Samstag, 6. Dezember 2014

Die Seele des A…lochhundes

Ich möchte heute einmal eine Geschichte aus meinem beruflichen Alltag erzählen, die meiner Meinung nach symptomatisch für das Verständnis von Mensch gegenüber Hunden ist.

Anruf als „letzte Hoffnung“
Ich hatte einen Kundentermin bei einer Familie mit einer Hunderasse, die, wie ich finde, heute viel zu selten zu sehen ist. Der Mittelschnauzer war zu der jungen Familie gekommen, weil der Vater daheim, auf einem landwirtschaftlichen Betrieb, mit Hunden der Rasse aufgewachsen war.
Der Schnauzer kam als Welpe zur Familie, wuchs in den ersten zwei Jahren relativ problemlos auf. Als die Familie meine Hilfe in Anspruch nahm, war der Hund knapp drei Jahre alt. Als mich die Mutter anrief, war das einer der Anrufe, wo mir gesagt wurde, dass man schon alles probiert hätte, es nicht besser würde und ich die letzte Hoffnung wäre. Das höre ich leider oft – obwohl ich es so nicht wirklich gerne höre. Weil ich schon unter emotionalem Druck stehe, bevor ich den Hund überhaupt gesehen habe. Aber gut, daran gewöhnt man sich im Lauf der Zeit – was mich ernsthaft ärgert ist die Tatsache, dass, bevor ich als letzte Hoffnung gerufen werde, schon so viel Porzellan zerschlagen wurde…
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Der unbekannte Schlaftrakt
Was war das Problem des Hundes? Nun, auf dem Bauernhof, auf dem der Familienvater aufgewachsen war, durften Hunde nicht mit ins Haus – und schon gar nicht in das Schlafzimmer. So wurde es auch mit dem Hund gehalten, der jetzt im schicken Neubau der Familie lebte. Zwar hatte die Frau durchgesetzt, dass der Hund im Haus leben darf, allerdings mit dem Kompromiss, dass der Schlafbereich tabu war. Der Schlafbereich bestand aus einem vom Hausflur ausgehenden Gang, der an seinem Ende das Elternschlafzimmer hatte und an dem links und rechts die Kinderzimmer angemauert waren. Der Hund sollte den Gang zu den Schlafzimmern und die Schlafzimmer selbst nicht betreten. Man hatte ihm von Welpenbeinen an „klargemacht“, dass er keine Pfote in den Schlaftrakt setzen dürfe. Wie genau sie ihm das „klargemacht“ hatten, konnte ich nicht erfahren, es wurde mir aber versichert, dass es verbal passiert sei. Zusätzlich zum verbalen Verbot den Gang zu betreten, wurde ein Kindergitter angebracht, wenn der Hund einmal allein daheim sein musste – der Vater wollte aufgrund seiner eigenen Prägung strikt verhindern, dass der Hund der Schlaftrakt betritt. Der Hund hatte also den Bereich des Hauses noch nie gesehen, bzw. betreten.
Die erste Chance
Nun zum Problem. Der Hund bellte seit ca. einem Jahr in die Richtung des Schlaftraktes. Die Besitzer konnten es sich nicht erklären, warum er das machte. Sie hatten als einzige Strategie für sich das Anschreien entdeckt, was den Hund für ca. 10 Sekunden „ruhig stellte“, wonach er wieder loslegte. So kam es, dass sie einen mobilen Hundetrainer engagierten. Die erste Hoffnung sozusagen. Dieser vermittelte ihnen, dass der Hund die Chefrolle im Haus übernehmen möchte und sich durch das Bellen den Zutritt zu den Schlafzimmern erstreiten wolle. Man müsse nur klar kommunizieren, dass er das nicht darf, und dann wäre es gut. Seine Strategie: Immer wenn der Hund bellte, schoss der Trainer hervor und rempelte ihn an – was die Besitzer auch machen sollten, damit der Hund klipp und klar erkennen würde, wer im Haus das Sagen hätte. Gut, so wie die Besitzer schilderten, bellte der Hund trotz dieser Therapie munter weiter, achtete aber immer darauf, wenn die Besitzer zum Rempeln angelaufen kamen, ihnen aus dem Weg zu gehen. Für ein Tier mit den hochsensiblen Wahrnehmungsfähigkeiten eines Hundes nicht wirklich ein Problem…
„Still sein“ wird belohnt
Da das nicht funktioniert hatte, wurde eine Hundeexpertin, quasi die zweite Chance, engagiert. Auch diese glaubte, dass der Hund ins Schlafzimmer möchte, glaubte aber nicht an den Wunsch, dass der Hund in der „Familienrangordnung“ eine führende Rolle einnehmen wollte. Für sie war es einfach ein Betteln, mit dem Ziel in der Nähe seiner Menschen zu sein. Wobei sie anscheinend außer Acht ließ, dass der Hund auch bellte, wenn niemand im Schlafzimmer war. Sie ging das Problem so an, dass sie den Besitzern riet, sich neben den Hund zu stellen, wenn er bellte. Und immer, wenn er zwischendrin mal Luft holte, nicht bellte, sollte ein Wort wie „still“ gesagt werden und dann eine Belohnung gegeben werden. Das wirkte schon deutlich besser, sagten die Besitzer – der Hund lernte recht schnell, wenn er bellte und das Wort „still“ hörte, dass es eine angenehme Folge für ihn hatte, wenn er still war. Doch es wirkte nur eine Zeit. Irgendwann ignorierte er das Wort und fiel in sein altes Muster zurück…
Scheppernde Schrauben und Muttern
Worauf eine – sie werden es ahnen – dritte Chance engagiert wurde. Wieder eine neue Expertin, die nun wieder das aufgriff, was die erste Chance, der männliche Experte, zu wissen glaubte. Der Hund wolle eine Führungsrolle durchsetzen, das Revier inklusive Schlafräumen komplett erobern. Ihre Lösungsstrategie: Immer wenn der Hund bellt, ihm eine mit Schrauben und Muttern gefüllte Plastikflasche vor die Nase zu werfen.
Und, werden Sie sich jetzt fragen? War das von Erfolg gekrönt? Nun, der Hund bellte danach immer noch, aber anders. Er bellte immer noch in die Richtung des Schlaftraktes, achtete dabei aber gleichzeitig immer darauf, wann die Flasche geflogen kam… Zudem kamen weitere Probleme hinzu. Der Hund fürchtete sich plötzlich beim Gassigang vor Autos, vor fast allem was Geräusche verursacht. Außerdem häuften sich plötzlich Attacken von ihm auf andere Hunde. War er früher ein mit Artgenossen verträglicher Typ, reichte es jetzt anscheinend schon aus, wenn ihn ein Hund schief anschaute.
Da das Problem nicht wirklich gelöst war und nach einem Jahr „Training und Therapie“ noch weitere Probleme hinzukamen, wurde was gemacht? Richtig – eine weitere Chance engagiert. Und die letzte, die meinen Namen trug.
Zwecklos, weil A…lochhund?
Als ich kam, sagte mir der Familienvater, wohl wegen der vielen vertanen Chancen, dass es ja im Grunde sowieso zwecklos wäre. Der Hund sei halt ein „Arschlochhund“, der nicht nur daheim das Zepter übernehmen wolle, sondern nun auch noch draußen andere Hunde attackieren würde.
Nun gut, es würde jetzt zu lange dauern, genau zu erläutern, wie ich die Familie befragte, wie ich mir das Haus und das Umfeld des Hundes anschaute. Ich mache es kurz. Ich habe die Familie überredet, den Hund doch einmal in den Schlaftrakt zu lassen. Er wollte diesen zunächst nicht betreten. Mit Leckerchen ließ er sich dann doch hineinlocken – und einmal drin erkundete er die Räume genau und schritt wieder hinaus. Zudem habe ich gebeten, ein Mobilee zu entfernen, welches seit ca. einem Jahr in einem der Kinderzimmer angebracht war und Zeitweise leise, aber klimpernde Geräusche verursachte, vor allem, wenn durch gekippte Fenster ein leichter Zug durch die Räume ging. Der Hund war einmal im Schlaftrakt, das Mobilee wurde entfernt. Das ist jetzt vier Monate her. Und der Hund bellt nicht mehr…
Hund bellt nicht mehr, nachdem „Gefahr“ beseitigt wurde
Ich gehe stark davon aus, dass der Hund in dem ihm völlig unbekannten Schlaftrakt irgendeine Gefahr vermutete, vielleicht ausgelöst durch das Klimpermobilee – zeitlich erscheint es plausibel. Das Problem konnte schnell und unkompliziert beseitigt werden. Ein schöner schneller Erfolg bei der Hilfestellung zum Problem mit dem Bellen. Die Geräuschangst des Hundes allerdings, die ebenfalls plausibel  mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Werfen der Schraubenflasche zurückzuführen ist, wird mehr Arbeit erfordern – ebenso wie das möglicherweise durch den Stress der Geräuschangst entstandene dünne Nervenkostüm des Hundes, welches ihn nun bei Hundebegegnungen dazu bringt, schneller die Fassung zu verlieren.
Probleme durch „Experten“ verstärkt
Ängstlich und nicht mehr verträglich mit Hunden. Weil Experten sich nicht die Mühe gemacht haben, die Gründe für das Verhalten zu erforschen und zu hinterfragen. Bzw. völlig absurdes „Chefgehabe“ als Grund ansahen. Stattdessen haben sie durch „Training“ und Aktionismus neue Probleme geschaffen und die Seele des Hundes verängstigt und in Scherben gelegt. Und unsereins darf die Scherben zusammenkehren. Die Scherben eines missverstandenen Hundes, der bestimmt kein A…loch ist.
„Da hätten die Leute doch auch selbst drauf kommen können“, wird möglicherweise mancher jetzt denken. Vielleicht hätten sie das. Doch die Denkweise rund um Hunde ist heute durch einseitige Gedanken  so vernebelt, dass die einfachsten Zusammenhänge oft nicht gesehen werden. Ich habe die Familie gefragt, ob ich ihre Geschichte aufschreiben darf. Und sie waren einverstanden. Mit der Hoffnung, dass sich andere dadurch vielleicht schneller aus dem Nebel befreien. Noch bevor die Seele eines Hundes in Scherben liegt…

Freitag, 28. November 2014

Artgerechte Pelztierhaltung? - Augen auf und Mitgefühl anschalten beim Jackenkauf...

