dies mit voller Inbrunst als „neu“, „innovativ“ oder besonders „artgerecht“ etc. anpreisen. So sollte man, wenn man irgendwo ein artgerechtes Antijagdtraining angeboten bekommt einmal nachfragen, für welche Tierart das gedacht ist. Für ein Kaninchen? Für ein Raubtier das von Natur aus seine Nahrung jagen muss, von artgerechtem Antijagdtraining zu reden ist mehr als skurril… Oft wird solches Antijagdtraining auf dem angeblichen „Ausleben des Jagdtriebes“ aufgebaut, weil man so den „Triebstau“ verhindern könne. Eine Methode, die allerdings einen entscheidenden Haken hat. Einen Triebstau gibt es nicht. Die Energie, die ein Hund bei Bedarf abrufen und zur Jagd nutzen würde, muss immer durch einen Reiz ausgelöst werden. Wenn ein Hund oder ein Wolf diese Energien abrufen und aufstauen würden, um sie dann sinnlos, ohne Reiz zur erfolgversprechenden Jagd, abrufen und verschwenden würde, wäre dies Energieverschwendung.  Daher ist die Triebstautheorie von Konrad Lorenz schon in den 1980er Jahre weitgehend widerlegt worden. Aber immer noch ist der Triebstau ein Schlagwort, das viele Methoden angeblich untermauert. Also, vorsichtig bei Methoden, die den Triebstau in den Vordergrund stellen.


Leckerchen und Lerntheorien

Interessant sind auch viele „neue“ Methoden, die vorgeben komplett ohne Leckerchen zu arbeiten. Weil eine Hundeausbildung über Leckerchen reines konditionieren wäre und keine Kommunikation. Also, ich habe sicher nichts dagegen, wenn man den Hund nicht mit Leckerchen vollstopft und dem Tier mit anderen Mitteln (Stimme, freundlicher Körperkontakt etc.) positive Verknüpfungen mit einer von mir erwünschten Handlung beschere. Was mich aber hochgradig erschreckt ist die Aussage über das Konditionieren. Konditionieren ist kein anderes Wort für stupide Dressur. Konditionierung ist ein wesentlicher Bestandteil des Lernens. Ich kann hier nicht die gesamten Lerntheorien erläutern, aber eines ist einfach und klar zu verstehen. Eine operante Konditionierung ist: Handlung/Konsequenz. Wenn ich also lerne, dass mein Auto anspringt, wenn ich den Schlüssel herumdrehe, ist das Lernen – durch Konditionierung. Wenn ein Hund sich einem anderen zu schnell nähert und dieser durch knurren sein Missfallen äußert, lernt der Hund im sozialen Kontext welche Konsequenz seine Handlung hat. Er lernt, er wird konditioniert und gleichzeitig wird Kommunikation betrieben. Man kann daher durchaus die positive Konsequenz einer von uns erwünschten Handlung durch Nahrung herbeiführen. Das ist zwar konditionieren, aber eben auch schlichtes Lernen. Und sogar artgerecht. Wenn ein Hund richtig jagt, also entsprechend handelt, gibt es auch Nahrung. Er lernt also, wie man jagt und am Ende gibt es ein dickes Leckerchen ;-)

Wenn ein Hundetrainer seine Methode damit bewirbt, dass er immer ohne Leckerchen arbeitet und andere, mit positiver Verstärkung (auch über Nahrung) arbeitende Methoden als reine Konditionierung bezeichnet, lässt mich das ernsthaft an der Seriosität zweifeln.

Klar, natürlich ist auch das wieder eine Marketingstrategie um die „Einmaligkeit“ der eigenen Methode zu dokumentieren. Fachlich korrekt ist diese Strategie aber erneut nicht.