In den letzten Jahren ist z. B. bei Winterjacken ein echter Pelzkragen wieder modern geworden. Oder auch andere Pelzmode. Gerechtfertigt wird der Trend mit Zuchttieren aus artgerechter Haltung.

Es gibt also tatsächlich Menschen die behaupten, man könne Tiere, deren Pelze der Mensch für sich nutzen möchte, „artgerecht“ halten. Am besten kenne ich mich natürlich mit Hundeartigen aus, darum möchte ich einmal etwas vom natürlichen Leben eines Fuchses erzählen.
Großes Revier durchwandern
Füchse sind für Hundeartige relativ häufig auf Achse. Sie schlagen selten große Beute wie etwa Wölfe, sondern ernähren sich von vielen kleinen Mahlzeiten am Tag. Das können kleine Säugetiere sein, aber auch Insekten oder auch pflanzliche Kost wie Beeren etc. Um Ihren Tagesbedarf an Nahrung zu decken durchwandern sie ihr Revier, täglich fünf bis sechs Stunden lang. Um ihre Beute und ihre Nahrung zu erhalten werden sie oft vor Probleme gestellt – Probleme die sie lösen müssen, die ihr Gehirn fordern. Bei aller Arbeit der Nahrungsbeschaffung regenerieren Füchse aber auch lang und ausgiebig – weit über 10 Tagesstunden werden in sicheren, abgeschlossenen Rückzugsorten (Höhlen, dichtes Gebüsch) ohne viele Außenreize verschlafen. Und, häufiger als man denkt, kommt es bei Füchsen auch zu sozialen Kontakten mit vertrauten, oft verwandten Artgenossen.
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Nicht in direkter Nachbarschaft zu fremden Artgenossen
Fremde Artgenossen werden allerdings meist gemieden oder vertrieben, bzw. der Versuch unternommen, sie zu vertreiben. Zur Sicherung des Territoriums, welches Überlebenswichtig ist. 5 bis 6 Stunden wandern und Probleme lösen, den Kopf anstrengen. Lange Zeit ausgiebig und ohne Belästigung ruhen, sowie ausgiebiges Sozialverhalten mit Artgenossen, die sich ein Individuum aussucht – oder ihnen auch aus dem Weg gehen kann. Das ist ein natürliches, ein artgerechtes Leben dieser Tierart.
Natürliches Leben auf wenigen Quadratzentimertern?
Wie bitte will man ein solches Leben einem Fuchs auf einer Pelzfarm bieten? Auf wenigen Quadratzentimetern in einem Käfig? Wie soll ein Fuchs dort sein auf Problemlösung ausgelegtes hochentwickeltes Säugetiergehirn beschäftigen? Mal mit einem Ball, welcher ihm lieblos in den Käfig geworfen wird?  Wie soll er mit hunderten weiterer Füchse und dem menschlichen Arbeitsbetrieb rundherum  seine ernsthaften Ruhephasen finden? Wie soll er in der Kiste seinen Bewegungsdrang, sein Bedürfnis nach langen Streifgängen ausleben? Geht mit jedem Fuchs ein Mitarbeiter 5 Stunden Gassi am Tag? Natürlich nicht – unter Artgerecht verstehen diese Pelzproduzenten einige Quadratzentimeter mehr Raum im Käfig, und mal einen Ball oder ein Spielzeug hineinwerfen.
Unschuldig in der Todeszelle
Das ist so, als wenn man eine Gefängniszelle für einen Menschen um einen Quadratmeter vergrößern würde und dem Insassen jeden Tag dasselbe Fernsehprogramm vorsetzen würde. Und der Fuchs „sitzt“ zudem noch vollkommen unschuldig in diesem Käfig. Es ist mir wirklich vollkommen unverständlich, wie ein halbwegs normaler Mensch auch nur im Ansatz auf die Idee kommen kann, man könne einem Fuchs ein „schönes“ oder nur im Entferntesten der Art gerechtes leben in einem Käfig bieten. Dusselige Ausreden für ein blutiges Geschäft, welches nur dem Profit dient und mit keinerlei Notwendigkeit gerechtfertigt werden kann. Es geht nur um die Befriedigung von Eitelkeits- und Modebedürfnissen von Menschen. Von selbstsüchtigen Menschen ohne Herz und Mitgefühl.

Donnerstag, 20. November 2014

Wahrheit, Wissenschaft und Rudelführer

Je mehr Wahrheiten und Informationen man heute durch das Internet zu diversen Sachverhalten präsentiert bekommt, ja mehr fällt mir etwas auf. Mir fällt die Tatsache auf, dass sehr schnell von Wahrheiten gesprochen wird, von absoluten Wahrheiten – speziell im Hundebereich…
Forscher formulieren schwammig
Im Gegenteil zu absoluten Wahrheiten nutzen Wissenschaftler und Forscher meist folgende Formulierungen:
„Wir gehen davon aus“; „der Sachverhalt ist mit Daten unterfüttert“; „wir nähern uns an“; „die Forschungen deuten darauf hin, dass…“; „die Ergebnisse lassen den Schluss zu“; „die Theorie/These ist plausibel“, usw.
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Gern wird diskutiert, Fakten werden ausgetauscht, hinterfragt und oft wechselt die Wissenschaft die Theorien und ist auch bereit, Irrtümer einzugestehen. Ich zitiere da gern einen TV-Astrophysiker, der einmal äußerte, dass sich die Wissenschaft im Prinzip von einem Irrtum zum nächsten hangelt.
Wissenschaft bringt Wissen
Was natürlich nicht heißt, dass Wissenschaft kein Wissen bringt – ganz im Gegenteil sogar. Wer mich kennt weiß, dass ich im Grunde recht nüchtern analysiere und empirische Daten, statistische Erhebungen und aktuelle Erkenntnisse als Grundlage von Urteilsbildungen ansehe. Allerdings nähert sich Wissenschaft meist nur an. Wir sind heute näher dran, einige Sachverhalte zu verstehen, als vor 100 Jahren – mal ganz unabhängig von der Hundewelt. Aber die Wahrheiten, die zu 100% stimmen, sind in allen Bereichen wohl eher die Seltenheit – obwohl es natürlich auch Fakten gibt. Aber gerade in der Verhaltensbiologie ist Wissen meist nur „annähernd“ vorhanden. Deshalb flüchten sich Wissenschaftler gern in die oben genannten Floskeln. „Wir gehen davon aus…“
Bedingungslos Glaubende
Ganz anders diejenigen, die wissenschaftliche Veröffentlichungen lesen, diese für ihre Philosophie zurechtinterpretieren und dann als einzige Wahrheit verkaufen. Oder Gurus, die nicht mal wissenschaftliche Veröffentlichungen als Philosophiegrundlage nehmen, sondern gern auch selbst „erdachte“ Wahrheiten benennen. Und diese verbreiten, indem sie ein Rudel von Jüngern anführen, die ihnen bedingungslos glauben – oder den „Rudelführer“ als Werbeträger vorschieben.
Plausible Theorien, suspekte Wahrheiten
Ich lese gern wissenschaftliche Veröffentlichungen, unterhalte mich auch immer gern mit Wissenschaftlern, die mir erklären, dass sie sich gerade einem Wissensfortschritt annähern. Und dass sie aufgrund von plausiblen Theorien von etwas ausgehen…
Suspekt sind mir allerdings Leute aller Bereiche, die Wahrheiten gepachtet haben. Man kann nämlich davon ausgehen, dass gepachtete Wahrheiten ihr Geld nicht wert sind…

Donnerstag, 6. November 2014

Gefährliches Monster? Überhund? Oder einfach nur Hund? Der American Staffordshire Terrier

Wenn man etwas über den American Staffordshire Terrier schreiben möchte, begibt man sich auf dünnes Eis. Dieses Eis ist nicht dünn, weil man vielleicht die Rache dieser „vermeintlich doch so gefährlichen“ Hunde fürchten muss. Nein, eher muss man die Reaktionen fürchten, die von menschlichen Gegnern oder auch Liebhabern dieser Rasse kommen können. Doch dazu später mehr. Zunächst etwas über die Hunde dieser Rasse, die mir in der Praxis begegnet sind. Doch dabei fällt es mir relativ schwer, eine auch nur annähernd allgemeingültige Aussage zu treffen. Mir sind dort nämlich American Staffordshire Terrier begegnet, die faul und träge waren, aber sicher ebenso viele, die als typische Terrier hochaktiv waren und ein gesundes Maß an Auslastung benötigten. Dann gab es sensible, dauerbeschwichtigende Vertreter und es gab selbstbewusste, die mit häufigem Imponiergehabe der Umwelt klar vermitteln wollten, dass sie sich nicht unterkriegen lassen. Es gab mutige, feige, schnell lernende, begriffsstutzige. Einige lebten mit Katzen zusammen und mochten keine Hunde, andere jagten mit Leidenschaft Katzen und begrüßten alle Hunde freundlich, ja fast schon enthusiastisch. Also, ganz ehrlich, ich habe bei meiner Arbeit noch keine zwei Vertreter der Rasse American Staffordshire Terrier gefunden, die sich so ähnelten, wie man es von Vertretern einer Rasse vermuten mag.  