Ich könnte jetzt noch unzählige solcher Beispiele aufführen. Aber ich glaube, die hier aufgeführten Beispiele zeigen recht genau, dass man die „einmaligen, nie dagewesenen und immer erfolgsversprechenden“ Methoden der Hundeerziehung recht kritisch beäugen sollte. Wie bereits erwähnt, Mensch und Hund sind 15.000 Jahre ohne diese ausgekommen…

Natürlich muss man Hunde heute mehr erziehen als früher, leider hat sich die Gesellschaft in eine Richtung entwickelt, die schnelle Lösungen sucht und teils hundefeindlich ist. Wir dürfen und sollten dabei aber nie vergessen, dass wir es mit Lebewesen zu tun haben, und zwar mit sehr individuellen Lebewesen. 

Pauschale Lösungen 

Und das ist der Hauptschwachpunkt der Methoden, die pauschale Lösungen für jeden Hund anbieten. Es gibt keinen pauschalen Hund. Zwar sind Hunde der gleichen Rasse in ihren Veranlagungen ähnlich, aber auch innerhalb einer Rasse gibt es Draufgänger und Angsthasen etc. Wenn man jetzt einen souveränen Hund, den nichts so schnell erschüttern kann über Verunsicherung „erzieht“, ist das zwar nicht korrekt, es kann aber sein, dass dieser das unbeschadet hinnimmt. Einen sensiblen Hund kann man damit seelisch ruinieren… Oder wenn man mit einem Hund mit Futterbeuteln arbeitet, um dem vermeintlichen „Triebstau“ vorzubeugen, kann es sein, dass der Hund einfach Spaß daran hat und körperlich ausgelastet wird. Ein anderer kann durch diese ständige Reizwiederholung so stark sensibilisiert werden, dass er nervös und auch aggressiv auf jeden kleinsten Reiz reagiert. Man kann also sehen, pauschale Lösungswege in der Hundeerziehung sind nicht nur fachlich oft recht fragwürdig, man kann sie auch nicht einfach auf jedes Individuum übertragen, zumindest nicht ohne Gefahr, auf einige Individuen negativ einzuwirken.

Schaut Euch daher die Ausbildungs- und Erziehungskonzepte, mit denen Ihr im Hundebereich konfrontiert werdet ganz genau an und seid skeptisch, wenn Hundetrainer oder andere Anbieter Systeme preisen, die eine schnelle Hundeausbildung suggerieren, die auch pauschal auf jeden Hund übertragbar sein soll. Das, was bei solchen Angeboten sicher gut ist, ist die Marketingstrategie…  

 

Donnerstag, 27. Juni 2013

Extreme

Gestern wurde mir über Facebook folgende extreme Meinung vermittelt: Wenn man einen Hund bis zur Bewusstlosigkeit würgt, dann überträgt sich die negative Energie des Hundes auf den Menschen, wodurch der Hund diese negative Energie dann vom Menschen zurückbekommt. Oder so ähnlich… Ich glaube, Leute die so etwas äußern haben eine Art Energiekrise. Ich habe ernsthafte Zweifel, ob dort alle Gehirnregionen mit den notwendigen Energien versorgt werden.
 
Ja und dann wurde mir, aus einem komplett anderen Blickwinkel, noch etwas anderes untergejubelt: Wenn man seinen Hund nur böse anschaut, ist man ein Gewalttäter. Da ich nicht glauben kann, dass es  Menschen gibt denen nie ein böser Blick entweicht, steigt nach der Logik die ohnehin schon hohe Zahl menschlicher Gewalttäter in unglaubliche Höhen…
Und als wenn die Meinungen des Tages nicht schon gegensätzlich und „extrem“ genug gewesen wären, lese ich noch etwas, was mich endgültig schockiert. Krawalltiere loben plötzlich eine Kritik an einer „Hunde – Schüsselerziehung“, obwohl diese Krawalltiere vorher jeden massiv verhöhnt haben, der diese berechtigte Kritik ebenfalls äußerte. Extrem merkwürdig ;-)
Nun gut, es ist so extrem viel los in der Szene der Menschen rund um die Hunde, dass ich mich in der nächsten Zeit etwas zurückhalte und gemütlich zurücklehne um mir das Treiben anzuschauen. Im Prinzip ist es ja amüsant. Wenn es da nicht noch die Statisten gäbe, die am meisten unter diesem menschlichen Spiel leiden – die Hunde…