AmStaffs aus dem Tierschutz 

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Das liegt sicher auch darin begründet, dass Der AmStaff in meiner Heimat, NRW, durch Verbot nicht mehr als Welpe zu seinen Besitzern kommt und die Tiere, die mit ihren Besitzern bei mir vorstellig wurden (übrigens allesamt mit mehr oder weniger „kleinen“ Problemen wie z. B. Unsauberkeit, Angst vor Lärm o. ä.), ihre Hunde immer aus dem Tierschutz übernommen hatten. Und alle diese Hunde hatten somit eine Vorgeschichte, die man in den wenigsten Fällen genauer kennt. Darum weiß man nicht, wie die Tiere geprägt wurden, welchen Kontakt sie zu Menschen, zu anderen Tieren, zu Artgenossen und ihrer Umwelt insgesamt hatten. Waren sie umsorgter Welpe oder „Massenprodukt“? All diese Dinge, die einen wichtigen Einfluss für die Beurteilung eines Hundes haben, liegen meist völlig im Dunkeln. Das macht die Grundeinschätzung natürlich schwer. Hat ein AmStaff z. B. schlechte Erfahrungen mit Hunden oder Menschen gemacht, kann darin natürlich eine gesteigerte Aggressivität diesen Lebewesen gegenüber begründet sein. Aber das ist nicht nur beim AmStaff so – auch ein Pudel, der schlecht behandelt wurde oder negative Situationen erlebt hat, versucht diese Behandlung oder die negativen Situationen in Zukunft zu vermeiden – und dies möglicherweise durch Aggressivität. Angriff als Verteidigung…

Doch wie gesagt, in meiner täglichen Praxis konnte ich bislang nicht feststellen, dass sich AmStaffs grundsätzlich aggressiver verhalten als andere Rassen. Viele von ihnen haben eben nur eine Geschichte hinter sich, die trauriger ist als die von manch anderem Hund. Doch auch diese Hunde werden langsam weniger, zumindest bei uns in NRW, weil hier die „Alten“ naturbedingt immer weniger werden und Zucht und Verkauf von Welpen ja verboten ist. Für mich nicht ganz nachvollziehbar – in meinen Augen ist der AmStaff ein Tier mit vielen Eigenschaften und Facetten, aber bestimmt kein grundsätzlich „gefährlicher Hund“, wie in einigen Bundesländern in der Landeshundeverordnung festgehalten. American Staffordshire Terrier sind keine gefährlichen Hunde, sie sind einfach nur Hunde. Und sicher kann ein Hund gefährlich sein – wenn der Mensch ihn gefährlich „macht“ und für seine Zwecke missbraucht. 

Kräftiger Hund 

Allerdings, und damit komme ich zurück zum Anfang, muss man ganz klar berücksichtigen, dass ein AmStaff ein für seine Größe überaus kräftiger Hund ist (ein Whippet ist in etwa gleich groß, wiegt aber die Hälfte…), der, außer Kontrolle geraten, sicher einen großen Schaden anrichten kann. Darum darf man solch kräftige Hunde nicht unterschätzen, vor allem, wenn man seine Geschichte nicht kennt und nicht weiß, welche negativ prägenden Ereignisse sein Verhalten beeinflussen können. Wie gesagt, das gilt für jeden anderen Hund des Kalibers auch – allerdings ist es nun einmal Fakt, dass AmStaffs in mehr Fällen eine negative Erfahrung gemacht haben als vielleicht Wolfsspitze. Zumindest die, die früher von solchen Menschen gehalten wurden, die die Hunde als Statussymbole oder gar als Waffe in einem bestimmten Milieu missbraucht haben. Heute halten solche Menschen aufgrund von Verboten und Auflagen keine American Staffordshire Terrier mehr. Aber das heißt nicht, dass diese Leute keine Hunde mehr halten. Leider müssen jetzt andere Rassen, ohne große Auflagen, aber auch als Statussymbole oder Waffen missbraucht, mit ihren zwielichtigen Besitzern durch die Rotlichtviertel der Städte patrouillieren. 

Engagierte Halter 

AmStaffs hingegen, die man heute noch sieht, sind jetzt meist im Besitz von engagierten Tierfreunden, die sich diesen Hunden aus Tierliebe oder aus großer Verbundenheit mit speziell dieser Rasse widmen. Allerdings sieht man sich hier auch manchmal mit dem Phänomen konfrontiert, dass dieses Engagement sehr extrem ist und der AmStaff von einigen Rasseliebhabern als eine Art „Überhund“ dargestellt und keinerlei Diskussion zugelassen wird. „Arme AmStaffs“, kommt mir da manchmal der Gedanke, „in einem Hundeleben von einer extremen Haltung ins gegenteilige Extrem geraten“.

Mein persönliches Verhältnis zu American Staffordshire Terriern ist übrigens komplett neutral. Ein AmStaff ist ein Hund. Und ich liebe alle Hunde…

Samstag, 11. Oktober 2014

Nochmal §11 - Verrückt machen von allen Seiten

Beruflich muss ich mich jetzt schon eine ganze Weile mit dem inzwischen berüchtigten §11 („Erlaubnispflicht Hundeausbilder“) beschäftigen. Als Verbandsvorsitzender, als Fortbildungsanbieter aber auch als „Hundeausbilder“ selbst. Die Geschichte nervt in der Umsetzung und verunsichert viele, deren Existenzen davon abhängen. Dass dort in vielen Fällen Klärungsbedarf besteht kann man nicht abstreiten. Leider kann niemand (weder Verbände, Anwälte, Ministerien oder Behörden) im Moment absehen, wie genau es dort weitergeht. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit werden rechtliche Fakten erst zu einem späteren Zeitpunkt geschaffen.

Ergebnisse für die Zukunft

Das hilft den Betroffenen im Moment wenig. Darum ist es zu begrüßen, wie sich Verbände, Anwälte, Institutionen und sonstige Personen für die Betroffenen einsetzen. Vielleicht kann man gemeinsam zumindest ein annähernd befriedigendes Ergebnis für alle Parteien erreichen. Das ist aber sicher eher für die Zukunft zu erwarten. Nach aller Erfahrung mit dem „11er“ kann ich nur sagen, dass von Betroffenen zunächst das Gespräch mit den Ämtern gesucht werden sollte und ggf. individuelle Lösungen, möglicherweise auch für den Übergang, gefunden werden.
 
Gerüchte und Verschwörungstheorien

Was mich aber genauso wie die behördliche Umsetzung nervt, ist das, sagen wir mal „Gerücht“, dass praktisch nur eine „Philosophie“ von den Ämtern geprüft und verlangt werden würde. Das Gerücht halte ich schlicht für falsch. Wie gesagt, ich habe aus diversen Gründen intensiv mit der Geschichte zu tun und schon viele Rückmeldungen von Geprüften erhalten. Auch ich selbst wurde bereits geprüft. Und wenn man alle Erfahrungen und Feedbacks zusammenrechnet bekommt man ein gutes Bild, ob einzelne „Philosophien“ mehr oder weniger häufig zum Tragen kommen. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich alles gehört habe – praktische Prüfungen wo Leinenruck verlangt wurde, Fachgespräche wo man sich Rudelführertheorien anhören musste aber auch mal welche, wo man positive Verstärker erläutern musste. So unterschiedlich wie die ganze Hundeszene, so unterschiedlich sind auch die Amtsveterinäre und deren Ansichten. Es ist bestimmt nicht so, dass durch irgendwelche Lobbyarbeiten alle Ämter von irgendwelchen „Wattebäuschen“ unterwandert sind. Wenn man wollte, könnte man genauso das Gegenteil behaupten und auch diverse Einzelnachweise darüber erbringen. Darum halte ich die momentane Philosophieparanoia für noch unangebrachter als sonst schon. Als wenn der 11er nicht insgesamt schon nervig genug wäre.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Traubenführung natürliches Hundeverhalten?

Im Moment sieht man (leider) immer häufiger Videos oder hört und liest Aussagen von Typen, die mir gewaltig auf den Senkel gehen. Ich meine diese Leute, die vor einem „Hunderudel“ herlaufen oder Radfahren, und die Hunde dicht wie Trauben gedrängt diesem Menschen folgen, ihn nie überholen und auch nicht aus der „Formation“ ausscheren. Wie von Geisterhand bewegt sich die enge Traube aus Hunden hinter dem Menschen her. Und das Ganze wird beklatscht und mit „Führungsqualitäten“ gelobt.

Mit „Korrekturen“ zusammengehalten
Oh, Mann! Hunde würden in einem selbstgewählten Umfeld, in einer Gruppe, der sie freiwillig beigetreten sind, niemals ein solches Verhalten zeigen. Eng aneinander gedrückt einem Individuum blind folgen. Das ist völlig unnatürliches Verhalten, welches nur so gezeigt werden kann, indem die „Formation“  durch Schläge, Tritte und andere „Korrekturen“ zusammengehalten wird – so lange, bis es funktioniert und im Video oder TV präsentiert werden kann. Jeder der ausschert, hat mit ernsthaft unangenehmen Konsequenzen zu rechen. Wie gesagt, das Verhalten zeigen Hunde niemals untereinander. Wenn sich Hunde freiwillig einmal zu einer Gruppe zusammenschließen sollten, ist das meist ein „lockerer“ Haufen, in dem es einige Regeln im Umgang miteinander gibt und an die sich die Individuen anpassen. Aber so ein blindes Folgen aus Angst vor Züchtigung, ist unnatürliches Verhalten. Darüber gibt es auch keinerlei Nachweise unter freilebenden Hunden.
Was soll das?
Mir stellt sich zudem die Frage, was das soll, sich mit 10 oder 20 Hunden so durch die Welt zu bewegen? Es dient doch nur einem – dem Machtgefühl und dem Ego der menschlichen Protagonisten. Und die Hunde werden durch so eine unnatürliche „Beschäftigung“ stark gestresst und traumatisiert. Ein schönes Leben ist das nicht – auch wenn sich viele Hunde in ihr Schicksal fügen und das böse Spiel mitmachen. Ein artgerechtes Leben führen diese Hunde definitiv nicht.
Resozialisieren oder traumatisieren?
Diese Art von Hundeführern ist auch oftmals die, die Hunde „resozialisieren“, indem sie sie einfach in ihr „Rudel“ setzen, bestehend aus 10 bis über 20 Tieren. Auf engstem Raum mit über 20 fremden Individuen. Naja, so bricht man jedes Lebewesen. Das hat aber nichts mit Resozialisierung zu tun. Eher mit traumatisieren.
Selbst erleben
Am liebsten würde ich diese traubenführenden Typen mal allesamt einfangen, in einen engen Raum sperren, wo sie lange Zeit nur sich selbst und ihren „Mitstreitern“ überlassen blieben. Lagerkoller und Lageraggressionen vorprogrammiert. Bei Menschen wahrscheinlich viel schneller und heftiger, als bei Hunden. Aber okay, alle paar Tage würde ich sie mal aus ihrem engen Pferch herauslassen. Dann müssten sie mir alle dichtgedrängt folgen. Und wehe dem, der ausschert…

Anpassen, arrangieren und gegenseitiger Respekt

Wenn man mit Menschen zusammenlebt oder zusammenarbeitet, geht man meist nach einem einfachen Muster vor, damit die soziale Gemeinschaft funktioniert. Man passt sich an, man arrangiert sich mit den Eigenschaften des oder der Anderen – und man behandelt sie, wie man selbst behandelt werden möchte. Wenn sich alle anpassen und arrangieren, werden letztlich auch alle gleich behandelt, man findet Kompromisse, mit denen alle Leben können sollten und sich dabei wohl fühlen (gut, klappt nicht immer - so sollte es aber sein).