Mittwoch, 26. Juni 2013

Der Egoismus des „NEIN sagenden Wattebauschs“

Ich höre oder lese immer wieder, dass ich ein Mitglied der so genannten „Wattebauschfraktion“ in der Hundeerziehung sei. Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, was das sein soll. Doch wenn man die verbreitet vorherrschende Meinung im Netz über die Merkmale dieser Wattebauschfraktion zusammenstellt, stellen sie sich mir wie folgt dar: Wattebäusche sagen nie „NEIN“, sie erziehen Hunde ausschließlich über Klicker und machen viel „Gucci, Gucci“, teilweise auch gutschi, gutschi oder sonst wie buchstabiert. Wenn ich mir diese Merkmale so anschaue, bin ich alles andere als ein Wattebausch. Ich sage mal „NEIN“ zu Hunden, ich schaue sie sogar mal bedrohlich an, wenn ich anderer Meinung bin als sie – allerdings ist das relativ selten, mein Umgang mit Hunden beschränkt sich ganz bestimmt nicht auf Verbote und Abbrüche. Aber ein „NEIN“ ist schon mal drin – und gehört für mich zum Leben und einer Beziehung unter Lebewesen. Meine Hunde sagen es auch mal zu mir ;-)
So, das Merkmal „niemals nein zu sagen“ habe ich also nicht. Und, als wenn das noch nicht schlimm genug wäre – ich benutze zwar den Klicker als Werkzeug. Aber auch den relativ dosiert und bestimmt nicht dauernd. Er ist ein wichtiges Hilfsmittel, wie gesagt ein Werkzeug. Aber ein Zusammenleben zwischen Lebewesen, eine soziale Gemeinschaft kann meiner Meinung nach nicht nur über Werkzeuge funktionieren. Doch das ist insgesamt ein anderes Thema…
Hier möchte ich festhalten, dass ich zwei von drei wichtigen Wattebauschmerkmalen nicht erfülle. Und diese Gucci-Geschichte habe ich bis heute nicht verstanden. Hat das irgendwas mit Handtaschen oder Kleidung zu tun? Gut, da mir dazu der Durchblick fehlt, schließe ich dieses Merkmal komplett aus. Aber, zusammengefasst  bin ich im Prinzip nicht das, wofür ich gehalten werde. Verdammt, könnte gar das Image wanken?
Nun, ein bestimmtes Merkmal entdecke ich persönlich immer wieder an mir. Ich kann es einfach nicht sehen, wenn sich Augen fürchten. Dieser Blick, wenn Augen weit aufgerissen werden – biologisch gesehen weiten sich dann die Pupillen damit mehr Licht ins Auge gelangt um mehr von der Umwelt wahrnehmen zu können, weil dies zur Verteidigung von existenzieller Wichtigkeit sein könnte. Diesen Blick haben Hunde, wenn sie sich akut vor etwas fürchten, etwa vor Schlägen durch ihren Besitzer – wenn diese kurz bevorstehen oder wenn sie diese in Kürze erwarten. Einfach ausgedrückt: Diese Augen, dieser Blick eines Hundes einer für ihn „schlechten“ Situation, dieser furchtsame, manchmal schon panische Blick in den Hundeaugen. Der Blick, den Hunde fast dauerhaft haben, wenn sie nicht nur mit einem gelegentlichen „Nein“ konfrontiert werden, sondern ihr Leben aus harten Abbrüchen jeder noch so kleinen „Verfehlung“ besteht. Diesen Blick, den kann ich persönlich nur sehr schwer ertragen. Und beruflich werde ich leider viel zu oft mit diesem Blick konfrontiert. Und weil ich diesen Blick nur schwer ertragen kann, bin ich immer bemüht, Hunde von diesem Blick zu befreien. Ihnen ein Leben zu bescheren, wo die Augen „lachen“ dürfen…
Den ganz harten Umgang mit Hunden, den Umgang der Hunde verängstigt, verunsichert und mit Schmerz konfrontiert. Den Umgang der zu dem vorher beschriebenen „Blick“ führt, den lehne ich komplett ab. Einige nennen das Empathie – ich sehe das anders und mich da als puren Egoisten der den Blick nicht sehen möchte…
Wie auch immer. Einer der „NEIN“ zu Hunden sagt, der den Klicker nur ab und zu einsetzt und der zudem noch ein Egoist ist. Der kann doch kein Wattebausch sein. Aber letztlich ist es mir auch egal wie man mich nennt. Aus rein egoistischen Gründen ;-)

Montag, 20. Mai 2013

Der Jäger von Soest

Im Roman „Simplicius Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen wird die Hauptfigur bekannt, indem sie, als Jäger verkleidet, Raubzüge und Plünderungen rund um die westfälische Stadt Soest unternimmt. Das „Jägerken von Soest“ ist bis heute fest verbunden mit der Stadt, die sogar jährlich ein „Jägerken“ wählt, welches Soest z. B. bei Veranstaltungen in anderen Städten repräsentiert.
Die historische Romanfigur kam mir spontan in den Sinn, als ich folgenden Anruf erhielt: „Tach, D. am Apparat. Bin Jäger und habe Ärger mit meinem Hund!“ Ein Herr D. aus Soest also, der sich gleich als Jäger ankündigte. Interessant, dachte ich und wartete auf weitere Erläuterungen. Doch da kam nichts, nach dem Wort Hund erfolgte eine fast schon bedrohliche Stille.
„Und?“, fragte ich dann in diese hinein.
„Sie können doch so einen Ärger wegmachen, oder etwa nicht?“, grummelte der Soester Jäger.
„Ich kann gerne versuchen, Ihnen zu helfen, wenn Sie ein Problem mit Ihrem Hund haben. Dazu müsste ich aber erst einmal wissen, was das Problem überhaupt ist“, entgegnete ich dem Gebrummel am anderen Ende der Leitung.
„Das ist ein Scheißköter, funktioniert nicht und kommt nicht, wenn ich ihn rufe. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen, ich kann mich mit dem nicht mehr sehen lassen!“
Tja, da hatte ich nun eines dieser Menschenexemplare am Telefon, die mit Sicherheit nicht zu der Klientel gehören, mit denen ich gerne zusammenarbeite. Die Zunft der Jäger in Mitteleuropa ist nämlich eine ganz eigene Art von Mensch. Ein sich sehr elitär fühlendes Völkchen, welches den Anspruch auf Wahrheit dermaßen für sich gepachtet hat, dass jeder, der auch nur eine Spur von Kritik an der Jagd ausübt, gleich verteufelt wird. Ich bin kein verbissener Jagdgegner, kritisiere aber durchaus eine  vermeintlich elitäre Jagdgesellschaft, die in erster Linie verkrusteten Traditionen huldigt und die Machtgelüste ihrer Mitglieder unter dem Deckmantel der Notwendigkeit und des Naturschutzes rechtfertigt. Dabei konnte noch nie auch nur im Ansatz wissenschaftlich belegt werden, dass z. B. eine Jagd auf Raubtiere, die am oberen Ende der Nahrungskette stehen (wie zum Beispiel der Verwandte unserer Hunde, der Rotfuchs), überhaupt notwendig ist. Im Gegenteil: Raubtiere regulieren sich über ein Reviersystem selbst und sind auch keine „Seuchenträger“, was die Jägerschaft oft als Jagdgrund angibt. Wer sich genauer über dieses Thema informieren möchte, kann dies in meinem Buch „Hundeartige“ tun, welches 2008 erschienen ist.
Hier geht es allerdings nicht um die Jagd und die Jäger an sich, sondern um Geschichten von Hunden. Und in diesem Zusammenhang einen Jäger als Kunden zu haben, ist schon erstaunlich. Jäger bleiben, wenn sie Probleme mit ihren Hunden haben, gern unter sich, wohl auch aus dem Grund, dass nicht jeder die Methoden der Jagdhundeausbildung mitbekommt. Der Jäger von Soest, dessen Hund nach seiner Aussage „nicht funktionierte“, wollte offenbar von mir eine Art Wunderheilung, damit er sich bei seinen Jagdkumpanen wieder sehen lassen konnte … Dem Tier zuliebe vereinbarte ich einen Termin, denn ich war mir sicher, dass der Hund Probleme mit seinem Besitzer hatte und nicht umgekehrt. Da Herr D. nicht wollte, dass ich ihn daheim besuche – jemand hätte ja sehen können, dass er meine Hilfe in Anspruch nahm – und er auch nicht zu mir kommen wollte – dort konnte er ja auch gesehen werden –, entschieden wir uns für den einsamen Treffpunkt im Wald, was in dem Fall sogar einen Sinn machte. Nicht weil ich dafür war, dass der Jäger inkognito blieb, sondern weil die Probleme mit dem Hund in der Feldflur auftraten.