Anpassen, arrangieren und gegenseitiger Respekt – die Grundlage für jedes soziale Zusammenleben.
Das Zusammenleben mit Hunden verhält sich da nicht anders.

Allen geschäftsträchtigen Philosophien und der Informationsflut unserer Zeit zum Trotz…

Gleiches 11er-Recht für alle

Wir Deutschen verlangen ja sogar von Mexikanern, die Sachkunde nachzuweisen, wenn sie bei uns mit Hunden arbeiten möchten. Auch wenn sie die Sachkunde nicht nachweisen können…

Obwohl die Umsetzung des Gesetzes zur Erlaubnispflicht für „Hundeausbilder“, vorsichtig ausgedrückt, recht chaotisch abläuft, ist es in seinen Grundzügen zu begrüßen. Wie gesagt, im Moment wird die Sachkunde unterschiedlich geprüft und nicht alle sind glücklich darüber. Steellungnahmen und „offene Briefe“ überschwemmen gerade das Netz.

Wattebauschtest oder Hardlinerprüfung?

Es geht vor allem um den Test, den viele Ämter zur Überprüfung der theoretischen Sachkunde einsetzen. Da gibt es Kollegen, die darin eine Verschwörungstheorie der „Wattebauschfraktion“ sehen und sich in der Freiheit ihrer „Philosophie“ gehemmt sehen.

Das ist aus dem Grund komisch, weil ich persönlich aus anderen Gründen eher skeptisch bzgl. des Tests war. Da er ursprünglich von Trainern mitgestaltet wurde, die ganz und gar nicht der „Wattebauschfraktion“ angehören. Ganz im schüsselnden Gegensatz sogar…

Ausgewogene Fragen

Aber ich habe mich dann entschieden, ihn doch mitzumachen und ihn nicht zu boykottieren. Was immer passieren würde, „danach könne man ja weitersehen“. Das dachte ich mir.
Und, siehe da – der Test, den ich absolvieren „durfte“ war durchaus ausgewogen, keinesfalls in die Richtung irgendeiner Philosophie tendierend. Er war sicher nicht einfach und man kann auch über die ein oder andere Frage diskutieren. Aber für jeden, der ernsthaft mit Hunden arbeitet oder künftig arbeiten möchte, sollte er unter dem Strich machbar sein. Für mich war er machbar und ich habe ihn bestanden.

Kompromisslösung

Obwohl es insgesamt noch rechtlichen Klärungsbedarf bezüglich der Sachkundeprüfungen gibt, würde ich empfehlen, diesen Test als gegenwärtige Kompromisslösung zu absolvieren und ihn nicht pauschal abzulehnen. Wie gesagt, er ist machbar, durchaus nicht tendenziell und alle Verschwörungstheorien sind arg an den Haaren herbeigezogen.
Man sollte sich also nicht verrückt machen lassen. Obwohl das in der Hundeszene nicht leicht ist.

Samstag, 20. September 2014

Der konditionierte Entspannungshund

Kürzlich stand ich in einem nicht enden wollenden Stau. Auf einer Strecke, die ich unter normalen Umständen in maximal 1,5 Stunden bewältige, brauchte ich an diesem Tag über 3 Stunden. Besonders ärgerlich war es, dass ich auf dem Weg zum Flughafen war. Die Zeit wurde mehr als eng, meine Nervosität stieg, ich war überflutet von Stresshormonen, die meinen Körper in Alarmbereitschaft versetzen. Das ist im Prinzip der gleiche Zustand wie bei einem Kampf oder einer Flucht – man ist gereizt, schlechte Gefühle beherrschen einen. In der Situation habe ich dann an meine Hunde gedacht, habe Bilder von ihnen im Archiv meines Gehirns gesucht. Und was passierte? Ich wurde spürbar ruhiger, meine Aufregung und meine schlechten Gefühl senkten sich auf ein wesentlich niedrigeres Maß.
Blödsinn?
Was für ein Blödsinn, wird sich vermutlich jetzt mancher denken. Aber das ist eigentlich nur die Anwendung natürlicher Mechanismen. Im Grunde ist das ein bewusstes Beeinflussen meines Hormonhaushalts, der meine Aufregung in Stresssituationen und meine schlechten Gefühle bekämpft. Der sie mit guten Gefühlen bekämpft und verdrängt. Indem ich mir innerlich etwas vor Augen führe, was bei mir immer gute Gefühle hervorruft. Etwas was mein Gehirn mit guten Gefühlen verknüpft hat. Was in meinem Gehirn ganz unbewusst konditioniert wurde. Eine Entspannung durch Konditionierung – ganz unbewusst entstanden, aber bewusst eingesetzt.
Konditionierte Entspannung?
Ich könnte jetzt umständlich erläutern, was konditionieren in dem Fall bedeutet. Ich möchte allerdings nur in Ansätzen verständlich machen, warum meine Hunde mir auch helfen können, wenn sie gar nicht da sind. Also: wie schon erwähnt, wird unser Körper in Stresssituationen, in Situationen die wir bedrohlich oder unangenehm empfinden, mit Hormonen und Botenstoffen geflutet, die uns das entsprechende Gefühl vermitteln, wonach wir dann handeln. Angst, Furcht, Wut und andere unangenehme Gefühle werden dadurch hervorgerufen. Die Gefühle sind teilweise auch überlebenswichtig, weil man dadurch besser kämpfen, flüchten oder gefährliche Situationen vermeiden kann. Da diese Aufregung, dieser Alarmzustand den Körper aber stark belastet und man in dem Zustand auch nicht klar und rational denken kann (weil man auf die momentane Aufgabe fixiert ist, um sie zu bewältigen), sollten diese Gefühle, sollte dieser Zustand nicht zu lange andauern. Es gibt daher mehrere Möglichkeiten, den entstandenen Stress abzubauen, um schlechte Gefühle zu verdrängen. Ich möchte an dieser Stelle nur eine spezielle davon ansprechen. Die konditionierte Entspannung.
Oh Gott - Konditionierung
Das Wort Konditionierung ist heute teilweise negativ belegt. Das hat unterschiedliche Gründe. Zum Beispiel brauchen einigen Menschen eben Schlagworte, die sie negativ belegen um damit vernünftige Argumentationen umgehen können, aber auch fehlendes Wissen kaschieren möchten. Lassen Sie mich deswegen nur kurz erläutern, was konditionieren in diesem Fall bedeutet. Es ist ein Begriff aus einer der drei Lerntheorien, dem so genannten Behaviorismus, der versucht das Lernen von Lebewesen zu beschreiben. Das machen auch andere Theorien, hier wird aber speziell dieser Punkt beschrieben. Wie vorher erwähnt, will ich hier nicht zu tief in das Thema einsteigen. Wichtig ist nur zu wissen, dass in der behavioristischen Theorie die Verknüpfungen im Gehirn, die einen Reiz mit einer körperlichen Reaktion (hier meine Hundebilder und das gute Gefühl) als klassische Konditionierung beschreiben. 
Ein Wort führt zur Entspannung
"Entspannungshund" Koka
Wie funktioniert diese Konditionierung? Nun, lassen sie es mich zunächst andersherum erläutern. Wie ich diese Konditionierung nutzen kann, um meine Hunde zu entspannen. Wie gesagt, in diversen Situationen bestimmen Stoffe, die unser Körper selbst produziert, unsere Gefühlslage mit dem Ziel uns danach handeln zu lassen. Damit uns diese anstrengende Gefühlslage aber nicht zu lange belastet, gibt es auch Stoffe im Körper, die uns ein gutes Gefühl geben und somit die schlechten Gefühle bekämpfen. Einer dieser entspannend wirkenden Stoffe wird z. B. beim Streicheln produziert. Wenn ich dann beim Streicheln noch in gewissem Abstand ein bestimmtes Wort sage, wird dieses Wort im Gehirn mit dem Gefühl verknüpft. Es wird konditioniert. Was zu Folge hat, dass das gute Gefühl schon aufkommt, wenn nur das Wort erklingt. Das kann ich in der Hundeerziehung, in der Therapie etc. wunderbar nutzen. Wenn sich ein Hund z. B. bei Hundebegegnungen stark aufregt und nicht mehr ansprechbar ist, kann ich mit dem konditionierten Entspannungswort gute Gefühle in ihm hervorrufen, die seine Aufregung mildern und er wieder ansprechbar wird. Ich ihn aus der Situation rausbringen kann oder ein anderes Verhalten, ein Ersatzverhalten (ein Platz etc.) abrufen kann…
Das nur als Beispiel, wie und warum Gehirne Verknüpfungen erstellen, die angenehme Gefühle hervorrufen. Und unangenehme Gefühle zu bekämpfen.
Funktioniert auch mit Menschen oder Katzen
Und da es mir, wenn ich mit meinen Hunden zusammen bin, immer gut geht. Mein Gehirn bei Ihrem Anblick die Stoffe produziert, die mich wohl fühlen lassen. Sie unterbewusst als Auslöser von guten Emotionen verknüpft, konditioniert sind. Darum werden die Stoffe auch dann produziert, wenn ich nur an sie denke. Stoffe die entspannen, unangenehme Gefühle bekämpfen und verdrängen können. Und genau dieser Gedanke an meine „konditionierten Entspannungshunde“, ließ mich den am Anfang erwähnten Stau ertragen…
Natürlich funktioniert diese Form der Entspannung auch mit Menschen. Oder Katzen. Oder vielen anderen, individuell und angenehm verknüpften Dingen. Da dies aber ein Hundeblog ist, stehen meine Entspannungshunde im Vordergrund. 
In dem Sinne – wenn das Leben mal wieder stresst, einfach an angenehm konditionierte Dinge oder Lebewesen denken. Macht die Welt nicht besser, kann aber ungemein entspannend sein…


Mittwoch, 3. September 2014

„Das machen Hunde untereinander auch“ – Zeit für einen Klartext

Wenn Hundetrainer „robust“ mit Hunden umgehen, hört man immer wieder folgende Rechtfertigung: „Hunde gehen auch so miteinander um“. Ein Satz, benutzt von „Haudrauftypen“, die Hunde fast ausschließlich über unangenehme Konsequenzen konditionieren, das aber Kommunikation nennen. Menschen, die in seitenlangen Pamphleten Gewalt rechtfertigen, aber eigentlich simpelsten Radikalbehaviorismus leben und anwenden. Genau die behaupten, dass Hunde auch ständig „robust“ miteinander umgehen würden.