Es war ein ungemütlicher Herbsttag; schon seit mehreren Tagen hatte es durchgehend leicht geregnet und die nicht befestigten Feldwege waren matschig und rutschig. Da ich zuerst am vereinbarten Ort war, konnte ich beobachten, wie Herr D. mit seinem Geländewagen vorfuhr. Ich möchte hier keine Klischees bemühen, aber dieser Mann war wirklich ein solches auf zwei Beinen und bediente die Vorurteile, die normal sterbliche Menschen von Jägern haben, vorzüglich. Er steuerte einen Geländewagen von der Größe und Stärke, dass er damit locker eine Sandwüste hätte durchqueren können. Im flachen Soester Umland war die Notwendigkeit für ein solches Fahrzeug, selbst wenn man durch sein Hobby ab und zu auf unbefestigten Wegen unterwegs war, absolut nicht gegeben. Die Förster in unserer Gegend fahren übrigens Renault-Kangoos ohne Allradantrieb – und die müssen beruflich täglich in den Wald.
Als Herrn D.  ausstieg und mehr aus Verpflichtung  als freundlich ein „Tach“ grummelte, offenbarte er weitere Klischees. Natürlich – wie sollte es auch anders sein – trug er seine Jägeruniform: grüne Hose, grüner Pullover und grüne Jacke. Dazu ein zünftiges Hütchen – Sie dürfen jetzt raten, in welcher Farbe … Nach der Begrüßung wollte er behänden Schritts zur Rückseite seines Panzers schreiten, um den Hund herauszulassen. Doch das gelang  ihm nicht ganz. Der vorher beschriebene matschige und rutschige Boden machte ihm einen Strich durch die Rechnung und der stolze Jäger rutschte auf einem schlammigen Stück Erde aus. Seinen vehementen Weg Richtung Kofferraum konnte er nicht fortsetzen, stattdessen wurde die Energie seines Schrittes umgeleitet: Das Bein, mit dem er in den Morast getreten war, zeigte auf einmal und blitzschnell in Richtung Himmel, während sein Oberkörper sich dem nassen Erdreich zuwandte. Dabei fiel er nicht wie die berühmte Bahnschranke, auf irgendeine Weise sah der Sturz sogar elegant aus. Weniger schick wurde allerdings die Landung. Herr D. klatschte mit einem lauten Geräusch auf den matschigen Boden, wobei die Hälfte seines Rückens noch eine Pfütze erwischte. Oh Gott, dachte ich, hoffentlich hat er sich nichts getan. Auf jeden Fall wird er ganz schön meckern, wenn er aufsteht.
Aber da irrte ich mich. Gerade als ich ihm aufhelfen wollte, erhob sich das Jägerken genauso schnell wieder, wie es gefallen war. Sein Kopf war zwar hochrot, aber die für mich amüsante und für ihn peinliche Situation sollte offenbar so gut wie möglich überspielt werden. „Dann wollen wir mal den Hund holen“, entfuhr es ihm mit seiner grummeligen Stimme. Die ganze Szenerie war dermaßen komisch, dass ich am liebsten laut losgelacht hätte, diesen Drang aber musste ich aus Gründen der Höflichkeit unterdrücken. Als ich den Mann dann aber von hinten sah mit einem schönen braunen Matschfleck auf der grünen Jägeruniform, war es für mich noch schwerer, mich zurückzuhalten. Ich war froh, dass endlich der Hund aus dem Fahrzeug kam und ich mich auf etwas anderes konzentrieren konnte. Der jedoch stürzte sich sofort auf etwas, was ungefähr an der Stelle lag, wo Herr D. seine Rückenlandung vollzogen hatte. Er nahm es auf, hielt es in seinem Fang und schaute uns mit schrägem Kopf an. Erst da erkannte ich, was er dort aufgesammelt hatte. Mir war in der Komik und Hektik des Augenblicks entgangen, dass Herr D. sein Hütchen verloren hatte. Und das hatte der Hund nun in der Schnauze. In diesem Moment war es mir unmöglich, weiterhin das Lachen zu unterdrücken. Ich platze los. Und selbst der grummelige Jäger bewegte seine Mundwinkel nach oben und zeigte so etwas wie ein Lächeln.
Zeichnung: Zapf
 
 
Als er mir allerdings seine Hundeprobleme schilderte, verging mir das Lachen recht schnell wieder.  Eigentlich war es der Klassiker schlechthin: Der Hund kam nicht auf Zuruf zu seinem Besitzer, und je mehr er für dieses Verhalten bestraft wurde, desto schlechter folgte er. „Der muss doch wissen, dass er eine Tracht Prügel kriegt, wenn er nicht kommt“, sagte der Mann. Und in einem aggressiv gesprochen Ton schrie er: „HIER“. Der Hund reagierte sofort, hielt in seinem Tun inne und schaute stocksteif zu seinem Besitzer. Dessen Stimme wurde nun so unfreundlich, dass sogar die umstehen Bäume zur Flucht bereit gewesen wären.
Was macht ein schlaues Lebewesen in einer solchen Situation? Natürlich: Es möchte Ärger vermeiden  und vollzieht daher lieber keine schnellen, aufreizenden Bewegungen, die das aggressive Gegenüber zusätzlich reizen könnten. Unter normalen Kreaturen funktioniert die Strategie der Vermeidung von Auseinandersetzungen sehr gut. Viele nennen das beschwichtigen, wobei das Wort beruhigen vielleicht besser passt. Hunde benutzen ein solches Verhalten und kommen damit im allgemeinen auch gut zurecht.  Allerdings sind Menschen keine normalen Lebewesen mehr, Jäger noch viel weniger und Herr D. war dazu noch ein ganz spezielles Exemplar dieser Zunft …
Harro – so hieß der Hund, der übrigens ein Deutsch-Drahthaar-Rüde war, –  hatte gelernt, auf Zuruf die Handlung, die er gerade ausführte, zu unterbrechen und zu Herrn D. zu blicken. Ich möchte gar nicht wissen, wie er das beigebracht bekommen hatte, vermutlich über das verbotene Elektroreizgerät. Mehr dazu in einem späteren Kapitel. Hier ging es jetzt darum, Herrn D. zu vermitteln, was in Harro vorging, der ja machte, was von ihm verlangt wurde. Doch das unfreundliche und aggressive Gebrülle seines Besitzers hielt ihn davon ab, schnell zu ihm zu kommen. Die einzig logische Verhaltensweise für den Hund war es, sich so wenig wie möglich und so langsam es ging zu bewegen, um das Jägerken nicht noch mehr zu provozieren. Aber genau das Gegenteil passierte.  Denn als Harro dann endlich bei seinem Halter war, wurde er auch noch geschlagen. War es dann nicht besser, überhaupt nicht mehr zu ihm hinzugehen?
Ein Hund verknüpft nun einmal direkt, er führt eine Handlung aus und die darauf folgende Konsequenz wird der Tat zugeordnet. Er begreift nicht, wenn ein Mensch ihn für etwas ausmeckert oder bestraft, was einige Zeit zurückliegt und sich schon andere Handlungen zwischengeschoben haben. Da hilft es auch nichts, wenn der Mensch dem Hund erklärt, was er tun soll. Abstrakte Sätze versteht dieser nämlich nicht. Der Mensch, dessen Fähigkeit, theoretische Zusammenhänge