Robust miteinander bei unnatürlichem Leben
Nein, wenn wir mal das Spiel und Fortpflanzungsverhalten außen vor lassen, gehen Hunde in ihrem sozialen Verhalten nicht so miteinander um. Hunde gehen meist freundlich miteinander um, kontrollieren sich nicht ständig, reglementieren sich nicht ständig – und vor allem nicht ständig über Härte. So gehen nur Hunde miteinander um, die schlecht sozialisiert wurden, oder die so gehalten werden, dass zu viele von ihnen auf engstem Raum leben und/oder die sich nicht mögen. Sie sich nicht aus dem Weg gehen können, keinen eigenen Freiraum haben, nicht individuell beschäftigt werden. Sich faktisch 24 Stunden auf dem Fell sitzen – wie Menschen im Gefängnis oder in einem Fernsehcontainer. Da wird sich fast ausschließlich mit sozialem Geplänkel beschäftigt, Emotionen kochen leicht hoch, man ist leichter reizbar, „Mitinsassen“ gehen einem schneller auf die Nerven, Aggressionen werden häufiger gezeigt – der Lagerkoller breitet sich aus. Das hat nichts mit normalem Verhalten zu tun. Das ist den Umständen, der Haltung geschuldet.
Meist freundlich untereinander
Wenn Hunde Rückzugsmöglichkeiten haben, individueller Leben können – dann gehen sie in der Regel freundlich mit Artgenossen ihrer Gruppe um. Hunde gehen unter vernünftigen Haltungsbedingungen weit weniger robust miteinander um, als die „Haudrauf-konditionierenden-Radikalbehavioristen“ mit „Rechtfertigungsgequatsche für Gewalt“ wahr haben möchten. Nun gut, die glauben vermutlich auch, dass die Insassen eines Big Brother Containers sich so wie im normalen Leben verhalten. Vielleicht sollte man die mal einige Monate dort einsperren, damit sie nachempfinden können, wie sich Hunde fühlen, die oft viel zu eng zwangsvergesellschaftet sind. Und die können nicht sagen: „Ich bin ein Hund, holt mich hier raus!“

Samstag, 23. August 2014

Dem Hund das Erwachsensein vorenthalten. Ist das in Ordnung?

Ein erwachsener Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er selbstständige Handlungen ausführt, dass er seinen Verstand benutzt, wenn er diese Handlungen ausführt. Ein erwachsener Mensch grenzt sich von Zeit zu Zeit ab, er fördert und schließt Frieden. Er erledigt selbstständig seine Aufgaben und Pflichten und ein erwachsener Mensch übernimmt Verantwortung. Ein erwachsener Mensch ist „erwachsen“. Auf dem Weg ein erwachsener Mensch zu werden, muss der Mensch lernen, erwachsen zu sein. Dazu gehört auch, sein Leben selbstständig zu ordnen und zu strukturieren. Allerdings gehört es auch zum „Erwachsensein“, dass der Mensch lernt, sich anzupassen, Grenzen und Regeln anzuerkennen. Soweit es zu seinem Vorteil ist. 

Infantile Menschen 

Ein Mensch wird NICHT erwachsen, wenn er nicht die Möglichkeit hat, erwachsen zu werden – oder ihm die Möglichkeit genommen wird. Wenn man ihm nie etwas zutraut, wenn man ihm nie erlaubt selbständige Handlungen auszuführen und dabei seinen eigenen Verstand, sein eigenes Verständnis für seine Umwelt, zu nutzen. Wenn man einem Menschen verwehrt, selbständig Aufgaben und Pflichten zu erledigen, wenn man ihm „alles abnimmt und/oder vorgibt“, und wenn man ihm keinerlei Verantwortung überträgt. Auch, wenn man einem Menschen nicht erlaubt, sein Leben selbstständig zu ordnen und zu strukturieren, dann wird der Mensch nicht erwachsen. Kurzum, wenn man einem Menschen auf dem Weg zum erwachsen werden alles abnimmt, ihm jegliche Selbstständigkeit und Freiheit abspricht – dann wird ein Mensch nicht erwachsen. Er wird infantil. Infantile Menschen verhalten sich wie Kinder oder Pubertierende, auch wenn sie biologisch längst erwachsen sind. Infantile haben Probleme mit den Realitäten des Lebens, sind sehr oft ängstlich, weil sie nie gelernt haben, Probleme selbstständig zu lösen oder Realitäten als gegeben anzunehmen. Infantile haben große Probleme damit, ihr Leben zu strukturieren und auch damit, vorgegebene Strukturen anzuerkennen, wenn sie dem eigenen Vorteil dienen. Angst, Unsicherheit und eine übertriebene Abhängigkeit gegenüber Bezugspersonen sind eine unangenehme Folge der Infantilität. Aufgrund der Ängste und Unsicherheiten, aufgrund des mangelnden Selbstwertgefühls und Selbstbewusstseins, können bei infantilen Menschen zum Beispiel Depressionen entstehen. Man sieht also, wenn ein Mensch nicht erwachsen werden kann und/oder darf, ist das für ihn sehr unangenehm. Nicht nur, dass er ohne Hilfe nicht Lebensfähig wäre – die Defizite in seinem Verhalten beeinträchtigen seine Lebensqualität hochgradig negativ… 

Infantile Hunde 

Warum spreche ich an dieser Stelle von infantilen Menschen und deren Problemen, wo dies doch eigentlich ein BLOG über Hunde ist? Nun, vielleicht wird das etwas klarer, wenn ich mich selbst zitiere, bzw. einen anderen Artikel dieses BLOGS. 

Im Klartexthund-Artikel „Hunde von heute – geht es ihnen besser als früher?“   schreibe ich an einer Stelle folgendes: 

Das Leben ist für Hunde heute definitiv schwerer, als zu der Zeit, wo sie einen Hof bewachen durften und ohne Leine tägliche Ausflüge in die Nachbarschaft unternehmen konnten. Sie lernten mit den Nachbarhunden zu leben, sich bei Begegnungen mit fremden Hunden richtig zu verhalten, weil sie Ärger aus dem Weg gehen konnten, ohne dass ein Mensch sie Zwang, sich dauernd mit fremden Hunden auseinanderzusetzen. Hunde machten ihre eigenen Erfahrungen und lernten, wie man mit gewissen Situationen umgehen muss, damit es zum eigenen Vorteil ist. Es war wirklich so, Ausnahmen selbstverständlich ausgeklammert, dass der lockere, ungezwungene Umgang mit dem Hund viele Probleme verhinderte – oder das, was heute als Problem angesehen wird gar kein Problem darstellte. Der Wachhund sollte bellen und der Jagdhund jagen. Heute muss ich dem Hund, der als Wächter gezüchtet wurde, das Bellen abgewöhnen, weil es die Nachbarn stört…“ 

Und etwas weiter: 

„Außer in ganz kleinen Orten auf dem Land findet man heute keine Streuner mehr. Diese freilaufenden, „freien“ Hunde, die den Tag nach ihrem Hundegeschmack gestalten konnten und eine natürlich Sozialisierung auf Mensch und Tier genossen, sind selten geworden. Heute fehlt diese natürliche Sozialisierung oft vollkommen, weil alles nach Recht, Gesetz und Modetrend „funktionieren“ muss. Und so begegnen sich Hunde nur noch an Leinen, wo sie ihre natürliche Körpersprache nur bedingt einsetzen können und auch für sie persönlich unangenehme Begegnungen nicht umgehen können – oder sie werden gezielt in Welpen- oder Hundegruppen gezwängt, wo sie auch der Situation nicht natürlich ausweichen können, wenn sie einen anderen Hund nicht mögen oder ihn fürchten. Aufgrund von Modetrends, gesellschaftlichen Zwängen und dem penetranten Wunsch nach der perfekten Welt (und so auch dem perfekten Hund), geht heute der entspannte Umgang mit unserem wundervollen und anpassungsfähigen Sozialpartner Hund immer mehr verloren.“ 

Vom Recht, erwachsen sein zu dürfen

Diese Zitate zeigen eines: Hunde in den „modernen“ Gesellschaften müssen Hunde „funktionieren“. Ihnen wird jegliche Freiheit abgesprochen, sie lernen nicht selbst zu entscheiden, jede ihrer Handlungen wird kommentiert – erlaubt oder verboten. Schaut man sich dann einmal die Ausführungen zu den infantilen Menschen an, stellt sich die Frage, ob eine Behandlung, die beim Menschen zu Infantilität führt, nicht auch bei Hunden zum gleichen Ergebnis führt. „Aber Hunde sind doch keine Menschen“, mag hier mancher denken. Das nicht, aber sie sind Säugetiere, die uns physiologisch und auch psychisch so nahe stehen, dass man davon ausgehen kann, dass infantiles Verhalten bei Hunden durch die gleichen Faktoren ausgelöst wird, wie beim Menschen. Mit allen Folgen – verstärkte Unsicherheiten, Ängste und völliger Hilflosigkeit bei unbekannten Situationen etc. Hunde dürfen bei uns nicht mehr erwachsen werden. Sie sollen bis ins hohe Alter ihr Leben mit Spielen verbringen und jede Sekunde ihres Lebens, jede Handlung wird ihnen vorgegeben. Damit sie so funktionieren wie Roboter, die in unsere immer intolerantere Gesellschaft „passen“… Hunde haben heute eine bestmögliche medizinische Versorgung, und um die „gesunde und artgerechte“ Fütterung entstehen fast Bürgerkriege. Aber erwachsene Individuen dürfen sie nicht mehr werden. Ist das nicht aber ein Grundbedürfnis, ein Grundrecht eines Lebewesens, erwachsen werden zu dürfen? Meiner ganz persönlichen Meinung nach ganz klar ja. Aber andere Menschen haben natürlich das Recht, dies anderes zu sehen. 

Frei entscheiden heißt nicht, unerzogen zu sein 

Um es an dieser Stelle klar zu sagen: Ich möchte mit diesen Zeilen NICHT erreichen, dass Hunde sich selbst überlassen werden und nicht erzogen werden. Eine vernünftige Ausbildung, in der der Hund lernt, dass es Regeln gibt, ist wichtig und förderlich. Auch erwachsene Menschen müssen sich an Regeln halten – auch ich kann im Restaurant nicht einfach dem Tischnachbarn das Essen vom Teller klauen. Regeln sind wichtig und Hunde müssen auch lernen, dass sie in Ihrem Menschen einen verlässlichen Partner haben, dem sie vertrauen können und der ihnen beisteht. Aber Hunde müssen auch mal selbst etwas selbst entscheiden können, eigene Erfahrungen machen und nicht ständig gegängelt werden.