zu durchschauen, deutlich besser ausgeprägt ist, ist sehr oft allerdings nicht in der Lage zu begreifen, wie die Struktur des Denkens und Lernens bei seinem Vierbeiner funktioniert. Das Problem vom Jägerken und Harro war im Prinzip relativ klein, sie verstanden sich nur gegenseitig nicht. Herr D. dachte, der Hund sei aufsässig, stur oder dominant, weil er den „HIER“-Befehl nicht ausführte. Und Harro verknüpfte das Herankommen mit Prügel. Man hätte ihm nur beibringen müssen, dass er etwas Positives zu erwarten hat, wenn er auf einen bestimmten Befehl hin zu seinem Besitzer kommt.  Den in diesem Fall negativ besetzten Begriff „HIER“ hätte der Jäger durch ein anderes Wort austauschen und in Gleichklang mit einer Belohnung bringen sollen. Das muss übrigens nicht immer Nahrung sein. Auch ein Spielzeug oder einfach nur ein Lob sind geeignet. Man muss sehen, was individuell beim jeweiligen Hund den Erfolg bringt. Wenn Harro den neuen Befehl für das Herankommen mit einer positiven Konsequenz hätte verbinden können, wäre er sicher gerne und schnell gekommen. Aber wie Sie sicher schon bemerkt haben, schreibe ich gerade im Konjunktiv. Herr D. war nämlich nicht bereit, sich auf ein solches Training einzulassen. „Waschweibermethoden“, zischte er, „ich dachte, Sie können den Hund eben schnell dazu bringen, auf mich zu hören.“
Herr D., das Jägerken von Soest, war nicht nur unfähig, seinen Hund zu verstehen, er konnte nicht einmal einen Menschen verstehen, der ihm wirklich logische Argumente lieferte. Zusätzlich war ich bemüht, ihm dies so einfach wie möglich zu vermitteln – Grundschulkinder verstehen mich meist nach wenigen Sekunden –, aber Herr D. konnte oder wollte seine Sicht auf die Dinge nicht im geringsten verändern. So zog er ab; in seiner grünen, nassen Kleidung stieg er in den Panzer und fuhr los. Leider konnte ich nicht mehr für den Hund tun. Das tat mir unendlich leid, weil ich genau wusste, wie dieses Tier weiterhin erzogen werden würde. Es blieb mir nur, Herrn D. noch einen Rat mit auf den Weg zu geben: „Denken Sie daran, Herr D., es ist verboten, Hunde mit Mitteln auszubilden, die Schmerz verursachen. Wenn ich Sie zufällig irgendwo sehe, wie Sie Ihren Hund verprügeln, werde ich mich nicht scheuen, die Behörden zu informieren!“
Ich sagte dies aus Frust und in der Hoffnung, dass Herr D. vielleicht doch noch einmal seinen Kopf zum Denken benutzen würde. Letzterer ist schließlich dazu da, und nicht nur, um grüne Hütchen zu tragen. Obwohl – beim Jägerken von Soest war ich mir nicht sicher, ob sein Kopf nicht doch nur als Huthalter gedacht war … 
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