„Wie soll ich das denn umsetzen?“ Wird sich mancher an dieser Stelle fragen. Nun, da ist auch mal die eigene Kreativität gefragt, es muss ja  nicht immer alles vorgegeben werden J  

„Normales“ Hundeleben, normale Entwicklung simulieren 

Als Beispiel kann man aber sagen, dass diejenigen, die z. B. einen großen Garten haben, ihrem Hund zu jeder Zeit den Zugang zu diesem zu gestatten, den Hund also frei entscheiden zu lassen, ob er draußen ist, drinnen, ob er das Grundstück bewacht oder lieber im Warmen ruhen möchte. Und ihn nicht ständig im Auge behält, wenn er mal draußen ist. Er sollte auch mal einen Igel „untersuchen“ dürfen, der durch den Garten watschelt (keine Sorge um den Igel, die Natur hat ihn auf solche Situationen bestens vorbereitet). Und der Hund sollte selbst feststellen dürfen, dass Igelstacheln „unangenehm“ sind. Der Hund sollte das Gebüsch durchstreifen können (welches leider in den meisten Gärten nicht mehr vorhanden ist. Zum Nachteil von Hunden, aber auch von vielen Vogelarten), sich mal im Dreck wälzen und versuchen, den Maulwurf zu erwischen – und die Erfahrung machen, dass Maulwürfe für die meisten Hunde eine unlösbare Herausforderung darstellen. Kurzum, Hunde müssen mal Zeit allein verbringen, eigene Erfahrungen machen, ohne, dass wir ständig dabei sind und jedes „Schnauzelecken“ kommentieren. Man kann so etwas übrigens auch „simulieren“, wenn man keinen eigenen Garten hat. Mal etwas umsehen, ein großes, eingezäuntes Gelände suchen (gibt es häufiger als man denkt, ggf, sind auch stillgelegte Firmengelände geeignet). Und auf ein solches Gelände geht man mal, muss nicht ständig sein. Aber trotzdem regelmäßig. Und dahin geht man nur mit seinem Hund (ohne andere Hunde – in diesem Fall soll der Hund nicht spielen, sondern erwachsen werden). Dann nimmt man sich ein Buch mit und lässt den Hund ein oder zwei Stunden auf dem Gelände herumstreunen und seine eigenen Erfahrungen machen. Z. B. mit den Igelstacheln oder irgendwelchen Kisten oder Gegenständen, die er „untersuchen“ kann…

Es gibt noch viele Möglichkeiten, wie man „ein normales Hundeleben simulieren kann“, doch wie gesagt – auch die eigene Kreativität ist da gefragt, darum möchte ich hier nicht zu viel vorgeben. Obwohl ich selbstverständlich gerne der Kreativität auf die Sprünge helfe, wenn ich gefragt werde. Nur hier würde das zu lang…

Um es noch einmal zu betonen. Ich habe nichts gegen Hundeerziehung, im Gegenteil natürlich. Allerdings hat ein Hund meiner Meinung nach das Recht, erwachsen werden zu dürfen. Ein Säugetier, welches aber keinerlei Möglichkeiten hat erwachsen zu werden, wird infantil. Mit allen negativen Folgen – vor allem Unsicherheit, Ängstlichkeit bis hin zu Depressionen. Aber Unsicherheit ist ja etwas, was einige Trainer gerne sehen. Vor allem die Trainer, die Hunde gerne „unterdrücken“, auch mit unangenehmen Mitteln. Einen unsicheren, ängstlichen Hund kann ich natürlich leichter unterdrücken, als einen erwachsenen Hund, der in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen…

Übrigens, ein Hund, der in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen, wird nicht gleich die Entscheidung treffen, die Welt zu erobern. Im Gegenteil – er sieht die Welt meist viel entspannter und realistischer. Und er ist häufig eher bereit, sich anzupassen. Weil er die EIGENE Erfahrung gemacht hat, dass ihm das Vorteile bringt… 

Anregung zum Nachdenken, keine pauschale Philosophie 

Diese Zeilen sind dazu gedacht, zum Nachdenken anzuregen und nicht, um meine Gedanken und Erfahrungen als „das einzig Wahre“ zu preisen. Das gilt übrigens für die Hundehalter und Hundetrainer, die gern unterdrücken genauso, wie für den überfürsorglichen Hundehalter. Oft kann man dort beobachten, dass sie bewusst infantile Hunde mögen, weil diese eine Art „Beschützerinstinkt“ bei ihnen wecken und der Hund sein Leben lang eher als behaartes Kind gesehen wird, welches sein Leben lang nicht erwachsen werden darf… 

Ich denke, wir sollten alle für uns darüber nachdenken, ob wir unseren Hunden das Recht einräumen sollten, erwachsen zu sein – Hunde zu sein. Oder ob wir unsere eigenen Interessen in den Vordergrund stellen und den Hunden deshalb nicht erlauben sollten, erwachsen zu werden…

Samstag, 16. August 2014

Sanfte Hundeerziehung auf dem Vormarsch? Ein Recherchestatus…

Ob in Fachzeitschriften oder Interviews – vor einigen Monaten hörte oder las ich häufig davon, dass sich „Hundeexperten“ darüber beschwerten, dass der Trend zu einer „sanften“ Hundeerziehung der Beginn des Weltuntergangs wäre – oder zumindest der Beginn der hündischen Weltherrschaft. Nun, persönlich muss ich sagen, dass ich nichts gegen eine Weltherrschaft der Hunde hätte. Wenn ich sehe, was die Menschen überall auf diesem Planeten für unsägliche Dinge verzapfen, könnte uns eine hündische Herrschaft nur gut tun…

Nicht allen Aussagen trauen
Aber zurück zu den von mir subjektiv empfundenen Dauerbeschwerden, dass die Hundeerziehung verweichlichen würde. Da ich so gut wie nie einfach nur hinnehme, was mir andere zu vermitteln versuchen, und immer skeptisch bin, wollte ich diese Aussagen einmal näher untersuchen. Ob irgendetwas daran sein kann. Ich beschloss also, für mein Hundemagazin CANISUND eine Recherche durchzuführen, die sich mit Hundeschulen und „Hundeausbildern“ beschäftigt – um einen Überblick zu bekommen, ob wirklich mehrheitlich „sanft“ erzogen bzw. ausgebildet wird. Zumindest im Bereich „professionelles Hundetraining“.
Die Recherche ist noch nicht abgeschlossen, ein Artikel dazu wird im nächsten Jahr im CANISUND erscheinen. Aber die bisherigen Ergebnisse unserer Recherche sind in meinen Augen durchaus so interessant, dass man einen Recherchestatus veröffentliche kann.
Umfangreiche Recherche
Kurz zur Erläuterung unserer Recherche. Wir haben uns zunächst zwei Kreise in Deutschland herausgesucht - zwei weit voneinander entfernte Kreise, mit ähnlicher Struktur. Eine Großstadt als Zentrum des Kreises, aber ländlicher Raum und ländliche Bevölkerung im Umland. Städtisch / ländlich gemischt. Dann haben wir uns sämtliche Hundeschulen in den Kreisen angesehen, die wir per Internet und Brancheneinträgen ausfindig machen konnten. Teilweise waren die Ausführungen auf den Webseiten der Hundeschulen absolut eindeutig, bei anderen mussten wir genauer forschen (z. B. mit „undercover“ Telefongesprächen oder Probetrainings). Insgesamt haben wir uns die professionellen Hundeausbilder in den Kreisen sehr genau angeschaut und können, aufgrund unserer langjährigen Erfahrungen mit Hundetrainern und dem oft auch ganz speziellen Vokabular, sehr genau einschätzen, was wann und wie mit Gewalt und Gewaltfreiheit zu tun hat. Oder einfacher – das was zu Anfang mit der angeblich „sanften“ Hundeerziehung gemeint war, können wir sehr gut herausfiltern.
Zwischenergebnis mit Nebeneffekt
Wir erheben keinen Anspruch auf den Status einer wissenschaftlichen oder statistischen Untersuchung.  Zumindest aber haben wir uns Erkenntnisse erarbeitet, die einer journalistischen Recherche entspringen und die pauschale Aussagen zur Hundeerziehung hinterfragen. Wie bereits erwähnt, die Recherche läuft für den eigentlichen Artikel noch weiter, was die bisherigen Zwischenergebnisse sicher noch einmal verändert und /oder präzisieren wird.
Ein interessante Nebeneffekt der Recherche: Wenn wir die Hundeschulen und Hundeausbilder aus den bislang „erforschten“, relativ repräsentativen Kreisen auf die Bundebevölkerung hochrechnen, kommen wir auf eine mögliche Zahl von ca. 8.000 bis 10.000 Hundeschulen in Deutschland. Eine interessante Zahl, die ich persönlich so nicht erwartet hätte. Zu der Zahl aber an anderer Stelle mehr.
Vorläufige Rechercheergebnisse:
Bei unserer Artikelrecherche, die nicht wissenschaftlich, sondern rein journalistisch durchgeführt wurde, arbeiten die untersuchten Hundeschulen…
…ausschließlich über unangenehme Konsequenzen (nennen wir hier zur Vereinfachung Strafe): 16 %
…meist über Strafe, aber auch manchmal mit angenehmen Konsequenzen (hier zur Vereinfachung Belohnung): 19 %
…mal mit Strafe, mal mit Belohnung : 39 %
…meist mit Belohnung, mal mit Strafe 15 %
…ausschließlich über Belohnung: 11 %
Wenn die Recherchen auch noch nicht abgeschlossen sind, die Verteilung hat mich durchaus etwas überrascht. Man schaue sich einmal Normalverteilungen an…
Leider keine Weltherrschaft
Unter dem Strich kann man aber feststellen, dass in unserem Fall die absolut sanften Hundeerzieher, die Strafen vollkommen ablehnen, bei 11% liegen. 89 % nicht ausschließlich belohnen. Bei den Zahlen von einer Verweichlichung der Hundeerziehungswelt zu sprechen, erscheint mir persönlich doch eher merkwürdig.
Leider wird es wohl doch nichts mit der Weltherrschaft durch Hunde. Schade – ich bin mir sicher, dass die Welt dadurch ein Stückchen besser geworden wäre…

Freitag, 8. August 2014

Frau schlägt Hund - und erntet keine bösen Blicke...

Für einen Kaffee zwischendurch saß ich heute bei schönen Wetter vor einem Café in Geseke. Es liegt in einem kleinen Park, durch den auch ein Bach läuft. Das Café war gut besucht, viele Menschen saßen draußen, um mich herum. Da kamen zwei Frauen mit ihren Hunden vorbei. Zwei Australien Shepherds. Die Hunde schienen den Park zu kennen und zogen stark in die Richtung des Bachlaufs, vermutlich waren sie voller Vorfreude auf das nahende Bad.

Mische mich ungern ein
An dieser Stelle möchte ich kurz etwas einschieben. Eigentlich mische ich mich nicht ungefragt ein, wenn ich Menschen mit ihren Hunden sehe – Schlaumeierei stößt meist auf wenig Gegenliebe und schadet Hunden häufig mehr, als sie hilft. Manchmal spreche ich Leute aber auch gezielt und sachlich an, wenn ich denke, sie gehen zu weit oder der Hund leidet ernsthaft und die Besitzer können das nicht erkennen.
Hundeschlägerin
Aber heute konnte ich die Sachlichkeit beim besten Willen nicht beibehalten. Eine der Frauen, die den Park betraten und deren Hunde zum Bach zogen, ruckte den ziehenden Hund dauerhaft zurück. Das sah mir nach einem leider altbekannten Muster aus, dass ziehende Hunde unaufhörlich zurückgeruckt werden. Das erlebe ich leider andauernd. Auch bei Kunden – aber denen kann ich dann sachlich Hilfestellung geben – weil sie mich darum gebeten haben. Nun gut, oder auch schlecht. Die Frau zog und ruckte den Hund also unaufhörlich, was aber bei dem in diesem Punkt augenscheinlich vollkommen „abgestumpften“ Hund keinerlei Wirkung zeigte. Das erkannte die Frau dann auch und entschied sich für eine härtere „Gangart“. Sie schlug dem Hund mit der flachen Hand mit voller Wucht gegen die Schnauze, worauf dieser sich direkt auf den Boden legte und ein ganzes Repertoire an Beschwichtigungssignalen aussendete. Trotzdem beugte sich die Frau über den Hund, fixierte ihn, brüllte ihn an und hob die flache Hand erneut bedrohlich…
Der Kragen platzt
Mir platzte der Kragen. Da ich Koka bei mir hatte und weil sie fremde Hunde sowieso nicht unbedingt liebt, konnte ich nicht zu den Frauen gehen und die drei Hunde einer aufgeheizten Lage aussetzen. Obwohl das auch keine optimale Lösung war, konnte ich aber nicht anders. Ich rief in lautem Ton in Richtung der Frauen (naja, der laute Ton war wohl auch eher ein Brüllen…), dass sie sich hüten solle, den Hund nochmal zu schlagen. Man merkte den Frauen deutlich an, dass ich sie damit einschüchterte und sie schnellen Schrittes weitergingen, den Konflikt mit mir scheuend. Kurioser Nebeneffekt der Situation: Die um mich herum sitzenden Menschen schauten mich empört an, nicht die Hundeschlägerin. Sorry liebe Umsitzende – Schlaumeier, die sich überall ungefragt einmischen mag ich auch nicht. Komplettes Duckmäusertum, wenn irgendwo eine Schweinerei beobachtet wird, mag ich aber erst recht nicht.
Nicht alles erlauben
Ich weiß, ich konnte dem Hund nicht wirklich helfen, doch vielleicht habe ich ihm in der Situation eine weitere „Watschen“ erspart. Aber der Hund muss ja dauerhaft mit seiner Besitzerin leben. Allerdings denke ich, dass diese Art Hundehalter lernen muss, dass sie sich nicht alles erlauben kann. Wenn man öffentlich eine Hundemisshandlung beobachtet sollte man einschreiten – und ggf. auch eine Anzeige machen, wenn man genügend Zeugen hat oder die Situation gut belegen kann. Was man nicht tun sollte, ist wegsehen – oder noch die schief anschauen, die sich einmischen…

Übrigens – zwar kennt Koka mich überhaupt nicht brüllend. Sie hat mich in der Situation etwas verwundert angeschaut, war aber nicht verunsichert. Sie dachte sich wohl, wenn Herrchen sich aufregt, wird das schon seinen Grund haben. Recht hatte sie…

Mittwoch, 30. Juli 2014

Plädoyer für einen Hund ohne Lobby...

Obwohl dies ein Blog ist, der sich in erster Linie mit Haushunden beschäftigt, erlauben Sie mir, hier einmal einen bei uns heimischen Wildhund zu erwähnen, der gnadenlos verfolgt und getötet wird. Erlauben Sie mir ein Plädoyer für ein Lebewesen, welches kaum jemand kennt – welches aber in Deutschland leider viel Leid erfährt: Der Marderhund.

Der Marderhund ist eine kleine Wildhundeart, die ursprünglich in Ostasien beheimatet ist. In den 1920er Jahren wurde er wegen seines Pelzes westlich des Ural ausgesetzt. Von dort breitete sich der kleine Hund rasch nach Westen aus, so dass 1962 das erste Exemplar in Deutschland (Dresden) nachgewiesen wurde.
Heimliches Tier
Der Marderhund ist ein sehr heimliches Tier, welches für seine Aktivitäten die Nacht bevorzugt und deshalb kaum gesichtet wird. Selbst Jäger bekommen ihn selten zu Gesicht. Und wenn, erschießen sie ihn direkt...
(c) Fotolia - Antje Lindert-Rottke
Warum tun sie das und ist es überhaupt nötig? Nun, zunächst zählt der Marderhund in unseren Breiten zu den Neozoen. Das sind Tiere, die von Menschen unabsichtlich oder vorsätzlich in fremde Ökosysteme eingebracht wurden.
In jedem Ökosystem gibt es Raubtiere und Beutetiere, die sich durch langes Zusammenleben evolutionär in ihrem Verhalten aufeinander abgestimmt haben. So kommt es in der Natur nicht vor, dass ein Raubtier seine Beutetiere ausrottet, weil dann die eigene Art gefährdet wäre. Durch nahrungsbedingte Geburtenkontrolle und z. B. Inzuchtvermeidung passt sich das Raubtier / Beutetierverhältnis immer wieder an. Bringt man allerdings ein Raubtier in ein völlig anderes Ökosystem, in eine System, dass Raubtiere vielleicht gar nicht so gut kennt, kann sicher ein Ungleichgewicht entstehen. So zum Beispiel durch Füchse, die von Menschen in Australien angesiedelt wurden, um die Kaninchen zu bekämpfen, die ebenfalls von Menschen dort eingeschleppt wurden. Kaninchen und Füchse kennen sich aber lange und können miteinander umgehen. Die Beuteltiere Australien allerdings, die solche geschickten Beutegreifer wie den Fuchs nicht kannten, hatten natürlich einen Nachteil gegenüber diesen. Wer nun allerdings für den dadurch verursachten Artenrückgang verantwortlich gemacht werden sollte, liegt auf der Hand. Nicht der unschuldige Fuchs, sondern die Menschen, die ihn in diesen fremden Lebensraum brachten.
Ökologische Schäden durch den Marderhund?
Aber kann der Marderhund bei uns die gleichen Ökologischen Schäden anrichten wie der Fuchs in Australien? Um es vorwegzunehmen: Trotz anderer Darstellungen der Jägerschaft und einiger Schlagzeilen in Tageszeitungen, es gibt noch keine gesicherten Forschungsergebnisse die dies bestätigen und vieles deutet darauf hin, das es diese Forschungsergebnisse so auch nicht geben wird. Es sieht so aus, als käme unsere Umwelt mit diesem Neubürger zurecht, auch ohne weitere menschliche Eingriffe.
Natur reguliert sehr effizient – Jäger können das nicht
Bevor man weiter darüber nachdenkt, wie gefährlich der Marderhund für unsere Fauna sein könnte, sollte man sich einmal näher anschauen, wie dieses Tier lebt. Nun, wie wir wissen ist der Marderhund ein Vertreter der hundeartigen Tiere. Er ist also nah verwandt mit einheimischen Vertretern wie Fuchs und Wolf. Aber weltweit gibt es noch weit mehr Vertreter dieser Tierfamilie wie z. B. nordamerikanische Kojoten oder afrikanische Schakale. Alle diese Hunde haben eines gemeinsam: Sie sind keine Einzelgänger sondern leben mindestens in einer monogamen “Ehe”, meist aber in einem komplexen Sozialsystem. Bei den meisten Hundeartigen bleiben zudem gerne Jungtiere aus dem Wurf des Vorjahres bei den Eltern, wenn diese neue Junge aufziehen. Bei Wölfen sind dies Rüden und Fähen, bei Füchsen dagegen bleiben meist nur die jungen Fähen länger im Territorium der Eltern, bevor sie später abwandern um sich ein eigenes Revier und einen Partner zu suchen. Viele junge Fähen bleiben aber auch lange Zeit im Revier der Eltern, und verlassen dieses erst, wenn die Nahrung einmal knapp wird. Dies hat einen tieferen Sinn. So reguliert die Natur die Bestände der Raubtiere. Fuchsväter decken ihre eigenen Töchter nicht, und so werden wenige Fähen gedeckt, wenn ein intaktes Reviersystem besteht. Wird dieses Reviersystem durch Menschen zerstört, das heißt es werden unkontrolliert Tiere abgeschossen, erhöht sich die Reproduktionsrate der Füchse drastisch. Wenn z. B. die Fuchsmutter erschossen wird, wandert der Vater ab und sucht sich ein neues Weibchen, während junge Rüden in sein bisheriges Revier eindringen können und die Fähen decken, die normal nicht gedeckt worden wären. Dies ist nur ein Beispiel, gleiches gilt natürlich auch für einen Abschuss des Vaters. Auch dann fehlt dieser im heimischen Territorium, Jungfüchse können einwandern und die nicht mit ihnen verwandten Fähen decken. Der Verlust eines Fuchses führt also zu einer weitaus größeren Reproduktionsrate.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Selbstregulierung beim Fuchs ist natürlich das Nahrungsangebot im Revier. Ist z. B. in und nach einem extremen Winter das Angebot an Mäusen gering, wird eine körperlich geschwächte Füchsin wesentlich weniger Welpen gebären als in guten Mäusejahren. Die Mäusepopulation kann sich erholen, und der natürliche Kreislauf nimmt seinen Gang.
Man sieht also, dass Füchse ihren Bestand durch ein Reviersystem, Inzuchtvermeidung und “Geburtenkontrolle” selbst regulieren und eine Bejagung durch den Menschen nicht notwendig ist. Das gilt nach langer Forschung inzwischen als wissenschaftlich glaubhaft belegt.
Marderhund wird durch die Natur reguliert
Warum sollte es beim Verwandten des Fuchses, dem Marderhund anders sein? Nun, eigentlich weiß niemand so recht, ob es beim Marderhund wirklich anders ist als beim Fuchs. Nach all meinen Erfahrungen mit Caniden (Hundeartigen) gibt es keinen vernünftigen Grund zu der Annahme, dass der Marderhund ein völlig anderes Leben führt. Die Marderhundforschung steckt im Mitteleuropa zwar noch in den Kinderschuhen, aber es gibt inzwischen eine Reihe von Studien um dieses Tier besser zu verstehen und um festzustellen, ob es der heimischen Fauna so stark schadet wie angenommen.
Betrachten wir einmal verbreitete Meinungen zum Thema Marderhund: Oft wird geschrieben, dass Marderhunde kein ausgeprägtes Reviersystem hätten. Dies ist aber nicht durch Forschung belegt und beruht auf Annahmen. Aber diese Annahmen müssen schon deshalb angezweifelt werden, weil der Marderhund ein Vertreter der Hundeartigen ist. Und der Erfolg dieser Tierfamilie beruht nicht zuletzt auf einem ausgeprägten Reviersystem. Sicherlich ist die Annahme, dass auch Marderhunde in einem festen Revier leben wesentlich näher an der Wahrheit als andere, nicht belegte Behauptungen. Und man kann nach allen Erfahrungen in der Hundewelt davon ausgehen, dass sich Reviergrößen und Bestände dem jeweiligen Nahrungsangebot anpassen.
Inzwischen hat man auch schon einige Marderhunde telemetriert (mit Radiosendern ausgestattete Tiere, deren Aufenthalte und Wanderbewegungen dokumentiert werden können). Hierdurch stellte man fest, dass junge Rüden sich wesentlich weiter vom Geburtsort entfernen als junge Fähen. Könnte das nicht ein Indiz dafür sein, dass junge Fähen, ähnlich wie bei Füchsen, längere Zeit im Revier der Eltern verbleiben? Ein interessanter Gedanke bezüglich Inzuchtvermeidung, Populationsdynamik und Bestandsregulierung. Wenn dem so wäre, könnte man davon ausgehen, dass vermehrte Abschüsse, ähnlich wie beim Fuchs, zu einem unkontrollierten Anstieg der Population führen. Nun, dies ist nicht belegt, aber bei der Betrachtung anderer Caniden dieser Größe durchaus wahrscheinlich.
„Bodenbrütermassaker“ als Ausrede des Menschen für „Marderhundmassaker“?
Aber das sagt uns noch nicht, ob der Marderhund wirklich ein “Massaker” unter bodenbrütenden Vögeln anrichtet. Dazu ist es gut zu wissen, dass man in der Forschung inzwischen gute Ergebnisse bezüglich der Nahrung der Marderhunde hat. Der Mageninhalt etlicher toter Marderhunde wurde untersucht. So hat zum Beispiel das Naturkundemuseum Görlitz veröffentlicht, dass die von Ihnen untersuchten Marderhunde in erster Linie von Mäusen, Insekten, Fallwild, Früchten und Insekten leben. Und dies auch zur Brutzeit der bodenbrütenden Vögel.
Ähnliche Ergebnisse zeigen auch die Untersuchungen anderer Biologen. Man kann heute fast sicher davon ausgehen, dass Marderhunde sich zum größten Teil von Früchten, Insekten und Mäusen ernähren. Die prozentualen Anteile ändern sich nur mit der Jahreszeit. Zu keiner Zeit stellen aber Vögel einen großen Teil der Nahrung dar. Ehrlich gesagt hätten mich andere Ergebnisse der Marderhundnahrung sehr überrascht. Bodenbrüter leben in unseren Breiten seit ewigen Zeiten mit Raubtieren zusammen und haben z. B. durch sehr versteckte, weit voneinander getrennte Nester eine gute Strategie entwickelt, durch Raubtiere nicht stark dezimiert zu werden. Marderhunde werden nicht gezielt durch ihr Revier streifen und aufwendig nach seltenen Vögeln suchen. Mäuse, Insekten und auch Früchte sind doch viel einfacher zu erreichen. Stolpert der kleine Hund dann allerdings mal über einen Vogel, wird er auch diesen nicht verschmähen. Wie aber die Nahrungsanalysen deutlich zeigen, ist dies sehr selten der Fall. Aber das ist ein ganz normaler Vorgang in der Natur. Die häufigen Mäuse werden öfter gefressen als die seltenen Vögel. Dieses Phänomen, das in der Natur das Seltene auf Kosten des Häufigen schützt, nennt sich in der biologischen Terminologie „Schwelleneffekt“.
Keine Gefahr. Für nichts und niemanden…
Nun, jetzt mag mancher sagen, das stimmt wohl, aber es ist ja jetzt ein Raubtier mehr da, also werden auch mehr Vögel gefunden. Dieser Gedanke hat jedoch in seiner Einfachheit einen Denkfehler. Erinnern wir uns: Die Zahl der Neugeborenen Füchse hängt mit der Anzahl der füchsischen Hauptnahrung, der Mäuse zusammen. Befindet sich nun ein Marderhund im Fuchsrevier, wird es weniger Mäuse geben und weniger kleine Füchse zur Welt kommen. Auch der Marderhundnachwuchs wird sich anpassen und im Endergebnis werden so viele Marderhunde und Füchse im Revier sein, wie zuvor nur Füchse. Füchse und Marderhunde besetzten nämlich die Gleiche ökologische Nische, haben also fast das Gleiche Nahrungsspektrum. Der Marderhund frisst dabei aber noch wesentlich mehr vegetarische Kost. Diese Theorie ist zwischen Fuchs und Marderhund zwar noch nicht definitiv nachgewiesen, aber Forschungen im Verhalten von Wolf zu Kojote, Kojote zu Fuchs oder verschiedener Schakalarten untereinander zeigen deutlich, dass Tiere, die eine ökologische Nische besetzen sich gegenseitig “wegkonkurrieren”. Ein natürlicher Schutz der Beutetiere.
Nach allen Erfahrungen mit hundeartigen Tieren, Forschungen an Raubtieren etc. kann man davon ausgehen, dass das einzige heimische Tier, welches direkt von der Anwesenheit des Marderhundes betroffen ist, der Fuchs ist.
Aber keine Sorge, sicher wird der Marderhund den Fuchs nicht ausrotten können. Dafür ist der Fuchs ein viel zu erfolgreiches und anpassungsfähiges Raubtier. Fuchs und Marderhund leben auch in Asien in gemeinsamen Lebensräumen. Nur wird sich ihre Kopfzahl gegenseitig anpassen.
Noch ein paar kurze Wörter zu Krankheiten, für die der Marderhund als Träger in Frage kommt:
Er ist genauso ein Träger der Tollwut wie der Fuchs. Aber auch das ist kein Grund, ihn zu schießen. Die Erfahrungen beim Fuchs haben deutlich gezeigt, dass Fuchsbestände durch Abschüsse anwachsen (siehe Anfang dieses Artikels) und so die Tollwut gefördert wird. Erst mit Impfaktionen durch ausgelegte Impfköder wurde ein guter Weg gefunden, die Tollwut zu bekämpfen. Dadurch ist diese heute eine sehr seltene Krankheit.
Auch die Panikmache bezüglich des Fuchsbandwurmes ist mit dem gesunden Menschenverstand nicht nachzuvollziehen. Seit die durch den Fuchsbandwurm ausgelöste Krankheit meldepflichtig ist weiß man, dass im Durchschnitt jährlich unter 20 Menschen in ganz Deutschland daran erkranken. Und diese kommen mehrheitlich aus den Risikogruppen Jäger, Tierärzte etc.
Die Gefahr für die übrige Bevölkerung ist also nachweislich äußerst gering.
Kein Verständnis für Verfolgung
Nimmt man nun diese Indizien zum Marderhundverhalten und die nachgewiesenen Nahrungsanalysen, bleibt wenig Verständnis für eine gnadenlose Verfolgung dieses Neubürgers. Zwar wird zur Zeit noch geforscht, aber ich bin mir sicher, dass man keinen Einfluss des Marderhundes auf Vogelbestände nachweisen kann und auch sonst wird man ihm keine “Schädlichkeit” in Land -oder Forstwirtschaft nachweisen können. Er hat sich vermutlich schon jetzt in die heimische Fauna integriert und wird heimlich viel weiter verbreitet sein, als wir glauben.
Freund und Bereicherung

Der Marderhund sollte von uns Menschen nicht als Feind betrachtet werden, sondern als eine Bereicherung unserer Fauna. Er findet hier alles vor was er zum Leben braucht und vor allem eine Tierwelt, die seit ewigen Zeiten mit den geschicktesten Raubtieren lebt. Diese Tierwelt braucht den Marderhund nicht, vermutlich kommt sie aber mit ihm problemlos zurecht. Darum sollten wir Menschen uns heraushalten und nicht dauernd versuchen Eingriffe durch neue Eingriffe zu bekämpfen. Die Natur kommt mit dem Marderhund klar, viel schlimmer ist der Feind, der Flora und Fauna immer mehr Lebensraum stiehlt...
Freispruch für den Marderhund!
Darum plädiere ich auf Freispruch für den Marderhund. Indizien und Beweise zusammengenommen zeigen deutlich, dass er kein gefährlicher Eindringling ist. Man sollte daher Abstand von einer Verfolgung ohne Grund nehmen. Schließlich ist er ein hochentwickeltes Wirbeltier, welches sicher ähnlich wie wir empfindet, wenn man ihm Schmerz zufügt oder seinen Partner erschießt. 

Kleine Pause

Klartext Hund macht Pause. Wegen vieler Projekte, die im Moment meine Aufmerksamkeit benötigen, mache ich eine kleine Pause bis Anfang nächs...